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Von der Pax Britannica zur Pax Americana I – Welchen Platz nimmt Lateinamerika im britisch-amerikanischen Hegemonietransfer ein?

Autor:  | März 2021 | Artikel empfehlen

„America is back!“ – In dieser Ankündigung des neuen US-Präsidenten Joe Biden auf der Münchener Sicherheitskonferenz, die in einer Special Edition am 19. Februar 2021 virtuell stattfand, schwingen zwei Botschaften mit, deren Verbindung nur auf den ersten Blick paradox erscheint. Zum einen grenzt sich Biden demonstrativ von Donald Trump ab, was im Bekenntnis zur NATO und in der Rückkehr zum Pariser Klimaabkommen seinen symbolischen Ausdruck findet. Zum anderen zielt die angestrebte Stärkung der „westlichen Wertegemeinschaft“ darauf, die „chinesische Herausforderung“ abzuwehren. In diesem entscheidenden Punkt weist die vermeintliche Neuausrichtungen der Außen- und Sicherheitspolitik der USA unter Biden eine nicht zu übersehende Kontinuität zur China-Politik seines Vorgängers auf. Bereits die National Security Strategy von 2017 konstatiert die Rückkehr zur Rivalität der Großmächte (The White House, S. 25-28, 35, 38, 45-47). Konkret geht es darum, dass die Vereinigten Staaten ihre Hegemonie unter Bedingungen zu verteidigen suchen, die durch den Verlust ihres „unipolaren Moments“ (1992 bis 2008) und den rasanten Aufstieg Chinas gekennzeichnet sind. Besonders intensiv wird in diesem Zusammenhang von einschlägigen Thinktanks und Medien die Frage diskutiert, ob die Konfrontation mit China in einen Krieg münden kann oder sogar muss. Mit dieser Debatte erleben Studien eine Konjunktur, in denen Verlauf und Ausgang der Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten in der Vergangenheit auf Analogien zur gegenwärtigen Konstellation abgeklopft werden. So gelangen die Autoren einer 2020 veröffentlichten Studie in Auswertung der einschlägigen Literatur zu dem Schluss, dass während der vergangenen 500 Jahre der Kampf um die Vormachtstellung (Hegemonie) im internationalen System in drei Viertel der Fälle durch Krieg entschieden wurde (Lynch/ Hoffman 2020, S. 22). Diejenigen, die die „Falle des Thukydides“ – also einen Krieg zwischen den USA und China – vermeiden wollen, richten ihr Augenmerk vor allem auf jene seltenen Fälle, in denen sich der Übergang von einer Hegmonialmacht zur nachfolgenden friedlich vollzogen hat. Die Ablösung der Pax Britannica durch die Pax Americana scheint dafür ein besonders gelungenes Beispiel zu sein.

Der britisch-amerikanische Hegemonietransfer im Spiegel der Geschichte

So sieht es zumindest Kori Schake, die den „Übergang von der britischen zur amerikanischen Hegemonie“, wie der Untertitel ihres 2017 erschienen Buches in der deutschen Übersetzung lautet, als „Safe Passage“ interpretiert. Mehr noch: Sie sieht darin „den einzigen friedlichen Übergang zwischen globalen Hegemonen seit der Entstehung des Nationalstaates“ (Schake, S. 2; Übersetzung P.G.). Betrachtet man den britisch-amerikanischen Hegemonietransfer genauer, dann ergeben sich eine Reihe von Fragen. Während sich die Pax Britannica, also jene Epoche, in der eine relativ stabile Weltordnung unter britischer Hegemonie existierte, klar auf den Zeitraum zwischen dem Wiener Kongress 1815 und den Beginn des Ersten Weltkrieges eingrenzen lässt (Osterhammel, S. 646-662), ist dies im Falle der Pax Americana deutlich schwieriger. Gemeinhin gilt das Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 als Beginn der Pax Americana, während sich deren Ende weniger deutlich bestimmen lässt. Spätestens der Beginn der Präsidentschaft von Donald Trump 2017 markiert für die meisten jenen Wendepunkt, an dem sich eine neue Weltordnung herauszubilden beginnt. Abgesehen davon, dass vieles dafür spricht, diese Zäsur bereits früher – z.B. beim Beginn der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 – anzusetzen, ist der Anspruch der Pax Americana als globale Friedensordnung mindestens in dreifacher Hinsicht infrage zu stellen.

