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Die Erfindung des kannibalischen Indios

Autor:  | Dezember 2013 | Artikel empfehlen

Cinocefalo Weltchronik - Foto: Public DomainMit dem Beginn der großen See- und Entdeckungsreisen, vor allem durch Crístobal Colón und Amerigo Vespucci im 15. und 16. Jahrhundert, wuchs das Interesse an den „neu entdeckten“ Menschen. Gleichzeitig wurde das Bild der fremden Kulturen in der „Neuen Welt“ stark von den zeitgenössischen Vorstellungen und Werturteilen der Europäer geprägt. Mit dem Einsetzen des Buchdrucks entstand eine Welle frühneuzeitlicher Reiseberichte. Zwar wurden diese als ein empirisches Dokument und als eine authentische Erfahrung des „Fremden“ betrachtet, jedoch zeugen nur wenige der ethnografischen Aufzeichnungen von wirklicher Sympathie für die Indigenen. Zum Teil wurden absichtlich verlässliche ethnografische Daten weggelassen, denn ein Großteil der zeitgenössischen Reiseliteratur war darauf ausgelegt, das Sensationsbedürfnis der Leserschaft zu befriedigen. Hierzu wurde die „Fremdheit“ besonders übertrieben oder als grotesk dargestellt, nicht zuletzt auch um die eigene Überlegenheit zu betonen. In der Exotisierung der Indigenen spielten auch die Darstellungen vom Kannibalismus eine wichtige Rolle.

Der Buchmarkt selbst beeinflusste stark das Bild von den Indigenen in der Öffentlichkeit. Zum einen durch Berichterstattungen, die von den Reisenden selbst gemacht wurden, als auch von Chronisten, die lediglich anhand des Materials der Augenzeugen ihre Berichte über die Fremde niederschrieben. Generell unterlag die unterschiedliche Akzentsetzung bei der Berichterstattung verschiedenen Motiven und war abhängig von der Funktion und Stellung des Verfassers. Während die Siedler eher von Neugier und einer gewissen Sensationslust gepackt waren, drangen die Missionare wesentlich tiefer in die indigene Kultur und Denkweise ein.

Allerdings stellten die verschiedenen indigenen Sprachen ein großes Hindernis der Missionsarbeit dar, erst das Erlernen jener gewährte den Geistlichen Einblicke in die fremde Kultur. So erlernten die Jesuiten die Sprache der Tupi und fingen an, diese Kultur zu dokumentieren. Aber auch hier lässt sich bei den Aufzeichnungen ein starker Fokus auf „verabscheuungswürdige“ Riten wie den Kannibalismus feststellen. Auffällig in den Quellen ist die unterschiedliche Beurteilung und Wahrnehmung der Indigenen. Häufig konnte schon ein singuläres aktuelles Ereignis eine intensive Wirkung auf die subjektive Wahrnehmung des Verfassers ausüben und ausschlaggebend für die Urteilsbildung sein.

Im 17. und 18. Jahrhundert erlangten Kuriositäten einen Boom und wurden auch in der Wissenschaft zum Objekt der Forschung. Große Moral- und Naturphilosophen waren fasziniert vom Bizarren.

Mit der Vorstellung vom Naturzustand des Menschen entwickelte sich eine Art Gedankenspiel in der modernen Wissenschaft sowie zeitgenössischer historischer Theorien. So spiegle sich, nach Thomas Hobbes, bei den „wilden“ Völkern Lateinamerikas, die keine Regierungen besaßen, der Naturzustand des Menschen wider. Dort herrsche ein fortwährender Krieg, da die Menschen im Naturzustand in ständiger Furcht voreinander lebten und niemand gewahr sein könne, nicht von einem anderen angegriffen zu werden. Die Indigenen wurden quasi mit Raubtieren verglichen, die töten und einander essen würden. Herausstechend ist hierbei die regelrechte Fixierung auf die Figur des Kannibalen. Schon in den Schriften von Homer, Herodot und Strabon, bis hin zu römischen Historikern findet das Phänomen der Anthropophagie, also der Verzehr von Menschenfleisch durch den Menschen selbst, Erwähnung. Der Begriff des Kannibalismus wurde aber erst durch die Entdeckungen Amerikas geprägt und hatte seinen eigentlichen Ursprung in dem Wort cariba (‚kühn‘), mit dem sich die Arawak-Indianer selbst bezeichneten.

