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Sport und Spiele bei den Nahua

Autor:  |  Herbst 1997

Die Nahua sind eine vor vor allem in Nord- und Mittelamerika beheimatete Sprachfamilie, zu der in vorkulumbischer Zeit u.a. die Tolteken, Chichimeken und Azteken zählten. Heute gehören zu dieser Gruppe neben den Azteken die Pipil, Nicarao und Sigua.

In der präkolumbischen Nahuatl-Gesellschaft wurden zahlreiche öffentliche und private Spiele organisierte; erstere dienten bestimmten religiösen Festlichkeiten und letztere galten der privaten Entspannung und Kurzweil. Im folgenden sollen einige der wichtigsten Spiele dargestellt werden, wobei die Darstellung sich vor allem auf die Bräuche der Azteken bezieht, von denen man auch die meisten Informationen hat.

Wettrennen

Im zweiten Monat des Jahres fanden militärische Wettkämpfe statt, in denen die Truppen dem Volk eine Feldschlacht präsentierten. Derartige religiöse Vergnügungen waren für den Staat sehr wichtig: zum einen boten sie dem Publikum eine Unterhaltung und außerdem gaben sie den Kriegern, den Verteidigern des Landes, die Möglichkeit, Fertigkeiten zur erhöhen und sich an die Gefahren zu gewöhnen, die sie abzuwenden hatten. Nach der Konquista ersetzten die Spanier diese Kämpfe durch solche, die den Krieg zwischen Christen und Mauren darstellen sollten. Einige indigena-Gruppen praktizieren diesen Brauch bis heute unter dem Namen RETO bei den Festen zu Ehren ihres Ortsheiligen.

Voladores

Diese Veranstaltung ist die berühmteste und wird nach wie vor in den großen Städten praktiziert; die Akteure sind aber stets indigenas. Die voladores sind heute eine große Touristenattraktion, am berühmtesten sind wohl die Vorführungen an der Nischenpyramide von El Tajin. In vorkolumbischer Zeit fand dieses Spiel im Rahmen von großen Festen statt, besonders bei weltlichen, wie z.B. am Ende jedes Zyklusses, der 52 Jahre umfaßte. Man suchte in den Wäldern nach einem hohen Baum, der kräftig und gerade gewachsen war und entfernte alle Äste und die Rinde. Danach wurde der Stamm in die Stadt gebracht und mitten auf einem großen Platz aufgestellt. Am oberen Ende wurde ein großer Zylinder befestigt, an welchem vier starke Seile hingen. Diese waren nötig, um ein ebenfalls hölzernes quadratisches Gestell zu halten. In den Zwischenräumen zwischen Zylinder und Gestell waren vier weitere Seile verschnürt, die um den Stamm geschlungen waren. Diese Seile waren durch vier Löcher geschlungen, die sich jeweils in der Mitte der vier Holme des Gestells befanden. Die vier Haupt-voladores, gekleidet in Adler- oder andere Vogel-Kostüme, kletterten mit unglaublicher Geschicklichkeit an einem am Gestell festgemachten Seil auf den Baum. Einer nach dem anderen stiegen sie zu dem Zylinder hinauf und nachdem sie ein wenig getanzt hatten, um das Publikum zu unterhalten, banden sie sich mit dem Seil an dem Gestell fest. Danach schwangen sie sich mit viel Schwung in die Luft, wobei sie die Arme ausbreiteten, um wie Vögel zu fliegen. Der Impuls der fliegenden Körper setzte das Gestell und den Zylinder ebenfalls in Bewegung. Mit der ersten Drehung wickelten sich die Seile ab, an denen die voladores hingen; und da die Seile immer länger wurden, vergrößerten sich die Kreise, die die Fliegenden beschrieben. Während diese vier um den Stamm kreisten, tanzte ein anderer auf dem Zylinder. Dabei schlug er eine Handtrommel oder schwang eine Fahne, ohne die Absturzgefahr zu beachten, die ihm in dieser Höhe von 70 Fuß drohte. Wenn die anderen, die sich noch auf dem Gestell befanden, denn gewöhnlich stiegen zehn oder zwölf Personen auf den Mast, sahen, daß die voladores sich in der letzten Drehung befanden, griffen sie unter dem Applaus des Publikums ebenfalls zu den Seilen, um sich mit der gleichen Geschwindigkeit wie die anderen in die Tiefe zu stürzen.

Um ihr Können zu zeigen, versuchten die voladores gewöhnlich an einander vorbeizufliegen. Das Wesen dieses Spiels bestand darin, die Größe des Baumes und die Länge der Seile so aneinander anzupassen, daß die vier voladores den Boden nach exakt dreizehn Drehungen erreichen konnten. Da, wie man sagt, jeder von ihnen eine Periode von dreizehn Jahren repräsentierte, vollendeten sie auf diese Weise symbolisch ein Jahrhundert, welches bei den Nahua 52 Jahre währte.

Heutzutage wird die Anzahl der Drehungen um den Stamm nicht mehr berechnet; ein Gestell kann sechs oder acht Ecken haben, das hängt von der Zahl der voladores ab. In manchen Dörfern werden Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um Unfälle der „fliegenden Menschen” zu verhindern. Es ist nämlich nicht ungewöhnlich, daß an der Darbietung Betrunkene teilnehmen, die dann leicht das Gleichgewicht verlieren und sich zu Tode stürzen können.

