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Der 12. Oktober: Tag der Rasse?
Der Mythos vom weißen Mann

Autor:  | Oktober 2010 | Artikel empfehlen
Globale Beziehungen - Der 12. Oktober: Tag der Rasse

Christoph Columbus - Landung in San Salvador 1492 (Zeichnung: Public Domain)Ich erinnere mich, dass ich, als ich ein Kind und unwissend war, dachte, der 12. Oktober sei der Tag der Amerikaner und Christoph Kolumbus, diese Gestalt mit weißer Haut und Seidenwams, eine Art Indiana Jones. Als meine Klassenkameraden begannen, ihre Nachnamen zu ändern, Mamani wurde zu Maisman, Quispe zu Quisbert und Condori zu Condorset, überkamen mich jedoch Zweifel. Also begann ich, die Ursache für diese seltsame Metamorphose zu suchen, bis ich sie in meinen Schulbüchern fand. Der Admiral des Ozeans, Vizekönig der Ländereien der Neuen Welt, Statthalter und Gouverneur, der weder aus Genua noch aus Portugal, aber auch nicht aus Spanien stammte, war auf der Erde kniend abgebildet, den Blick auf den weiten Himmel gerichtet, als wolle er Gott dafür danken, die lange und anstrengende Überfahrt lebend überstanden zu haben. Er trug zwar weder einen Helm noch eine Rüstung, hielt jedoch in der einen Hand ein königliches Banner und in der anderen ein Schwert mit Verzierung und Parierstange. Hinter ihm waren drei Karavellen zu sehen, die zwischen Himmel und Meer schwebten, während an der Küste von Guanahaní, das ein Paradies ohne Schlangen oder Sünden zu sein schien, die Indigenen mit kupferfarbener Haut, nackten Oberkörpern und verwunderten und ängstlichen Blicken zum Vorschein kamen.

Meine Lehrerin, die eine Adlernase und vorstehende Wangenknochen hatte wie die Prinzessinnen des Inkareichs, war die erste, die uns die offizielle Version der Sieger übermittelte. Sie erklärte uns, dass Christoph Kolumbus den zivilisierten Menschen repräsentiere, dessen physische und mentale Geschicklichkeit ihn dazu gebracht hatte, die Geheimnisse des Ozeans zu erkunden und Völker zu entdecken, die in Rückständigkeit und Unwissenheit lebten. Ich glaubte ihr, so wie der Kirchgänger dem Geistlichen glaubt, ohne zu wissen, dass sie uns in der Schule den Mythos vom weißen Mann lehrten und dass meine Lehrerin, durch und durch indigen, mit der geliehenen Stimme der nach Blut und Reichtum hungrigen Menschen sprach. Das, was sie den „Tag der Rasse” nannte, war in Wahrheit der Tag gegen die Rasse –gegen ihre eigene Rasse–, abgesehen davon, dass in Amerika, von Kanada bis Kap Hoorn, nach diesem Unheil bringenden 12. Oktober 1492 nichts mehr so war wie zuvor.

Die zwei Seiten der Conquista

Christoph Kolumbus - Landung auf der Insel Guanahani (Zeichnung: Public Domain)Jahre später erfuhr ich beim Lesen eines Geschichtsbuches, dass Hernán Cortés vom Norden und Francisco Pizarro vom Süden aus aufbrachen, die Ländereien zu erobern, die auf den Namen Amerigo Vespuccis und nicht Christoph Kolumbus´ getauft waren, der in Vergessenheit starb und ohne zu wissen, dass er die Türen zu einem unbekannten Kontinent geöffnet hatte. Einige glaubten, dort das Paradies auf Erden gefunden zu haben, so wie der Jesuit León Pinelo, der im 18. Jh. und in einer Arbeit der Gelehrsamkeit zu zeigen versuchte, dass der Paraná, der Orinoco, der Amazonas und der San Francisco die vier heiligen Flüsse seien, die nach der Heiligen Schrift dem Paradies entspringen.

