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Víctor Montoya – Microcuentos – Teil 4

Autor:  | März 2016 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Kunst & Kultur, Literatur

Adam und Eva

An dem Tag, als Gott Eva erschaffen hatte, zog sie ein langes Gesicht und murrte:

Ich will nicht die Rippe von Adam sein.

Gott sah sie überrascht an und fragte: Und was denn?

Das Tier, das er zwischen den Beinen hat …

 

Die Verhöhnung

Wie war’s, Schatz, fragte der Ehemann, kaum dass sie über die Türschwelle getreten war. Wie immer, erwiderte sie. Als ich zur Arbeit kam, fand ich auf meinem Schreibtisch einen Zettel mit der Aufschrift: Verrecke, Scheißweib! Es war dieselbe Handschrift wie sonst auch. Beim Mittagessen spuckte mir einer auf den Teller und ein anderer in meine Tasse. Ich schloss mich auf der Toilette ein und weinte leise. Später warfen sie mir verachtungsvolle Blicke zu und nannten mich dreimal „Hure“, zweimal „nutzlos“ und einmal „Dicke“. Ansonsten war alles wie gehabt. Er hüllte sich in Schweigen, und Stille erfüllte das Haus.

 

Der verliebte Mann

Meine Frau ist die wandelnde Dummheit, beklagte sich der verliebte Mann.

Und liebst du sie leidenschaftlich?, fragte der Weise.

Ja, erwiderte der verliebte Mann. Keine Ahnung, warum.

Weil du mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf liebst, erwiderte der Weise.

 

Das Ehepaar Zacarías

Frau Esperanza „Hoffnung“ Zacarías, fruchtbar und gutherzig, wurde von ihren Nachbarn geliebt. Baten sie sie um etwas, gab sie ihnen alles. Wenn sie ihr sagten, Frau Zacarías wir brauchen was, teilte sie freigiebig wie Mutter Teresa von Kalkutta Fleisch, Brot, Kartoffeln sowie Milch aus und das stets gut gelaunt, um ihren Nachbarn zu gefallen. Dagegen war ihr Ehemann, Herr Mamerto „Blödmann“ Zacarías, unfreundlich, unsozial und geizig. Baten die Nachbarn ihn um etwas, hatte er noch nicht einmal einen Gruß für sie übrig. Er stellte sich dumm und ging auch bei der Hausarbeit nie zur Hand. Deshalb sagten die Nachbarn, dass er zu nichts weiter zu gebrauchen sei als seiner Frau Kinder zu machen.

 

Crime passionnel

Spät abends von einer Reise nach Hause zurückgekehrt überraschte ich meine Frau im Bett mit meinem Vater. Ein Wirbel an Eifersucht raubte mir den Verstand, und Rache brach sich explosionsartig Bahn. Ich entnahm den Revolver der Schreibtischschublade, zielte auf meinen Erzeuger und erlegte ihn mit zwei Schüssen.

Sie riss die Augen auf, stieß einen Schrei aus und entfloh nackt und angsterfüllt. Unfähig ihren Verrat zu ertragen, schlug ich sie nieder. Ich knebelte sie, fesselte sie an den Händen und erstickte sie mit dem Kissen, bevor ich davonrannte und mich an demselben Baum erhängte, unter dessen grünem Laubwerk ich ihr einstmals meine Liebe gestanden hatte.

Hier stehe ich nun, nur um Ihnen den Grund des Verbrechens, meiner Flucht und meines Todes anzugeben.

 

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Übersetzung aus dem Spanischen: Gabriele Eschweiler

Bildquelle: Quetzal-Redaktion, gt


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