Erstens ist ihr Verlauf in zwei unterschiedliche Zyklen zu unterteilen, die sich vor allem in hinsichtlich ihrer Polarität unterscheiden. Während die Weltordnung zwischen 1945 und 1991 durch die Bipolarität der zwei konkurrierenden Supermächte USA und Sowjetunion gekennzeichnet war, brach 1992 eine Ära der Unipolarität an, in der Amerika als „einzige Weltmacht“ konkurrenzlos die globale Vorherrschaft ausgeübt hat (Zbigniew Brzezinski).

Zweitens wurden im ersten Hegemoniezyklus der Pax Americana in Asien, Afrika und Lateinamerika zahlreiche blutige Kriege und Konflikte ausgetragen, die weitgehend dem Muster der Bipolarität folgten. Und selbst in Europa stellt sich die Pax Americana als Kalter Krieg dar, der bis 1989 vom möglichen Ausbruch eines Nuklearkrieges überschattet blieb.

Drittens liegt zwischen dem Ende der Pax Britannica 1914 und dem Beginn der Pax Americana 1945 eine Periode, die durch zwei verheerende Weltkriege, den Zusammenbruch der Weltwirtschaft und den Aufstieg des Faschismus gekennzeichnet ist. Wenn im weiteren trotz dieser Fragen der Terminus des britisch-amerikanischen Hegemonietransfers verwendet wird, dann in einem engeren Sinne als sich wandelndes Verhältnis zwischen den beiden Hegemonialmächten Großbritannien und USA.

Lateinamerika als „Schaltstelle“?

Was hat nun Lateinamerika mit all dem zu tun? Bereits ein kurzer Blick auf das Inhaltsverzeichnis von „Safe Passage“ – so der Titel des vorn erwähnten Buches – liefert interessante Anhaltspunkte. Die Autorin beschreibt den anglo-amerikanischen Hegemonietransfer als relativ langsamen Prozess, der mehr als ein Jahrhundert umfasst. Dessen Verlauf und Ausgang wird von neun Entscheidungs­situationen (moments of decision) bestimmt, die von der Monroe-Doktrin 1823 bis zum Zweiten Weltkrieg 1939-1945 reichen. Dazwischen liegen die Beilegung des Konflikts um das Oregon-Territorium (1846), die West-Expansion der USA, der Bürgerkrieg der Union gegen die Konföderierten (1861-1865), die beiden Krisen um Venezuela (1895/1896 und 1902/1903), der Spanisch-Amerikanische Krieg (1898), der Erste Weltkrieg (1914-1918) sowie die Washingtoner Flottenverträge (1921/1922). Von diesen neun „Momenten“ beziehen sich drei direkt auf Lateinamerika (Monroe-Doktrin, Venezuela, Spanisch-Amerikanischer Krieg). Zudem war Mexiko als lateinamerikanisches Land – wie auch die US_Flagge_Bild_Quetzal-Redaktion_gcindianischen Völker und Spanien (Florida) – von der West-Expansion der USA unmittelbar betroffen. Wenn man noch den britisch-amerikanischen Konflikt über den Bau eines inter-ozeanischen Kanals in Zentralamerika (Nicaragua bzw. Panama) hinzu zählt, der bei Kori Schake fehlt, dann erhöht sich die Zahl der auf Lateinamerika bezogenen Entscheidungssituationen, über die sich der Hegemonietransfer vollzogen hat, auf fünf.

Allein dieser knappe Überblick genügt, um zu zeigen, dass die Weltregion südlich der Vereinigten Staaten für den britisch-amerikanischen Hegemonietransfer von zentraler Bedeutung war. Darüber hinaus bedarf dessen Analyse aber auch der Einbeziehung jener Entscheidungssituationen, in deren Verlauf sich die maßgeblichen imperialistischen Rivalen Großbritanniens im Vorfeld der Ersten Weltkrieges in zwei feindlichen Allianzen positioniert haben. Neben Frankreich gehören dazu sowohl die drei wichtigsten Aufsteiger in den Klub der Großmächte – Deutschland, USA und Japan – als auch das eurasische Imperium der russischen Zaren, das sich mit dem Britischen Empire im Great Game einen erbitterten Wettlauf um die Aufteilung Asiens lieferte. Trotz der gravierenden Spannungen und Konflikte, die die Beziehungen dieser imperialistischen Großmächte untereinander prägten, schlugen sich vier von ihnen auf die Seite Londons. Nur das wilhelminische Kaiserreich übernahm im Ersten Weltkrieg den Part des militärischen Hauptgegners der britischen Hegemonialmacht. Besonders die gegensätzliche Positionierung Deutschlands und der USA, die 1917 an der Seiten Großbritanniens in den Krieg eingetreten waren, bedarf einer Erklärung. Obwohl die beiden Nachzügler erst relativ spät in den Kreis der imperialistischen Groß- und Kolonialmächte aufgestiegen waren, galten sie aufgrund ihrer wirtschaftlichen Stärke gleichermaßen als die hauptsächlichen Herausforderer der britischen Hegemonialmacht. Warum kam dann eine britisch-amerikanische Allianz zustande und wie wurde Deutschland nicht nur zum Gegenspieler Londons, sondern auch zum Hauptrivalen Washingtons?