Peter der Märtyrer beschrieb in seiner „De Orbe Novo“ im 16. Jahrhundert die ersten Kontakte der Europäer mit den Indigenen der Karibik und Nordamerika. Er kreierte ein Bild vom Kannibalen, in dem er behauptete, dass die Indigenen ihre Frauen schwängerten, um mit dem neu entstehenden Leben frisches Fleisch zu erhalten. Jean de Léry behauptete im selben Jahrhundert, in „A Journey to the Land of Brazil, otherwise called America“, dass die Kariben ihre Gefangenen ihren Töchtern zum Mästen gäben, um sie später während einer Festlichkeit zu verspeisen. Francisco de Vitoria, ein katholischer Theologe, verweist in „On Dietary Laws“ auf das Recht von Bestattung, welches durch das Naturgesetz anerkannt sei. Mit dem Konsum von Menschenfleisch würde dieses Gesetz gebrochen. Nach de Vitoria sorge der Kannibalismus für eine Ungleichheit bei der Auferstehung des Körpers, dadurch dass sich verschiedene menschliche Körper miteinander vermengen würden. Gleichzeitig zeuge die Verwehrung einer Bestattung des Toten von mangelndem Mitgefühl und fehlender Frömmigkeit.

Das Bild der kannibalischen Wilden, die keinen Gott kennen, nackt und faul wären, blieb bis ins 18. Jahrhundert bestehen. Cornelius de Pauw beschrieb die Indigenen in „Philosophical Researches on the Greek“ als kannibalische Wildvölker, die durch Plünderungen ohne eine herrschende Instanz inmitten von zivilisierten Nationen lebten. Es entstand das Bild des Kriminellen, der sich zum Status des Naturzustandes zurückentwickle und auf diese Weise den Gesellschaftsvertrag gebrochen habe. Wilde stellten nun mehr die Personifikation des Kriminellen dar. Es erfolgte eine Verknüpfung zwischen den Reiseberichten mit der Moral- und Bevölkerungswissenschaft. In den Gelehrtendiskursen dieser Zeit wurde neben der Reiseliteratur oft auch Bezug auf altertümliche Schriften genommen, um theoretische Argumentationen und konzeptuelle Erklärungsansätze darzulegen. Die Klima-Theorie ist eine in dieser Zeit heiß diskutierte Hypothese. So sieht Charles-Louis Montesquieu einen direkten Zusammenhang zwischen der Art des Klimas und der Wesensart der darin lebenden Menschen, einschließlich der Form der Vergemeinschaftung, der Art des Nahrungserwerbs und des Brauchtums. Aber auch schon während der Antike machte der Philosoph Seneca das Klima für das Aufkommen abweichender Neigungen und Gesellschaftssysteme verantwortlich. Garcilaso de la Vega vertrat die Ansicht, dass die geografische Lage die Ursache für kannibalische Verhaltensweisen sei. Der Verzehr von Menschenfleisch sei demzufolge stärker in heißen als in kälteren Regionen vertreten.

Während der Aufklärung trat eine veränderte Sichtweise auf die Anthropophagie ein. Man entfernte sich von dem abergläubischen Bild des Kannibalen-Monsters als Kynokephalen, Hundekopf-Mensch, und entdeckte in ihm Züge des Teufels. Mit der Inkarnation des Bösen verwandelte sich das Monster nun von einem ontologischen zu einem sozialen Problem. Gleichzeitig schuf die Aufklärung das Bild vom wilden Kind. Die Animalisierung und Herabsetzung der Entwicklungsstufe des furchteinflößenden Wilden auf die eines wilden Kindes erfolgte auf der Theorie des Naturzustandes. Charles-Marie de La Condamine präsentierte in seinem Bericht von 1745 ein bedrohliches Bild vom Naturmenschen, indem er sie als zivilisationslos, dumm und ausschließlich gegenwartsbezogen beschrieb. Der spanische Jesuit José de Acosta vertrat die Theorie des natürlichen Sklaven. Aufgrund der anthropophagischen Lebensweise sei eine Aneignung und die Missionierung der Gebiete notwendig und zugleich das oberste Recht der Christen.

Im Zeitalter der Romantik kam es mit der fortschreitenden Liberalisierung zu einem Umdenken. Die nun einsetzende Glorifizierung der Wilden als rein und weniger verdorben als die Menschen der modernen Gesellschaft ließ ein Idealbild des edlen Wilden entstehen. Innerhalb der moralischen Reformierung tauchten zunehmend Zweifel an der dominanten Existenz des Kannibalen in der Wissenschaft auf. In „History of the American Indians“ wirft James Adair den Spaniern vor, sich indigene Praktiken wie den Kannibalismus nur ausgedacht zu haben, um sich ihrer Schätze zu bemächtigen.

Die Reiseliteratur als Ganzes betrachtet, bietet ein Spektrum von authentischen Dokumentationsmaterial bis hin zu fiktionalen Gebilden. Oft geschrieben aus kommerziellen Gründen und auf das Sensationspublikum ausgerichtet, muss man sich die Frage stellen, inwieweit der Buchmarkt sich selbst konstituiert hat und so das in der Öffentlichkeit geschaffene Bild der Indigenen Amerikas formte.

Bildquelle: Public Domain.


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1 Kommentar zu “Die Erfindung des kannibalischen Indios”

  1. gioia vom 10. Dezember 2015 - 10:11 Uhr

    der text ist falsch…mein vater war kein kannibale

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