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Die große Salzwüste

Autor:  | Januar 2012 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Kunst & Kultur, Literatur
Literatur - Die große Salzwüste

Kultur - Salzwüste - Foto: Quetzal-Redaktion, fqMedardo geht weiter und weiß, dass er nun den Ort seines Unheils betritt. Er musste in die Salzwüste – diesmal nicht zum Schuften –, er hat sich mit einem Maultier auf den Weg gemacht, nur mit dem Allernötigsten für einen Tag versehen, mit Wasser, schützender Kleidung und der Tasche, er geht den wenigen Bewohnern der letzten Dörfer am Rande der Provinz und jenseits der Grenze aus dem Weg, auf gar keinen Fall will er diesen in die Arme laufen und auffallen, das Schicksal besser nicht herausfordern, am besten, wenn niemand ihn zu Gesicht bekommt, hat er sich gesagt, er muss noch den Straßenposten umgehen und weiter bis Recreo, wo Tina auf ihn warten wird, erst dann werden sie beide außer Gefahr sein. Aber nach kurzer Wegstrecke ist ihm das Maultier krepiert, davon lässt er sich jedoch nicht unterkriegen, und zügig läuft er weiter, noch ist der Durst auszuhalten, er ist stolz auf das, was er getan hat, sein Ziel versorgt ihn mit Kraft, er hat die Tasche, und Tina wartet auf ihn, darauf kann er voll und ganz bauen, aber zunächst mal, obwohl er so gut es geht eingepackt ist, hat er weiße Wimpern und weiße Haare, einen trockenen Mund und, da er in seinem eigenen Schweiß schwimmt, feuchte Kleidung, verbissen geht er weiter und liegt gut in der Zeit, obwohl er schon alles andere als leichtfüßig ist und sich auch nicht mehr an das anfängliche Gefühl des Schwebens und der Freude erinnert, als er triumphierend aufgebrochen ist, mit der Tasche nur für ihn allein und mit Tinas Versprechen, in Recreo auf ihn zu warten.

In dem 800-Seelen-Dorf Lucio V. Mansilla kann er von niemandem Hilfe erwarten, das weiß er, aber er vertraut darauf, dass auf der verlassenen Nebenstation der Eisenbahn in Totoralejos immer noch der Wartungswagen steht, den er vor einigen Monaten da gesehen hat. Wenn nicht und will er die stark befahrene Nationalstraße umgehen, liegt noch ein gutes Stück Weges durch die Salzwüste vor ihm, aber das Salzwerk muss er ebenfalls meiden, denn auch wenn es schon aufgegeben ist, kommt der klapprige Kleintransporter mit der von dem feinen Salzstaub zerfressenen Karosserie dort immer wieder mal hin – das Salz, das schier unablässig in der Luft dieses trockenen, weißen und unendlichen Meeres schwirrt, frisst sich überall ein – der Kleinlaster fährt vor mit dem Trupp, den er gut kennt, schließlich hat er viele Male mit ihnen Salz geschaufelt, ein Dutzend Arbeiter, Sombreros oder Mützen auf den Köpfen, Handschuhe, die Hälse umwickelt mit Lappen, die Haut, wo die Luft sie angreifen könnte, verhüllt, die Augen bedeckt, weil sie Schaden nehmen, früher oder später raubt die Salzwüste denjenigen, die sich in sie hineinwagen, das Augenlicht. Medardo hütet sich davor, den Weg über das alte Salzwerk zu nehmen, er ist sich sicher, wenn irgendeiner der armen Teufel ihn zufällig sähe, bekäme Tiburcio umgehend Bescheid, so sehr lieben sie ihn, der bei allen und jedem in der Kreide steht, sie kommen mit dem unlackierten und türlosen Laster, mit ihren Spitzhacken und Schaufeln, die auf der glühendheißen weißen Wüste quietschen, knacks, knacks, unter Medardos Füßen zersplittern die winzigen Kristalle wie Vogelknöchelchen, seine Schritte verfallen in den so vertrauten Rhythmus, die Schläge, die die flache Salzkrustenschicht in Stücke brechen, der Takt, der ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist und den er mit Leichtigkeit halten kann, krach, krach, krach, es ist der Klang der Schritte, Spitzhacken und Schaufeln in der Salzwüste, den Medardo nun niemals mehr vernehmen wird, da er ein für allemal beschlossen hat, dass von jetzt an die anderen die Malocher sein werden, und deshalb hat er die Tasche bei sich und Tina, die ihn in Sicherheit erwartet, wird die Grenze bereits überschritten haben und in der Pension von Recreo sein, so wie er es ihr gesagt hat.