Wessen Hemisphäre?

An diesem Punkt ist es erforderlich, auf Lateinamerika zurückzukommen. In den zwei Jahrzehnten vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges vollzogen sich in der Westlichen Hemisphäre Veränderungen, die nicht nur die britische Hegemonialmacht zu einer grundsätzlichen Richtungsentscheidung veranlassten, sondern auch das Verhältnis zwischen den beiden Aufsteigern USA und Deutschland nachhaltig prägten. Die brisante Konstellation zwischen den drei imperialistischen Mächten wurde nach 1898 durch folgende Eckpunkte bestimmt:

Erstens: Aus britischer Sicht gliederte sich die Westliche Hemisphäre in drei Bereiche. Das dynamische Zentrum bildeten die USA, mit denen Großbritannien auf mannigfaltige Weise historisch eng verbunden war. Auch nach dem Unabhängigkeitskrieg (1775-1783), durch den sich die 13 britischen Kolonien vom Mutterland befreit hatten, blieben die Beziehungen zwischen beiden Ländern very special. Diese reichten vom gemeinsamen Handel über Kanada, das als nordamerikanisches Dominion Teil des Britischen Empire war und im Süden – und ab 1867 auch im Norden – eine gemeinsame Grenze zu den USA hatte, bis zu den zahlreichen Konflikten, die sich aus der Anwendung der Monroe-Doktrin ergaben. Der Sieg der USA im Krieg gegen Spanien 1898 markiert einen Wendepunkt im britisch-amerikanischen Verhältnis. Die Vereinigten Staaten waren in den Kreis der imperialistischen Großmächte aufgestiegen und strebten nunmehr danach, ihren Hegemonialanspruch gegenüber dem Rest der Hemisphäre, den Präsident James Monroe bereits 1823 formuliert hatte, durchzusetzen. Für Großbritannien, das nicht nur die beiden peripheren Bereiche nördlich (Kanada) und südlich der USA (Karibik) kolonial beherrschte, sondern darüber hinaus im 19. Jahrhundert in Lateinamerika ein „informelles Imperium“ (informal empire) errichtet hatten, stellte diese neue Situation eine besondere Herausforderung dar.

Zweitens: Als neue imperialistische Großmacht besaßen die USA nun endlich die entsprechende Machtbasis, um ihrem Anspruch auf die Westliche Hemisphäre den notwendigen Nachdruck zu verleihen. Im Krieg gegen Spanien hatten sie sich ein eigenes Kolonialreich in der Karibik und im Pazifik erobert. Zugleich erforderte die Industrialisierung, die nach dem Ende des Bürgerkrieges rasante Fortschritte gemacht hatte, die Erschließung neuer Märkte. Lateinamerika und China boten dafür die besten Voraussetzungen. Während Washington in Ostasien eine Politik der „offenen Tür“ (Open Door Policy) verfolgte, ging es im Falle Lateinamerikas um die Durchsetzung des eigenen Hegemonialanspruchs.

Drittens: Als Nachzügler befand sich Deutschland in einer ähnlichen Situation wie die Vereinigten Staaten, war aber im Unterschied zu diesen eine „raumfremde“ Macht. Bei der kolonialen Aufteilung der Welt am Ende des 19. Jahrhunderts musste sich das Kaiserreich mit Territorien begnügen, die sich die Briten, Franzosen oder Portugiesen bis dahin noch nicht angeeignet hatten. Über Afrika, China und die Südsee verstreut, konnten sich die deutschen Kolonien nicht mit den großen Besitzungen ihrer europäischen Konkurrenten messen. Lateinamerika bot dem deutschen Kapital die Möglichkeit, diese Rückstand im Wettlauf um die Kolonien durch die Ausweitung ihres Einflusses auszugleichen. Deutschland, das einerseits vom guten Ruf seiner Industrieprodukte und der steigende Nachfrage nach Krediten profitieren und andererseits die Ansiedlung deutscher Auswanderer in Südbrasilien, Chile und Guatemala sowie der Errichtung von Militärmissionen nutzen konnte, rechnete sich bei seinem Streben nach einem eigenen informal empire in Lateinamerika gute Chancen aus. Mit diesem aggressiven Expansionskurs geriet das Kaiserreich jedoch sowohl mit London als auch mit Washington in Konflikt.

