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Dulce María Loynaz: Der Feind

Autor:  |  Frühjahr 1996
Dulce Maria Loynaz: Der Feind

Ich werde mich an den Eingang meines Zeltes setzen,
um den Leichnam meines Feindes vorbeikommen zu sehen.
Arabisches Sprichwort
Und er setzte sich an den Eingang seines Zeltes,
um den Leichnam seines Feindes vorbeikommen zu sehen.
Er hatte gelitten bis der Schmerz dumpf wurde: Spuren von Klauen
– von harten und langsamen Krallen –
sind auf seiner blutbefleckten Brust zurückgeblieben.

Er hatte gelitten bis an die Grenze dessen,

was man auf dieser Erde erleiden kann:
den Schatten einer einzigen Nacht
trägt er für immer in seinem Gesicht.
Aber er hatte nicht geweint:
während er sich keuchend an den Eingang seines Zeltes schleppte,
weinte er keine Träne der Niedertracht.
Er wußte, daß sein Leben für eine lange Zeit nicht mehr sein würde
als eine große Erwartung,
die Erwartung der einen Stunde der Gerechtigkeit.

Dulce Maria Loynaz: Der Feind - Foto: Quetzal-Redaktion, gtDa unten im Tal tagte es…

Es waren viele Tage und viele Nächte vergangen.
Katarakte von Regen waren gefallen,
der Wind hatte die Bäume zerbrochen und die Flüsse aufgewühlt;
die Sonne hatte die Ernten verbrannt und das Korn in der Furche geschwärzt,
der Nebel die Landschaft ausgelöscht, die Rosen sind erblüht und gestorben,
und der Mann blieb am Eingang seines Zeltes, wartend.

Dieser Mann hatte soviel erlitten,
daß er gelernt hatte zu warten.
Dann öffnete der Frühling seine Strudel voll lauer Luft,
dann entließ der Sommer seine Schmetterlinge in die Luft aus Kristall,
unterdessen näherte sich der langsame Herbst,
machte die späten Knospen schwermütig
und verdunkelte den Fluß unter einer Woge trockenen Laubes.

Und lang war der samtweiche Winter,
der die letzten Schwalben vertrieb…

Dann kehrte der Frühling zurück,
seine Strudel aus Luft zu öffnen …
Dann …

Eine endlose Mattigkeit verwischte die vertraute Landschaft:
Alles war ein Wandel der Melancholien …

Morgens führten die Männer,
Sykomorenzweige schwenkend,
die rotäugigenen Ochsen zu ihrer harten Arbeit.

Nachmittags wuschen die Frauen die Wäsche im Fluß, singend …

Es gingen viele Jahre
und andere Männer mit Sykomorenzweigen führten rotäugige Ochsen,
aufs neue die Felder zu beackern,
und andere Frauen,
die Töchter dieser Frauen, die Enkelinnen dieser Töchter,
wuschen die Wäsche im Fluß,
nachmittags, das gleiche Lied singend …
Alles war ein Wechsel der Melancholien …

Eine endlose Mattigkeit verwischte die vertraute Landschaft.

Bisweilen,
hinter dem Dunkel von Abenddämmerung auf Abenddämmerung,
schien etwas sich zu bewegen, etwas zu erscheinen:
vielleicht die kleine Stadt da in der Ferne, die sich ausdehnte,
die den Hügel Stück für Stück herunterkam,
die sich ergoß wie verschüttete Milch;
vielleicht der Überdruß der fröstelnden Erde,
die sich in ihrer Jahrhundertschläfrigkeit umdreht, um ihre Lage zu wechseln.

Eines Tages erwachte das Tal
bedeckt von einem blassen Gebäude aus Gips und grauem Dach;
anderntags streckte sich der krumme und staubige Weg,
bedeckte sich mit glänzenden Pflastersteinen
und hängte – einer unechten Perle gleich -eine Glühlampe auf.

