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Dossier: 40 Jahre Putsch in Chile

40 Jahre Putsch in Chile

Editorial

Als am 11. September 1973 um 10:55 Uhr das Bombardement auf den Regierungspalast in Santiago de Chile begann, markierte das nicht nur das Ende einer langen demokratischen Tradition in dem südamerikanischen Land, die Bomben auf La Moneda beendeten auch eine Hoffnung der linken Bewegung weltweit. Die Wahl des Sozialisten Dr. Salvador Allende zum Präsidenten Chiles, die im Jahr 1970 ein Bündnis verschiedener linker Parteien an die Regierung brachte, schien eine neuartige Entwicklung für das Land möglich zu machen. Allende und die Unidad Popular wollten einen legalen und friedlichen Umbau des Landes, hin zu einem gerechteren demokratischen Chile. Der Sieg der UP, der Weg zum Sozialismus via Wahlurne machte Chile zu einem Modellfall der Linken nicht nur in Lateinamerika.

Der Aufbau des Sozialismus mit demokratischen Mitteln war mit dem gewaltsamen Sturz der gewählten Regierung von Präsident Salvador Allende gescheitert: Die Putschisten und deren Hintermänner hielten die Demokratie für verzichtbar, meinten, dass diese „gelegentlich in Blut gebadet werden“ müsse (Augusto Pinochet). In den 17 Jahren der Militärdiktatur wurde Chile abermals zu einem Modellprojekt – dem des weitgehend hemmungslosen Neoliberalismus.

An den 11. September 1973 zu erinnern, ist Anliegen dieses Dossiers. Der Bogen der Beiträge spannt sich von den hoffnungsvollen Jahren der Wahl Allendes, der Nationalisierungen und der Mobilisierung der Massen bis in die unmittelbare Gegenwart. 40 Jahre nach dem Putsch ist das Leben der Chilenen immer noch vom Erbe der Diktatur Pinochets überschattet. Gerade deshalb sind die Proteste der Studenten und Schüler gegen das verordnete Bildungssystem, der Widerstand der Mapuche gegen den Ausverkauf ihres Landes und die Forderungen nach Abschaffung der 1980 oktroyierten Verfassung so bedeutsam.

Die Leser des QUETZAL können sich selbst ihr Bild von der Vorgschichte und den Folgen des chilenischen 11. Septembers machen. Im Dossier sind zudem zahlreiche Rezensionen enthalten, die auf Bücher und Filme verweisen, die sich mit den Ereignissen in Chile vor und nach 1973 auseinandersetzen. Historische Rückblicke, Interviews und persönliche Eindrücke aus dem Chile der Gegenwart bieten weitere Facetten zum Thema. Die hier versammelten Beiträge sind eine Zusammenfassung von Artikeln und Rezensionen, die seit dem 11. September auf der QUETZAL-Seite erschienen sind. Mit Blick auf die bevorstehenden Wahlen werden wir unser Chile-Dossier aktuallisieren. Wir hoffen, mit dem Dossier einen Beitrag leisten zu können, damit die Erinnerungen an den „anderen 11. September“ nicht verblassen.

