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Der König hat immer Recht – oder was einen Urlaub auf Vieques so besonders macht

Autor:  | April 2021 | Artikel empfehlen

Am Anfang war ein Film. Der berichtete schier Unglaubliches über ein kleines Paradies in der Karibik. Und so sprach ich (zu mir), informiere dich doch einmal genauer. Und da recherchierte ich und erfuhr noch mehr Unglaubliches über dieses Paradies. Und ich … fange besser noch einmal an.

Es gibt eine wunderschöne Insel in der Karibik, „weißer Sand, Palmen und das Blau des Wassers. So typisch für die Tropen“. Die Rede ist von Vieques, der Krabbeninsel, ca. 12 km östlich der Insel Puerto Rico gelegen, 33 km lang und 7 km breit. Sie gehört zu den spanischen Jungferninseln und ist Teil von Puerto Rico, alles in allem 135 km2 Bilderbuchkaribik mit 9,5 Millionen Einwohnern. Einst war die Krabbeninsel brandenburgisch-preußische Kolonie. Angst muss ein potentieller Besucher allerdings nicht haben: Die preußische Herrschaft liegt mehr als 300 Jahre zurück und war mit nur drei Jahren viel zu kurz, um Spuren zu hinterlassen. Auf Pellkartoffeln, Eisbein und Sauerkraut kann ein Preußennostalgiker dort also nicht hoffen.

Krieg_im_Paradies_Hund_SnapshotAls zu Puerto Rico gehörige Insel gehört Vieques (irgendwie) schon lange zu den USA; und die Vereinigten Staaten von Amerika haben, ganz anders als Brandenburg-Preußen, durchaus Spuren hinterlassen. In diesem Beitrag wird eingangs schließlich nicht ohne Grund aus einem Propagandafilm der US-amerikanischen Marine zitiert. Diese nutzte zusammen mit ihren Verbündeten (also auch der Bundesmarine) mehr als 60 Jahre lang die idyllische Insel Vieques als Testgebiet. Und davon berichtet „Krieg im Paradies“, der oben erwähnte Film. Zu guter Letzt beanspruchte die Navy ca. zwei Drittel der Insel für sich. Sie müssen sich das so vorstellen: Testgelände im Osten und Testgelände im Westen und dazwischen lebten die Viequenser, quasi between Navy Lands. Ein Bewohner verglich diese Konstellation mit einem Sandwich. Das prägt, ob man will oder nicht.

Mein nach dem Film anhaltendes Interesse an Vieques hat sicher auch damit zu tun, dass wir in besonderen Zeiten leben, in denen Urlaub, noch dazu ein solcher in der Karibik, alles andere als normal ist. So gesehen, kann man sogar von einem trotz „Krieg im Paradies“ anhaltenden Interesse sprechen. Die Insel der Krabben gilt schließlich in der Tourismuswelt – oder galt zumindest bis Anfang 2020 – als Geheimtipp. Dieser wurde/wird mitunter sogar von Reisenden an Tourismusbüros herangetragen, und die geben den Tipp natürlich nur zu gerne an ihre Kundschaft weiter.

Was also hat Vieques zu bieten, das einen Geheimtipp rechtfertigen könnte? Ja, es liegt halt in der Karibik und ist, wie selbst die US-Marine betont (s. oben), typisch für die Tropen: Sonne, Meer und „einige der schönsten Strände der Welt.“ In der Mosquito Bay im Süden der Insel kann man das Meeresleuchten beobachten, ein eher seltenes Naturphänomen, das durch Biolumineszenz hervorgerufen wird. Das Meeresleuchten von Vieques ist angeblich das schönste der Welt. Dazu gibt es ein paar bescheidene Ortschaften, Vieques war nie besonders reich. Und das war’s dann schon. Ja, wenn die US-Marine nicht gewesen wäre.

„Ebenfalls auf Vieques befindet sich das Wrack der USS Killan. Der Zerstörer der Fletcher-Klasse wurde im Zweiten Weltkrieg erbaut und nach dessen Ende als Übungsziel vor der Insel versenkt. Während das unmittelbare Gebiet um das Schiff noch immer als Sperrzone gilt, führen Wanderwege bis in die unmittelbare Nähe, sodass Besucher einen deutlichen Blick auf das Wrack erhaschen können …“

Nun ja, ich für meinen Teil halte jetzt die Besichtigung des Fracks eines Kriegsschiffs für ein zweifelhaftes Vergnügen. Da es aber auf Vieques außer Natur nicht so viel Sehenswürdiges gibt, darf man nicht wählerisch sein und muss nehmen, was kommt. Andererseits sollte man nicht vergessen, dass die USS Killen durchaus etwas ganz Besonderes ist. Nach ihrem Einsatz im 2. Weltkrieg wurde die Killen ausgemustert und ab 1958 bei Atomwaffentests eingesetzt, als Ziel oder was weiß ich. Nach Vieques kam sie zwecks einer gründlichen Reinigung. Das hätte man sicherlich auch vor Palm Beach machen können, aber das wäre vermutlich weder ein erfreulicher Anblick für die Reichen und Schönen noch besonders vorteilhaft für die dortigen Immobilienpreise gewesen. Puerto-Ricanern kann man dergleichen schon eher zumuten.