Er war sich sicher, instinktiv den kürzesten Weg durch die Salzwüste eingeschlagen zu haben, aber die Missgeschicke wollen nicht abreißen. Unterwegs ist sein Maultier verendet, in der Nacht hat es geregnet und in den kleinen, vom Wind aufgeschichteten, gezackten Kämmen sind mehr oder weniger große merkwürdige Pfützen entstanden, flache Gewässer, die aber verwirren, die Geografie und die Landschaft verändern. Gegen Mittag, wenn das Wasser bei Temperaturen von fast 50° C stärker verdunstet, sieht man überall diesen beißenden Dampf aufsteigen, der sich wie eine warme Decke um einen legt und sich beim Gehen nur mühsam ertragen lässt, salzig und aggressiv, die Haut wirft Blasen, mit der Zeit wird sie dick und verkrustet sich. Medardo hat keine andere Wahl als in diese kleinen sumpfigen Inseln, die sich gebildet haben, hineinzuschliddern und obwohl er mit allen Mitteln dies zu verhindern versucht, sind seine Füße klatschnass, die hanfbesohlten Stoffschuhe ähneln bereits Gipsstiefeln, immer schwerer und schwerer, und der weiße Staub wird vom Regen verwirbelt und entwickelt einen ätzenden Dampf, steht förmlich im heißen Wind, es ist ein salziger Staub, der beim Luftholen berauscht und benebelt.

Die Nacht hat er im Schutz des Maultierkadavers verbracht und bei Tagesanbruch bricht er – die noch mäßigen Temperaturen im Sinn – wieder auf, um die morgendliche Kühle auszunutzen, bei sich das wenige Wasser, die schützenden Kleidungsstücke und die Tasche. Und dann scheint die Sonne im Zenit zu stehen und die Hitze ist kaum noch zu ertragen, er schwankt hin und her zwischen Weitergehen und der Hoffnung, der Nachmittag könnte ihm Erleichterung verschaffen, aber er hat kein Versteck und wähnt sich schon in der Nähe von Totoralejos, nah der Bahnstrecke, des sicheren Beförderungsmittels, obwohl er sich dessen bei dem Flirren, der Hitze und dem in der Luft herumwirbelnden Salz bereits seit geraumer Zeit gar nicht mehr sicher ist. Egal – er hat sich entschieden, es zu riskieren, den Weg nach Norden einzuschlagen, er weiß, wenn er dem Posten entgeht und es auf die andere Seite der Nationalstraße schafft, sind dort Weiden, etwas Grün, der eine oder andere Kaktus, dessen saftiges Fleisch er essen könnte, ein wenig Schatten. Schon bildet er sich ein, die Vögel zu hören, den Rauch eines Hauses von jenseits der Grenze der Salzwüste zu riechen, aber das Blenden der Sonne auf dem Salz ist unerträglich, es fällt ihm schwer, überhaupt etwas zu sehen, einen klaren Gedanken zu fassen, jetzt meint er, die ausgelegten Schienen, die der Trupp jeden Tag zum Arbeiten auf- und abbaut sowie die kleinen Förderwagen, in die jene bedauerlichen Arbeiter das Salz verladen, das sie brechen und auf den Laster schaufeln, auszumachen, der Gedanke, um Hilfe zu bitten, drängt sich ihm auf, selbst wenn es bei denen von Lucio V. sein sollte, schlimmstenfalls würden sie ihn ausliefern, obwohl es ihm jetzt auch schon gleich ist, Hauptsache sie haben Wasser und können ihn hier rausholen, aber nach kurzer Wegstrecke mitten in seinen Grübeleien, ob er kapitulieren soll oder nicht, sieht er, dass es weder die kleinen Förderwagen noch die ausgelegten Schienen auf der weißen Platte gibt, dass es seiner Fantasie zuzuschreiben ist, erkennt er die Dringlichkeit möglichst bald auf der einen oder der anderen Seite anzukommen. Er hatte noch gut einen Tagesmarsch vor sich und den dafür notwendigen Proviant, aber ihm ist das Tier eingegangen, also lädt er sich das Wasser selbst auf, den unverzichtbaren Mantel und die Tasche, wegen der er Román nach dem Überfall getötet und sich in die Wüste gewagt hat, und er geht einen ganzen weiteren Tag ohne Trinken, daran gewöhnt den Durst in der Salzwüste auszuhalten.