Leipzig, 17. November 2013

Die Redaktion

Politik & Geschichte

Salvador Allende unterschreibt das Dokument zur Nationalisierung des Kupfers 1971 - Foto: Biblioteca del Congreso Nacional ChileChiles 11. September: Hintergründe, Folgen und Debatten: Wenn heute vom 11. September die Rede ist, dann denken die meisten an das Jahr 2001. Der Schock über den Terrorakt damals hat sich tief in die Erinnerung der Weltöffentlichkeit eingebrannt. Hier soll an einen anderen, früheren 11. September erinnert werden, der Chile vor 40 Jahren in ein Trauma gestürzt hat, das bis heute fortwirkt: Der Putsch der Armee gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Er teilt die Geschichte des lateinamerikanischen Landes in ein „davor“ und ein „danach“. Vor dem 11. September 1973 galt Chile als Vorzeigedemokratie mit einer starken Linken, die es 1970 auf parlamentarischem Weg sogar schaffte, an die Regierung zu kommen. Mit ihrem Anspruch, Demokratie und Sozialismus miteinander verbinden zu wollen, beschritt die Unidad Popular (UP), ein Zusammenschluss aus Sozialisten, Kommunisten, radikalen Republikanern, ehemaligen Christdemokraten und anderen Linken, Neuland. Zu den ersten Maßnahmen …
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Chile: Die Verfassung von 1980; Foto: Patricio Mecklenburg DíazDer nicht abgeschlossene Übergang zur Demokratie in Chile: Dass es in Chile gelang, nach 17 Jahren autoritärer Militärherrschaft einen gewaltlosen Übergang zur Demokratie herbeizuführen, ist definitiv als Erfolg zu werten. Es wurde dabei kein einziger Tropfen Blut vergossen, und die beiden Lager – pro und kontra Pinochet – standen sich nun nicht unversöhnlich gegenüber, sondern waren dazu bereit, ihre unterschiedlichen Ansichten politisch auszutragen. Dennoch muss gefragt werden, was der Preis für diese friedliche Aushandlung der Demokratie war. Zum einen mussten sich die demokratischen Akteure während der Transition mit den Spielregeln Pinochets zufrieden geben. Zweitens gab es keinen unbedingten Bruch mit der Diktatur, so dass zum Teil von einer Kontinuität gesprochen werden kann. Aus diesem Blickwinkel war die so genannte transición zwar sinnvoll und wohl die beste Lösung für die Beendigung der Pinochet-Diktatur. Ich behaupte aber, dass sie noch nicht abgeschlossen ist und gravierende …
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Gesellschaft & Soziales

Chile: Der Finanzsektor in Santiago - Foto: Quetzal-Redaktion, sscSchatten der Vergangenheit: Rohstoffexporte und soziale Ungleichheit in Chile: Chile ist und bleibt ein Land starker sozialer Gegensätze und Ungleichheiten. Der schmale Andenstaat weist mit 7,065 US-Dollar das höchste Pro-Kopf Einkommen Südamerikas auf und wurde 2010 sogar in die OECD aufgenommen. Gemessen am Gini-Koeffizienten hat Chile aber mit einem Wert von 0,54 (2011) die höchste soziale Ungleichheit innerhalb des Clubs der Industriestaaten. Auch die hauptsächlich von Schülern und Studierenden getragenen Proteste der letzten Jahre können als Ausdruck der ungleichen Verteilung der gesellschaftlichen Reichtümer im Land gesehen werden. 40 Jahre nach dem Militärputsch am 11. September 1973 lohnt sich daher ein Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen Umstrukturierungen unter der Militärdiktatur (1973-1989), welche die gesellschaftlichen Strukturen Chiles bis heute prägen. Wie die meisten lateinamerikanischen Länder verfolgte Chile in den 1960er und 1970er Jahren ein binnenmarktorientiertes Entwicklungsmodell der …
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Chile: Ein Bettler am Straßenrand - Foto: Quetzal-Redaktion, egChiles 11. September – Nicht nur ein politisches „Jubiläum“ – Wenn Unsicherheit in der Arbeitswelt zur Normalität wird und die Menschen verändert Am 11. September 1973 erlebte die chilenische Bevölkerung einen militärischen Putsch, der in seiner Brutalität schockierte. Der Putsch beendete eine Zeit des Umbruchs unter einer demokratisch gewählten, sozialistischen Regierung, geführt von Salvador Allende, und leitete die Militärdiktatur Pinochets ein. Was die chilenische Bevölkerung danach erlebte, war nicht minder schockierend. Die darauf folgende grundlegende Veränderung der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Strukturen betraf alle Gruppen und Schichten der chilenischen Gesellschaft. In Chile wurde erstmals die neoliberale Wirtschaftsidee in einem Wirtschaftssystem installiert. Installiert deshalb, weil es von Seiten der Regierung geschah. Hier handelt es sich um ein Paradoxon, da der Neoliberalismus stets ein Heraushalten des Staates propagiert. Ohne den Staat …
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Renzensionen