Faktoren und Rahmenbedingungen des Hegemonietransfer

Aus den oben formulierten Argumenten leiten sich wichtige Aspekte ab, die für die Bestimmung des Platzes von Lateinamerika beim Übergang von der Pax Britannica zur Pax Americana von zentraler Bedeutung sind:

Erstens ist Lateinamerika die einzige Weltregion, wo die absteigende Hegemonialmacht (Großbritannien) und die beiden stärksten Aufsteiger (USA und Deutschland) direkt miteinander in Konflikt gerieten. Anders als in China, wo die drei imperialistischen Mächte ebenfalls aktiv waren, wirkt sich deren Aufeinandertreffen in Lateinamerika direkt auf den britisch-amerikanischen Hegemonietransfer aus. Die Unterschiede liegen darin begründet, dass die Öffnung Chinas zum einen erst relativ spät (1840) erfolgte, während die Eroberung und koloniale Unterwerfung Lateinamerikas durch europäische Mächte bereits 1492 begonnen hatte. Zum anderen wurde das asiatische Land durch die gemeinsame Intervention aller damals relevanten imperialistischen Mächte geknebelt, wobei die direkte Errichtung von Kolonien die Ausnahme bildete. Ein besonders prägnantes Beispiel für diese spezielle Variante des kollektiven Imperialismus stellt die Niederschlagung des Boxeraufstandes USA-Flagge_Bild_Quetzalredaktion_gc1900/1901 durch Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien, Russland, die USA und Japan dar. Europa wiederum war zwar Hauptaustragungsort des Ersten Weltkrieges, in den die USA aber erst 1917 eintraten. Bis dahin war es die erklärte Politik Washingtons, sich aus der Mächterivalität auf der anderen Seite des Atlantik herauszuhalten. Aus diesem Grund spielt Europa bei der Erklärung des britisch-amerikanischen Hegemonietransfers erst danach eine Rolle.

Zweitens lässt sich der Platz Lateinamerikas in diesem langen und komplizierten Prozess nur im größeren geopolitischen Kontext der Westlichen Hemisphäre präzise bestimmen. Zwar beanspruchen sowohl London als auch Washington die Region südlich der Vereinigten Staaten als Einfluss- und Interessensphäre. Zugleich aber interagieren beide Akteure als „hemisphärische Mächte“ auf dem gesamten Doppelkontinent. Die Briten wollen weder auf Kanada noch auf ihre karibischen Besitzungen verzichten, während die US-Amerikaner bis 1890 vor allem damit beschäftigt sind, ihr kontinentales Empire in Nordamerika zu vollenden. Will man die sich daraus erwachsenden Wirkungen auf und Konsequenzen für das britisch-amerikanische Verhältnis angemessen ausloten, dann ist es am sinnvollsten, die Monroe-Doktrin als eine Art Schlüssel zu verwenden. Die Analyse ihrer Formulierung, Weiterentwicklung und Umsetzung bietet die beste Gewähr, alle Faktoren, die für die Erklärung des Hegemonietransfers relevant sind, zu erfassen und zueinander in Bezug zu setzen.

Drittens stellt Lateinamerika das Hauptkonfliktfeld zwischen den beiden aufsteigenden Rivalen USA und Deutschland dar. Die Schärfe des Konfliktes zwischen ihnen ergibt sich vor allem aus zwei Faktoren, deren Zusammenprall die Eskalation so weit vorantreibt, dass die USA am Vorabend des Ersten Weltkrieges in Deutschland – und nicht in Großbritannien – ihren Hauptgegner ausmachen. Beim ersten Faktor handelt es sich um die zuvor erwähnten Monroe-Doktrin. Bereits vor, aber mehr noch nach 1898 sieht Washington in ihrer Anerkennung durch konkurrierende Mächte den Lackmustest für die Bestimmung von Freund und Feind. Zweitens bildet gerade die Monroe-Doktrin für Deutschland den Stein des Anstoßes. In ihr sieht Berlin das entscheidende Hindernis, das der erfolgreichen Expansion in Lateinamerika entgegen steht. Daraus ergeben sich zwei grundsätzliche Fragen: Welchen Einfluss hat der deutsch-amerikanische Konflikt erstens auf den britisch-amerikanischen Hegemonietransfer? Und wie wirkt er sich zweitens auf die Bündniskonstellationen aus, die in Europa zum Ersten Weltkrieg führen?