Jetzt endlich glaubt er sich bei dem Grasland angekommen, es wird wohl fast die Nationalstraße kreuzen, dort werden die Kakteen und das Grün der Niederung sein, für Minuten noch die heiß ersehnte Sicht verdeckt auf eine andere Landschaft, die den Schmerz von ihm nimmt, den das fürchterliche Weiß der Salzwüste verursacht, und dennoch bleibt er plötzlich stehen, die gefühllosen Füße spüren die Gefahr, das Blut schießt durch seinen Körper, in den Kopf, in die Augen, aber das kann doch nicht wahr sein, das bisschen Verstand, das er noch hat, weigert sich anzunehmen, dass es so sei, dort steht Tiburcio, aufrecht neben einer großen, in feuchtes und frisches Sackleinen eingeschlagenen Korbflasche, das kann einfach nicht so sein, bestimmt ist es eine Sinnestäuschung, eine Fata Morgana entsteht leicht in der Benommenheit, die die Hitze in der Salzwüste hervorruft.
Aber da ist Tiburcio, mit einer Blechkanne in der Hand, das eckige Lächeln, ruhig, ganz bedächtig schenkt er jetzt das volltönend sprudelnde Wasser ein, ohne auch nur einen Tropfen zu vergeuden, hebt die Kanne und bietet sie von Weitem an.

– Greifen Sie zu, Medardo, es ist für Sie. Ich hatte schon.

Kein Zweifel, das ist Tiburcios tiefes und dumpfes Lachen, gutherzig vielleicht oder hinterlistig, gegenüber einem unbewaffneten Medardo, der ohne das Maultier nicht mehr als das Überlebensnotwendige dabei hat, Decke und Wasser und die Tasche. Wie konnte er wissen, wann und wo er auf ihn hat warten müssen, außerdem sieht Medardo weit und breit kein Reittier, eine Erscheinung, denkt er, das ist nicht real, das erschöpfte Gehirn bringt Wirklichkeit und Traum durcheinander, der silberne Gesang des Wassers in der Kanne weckt jedoch seine Begierde über alle Maßen.

– Trink, Medardo. Die Korbflasche ist voll, wir haben mehr als genug.

Medardo tastet nach der Tasche, die er über der Schulter trägt und überlegt, ob er sie gegen Wasser eintauschen soll oder ob es noch einen anderen Ausweg gibt, was aber, wenn das Wasser vergiftet ist, worin besteht die Falle, fragt er sich, er kann sich des unguten Gefühls nicht erwehren, dass Tiburcio am Ende die Tasche so oder so bekommen wird, sein alter Chef wird bewaffnet sein, auch wenn sich kein Revolver erkennen lässt.

– Und was verschafft mir die Ehre, Tiburcio? Etwa die Hilfreiche-Magdalena-in-der-Wüste? Und das jetzt? Mit dem Schrecken hat Medardo seine Fassung ein wenig wiedererlangt, obwohl sein ausgetrockneter Mund ihm nur einige schwerfällige und erstickte Wörter erlaubt.

– Genau so ist es, mein Freund. Nehmen Sie das Wasser und dann unterhalten wir uns in aller Ruhe. War nicht mein Vetter Román, an den Sie sich so rangeschmissen hatten, bei Ihnen?

Medardo hat sich durchgerungen, das Risiko einzugehen und das Wasser zu nehmen und kommt näher.

– Folgen Sie mir zu der Niederung, dort suchen wir uns ein schattiges Plätzchen und reden. Kommen Sie und trinken Sie erstmal das Wasser, wir haben noch ein ziemliches Stück vor uns. Dann setzen wir uns hin, und ich schneide einen saftigen Kaktus für Sie auf. Sie haben doch bestimmt kein Messer dabei, oder, mein Freund?