(Die Frauen sangen sehr leise im Fluß …)

Viele Tage, viele Tage:
Die runde Sonne fällt und steigt,
ähnlich einem goldenen Ball,
mit welchem ein riesiger Jongleur spielt, der unterhalb der Erdkugel steht.
Viele Nächte …
– Wollen wir die Sterne zählen?… –

Dulce Maria Loynaz: Der Feind - Foto: Quetzal-Redaktion, gtUnd plötzlich kommt der Leichnam des FEINDES …

Erst als er sich neben den gefallenen Körper stellte,
erkannte der Mann,
der über die Unendlichkeit von Raum und Zeit gewartet hatte,
daß es jener war:
in der Ferne war ihm jene nebelhafte Menschenmenge erschienen,
als wären es die alltäglichen Männer, die mit ihren Ochsen vom Feld zurückkamen,
die Sykomorenzweige in der Luft schwenkend.

Doch nein: die schreckliche Stunde der Gerechtigkeit
hatte schließlich geschlagen.
Wo schlug sie?

War sie es etwa nicht, was er schlagen hörte,
widerhallen in seinem Hirn, in seinem Herzen, in jedem einzelnen Finger? …

Voller Unruhe beugte sich der verletzte Mann über den Leichnam,
der vorbeikam.

Da war der FEIND;
er beugte sich noch weiter über ihn,
suchte mit getrübtem Blick seine Brust,
den Hohlraum des verhaßten Herzens …

Jene Brust war ebenfalls blutbefleckt;
zerrissen von derselben harten und langsamen
Klaue.
Sein Gesicht hatte den gleichen Schatten,
den gleichen Schatten, der auch sein eigenes bedeckte …
War sie das nicht, die Gerechtigkeit?

Der Mann blieb seltsam beunruhigt,
seine Finger bebten in der Luft. Sie erkannten vage,
daß nur durch ihn und für ihn das Schicksal seine Hand erhoben hatte,
und langsam fühlte er, wie ihn ein unbekanntes Entsetzen durchflutete,
das ihn dennoch nicht ganz erfüllte und sich ganz materialisierte.

Plötzlich riß der Mann die Hände an die Brust
und nervös zerriß er seine Kleidung, um seine eigene Wunde zu sehen…
Das dunkle Fleisch wurde schon ein wenig runzlig:
dann sah er abermals auf die Wunde seines FEINDES …

Diese war ein schwarzer Einschnitt,
tief, sternförmig zu den Rändern hin…
Das geronnene und dicke Blut kroch über die ganze Brust entlang.

- Gleich, gleich – stammelte der Mann mit hoher Stimme
und plötzlich breitete sich eine unvermutete, fremdartige Röte auf seiner Stirn aus …

Gleich, gleich ..
Ein bedeutender Zufall?
Und er versuchte, sich zu erinnern: Diese Nacht, diese Nacht…
Doch nein!
Der Schatten so vieler Ungerechtigkeiten und so großer Infamie verschmolz,
vermischte sich mit dem Schatten aller Nachmittage,
die er vom Eingang seines Zeltes aus sterben sah.
Vergebens suchte er in seiner Beklemmung mit seinen steifen Händen
diesen seinen Haß – die einzige Flamme seines Lebens – diesen heiligen Haß;
so groß und so traurig wie die LIEBE…

Er wollte den Trupp von Dämonen sehen, die ihn peinigten,
und er sah lediglich die Männer vom hellen Feld kommen,
mit ihren Ochsen und ihren Sykomorenzweigen…
Und es kam, daß er an sich und seinem Herzen zweifelte,
weil er an seinem Leid gezweifelt hatte.

Dulce Maria Loynaz: Der Feind - Foto: Quetzal-Redaktion, gtSanft neigte sich der Nachmittag;
der verwirrte, enttäuschte Mann,
endgültig entmutigt, betrachtete weiterhin den Leichnam seines FEINDES …

Vorbei flog eine Schwalbe…
Die Wunde
– seine Wunde – breit, schwarz, trostlos,
füllte sich mit dem Schatten der Nacht…

Und dann weinte der Mann.

aus: Dulce María Loynaz “Poemas náufragos“; Havanna 1991

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Übersetzungen aus dem Spanischen: Gabi Töpferwein

Bildquellen: [1], [2] und [3] Quetzal-Redaktion, gt


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