Jetzt kommt meine große Frage: Wie reinigt man ein strahlendes Schiff? Und was passiert dann mit ihm? Also, die USS Killen wurde offensichtlich mit speziellen Reinigungsmitteln ordentlich geschrubbt. Und auch die Farbe kratzte man gründlich ab, vermutlich in der Hoffnung, dass der Schiffsrumpf dann nicht mehr so sehr strahlt. Die abgekratzten Farbschichten sammelte man ebenso wie die Reinigungslösung in Fässern. Zu diesen kamen dann Fässer mit diversem Müll, der auf einem Stützpunkt immer wieder anfällt und den man ja auch irgendwie wegbekommen musste; halt so Sachen wie Altöl und Agent Orange.

Und das zieht schon die zweite große Frage nach sich: Wohin mit den Fässern? Diese Frage ist ebenso schnell beantwortet, denn für solche Probleme hat man auch bei der US-Navy eine einfache Lösung. Alles, was nicht auf der Insel vergraben oder ins Meer geschmissen wurde, kam auf das Schiff und wurde schließlich mit diesem versenkt. Zum Glück hielt man sich dabei nicht an die Vorschriften und versenkte die Killen relativ nah am Ufer und in zu geringer Tiefe. Vermutlich hatten die Verantwortlichen bereits die touristische Zukunft der Insel im Auge. Entschuldigung, den letzten Satz bitte streichen. Die Verantwortlichen interessierten und interessieren sich natürlich nicht die Bohne für die Insel und ihre Bewohner und Bewohnerinnen. Aber egal, die US Killan liegt bis heute in der Bahía Salina del Sur, „sodass Besucher einen deutlichen Blick auf das Wrack erhaschen können“. Die Fässer rosten langsam vor sich hin und ihr Inhalt wartet geduldig auf seine Befreiung. Schnorcheln am Wrack ist leider noch nicht erlaubt.

An dieser Stelle sei ausdrücklich betont, das Meeresleuchten in der Mosquito Bay hat nichts mit der USS Killen und ihrer Fracht zu tun, sondern wird tatsächlich von Mikroorganismen verursacht.

Jetzt fragt man sich natürlich auch, wie Vieques zu einem Geheimtipp für Touristen werden konnte. Schließlich waren die Insel und ihre Umgebung sechs Jahrzehnte lang ein Übungsgelände der US-Navy, was sich nicht gerade gut anhört. Aber das ist ja, Gott sei Dank, vorbei. Schlussendlich hinterließ die US-Marine ein wahres Paradies. Oder etwa nicht?

Krieg_im_Paradies_Strand_SnapshotVorher war es auf Vieques zu einigen tödlichen Zwischenfällen gekommen. Was dann passierte, war ein großes Glück für die Insel. Denn statt sie für die Entwicklung für den Massentourismusmarkt freizugeben, wurde Vieques als das erkannt, was es noch heute ist: ein Naturparadies, das sich über viele Jahrzehnte fast ungestört hatte entwickeln können! Auch heute ist die Insel noch nicht vollständig von allen militärischen Altlasten befreit und auch heute gibt es noch Gebiete, die man nicht betreten darf da Minen noch nicht vollständig beseitigt wurden.“ Das National Wildlife Refuge von Vieques gilt übrigens als der viertbeste Wildpark in den USA.

Das mit den noch nicht vollständig beseitigten Minen ist jetzt natürlich nicht so schön, da muss sich die Navy noch etwas anstrengen und Dampf machen und das Zeugs einsammeln. Aber untätig war sie natürlich nie, und damit meine ich jetzt ausdrücklich nicht ihre Experimente mit chemischen und biologischen Waffen auf Vieques. Herumliegende Munition, es handelt sich wahrlich nicht nur um Minen, kann ja durchaus eine Gefahr für die Gesundheit sein. Deshalb hat die Agency for Toxic Substances and Disease Registry (ATSDR) die Insel untersucht. Nur, um sicher zu gehen, nehme ich an. Die ATSDR ist eine Bundesbehörde, die nach eigenen Aussagen „die Gemeinden vor gesundheitsschädlichen Auswirkungen im Zusammenhang mit der Exposition gegenüber natürlichen und vom Menschen verursachten gefährlichen Substanzen“ schützt. Das können Sie alles sehr schön auf der Homepage dieser Agency nachlesen. Der Ehrlichkeit halber muss man allerdings erwähnen, dass die Behörde die Untersuchungen bezüglich der Belastung von Umwelt und Bevölkerung nicht von sich aus initiierte. Nein, sie wurde von der US-Navy dazu beauftragt. Und diese erteilte den Auftrag auch nur, weil die Viequenser glaubten, dass mit ihnen und ihrer Insel etwas nicht stimmen konnte. Also, mit anderen Worten, sie hatten den vagen Eindruck, dass sie – irgendwie – kranker seien als andere.