Er wird schon dafür sorgen, dass ich gar nicht dort ankomme, denkt Tiburcio, und eins ist sicher, wenn ich da bin, brauche ich wegen der Kakteen kein Wasser mehr, aber wozu das alles, denn bestimmt trägt er einen Revolver. Medardo macht zwei kleine Schritte nach rechts, bloß um mal abzuschätzen, sie werden etwa zehn Meter voneinander entfernt sein, und wie er sich so bewegt, sieht er, dass Tiburcio es ihm nachmacht, parallel, zeitgleich, wie ein Spiegelbild.

– Wirst du mich töten, Tiburcio?

– Was denn, was denn, mein Freund! Was reden Sie da! Das liegt bestimmt an der Sonne und der Salzwüste. Nur die Ruhe, nehmen Sie, trinken Sie.

Medardo, der langsam näher gekommen ist, versucht anzudeuten, dass seine vorsichtigen Schritte nicht etwa mangelndem Zutrauen, sondern lediglich seiner Erschöpfung zuzuschreiben sind, aber er will auch wachsam sein und ohne die Tasche zu zeigen oder anzubieten, nimmt er die Kanne und trinkt sie aus – Kehle und Haut scheinen zu knistern, während sie wieder Wasser aufnehmen – und noch bevor er das Trinkgefäß ganz absetzt, ist Tiburcio bereits zur Stelle und schenkt mit freundschaftlicher Geste nach.

– Was ist jetzt mit Román, Medardo? Ist er nicht mit Ihnen gegangen?

– Nein, Tiburcio. Ich war es ganz allein. Román war nicht dabei.

– Und Tina haben Sie auch nicht gesehen, oder?

– Nein, glauben Sie mir, ich war das ganz alleine. Weder Román noch Tina habe ich seit Tagen gesehen.

– Schon länger nicht?

– Hier haben Sie die Tasche, Tiburcio. Ich weiß, wann ich verloren habe.

– Es ist Ihre, Medardo. Das Ding haben Sie gedreht. Ein anderes Mal machen wir es gemeinsam, so wie wir es besprochen haben. Nehmen Sie sie mit, mein Freund. Ich suche Román, der hat mir meine Frau ausgespannt.

– Ich überlasse Ihnen die Tasche und mache mich davon. Behalten Sie sie, mein Freund, als Dank für Ihre Hilfe.

– Ruhig, nehmen Sie sie mit, sage ich Ihnen. Revanchieren können Sie sich später.

– Dann sind wir also quitt, Tiburcio?

– Ja, quitt, mein Freund.

Medardo setzt sich in Bewegung, instinktiv beschreibt er einen Halbkreis, dessen Radius von den Füßen seines alten Chefs ausgeht. Als er sich außerhalb des Kreises befindet, dreht er sich um, grüßt mit erhobener Hand und nimmt seinen Weg Richtung Niederung wieder auf. Und obgleich er weiß, dass noch nicht einmal Beten ihm den Beistand der Jungfrau Maria einbringen wird, fleht er, dass der Schuss seines alten Chefs ihn voll in den Rücken trifft und niederstreckt, betet er zur Muttergottes und – sicher ist sicher – auch zur Hölle, dass Tiburcio nicht auf seinen Oberschenkel oder auf seine Hüfte zielt – bei diesem Hurensohn ist mit allem zu rechnen – und ihn nicht unter der sengenden Sonne in der Salzwüste verrecken lässt, so kurz vor dem Ende seiner Reise durch die Wüste und so nah an der Nationalstraße und dem Grünland, das von der kleinen Anhöhe, wo Tiburcio steht, so gut wie schon zu sehen ist.

Übersetzung aus dem Spanischen: Gabriele Eschweiler

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Kultur - Gustavo Made - Foto: Quetzal-Redaktion, gmGUSTAVO MADE (1954, Mendoza, Argentinien), ist Doktor der Hispanischen Literatur und Professor für Semiotik. 1997 veröffentlichte er in Buenos Aires den Erzählband Subterráneos Privados. Seine Erzählung Un lugar donde vivir ist 2005 in der Antología de nuevos narradores (Editorial Dragontinas, Madrid) erschienen. Außerdem hat er Erzählungen in verschiedenen Literaturzeitschriften in Mexiko, Spanien und Argentinien veröffentlicht.
 
 
 


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