Heller , Friedrich Paul - Pinochet. Eine Täterbiografie in Chile

Heller, Friedrich Paul: Pinochet. Eine Täterbiografie in Chile. Über die Schwierigkeit einer Pinochet-Biografie. Heller , Friedrich Paul – Pinochet. Eine Täterbiografie in ChileEs ist wahrlich nicht leicht, eine Biografie über Pinochet zu verfassen. Augusto Ramón Pinochet Ugarte, der chilenische Putschist und Diktator, ließ tausende Menschen foltern und töten und versuchte mit ungeahnter Härte, alles und jeden zu kontrollieren. Paul Friedrich Heller macht auch gleich zu Beginn klar, dass es eine „politische Biografie“ sei, da ihm „zu Pinochet als Person“ nichts einfalle (S. 8). So erklärt er sehr eindrucksvoll die innere Dynamik des chilenischen Machtapparats und damit Pinochets Einbindung in und Abhängigkeit von seinem Umfeld. Er vermeidet …
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Fischer, Karin: Eine Klasse für sich - Foto: Buch-Cover

Fischer, Karin: Eine Klasse für sich. Die Autorin widmet sich in dem Buch „Eine Klasse für sich“ der chilenischen Wirtschaftsgeschichte. Im Gegensatz zu den meisten Darstellungen wählt sie dafür einen neomarxistisch/ neo- gramscianischen Ansatz. Entsprechend geht es im Kern um die Frage, welche Rolle die „besitzenden Klassen“ seit der Herausbildung des kapitalistischen Systems in Chile Anfang des 19. Jahrhunderts bis hin zur Phase des demokratischen Neoliberalismus in heutiger Zeit spielten. Die zu Grunde liegende These ist, dass den „besitzenden Klassen“ ein gemeinsames Interesse unterstellt werden könne: „die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems und die Verteidigung des Privateigentums …
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Interview mit Patricio Fernández:
Direktor und Mitbegründer der chilenischen Wochenzeitung „The Clinic“

Chile: Patricio Fernández, Direktor und Mitbegründer der Zeitung The Clinic, Foto: Cristóbal Sánchez Teil 1: Über „The Clinic“ und die Medien in Chile. Kannst du mir die Gründungsidee eurer Wochenzeitung „The Clinic“ schildern und erklären, warum ihr diesen sehr originellen englischen Titel und den Slogan „Unterschreib zusammen mit dem Volk“ gewählt habt? „The Clinic“ wurde im November 1998 geboren, als Pinochet in London festgenommen wurde – in „The London Clinic“. Das Eingangsschild der Klinik stimmt genau mit dem Namen unserer Zeitschrift überein und ist somit der Ursprung unseres Titelnamens. Unser Logo haben wir auch von der Klinik in London kopiert. Woher der Slogan „Unterschreib zusammen mit dem Volk“ kommt… Das war der Slogan der „Clarín“, die bis zum Putsch eine viel gelesenen Tageszeitung in Chile war. Die Militärs schlossen sie ein für alle Mal, denn man hörte nie wieder etwas von ihr. Mit diesem Slogan drücken wir nicht nur unsere Gesinnung aus, also dass wir bei den Leuten auf der Straße sind, sondern auch unsere Verbundenheit mit …
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Chile: Forderung nach neuer Verfassung - Foto: Quetzal, csTeil 2: Über den Jahrestag des Putschs und den aktuellen Wandel im Land. Wenn wir uns die Aufarbeitung der Vergangenheit in Chile und die Erinnerungskultur ansehen, wieso gab es dieses Jahr diese gewaltige Medienresonanz bezüglich des 40. Jahrestags des Putschs in Chile? Es ist etwas sehr Überraschendes zum vierzigsten Jahrestag passiert, viel mehr als das vor zehn Jahren noch der Fall war: Die großen Fernsehunternehmen, die nach dem Ende der Diktatur ihre Besitzer wechselten, gehören heute großen Konsortien, die praktisch ganz Chile besitzen. Aber jetzt ist ihre Toleranz diesbezüglich größer geworden. Daher sahen wir im Fernsehen unzählige Fotos und audiovisuelle Produktionen, die sich auf das bezogen, was während der Diktatur geschah. Warum passierte das? Weil in Chile unzählige Bücher über die Diktatur veröffentlicht oder neu aufgelegt wurden. Ich kann dir meine Hypothese diesbezüglich …
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Renzensionen

Chile: Präsident Salvador Allende zwischen 1970 und 1973 - Foto: Biblioteca del Congreso Nacional de Chile