Und was fand die ATDSR bei ihren Untersuchungen auf Vieques? Sie dürfen raten.

Richtig. Nichts, überhaupt nichts. Der Boden, die Krabben, die Fische, die Luft – alles sauber; nur an ganz wenigen Stellen waren äußerst geringe Belastungen festzustellen. Eine Wissenschaftlerin meinte dazu, sie würde sich schämen, die „Daten auch nur irgendwo zu präsentieren“. Insbesondere bemängelte sie, dass das Studiendesign der Behörde wissenschaftliche Kriterien nicht besonders ernst nahm. Auch bei US-Bundesbehörden arbeiten nur Menschen mit ihren Fehlern und Ängsten.

Die Ursache des tatsächlich nicht so optimalen Gesundheitszustandes der InselbewohnerInnen – so folgerte die Navy messerscharf – sei einzig und allein auf deren ungesunde Lebensweise zurückzuführen. Ja, was kann man auch erwarten von den BewohnerInnen einer paradiesischen Insel, die gerne Krustentiere und anderes Meeresgetier essen, Ziegen und Kühe halten sowie in ihren Gärten Gemüse und exotische Früchte ernten? Letztlich sind sie also selbst schuld an ihren Krankheiten; vermutlich haben sie auch noch an der reichlich herumliegenden Munition geknabbert. Da ist es wahrlich kein Wunder, dass jeder Inselbewohner im Durchschnitt an zwei Schwermetallerkrankungen leidet. Hier zeigt sich, dass es vorzeiten vielleicht doch nicht so ganz klug von der US-Marine war, den Leuten auf Vieques jede Information über die Waffentests auf der Insel vorzuenthalten, weil man die Sicherheit der USA nicht gefährden wollte.

Für Touristen besteht deswegen aber keinerlei Gefahr; Touristen wissen schließlich, dass man Granaten, Bomben und Minen nicht essen kann. Und wer auf einer Insel Urlaub macht, kommt sowieso nicht auf die dumme Idee, Fische und Meerestiere zu essen. Ansonsten wird Vieques eh von der Hauptinsel Puerto Rico aus versorgt. Das kann bei schlechtem Wetter, wenn die Fähre nicht fahren kann, auch einmal zu Engpässen führen. Für diesen Fall ist es vielleicht doch nicht von Vorteil, dass man jemanden kennt, bei dem die Früchte direkt im Garten wachsen, wie das eine von Vieques begeisterte Touristin schreibt. Wenn Sie also nicht sehr abenteuerlustig und risikofreudig sind und trotzdem Urlaub auf Vieques machen wollen, dann decken Sie sich am besten schon zu Hause mit den nötigen Nahrungsmitteln ein; auf frisches Obst und Gemüse kann man durchaus ein Weilchen verzichten. Auf Fleisch sowieso.

Um noch einmal auf die Krankheiten zurückzukommen: Schwermetallerkrankung heißt, die Betroffenen haben (oft deutlich) erhöhte Werte von Blei, Cadmium und Quecksilber im Blut. Aber auch Aluminium oder Arsen sind gut vertreten. Das hängt natürlich auch immer davon ab, wie man sich ernährt; soll heißen, die Entscheidung für ein bestimmtes Nahrungsmittel ist auf Vieques in der Regel auch eine Entscheidung für ein bestimmtes Metall. Fische z.B. empfehlen sich bei einem Quecksilbermangel, Krabben liefern viel Cadmium und Krieg_im_Paradies_USS_Killen_SnapshotKrustentiere Arsen. Die einheimischen Ziegen dagegen sind weniger mäkelig und deshalb eine gute Breitband-Quelle für Blei, Cadmium, Kupfer, Kobalt und Aluminium. Da kann man doch nur guten Appetit wünschen.

