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„The Western Hemisphere“ – Ein geopolitisches Konzept im Dienst der USA

Autor:  | Februar 2020 | Artikel empfehlen

Spätestens seit Donald Trump mit seiner Politik des „America first“ Schlagzeilen macht, lohnt es sich, erneut darüber nachzudenken, wie sich die USA in der heutigen Welt sehen und verorten. Dies beginnt bereits mit dem Begriff „Amerika“. Gemeinhin wird er mit den Vereinigten Staaten von Amerika gleichgesetzt. Diese sind aber nur Teil eines größeren Amerika, das sich von Arktis bis nach Feuerland erstreckt. Für diesen Doppelkontinent haben sich im US-amerikanischen Sprachgebrauch zwei Begriffe eingebürgert: „The Americas“ und „Western Hemisphere“. Beide, beziehen sich zwar auf die selbe riesige Landmasse, sind aber dennoch nicht gleichzusetzen. Ein Blick in die Geschichte hilft, die feinen, aber wichtigen Unterschiede sichtbar zu machen.

Die USA schaffen sich eine eigene Hemisphäre

Nach der „Entdeckung“ Amerikas durch die Europäer hatte sich zunächst die Bezeichnung „Neue Welt“ durchgesetzt. Im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen der britischen Siedlerkolonien in Nordamerika rückte die Abgrenzung zu Europa in den Vordergrund. Als in Spanisch-Amerika die Kreolen ähnliche Ambitionen entwickelten, verlieh Thomas Jefferson 1808 dem Streben nach Marti_Cadiz_Bild_Quetzalredaktion_gcZurückdrängung des europäischen Einflusses Ausdruck, indem er die gemeinsamen Interessen der Bewohner „dieser Hemisphäre“ hervorhob (Whitaker 1954, S. 28). Später (1813) forderte er für Amerika eine eigene Hemisphäre im Sinne eines von Europa getrennten Systems (zitiert in Sicker 2002, S.15).

Am 2. Dezember 1823 hielt US-Präsident James Monroe eine Rede zur Lage der Nation vor dem Kongress, die später als Monroe-Doktrin in die Geschichte einging. Zwei Jahre zuvor hatte Mexiko seine Unabhängigkeit von Spanien verkündet und in Südamerika zeichnete sich die militärische Niederlage der iberischen Kolonialmacht ab. Unmittelbarer Anlass der Erklärung waren die Bestrebungen des russischen Zaren, seinen Einfluss entlang der Nordwestküste Amerikas in südlicher Richtung auszuweiten. Vor diesem Hintergrund warnte Monroe die europäischen Staaten davor, die verlorenen Kolonien zurückzuerobern oder sich in die Angelegenheiten der unabhängig gewordenen Staaten einzumischen. Jeder derartige Versuch der europäischen Mächte, „ihr System auf irgendeinen Teil dieser Hemisphäre auszudehnen“, würde als Gefährdung des Friedens und der Sicherheit der USA betrachtet werden (zum Wortlauf der Rede vgl. Perkins, S. 394-396). Damit wurde die Raumkonstruktion einer separaten, außerhalb des europäischen Systems liegenden Hemisphäre zu einem Eckpfeiler der Außen- und Sicherheitspolitik der USA.

Seitdem beansprucht Washington die „Western Hemisphere“ als alleinige Einflusszone, wobei das ursprünglich defensiv verstandene Motto „Amerika den Amerikanern“ mit dem Aufstieg der USA zur Welt- und Supermacht im Sinne eine aggressiven Expansionspolitik umgedeutet wurde. Der kubanische Dichter und Freiheitskämpfer José Martí stellte 1891 dem US-amerikanischen Konzept das Projekt eines emanzipierten Lateinamerika entgegen, das er „Nuestra América“ (Unser Amerika) nannte.