Vier Schlussfolgerungen und ein Angebot

Nach diesem Problemaufriss wird klar, dass es einer breiter angelegten Analyse bedarf, um die oben behaupteten Zusammenhänge zu belegen und die damit verbundenen Fragen zu beantworten. Im folgenden werden Schlussfolgerungen formuliert, aus denen sich die Schritte des weiteren Vorgehens ergeben.

Ausgehend von Grundlagen und den verschiedene Phasen der Pax Britannica müssen im ersten Schritt die Veränderungen der britische Machtposition in der westlichen Hemisphäre vom Ende des Unabhängigkeitskrieges der USA 1783 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 genauer bestimmt werden. Dabei sind zwei Dinge zu beachten: Zum einen der globale Kontext des „langen“ 19. Jahrhunderts (Osterhammel, S. 87/88), zum anderen Zeitpunkt und Art der Integration der verschiedenen Teile der Hemisphäre außerhalb der USA (Kanada, die Karibik, Mexiko und Südamerika) in das kapitalistische Weltsystem bzw. die Pax Britannica.

Im zweiten Schritt geht es darum, das Verhältnis der USA zur Pax Britannica darzustellen, wobei zwei Seiten zu beachten sind: Zum einen sind die Vereinigten Staaten in doppelter Hinsicht Nutznießer der britischen Hegemonie – als Handelsmacht und als territorial expandierender Siedlerstaat. Zum anderen geraten sie aus eben diesen Gründen immer wieder in Konflikt mit Großbritannien. Mit dem Machtzuwachs Washingtons kommt es zu innerhalb der Westlichen Hemisphäre zu Verschiebungen, die London zu einer Entscheidung zwingen. Wann und wie diese getroffen wird, ist für die Erklärung des britisch-amerikanischen Hegemonietransfers von entscheidender Bedeutung.

Im dritten Schritt ist das Verhältnis der USA gegenüber Lateinamerika zu klären. Auch hier sind zwei Seiten in den Blick zu nehmen: Zum einen die Interessen und Motive, die Washington veranlassen, die südlich gelegene Region einseitig zur alleinige Einflusszone zu erklären; zum anderen die Strategien, mit denen es Washington gelingt, seiner Ansprüche gegenüber rivalisierenden Mächten durchzusetzen. Ein weiterer Aspekt ist die Reaktion der lateinamerikanischen Republiken und Brasiliens bzw. der von Washingtons Anspruch (Manifest Destiny) besonders betroffenen Länder (Mexiko, Spanien) gegenüber der US-Expansion. Ergänzend muss der Blick auch in Richtung Pazifik gerichtet werden. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll zu überlegen, wie man die Zäsur von 1898 – einschließlich der daraus erwachsenden Konsequenzen – gewichtet.

In einem vierten Schritt müsste die Herausbildung der Special Relationship zwischen den USA und Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg zumindest überblicksartig nachgezeichnet werden. Dies sprengt zwar die Fokussierung auf die Westliche Hemisphäre, ist aber für das Verständnis des britisch-amerikanischen Hegemonietransfers unverzichtbar.

Das gewählte Thema macht es einerseits möglich, die Rivalität von drei Großmächten – der britischen Hegemonialmacht und den zwei aufsteigenden Großmächten USA und Deutschland – in Lateinamerikas in einen breiteren Kontext einzubetten, der zeitlich das lange 19. Jahrhundert und räumlich die Westliche Hemisphäre umfasst. Mit einem solchen Ansatz ist es möglich, verschiedene Perspektiven aufzuzeigen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Andererseits reichen die oben skizzierten Schritte weit über einen einzelnen Beitrag hinaus. Alle Leserinnen und Leser des QUETZAL, die mehr über die Rolle wissen wollen, die Lateinamerika beim britisch-amerikanischen Hegemonietransfer spielt, können sich in weiteren Artikeln informieren, die für die nächsten Monate geplant sind.

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Literatur:

Lynch III, Thomas/ Hoffman, Frank: Past Eras of Great Power Competition. Historical Insights and Implications, in: Lynch III, Thomas (ed.): Strategic Assessment 2020. Into a New Era of Great Power Competition. Washington D.C. 2020, S. 17-43

Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2009

Schake, Kori: Safe Passage. The Transition from British to American Hegemony. Cambridge (Mass.)/ London 2017

The White House: National Security Strategy of the United States of America, December 2017. Washington D.C. 2017

 

Bildquellen: [1, 2] quetzalredaktion_gc


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