Ach ja, das Uran hätte ich fast vergessen. Kinder auf Vieques haben erhöhte Uranwerte im Blut. Das hat allerdings überhaupt nichts mit dem Einsatz von Munition mit abgereichertem Uran zu tun. Zwischen den Tests mit chemischen und biologischen Waffen und den Schwermetallerkrankungen existiert erwiesenermaßen ebenfalls keinerlei Zusammenhang. Und dass Agent Orange, mit dem die Marines den Rasen auf dem Stützpunkt mähten, völlig harmlos ist, weiß man spätestens seit dem Vietnamkrieg. Alle dieses Stoffe sind im Jahre 2003, als die Militärs nach jahrelangen Protesten der Einheimischen die Übungen einstellten, übrigens schlagartig verschwunden. Aber sie waren ja vorher schon ungefährlich.

Wie bereits erwähnt, hatte die ATDSR keine bemerkenswerten Umweltbelastungen auf der Insel gefunden, was mögliche gesundheitliche Schäden infolge der militärischen Nutzung von Vieques klar ausschließt. Auch Bodenproben der Navy waren hinsichtlich von Schadstoffbelastungen negativ. Das Mayo Medical Lab, das im Auftrag engagierter Ärzte Blutproben von Viequensern untersuchte, fand zwar zunächst hohe toxische Werte in selbigen, doch nach der Information über die Herkunft der Proben erkannte man im Labor offenbar, das man einen schlimmen Fehler gemacht hatte. Und weigerte sich, weitere Proben aus Vieques zu untersuchen.

Die Ärzte, die sich z.B. wegen der vielen Krebsfälle Sorgen machten, stellten fest, dass die Sterberate der Inselbevölkerung um 28 Prozent höher lag, jedenfalls zwischen 1981 und 1988. Das änderte sich 1989 quasi über Nacht – das Gesundheitsministerium gab nämlich fortan keine Zahlen mehr heraus. Die US-Marine nahm die Berichte über eine um 27 Prozent erhöhte Krebsrate trotzdem sehr ernst und beauftragte ein eigenes Subunternehmen, das Krebsregister für Vieques zu führen. Und siehe da: Die Krebsrate sank.

Kurz und überhaupt nicht gut. Aber was hat Vieques nun mit dem König zu tun, der immer recht haben soll? Tja. Die Souveräne Immunität oder auch Kronenimmunität ist ein sehr altes Rechtsprinzip, das besagt, dass der Monarch (oder der Staat) keinen Rechtsverstoß begehen und deshalb strafrechtlich nicht belangt werden kann. Es gab und gibt Klagen gegen den Monarchen, äh, die US-Marine wegen der Tests auf Vieques, doch spätestens, nachdem sich die Agency for Toxic Substances and Disease Registry als Kronzeugin der Beklagten bei einer Anhörung im US-Kongress lächerlich gemacht hatte und in diesem speziellen Fall nicht mehr glaubwürdig war, suchte und fand vermutlich jemand ein altes verstaubtes Gesetzeswerk und damit eine bemerkenswerte Lösung des Streitfalls: Weil der König in Gestalt der US-Marine immer recht hat und keinen Fehler machen kann, sind Gerichtsverfahren zu Vieques zukünftig nicht mehr möglich.

Für potentielle Touristen, die irgendwann von den Agenturen wieder umworben werden, ist das allerdings ohne jeden Belang. Schließlich sehen die Strände wunderschön aus.

Unzählige vor sich hin rostende Granaten, die ihren chemischen Inhalt ins Ökosystem abgeben? Bomben und Fässer voller Gift im Meer? Schweröl, Uran, Agent Orange und Arsen im Boden? Na und? Darüber sorgt sich nur jemand, für den sich Urlaubsabenteuer auf billigen Alkohol aus Eimern und ungeschützten Sex im Vollrausch beschränken.

Wenn Sie wirkliche Abenteuer und einen echten Nervenkitzel suchen, dann machen Sie Urlaub auf Vieques. Denn bei dieser Destination bekommt die Bezeichnung ultimatives Urlaubsziel eine ganz neue Bedeutung.

 

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Quellen:

Krieg im Paradies – Der Fall Vieques. Regie: Max M. Mönch. D 2016, 77 Min.

Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Winfried Wolf, Deutscher Bundestag Drucksache 14/3879. 14. Wahlperiode 10. 07. 2000. Carsten Hübner, Heidi Lippmann und der Fraktion der PDS – Drucksache 14/3593 – Manöver der Bundeswehr in Puerto Rico. https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/14/038/1403879.pdf

Karibik mit Kindern – ein perfekter Urlaub auf Vieques in Puerto Rico. https://www.koeln-format.de/2016/12/12/karibik-mit-kindern-traum-urlaub-casa-tucepi-vieques-puerto-rico/

Pauschalreisen Vieques. https://www.expedia.de/lp/b/urlaub/pauschalreisen/karibik/puerto-rico/vieques?pwaLob=wizard-thirdPartyPackage-pwa

 

Bildquellen: [1-3] Krieg im Paradies_Snapshots


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