Aus heutiger Sicht lassen sich folgende Merkmals des Konzepts der „Western Hemisphere“ benennen:

1. Der amerikanische Doppelkontinent (die Amerikas) wird räumlich vom „europäischen System“ getrennt und zur alleinigen Einflusszone der USA erklärt. Die Umsetzung dieses Hegemonialanspruchs erfolgt in Abhängigkeit vom Machtzuwachs des selbsternannten Protektors. Unter dem Banner des „Manifest Destiny“ vollzieht sich zunächst die Westexpansion der USA, die neben den „Indianerkriegen“ auch Kriege mit Mexiko einschließt. Mit dem Sieg der Vereinigten Staaten im Krieg gegen Spanien 1898 nimmt die so errungene Vormachtstellung über die westliche Hemisphäre endgültig einen imperialistischen Charakter an. Die Erweiterung der Monroe-Doktrin (Roosevelt Corollary 1904) sowie die zahlreichen Interventionen der US-Marines in Mexiko, Zentralamerika und der Karibik belegen dies. Die Hegemonie über die westliche Hemisphäre signalisiert zugleich den Aufstieg der USA zur Weltmacht.

2. Indem das Konzept der „Western Hemisphere“ den Schwerpunkt auf den geographischen Raum legt, ist es in seiner geopolitischen Anwendung und Umsetzung flexibel. Dies betrifft zum einen die räumlichen Grenzen, zum anderen die außen- und sicherheitspolitische Ausrichtung. Ein Beispiel dafür ist der 2. Weltkrieg. Angesichts der Gefahr einer deutschen Invasion erklärte US-Präsident Franklin D. Roosevelt die gesamte westliche Hemisphäre zur Sicherheits- und Verteidigungszone der USA und weitete deren Perimeter unter Einschluss von Grönland und Island bis in die Mitte des Atlantik aus. Auf der pazifischen Seite reichte sie im Krieg gegen Japan sogar bis nach Australien.

3. Die Flexibilität des Konzepts der westlichen Hemisphäre zeigt sich zudem darin, dass es innerhalb des definierten Raumes seitens der USA kulturelle Abgrenzungen und machtpolitische Abstufungen möglich macht. Dies gilt insonderheit für Lateinamerika und die Karibik, aber auch für die abhängigen Territorien im Pazifik und Kanada. Ungeachtet aller Unterschiede gegenüber den USA bilden alle gemeinsam die westliche Hemisphäre. Zugleich wird die geopolitische Insellage der 48 kontinentalen US-Bundesstaaten zwischen Kanada und Mexiko unterstrichen. Damit ist das Konzept der westlichen Hemisphäre auch in Hinblick auf die Errichtung einer US-amerikanischen Weltordnung anschlussfähig.

Eine Hemisphäre, aber zweigeteilt

Die Raumkonstruktion der westlichen Hemisphäre stellt das unverzichtbare Bindeglied zwischen der geopolitischen Insellage der USA einerseits und ihrer selbst gewählten Mission als Schöpfer bzw. Bewahrer einer liberalen Weltordnung andererseits dar. Die Geographie und die Geschichte haben es mit den USA besonders gut gemeint. Die Vereinigten Staaten sind ein Land von kontinentalem Ausmaß, das hauptsächlich in den gemäßigten Klimazonen liegt und ökonomisch immer noch das Zentrum der Weltwirtschaft bildet. Zudem verfügt Washington über die stärkste Militärmacht der Welt. Die Sicherheitslage der Vereinigten Staaten ist – verglichen mit allen potentiellen oder realen Herausforderern (China, Russland EU) – ausgesprochen vorteilhaft. Zwei schwache, wirtschaftlich eng mit den USA verflochtene und politisch kooperative Nachbarn im Norden (Kanada) und Süden (Mexiko) sowie der Atlantische und Pazifische Ozean im Osten bzw. Westen, die die Vereinigten Staaten von der eurasischen Landmasse trennen, machen das mächtige Land faktisch zu einer Insel – eine geopolitisch einzigartige Position.

