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Kreis aus Zement

Autor:  |  Frühjahr 2001

Drei, zwei, eins, null. Vierzehn, dreizehn zwölf elf zehn…

Dich nach einer gewaltsamen Reise von vierzehn Stockwerken auf dem Asphalt wiederzufinden, muss sehr schmerzhaft sein. Jetzt hättest Du wirklichen Grund, Dich zu beklagen, eine Deiner düsteren Mienen aufzusetzen und über Deine Schmerzen zu jammern. Und nach all den Jahren, in denen ich Dein Gejammer ignorierte, spürte ich Deinen Schmerz direkt in meinem Herzen, hielt Deine Hand und versuchte, Dir Mut zu machen, weinte mit Dir und bemühte mich unermüdlich um Deine Besserung. Schade, dass Du jetzt, auch wenn ich all dies täte, dennoch zersplittert am Boden liegen würdest. Wenn Du mich von irgendwo aus sehen kannst, werden Dich meine Tränen überraschen. Du wirst denken, dass ich darüber weine, was gerade geschehen ist. Aber Du irrst, ich weine, weil ich immer wollte, dass unser Verhältnis ein anderes wäre. Ich wollte immer, dass Du damit aufhörst, ein Sack voller Gebrechen zu sein, ein Sammelsurium unheilbaren Kummers. Du wirst Dich erinnern, dass Dein Leid mich anfangs mitnahm. Später aber fand ich heraus, dass es lediglich eine Form war, um Zuneigung und Mitleid zu heischen. Es war Dein Lebensstil: Glücklich sein mit der Verzweiflung derer, die von Deiner Erscheinung erschüttert waren. Es war ein einfacher, aber wirkungsvoller Mechanismus: Du littest in Anwesenheit einer Person, die sich Deiner annahm, nährtest Dich an ihrer Anteilnahme und fühltest Dich schließlich besser. Viele fielen auf diesen Trick herein, nur mir war wirklich klar, welches Spiel Du spieltest. Es schmerzt mich, dass Du nie eine andere Form gefunden hast, andere auf Dich aufmerksam zu machen. Du hast nie begriffen, dass wer Mitleid erregt, nie spontane Zuneigung erfährt. Und Du hast vor allem nie begriffen, dass das Spiel immer schlecht ausgeht, denn jeder wird irgendwann der immerselben Leier überdrüssig. Alle zogen sich von Dir zurück, keiner mochte Deinen Klagen mehr Gehör schenke. Zurück bliebst Du – alleine und gemütskrank. Ich bin mir sicher, dass ich der einzige Mensch auf der Welt war, der Dich trotz allem weiter geliebt hat, weil dieses Gefühl nicht aus den Tragödien herausgeboren wurde, sondern alleine mit Dir. Leb’ wohl, Schwester.

Trinnn, trinnn…… Er öffnete die Augen. Was für ein fürchterlicher Traum. Als er sich meldete, vernahm er am anderen Ende die Stimme des pensionierten Kommissars, der ihn vom Unfall seiner Schwester informierte. Er ließ den Hörer fallen und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Das Zimmer tauchte sich in Rot. Trinnn trinnnn – erschrocken nahm er seine Hände vom Gesicht, betrachtete die Röte um ihn herum und wurde ohnmächtig. Trinnn trinnnnnnnnnnn. Er kam zu sich; und als er antwortete, hörte er die Simme einer Frau – Hallo, Julio, ich bring mich um, wenn Du nicht sofort kommst, ich schwör’s, ich bring mich… aber noch bevor der Satz zu Ende gesprochen wurde, legte er seinen Traum auf, um ein wenig Ruhe zu finden.

Übersetzung aus dem Spanischen: Anja Jaramillo


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