Chiles 11. September – Davor und danach: Am 11. September 2013 jährt sich zum 40. Mal der Militärputsch in Chile. Seit 2001 ist die Erinnerung an diese Zäsur der chilenischen Geschichte überdeckt von den erschütternden Bildern des 11. Septembers in New York und Washington D.C. Auch für die Chilenen wurde aus „ihrem“ 11. September so der „andere 11. September.“ Eine junge Chilenin kleidet die historische Spannung zwischen beiden Ereignissen in folgende Worte: „Die Yankees haben uns erst den 11.9. aufgestülpt und jetzt nehmen sie ihn uns wieder weg.“ Explizit mit der Zeit vor dem 11. September 1973 beschäftigt sich Band 28 der „Bibliothek des Widerstands“. Mit der namentlichen Nennung von Salvador Allende und der Unidad Popular im Titel sind zugleich die inhaltlichen Schwerpunkte der Publikation benannt. Wirken und Wirkung des 1970 gewählten Präsidenten Chiles, der drei Jahre später, am 11. September, aus dem Amt geputscht wurde und sich nach verzweifeltem Widerstand das Leben nahm, werden aus vier Perspektiven …
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Gesehen: Chile, Salvador Allende - Quelle: Snapshot

Im Feuer bestanden – Die Chile-Filme der DDR-Dokumentarfilmer Heynowski und Scheumann: Walter Heynowski und Gerhard Scheumann machten seit 1965 zusammen Dokumentarfilme, zeitweise als Studio H & S. International bekannt wurden sie mit dem Film „Der lachende Mann – Bekenntnisse eines Mörders“ über den deutschen Söldner Siegfried Müller, genannt Kongo-Müller. So vielfältig die Themenpalette der Filmleute auch war, so lassen sich doch zwei Hauptthemen feststellen, zu denen sie quasi immer wieder zurückkehrten: Vietnam und Chile. Das internationale Filmteam um Heynowski und Scheumann war Anfang 1973 aus Anlass der Parlamentswahlen zum ersten Mal in Chile, sie wollten einen Film über die Unidad Popular drehen. Der faschistische Putsch im September machte dieses Vorhaben zunichte; dafür entstand der Chile-Zyklus über den Sturz der Allende-Regierung, dessen Vorgeschichte und Folgen. Die berühmten Aufnahmen vom Bombardement der Moneda am 11. September kennen wir aus Filmen von H & S. Peter Hellmich, der …
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Weitere Themen

Chile: Augusto Pinochet - chilenischer General und Diktator, Foto: Public DomainDer englische Patient und sein spanischer Richter: Die Berichterstattung der britischen und spanischen Presse über die Verhaftung des chilenischen Ex-Diktators am Beispiel von The Guardian, The Observer, The Times, El País Internacional und El Mundo. Sowohl die britische als auch die spanische Presse sprechen sich in der Zeit vom 25. Oktober bis zum 10. Dezember 1998 durchgehend für eine Auslieferung Pinochets an Spanien, vor allem aber für ein Gerichtsverfahren gegen den Ex-Diktator, aus. Die Vorbildwirkung, die ein derartiges Verfahren auf die internationale Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen und somit die Durchsetzung der Menschenrechte haben kann, wird als enorm positiv herausgestrichen. Allerdings thematisiert die britische Presse, allen voran die Tageszeitung The Observer, die negativen wirtschaftlichen Folgen, die eine Entscheidung Großbritanniens, Pinochet an Spanien auszuliefern, mit sich bringen könnte, ausgesprochen stark. Besonders hervorgehoben werden in diesem Zusammenhang die umfangreichen Waffeneinkäufe, die Chile bei britischen Produzenten tätigt, und die nach einer positiven Antwort auf den spanischen Auslieferungsantrag wohl sofort gestoppt werden würden …
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Bildquellen: [1], [9] Biblioteca del Congreso Nacional Chile_; [2] Patricio Mecklenburg Díaz; [3], [4], [8] Quetzal-Redaktion (ssc, eg, cs); [5],[6], [10] Buchcover / Snapshot, Verwendung im Rahmen der Rezension, [7] Cristóbal Sánchez_; [11] Public Domain.


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