Mit einer zielgerichteten regionalen Integrations- und Sicherheitspolitik haben die USA in den letzten dreißig Jahren ganz Nordamerika in diese Insellage integriert, wobei Kanada und Mexiko die nördliche bzw. südliche Peripherie bilden. Während die 1994 gegründete und 2018 von Donald Trump neu verhandelte Nordamerikanische Freihandelszone (NAFTA bzw. USMCA) das US-Flagge_Bild_Quetzalredaktion_gcwirtschaftliche Bindeglied zwischen den drei nordamerikanischen Staaten darstellt, fungiert das im Oktober 2002 errichtete US Northern Command (NorthCom) als militärisches Schutzschild Nordamerikas (ohne Grönland). Kanada ist zudem Gründungsmitglied der NATO. Durch die Eingliederung in NorthCom ist nun auch Mexiko offiziell Teil der neuen Homefront der USA, während der südliche Teil der westlichen Hemisphäre – ohne Puerto Rico, die US-amerikanischen Jungferninseln und die Bahamas, die in die Zuständigkeit des NorthCom fallen – dem US Southern Command (SouthCom) unterstehen. Für die übrige Welt sind andere Regionalkommandos der USA-Streitkräfte zuständig: das US European Command für Europa, das US Indo-Pacific Command für den Indo-Pazifik einschließlich China, Mongolei, Indien und Australien, das US Central Command für den Mittleren Osten einschließlich Ägypten und Zentralasien sowie das US Africa Command für Afrika.

Die Aufgabe des SouthCom ergibt sich aus der spezifischen Sicherheitsperzeption der USA, die Franklin D. Roosevelt mit seiner Unterscheidung von „our neighborhood“ und „our homeland“ auf den Punkt gebracht hatte (US SouthCom Strategy, S. 2). In Anlehnung daran spricht Admiral James Stavridis, der von 2006 bis 2009 an der Spitze des SouthCom stand, von „a House United“ und „a House Divided“. Während Nordamerika die Heimatfront bildet, drohen aus dem benachbarten südlichem Teil der westlichen Hemisphäre Gefahren, die aus speziellen Problemen wie Armut und gesellschaftlicher Polarisierung erwachsen. Neben illegalem Drogenhandel, organisierter Kriminalität und Gangs zählen neuerdings auch (wieder) extraregionale staatliche Akteure (China, Russland, Iran, Nordkorea) zu den Bedrohungen. SouthCom hat die vorrangige Aufgabe, die Heimatfront vor diesen zu beschützen und alle Gefährdungen des gemeinsamen, aber geteilten Hauses zu bekämpfen (Stavridis 2010, S. 3-10).

Die westliche Hemisphäre in der globalen Hegemonialpolitik der USA

Mit dem Eintritt der USA in den 2. Weltkrieg im Dezember 1941 erfolgte eine grundsätzliche Wende der Außen- und Sicherheitspolitik der USA, die auch den Platz der westlichen Hemisphäre neu bestimmte. Zuvor war das Konzept vor allem auf die Abgrenzung gegenüber dem europäischen System gerichtet gewesen, was oftmals mit dem Begriff des Isolationismus beschrieben wird, während ab 1941 eine Neuausrichtung im Dienst der globalen Machtausweitung erfolgte. Der Zwei-Fronten-Krieg gegen Deutschland und Japan hatte auch den härtesten Isolationisten klar gemacht, dass die Herrschaft über die westliche Hemisphäre allein nicht (mehr) genügte, um sich den Weltmachtstatus zu sichern. Fortan richteten die USA ihre gesamten Anstrengungen auf die Errichtung einer liberalen Weltordnung. Dies bot die besten Garantien, um die angestrebten globalen Vormachtstellung der Vereinigten Staaten durchzusetzen.

Im geopolitischen Denken der USA gilt seit Nicholas Spykman (1893-1943) das Axiom, dass es dazu der Kontrolle über Eurasien bedurfte. Das eurasische Herzland, sprich: die Sowjetunion, sollte über die Randzonen (bei Spykman Rimland genannt) in die Zange genommen werden. Nur so konnte verhindert werden, dass sich in Eurasien eine Macht (oder Koalition) herausbildete, die in der Lage gewesen wäre, den USA Paroli zu bieten. Als worst case galt eine Allianz zwischen Deutschland und Russland bzw. der Sowjetunion. Washington gelang es mit der Strategie des containment, die auf der Kontrolle der Gegenküsten in Westeuropa und Ostasien beruhte, ihren Systemrivalen niederzuringen. Als die Sowjetunion 1991 implodierte, blieben die USA als alleinige und – in ihren Selbstverständnis – unverzichtbare Supermacht übrig.