Die Conquista war ein unvermeidbares Ereignis, sagte die Lehrerin, da sie den Sieg der Zivilisation über die Barbarei bedeutete. Die Weißen brachten den Fortschritt: die Bibel, das Schießpulver, die Schusswaffen, die Navigationsgeräte, den Merkantilismus, das Eisen, das Rad und andere Dinge, während die Indigenen noch Federkopfschmuck trugen und barbarische Religionen ausübten. Das, was die Lehrerin jedoch nicht erwähnte, war die kulturelle und wissenschaftliche Blüte der präkolumbischen Kulturen: die Tatsache, zum Beispiel, dass die Mayas einen Kalender erstellt hatten, der viel genauer war, als der des Westens, dass sie in der Mathematik das Vigesimalsystem nutzten und eine ähnliche Schrift wie die ägyptischen Hieroglyphen verwendeten; dass in der Inkakultur Terrassen und Kanäle für die landwirtschaftliche Produktion gebaut wurden, sie die Trepanation von Schädeln vornahmen und ein Sozialsystem hatten, das Gemeineigentum des Bodens respektierte und wo alle Mitglieder der Gemeinschaft an der Errichtung öffentlicher Bauten mitwirkten. Alles in allem sprach die Lehrerin nicht davon, wozu die präkolumbischen Völker in der Lage, sondern nur von dem, wozu sie nicht fähig gewesen waren.

Jedes Jahr am 12. Oktober beim Feiern des „Tages der Rasse” mit einem Festakt erinnerte uns der Direktor der Schule daran, dass mit den Schiffen Christoph Kolumbus´ und im Gepäck der Konquistadoren „der politische Pluralismus, die Freiheit und der Schutz, mit denen die Indigenen überhäuft wurden,” ankamen. Niemand jedoch erinnerte uns daran, dass mit diesen Schiffen auch tödliche Krankheiten kamen, und dass mit denselben Rucksäcken, mit denen sie die Heilige Inquisition, Gewalt und Terror brachten, Gold und Silber geraubt wurde, um es in die Truhen der Unternehmer von Genua und Antwerpen zu geben und dieses in Europa den prächtigen Barock der Monarchien und den entscheidenden Aufschwung des westlichen Merkantilismus finanzierte.

Mehr als ein halbes Jahrtausend Diskriminierung und Rassismus

Der Direktor sprach mit Bewunderung von der Heldentat Christoph Kolumbus´ und dem christlichen Glauben, den uns die Konquistadoren eintrichterten, aber niemand verlor ein Wort über die Plünderungen und den verheerenden Genozid, der an den Indigenen begangen wurde, über neue Glauben und Bräuche, die mit aller Gewalt aufgezwungen wurden, und, was das Wichtigste ist, über die soziale und rassische Ausgrenzung der Indigenen und Schwarzen in den neuen Kolonien, wo die Kreolen zu den Besitzern und Herren über die eroberten Ländereien wurden. Mit dem Recht, Vorteile und soziale und wirtschaftliche Privilegien zu genießen, aber auch mit dem Anspruch, die herrschende Klasse zu stellen. Eine Vorherrschaft der Weißen, die sich seit dem 12. Oktober 1492 in dem latenten Rassismus widerspiegelt, der dem kollektiven Unterbewusstsein Amerikas innewohnt, wo nicht wenige Indigene und Schwarze ihre Identität wechseln: Sie ändern ihre Sprache, ihren Namen und ihre Kleidung, der Schwarze bleibt jedoch schwarz, auch wenn er sich in Seide kleidet, und der Indigene, selbst wenn er einen Doktortitel und einen europäischen Nachnamen hat, bleibt dennoch durch und durch indigen.

Als ich die Schule beendete, begriff ich, dass Wahrheit und Lüge derselben Geschichte von demjenigen abhängen, der sie erzählt. Denn, als ich begann, die Version der Besiegten zu lesen, derer von unten, merkte ich, dass die Ankunft der Europäer auf dem amerikanischen Kontinent eine blutige Heldentat war und die christliche Religion, die als Mittel des Kampfes für die Unterdrückten entstanden war, sich während der Conquista in ein Mittel der Unterdrückung verwandelt hatte, dass die so genannte „Entdeckung Kolumbus´” die Auslöschung großer Zivilisationen zur Folge hatte und dass der 12. Oktober kein Datum zum Feiern, sondern zum Nachdenken ist.

Trotz alledem brachte uns meine Lehrerin die Selbstverachtung bei wie jemand, der lehrt, zwischen weiß und schwarz zu unterscheiden, denn in ihrem Unterricht sprach sie abwertend über die Indigenen –vielleicht mit mehr Grausamkeit als Pizarro und Cortés und mit weniger Mitgefühl als Bartolomé de Las Casas und Vitoria– und weil das Wissen, das sie uns aus den offiziellen Geschichtsbüchern vermittelte, nicht der Version der Besiegten, sondern der der Sieger entsprach.

