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Victor Montoya – Microcuentos – Teil 3

Autor:  | Januar 2016 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Kunst & Kultur, Literatur

 

Correvolando

Er tauchte auf und stahl sich flugs davon.

 

Christoph Kolumbus

Der Seefahrer aus Genua, gierig nach Reichtümern und Ruhm, lebte und starb, ohne zu verstehen, dass seine Reise gen Westen ihn, den Piraten der Weltmeere ähnlich, zu einem Kontinent geführt hatte, der, einstmals das Paradies auf Erden, während des Kolonialismus zur Hölle wurde.

 

Mutter Erde

Mutter Erde, öffne dich, befahl der Bergmann.

Sie tat sich nicht auf. Sie blieb hermetisch verschlossen.

Mach mir auf! Seine Stimme wurde tiefer.

Mutter Erde fühlte sich nicht angesprochen.

Der Bergmann kniete nieder und flehte unter Tränen:

Mütterchen, nun tu dich schon auf.

Die Erde, ganz verwöhnte und gnädige Frau, weigerte sich konstant, bis der standhafte Bergmann seinen Schlüssel in ihr magisches Löchlein steckte, in jene Mutter Erde, die die Reichtümer ihres fruchtbaren Leibes abgab und sich wie ein feuchter und dunkler Stollen öffnete.

 

Der Stolz der Kartoffel

Kultur: Microcuentos von Victor Montoya - Foto: Quetzal-Redaktion, gt, Edwin EschweilerIch bin die köstlichste Knolle der Erde. Ich stamme aus den Anden und ernähre die Menschen. Ich habe eine feine Schale und einen Körper ohne Ecken und Kanten. Ich habe Augen und ein Herz aus Kartoffelstärke.

Ich bin stolz auf den Entdecker, der mich nach Europa brachte, um Hunger und Pest zu bekämpfen, aber noch mehr auf den Indianer, der mich am Fuß der Anden-Kordilleren anbaut und Kartoffelmehl aus mir macht.

Ich bin ein wohlschmeckendes, nahrhaftes und gesundes Lebensmittel. Man verzehrt mich gebraten, gekocht, frittiert oder gedünstet. Mir kann niemand widerstehen: Selbst beim König und seiner Heiligkeit dem Papst stehe ich auf dem Speiseplan.

 

Die Mestizin

Es wird erzählt, dass der Tío in einem seiner Anfälle von Wollust einen ziemlich dummen Einfall hatte. Er legte sein Teufelskostüm ab und verkleidete sich als Mestizin, um die Minenarbeiter zu verführen. Die unterlagen den Reizen, und angelockt von der Süße seines Körpers, klebten sie an ihm wie die Fliegen.

 

Der Traum des Atahualpa

Bevor er zur Hinrichtungsstätte geführt wurde, wo ihm die Garrotte das Genick brach, träumte der Herrscher des Inkareiches, dass Túpac Katari La Paz belagerte und Gerechtigkeit und Freiheit forderte, bis zu dem Tag als er – wie Christus von einem der Seinigen verraten – seinen Feinden auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war.

Er träumte, dass Túpac Katari in einem dunklen Kerker saß, seinem Befrager gegenüber, der ihn folterte, um von ihm die Namen der Rädelsführer der Rebellion zu erfahren. Das Indianeroberhaupt blickte ihn mit Verachtung an und schwieg. Dann verspotteten ihn die Königstreuen, indem sie ihn mit einer Dornenkrone bekränzt durch die Straße trieben, bevor sie ihn zum Tode durch Vierteilen verurteilten. Sie fesselten ihn an Händen und Füßen an die Sattelgurte von vier Pferden, während ein Schrei durch alle vier Provinzen hallte: Sie töten nur mich, aber ich werde millionenfach wiederkehren, verdammt nochmal!

Die Vision des Atahualpa war prophetisch. So wie er träumte, dass die sterblichen Überreste von Túpac Katari zu Asche und in alle Winde zerstreut würden, so auch, dass das alte Reich der Sonnensöhne, die sich auf die Gebote beriefen: Ama Suwa (nicht stehlen), Ama Llulla (nicht lügen) und Ama Qhella (nicht müßig sein), wiedererstehen würde: Ganz so wie Manco Cápac und Mama Ocllo es der Pachamama einst versprochen hatten.

 

Übersetzung aus dem Spanischen: Gabriele Eschweiler

Bildquelle: [1] Quetzal-Redaktion, gt, Edwin Eschweiler.


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