Welche Rolle spielte aber die westliche Hemisphäre bei der Durchsetzung der globalen Vormachtstellung der USA ab 1941? Auf der einen Seite blieb die Monroe-Doktrin in Kraft, was sich immer dann in aller Deutlichkeit zeigte, wenn sich lateinamerikanische Staaten offen gegen die Vormachtstellung Washingtons zur Wehr setzten. Speziell während der kubanischen Raketenkrise 1962 und im verdeckten Krieg gegen das revolutionäre Nicaragua in den 1980er Jahren beriefen sich die amtierenden US-Präsidenten auf ihren „Auftrag“, die westliche Hemisphäre gegen „kommunistische Angriffe“ verteidigen zu müssen. Auf der anderen Seite galt Lateinamerika im Großen und Ganzen als sicherer Hinterhof der USA. Im Kalten Krieg mit der Sowjetunion fanden die entscheidenden Auseinandersetzungen außerhalb der westlichen Hemisphäre im eurasischen Rimland statt: in Ostasien (Korea, Indochina), im Mittleren und Nahen Osten sowie im geteilten Europa. Gemessen daran blieben die Konflikte und Herausforderungen in der westlichen Hemisphäre auf einem niedrigen Niveau. Hier zeigt sich ein Paradox: Gerade weil die westliche Hemisphäre als erste, längste und von außen am schwersten anzugreifende Einflusszone Washingtons selbst von der Sowjetunion nicht infrage gestellt werden konnte, spielte sie in der Außen- und Sicherheitspolitik der USA eine untergeordnete Rolle.

Dies begann sich erst ab 2001 schrittweise zu ändern. Nach den Terroranschlägen vom 11. September sah sich Washington gezwungen, seine Sicherheitspolitik zu überdenken. Innerhalb Nordamerikas stellte sich die Frage, wie die Expansion der Freihandelszone mit den neuen Sicherheits- und Kontrollbedürfnissen im Krieg gegen Drogen und Terror so abgestimmt werden konnte, dass auf beiden Feldern die Interessen Washingtons gewahrt blieben. Der rasante Aufstieg Chinas und die Rückkehr Russlands auf die Weltbühne, die beide an die gegenhegemoniale Regionalpolitik von Hugo Chávez anknüpfen konnten, bildete die zweite Zäsur bei der Neubestimmung der US-Außen- und Sicherheitspolitik in der westlichen Hemisphäre. An den jüngsten Auseinandersetzungen in und um Venezuela kann man gut erkennen, welche Bedeutung inzwischen jene Zone gewonnen hat, in der sich die Einsatzgebiete von NorthCom und SouthCom direkt berühren. Angesichts der zunehmenden Spannungen beruft sich Washington erneut auf die Monroe-Doktrin. Allein der Fakt, dass diese fast 200 Jahre nach ihrer Verkündung immer noch das Fundament der Außen- und Sicherheitspolitik Washingtons auf dem amerikanischen Doppel­kontinent bildet, verweist auf die zentrale Bedeutung der „Western Hemisphere“ für die USA.

 

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Literatur:

Braig, Marianne/ Baur, Christian: Geteilte westliche Hemisphäre oder wo liegt eigentlich Mexiko?, in: Birle, Peter u.a. (Hrsg.): Hemisphärische Konstruktionen. Frankfurt a. M. 2006, S. 51-75.

Perkins, Dexter: A History of the Monroe Doctrine. London 1960.

Marshall, Tim: Die Macht der Geographie. Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt. München 2015, S. 73-96.

Sicker, Martin: The Geopolitics of Security in the Americas. Hemispheric Denial from Monroe to Clinton. Westport et al. 2002.

Stavridis, James: Partnership for the Americas. Western Hemisphere Strategy and the U.S. Southern Command. Washington D.C. 2010.

United States Southern Command Strategy: Enduring Promise for the Americas. 8 May 2019.

Whitaker, Arthur P.: The Western Hemisphere Idea: Its Rise and Decline. Ithaca 1954.

 

Bildquelle: [1,2] Quetzalredaktion_gc


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