Patolli

Dieses Spiel wurde mit Bohnen (als eine Art Würfel) gespielt, deren Wert mit Punkten gekennzeichnet war. Auf eine Palmmatte wurde ein nauholi gezeichnet, ein kreuzförmiger Spielplan, der aus vier Balken bestand. Es spielten jeweils zwei Spieler mit fünf grellfarbenen (patolli), die dem Spiel den Namen gaben, und fünf blaue Spielsteine. Patollibezog sich auf den 52-Jahre-Zyklus: Die vier Arme des Spielplanes trugen die Symbole von Haus, Kaninchen, Rohr und Steinmesser, die Anfänge der Jahreszyklen. Jeder Spieler mußte die auf den Balken in Doppelreihen eingezeichneten 52 Häuser durchlaufen: Von seinem Ausgangsfeld durch alle Häuser und zurück (4×13=52).

Vor Beginn des Spiel betete man und erbat Glück für Bohnen und Palmmatte. Dazu wurden die Spielsteine zunächst eine Weile in den Händen gerieben und die Gottheit Maculxochil (Fünf-Blume), Schutzpatron des Spiels, angerufen. Auch Ometochtli, der Gott des Pulque, war für das Spiel „zuständig”.

Tlachtli (Pelota)

Das wohl verbreitetste Spiel, das sehr viel Vergnügen bereitete und mit zahlreichen religiösen Symbolen verbunden war. Gespielt wurde auf dem tlachco, einem 100 bis 200 Fuß langen Spielfeld, das an seinen beiden Enden Rinnen hatte. Solche Felder gab es in jeder Stadt und auch in einigen größeren Dörfern. Die Mauern an den Längsseiten des Spielfeldes waren ca. zwei Meter hoch und an ihrer Innenseite weiß getüncht. Darauf waren Bildnisse von den Götzen und Göttern gemalt, denen das Spiel gewidmet war. Es hatte auch religiöse Gründe, daß um das Spielfeld herum (außerhalb der Umzäunung) Palmen und ein besonderer, Colorines genannter Baum gepflanzt wurden. Überall trugen diese Wände Zinnen oder Steinidole, von welchen die Anhänger das Spiel zu verfolgen pflegten. In der Mitte der beiden Mauern befanden sich, eine der anderen genau gegenüber, zwei mit Löchern versehene Steinscheiben. Sieger war der, dem es zuerst gelang, seinen Ball durch die Scheibe zu werfen. Auf dem Boden unter den Scheiben waren mit einem besonderen Kraut schwarze oder grüne Linien gemalt, die der Ball passieren mußte. Der Ball selbst bestand aus Naturkautschuk und hatte einen Durchmesser von drei oder vier Zoll. Obwohl der Ball schwer war, erreichte er beim Spiel eine hohe Geschwindigkeit. Im allgemeinen spielten Mannschaften von jeweils zwei oder drei Spielern gegeneinander. Der Ball durfte nur mit den Knien, Handgelenken, Ellbogen und dem Hintern berührt werden; wurde der Ball mit den Händen, den Füßen oder einem anderen (nicht erlaubten) Körperteil berührt, erhielt der betreffende Spieler einen Punkt Abzug. Tlachtli wurde mit großer Geschicklichkeit und Gewandtheit gespielt, es passierte, daß der Ball eine Stunde lang nicht auf den Boden fiel.

Der Sieger, also derjenige, der zuerst den Ball durch die Steinscheibe werfen konnte, wurde überschwenglich gefeiert. Man umarmte ihn, stimmte Loblieder auf ihn an und tanzte mit ihm. Es war üblich, ihm Preise und Geschenke wie Federn, Decken und Lendenschurze zu überreichen. Hier muß erwähnt werden, daß Ballspieler nur mit einem Lendenschurz und um den Oberschenkel geschlungenen Tüchern aus Hirschleder bekleidet waren. Bei wichtigen Anlässen, so berichten Chroniken, hatten die Spieler der Verlierermannschaft unter Umständen auch mit ihrer Hinrichtung zu rechnen.

Während der Spiele waren Wetten allgemein üblich. Es wurden Perlen, Decken, Federn, Waffen, Sklaven und sogar die eigenen Ehefrauen verwettet. Arme Leute verspielten Maiskolben und manchmal auch ihre Freiheit. Das Wettfieber der Nahua war auch bei anderen Spielen wie z.B. bei patolli zu beobachten. Die professionellen Spieler waren übrigens sehr abergläubisch. In der Nacht bewahrten sie den Ball, den Lendenschurz und ihre Handschuhe in einem speziellen Gefäß auf, darüber hinaus sprachen sie besondere, außergewöhnliche Gebete und beschworen die Götter, ihnen den Sieg zu schenken.

Für die Nahuas war das Spiel eine Darstellung der Bewegung von Sonne und Mond. Sie stellten sich die Sonne als einen für immer am Firmament angebrachten Ball vor, der sich nicht bewegen oder herunterfallen kann. Das war allein an den Enden des tlachtli möglich, die den Sonnenwenden entsprachen. Die Veränderungen des Sternenhimmels nannten sie „Ballspiel der Sterne”. Da sie feststellten, daß die Sterne zu den verschiedenen Abschnitten des Jahres ganz unterschiedliche Plätze am Himmel beanspruchten, glaubten sie, diese seien Bälle aus Licht, die in verschiedene Richtungen geworfen worden sind bei einem riesigen „tlachtli der Himmel”.


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