Seitdem sind einige Jahre vergangen, ich bin kein Kind mehr, und sie ist nicht mehr am Leben. Was ich jedoch nicht länger hinnehmen kann, ist, dass der 12. Oktober weiter als „Tag der Rasse” gefeiert wird, trotzdem wir, die Mestizen Amerikas, so sehen wir uns im Spiegel Europas, nicht aufhören werden, Bastarde der Conquista zu sein, aus Raub und Vergewaltigung, wie es die Söhne der Malinche in Mexiko und die Töchter von Atahuallpa in Peru waren.

Wenn uns also noch ein Fünkchen Anstand bleibt, sollten wir den Mut haben, uns einzugestehen, dass das Einzige, was wir aus mehr als einem halben Jahrtausend Raub und Kolonialisierung geerbt haben, die Scham vor dem ist, was wir sind. Diese soziale Pyramide, in der das Dunkle unten und das Helle an der Spitze ist und wo die Hautfarbe und der Nachname nach wie vor zu den entscheidenden Faktoren gehören, die sowohl die soziale als auch die wirtschaftliche Stellung des amerikanischen Menschen bestimmen.

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Übersetzung aus dem Spanischen: Monika Grabow

Bildquelle: Public Domain.


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1 Kommentar zu “Der 12. Oktober: Tag der Rasse?
Der Mythos vom weißen Mann”

  1. jan z. volens vom 17. Oktober 2010 - 01:30 Uhr

    Der erste Blick auf die Europaer: 1492, die Lucaya-Arawak auf Guahani (heute in den Bahamas), glaubten das “grosse Voegel” am oestlichen Horizont auf dem Ozean schwammen. 1519 – wanderte ein Totonac Vasalle der Mexia (Azteken) vom heutigen Veracruz nach Tenochtitlan (heute Mexiko D.F.) und berichtete dem Montezuma: “Vor unserer Kueste sind kleine Burgen erschienen welche auf dem Meer schwimmen!”. Die Nez Perce, im heutigen Staat Idaho hoerten schon vor der Begegnung mit Weissen (1805), von anderen Ethien im Osten der heutigen USA: Diese Maenner sind weiss, reiten auf Hirschen, haben Augen wie Fische, und verkehrte Gesichter (das Haar als Bart unter der Kehle, und oben kahle Platte), und sie stinken! Der “Gestank” der Europaer wird schon sofort von 1492 von vielen Indigenenethien bemerkt und von damaligen europaeischen Schriftstellern in ihren Konversationen mit Indigenen bemerkt. — Vielleicht sollte ich das nun nicht von unserer Epoche berichten: In Lateinamerika stoehnen noch manche ueber den “olor” der Europaer. Manche Lateinamerikaner meinen das kaeme von der europaeischen Ernaehrung, aber andere vermuten doch was der Europaer nicht gerne wahrhaben moechte: Fehlende Hygiene welche durch den Reisestress und die tropische Hitze nach staerker wirkt. In den lateinamerikanischen Tropen mag die oeffentliche Sauberkeit auf den Strassen nicht die selbe wie in Europa sein – aber die persoenliche Sauberkeit wird selbst unter schwierigen Umstaenden sorgfaeltig ausgefuehrt. In der Entwertungkrise der Mitte 1980ziger Jahre, in der Dominikanischen Republik, zusammengedraengt in den damals 12,000 “Gemeinschafts-Taxis” in Santo Domingo – es gab damals keine Omnibusse in Santo Domingo: Alles alte japanische Kleinwagen – vier oder fuenf hinten, noch mehr im Fall auf deren Schoss, vorn drei – dabei musste der in der Mitte beim Gangschalten die Beine nach rechts ausweichen. Aber – die Maenner mit sorgfaeltig gebuegelten Hosen und Hemden, Haare geschnitten, alle im Taxi leicht parfuemiert. In San Cristobal de las Casa, Chiapas/Mexiko, sagte mir ein mexikanischer Freund welcher dort eine Touristenagentur betreibt: “Wenn wir Touristen von ……… (er nannte ein grosses Land in Europa) in meinem Tourbus haben, bin ich der erste der aussteigt, und der Fahrer kommt gleich hinter mir aus dem Omnibus…

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