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Stüwe, Klaus; Rinke, Stefan (Hrsg.): Die politischen Systeme in Nord- und Lateinamerika. Eine Einführung.

Autor:  | Januar 2009 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Gelesen
Rezension - Die politischen Systeme in Nord- und Lateinamerika

Stüwe, Klaus; Rinke, Stefan (Hrsg.) - Die politischen Systeme in Nord- und Lateinamerika. Eine Einführung.Die 27 Autoren des hier rezensierten Sammelbandes haben sich selbst einen hohen Anspruch vorgegeben: In Gestalt eines Lehr- bzw. Handbuches werden die politischen Systeme beider Amerikas vergleichend analysiert. Vergleichend heisst im konkreten Fall, dass 22 Länder nach einem vorgegebenen Raster, welches in der Regel 15 Gliederungspunkte umfasst, untersucht werden. Den Fallanalysen ist ein relativ umfangreiches Vergleichskapitel (ca. 50 Seiten) vorangestellt, in dem begründet wird, inwiefern Nord- und Lateinamerika über ihre gemeinsame Zugehörigkeit zum amerikanischen Doppelkontinent hinaus miteinander vergleichbar sind. Mit beidem – der Konzipierung als Lehrbuch und der Ausweitung des Vergleichs auf beide Amerikas – begeben sich die beiden Herausgeber – zumindest im deutschsprachigen Raum – auf Neuland. Hinzu kommt der mit der Spezifik des Gegenstandes begründete Anspruch, „einen Beitrag sowohl zur vergleichenden Politikwissenschaft als auch zur vergleichenden Geschichtsschreibung leisten“ (S. 7) zu wollen. Folgerichtig setzt sich die Gruppe der Autoren zu etwa gleichen Teilen aus Politikwissenschaftlern und Historikern zusammen. Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht noch die geographische Herkunft der Autoren: je zehn kommen aus Bayern (davon sechs aus Eichstädt) und Berlin (die beiden Potsdamer Wissenschaftler werden hier der geographischen Nähe wegen der Hauptstadt zugeschlagen). In den beiden Herausgebern spiegelt sich denn auch eine dreifache Parität wider, die dem Anliegen und der Struktur des Buches geschuldet ist: Klaus Stüwe, der aus Eichstädt kommt und Politikwissenschafter ist, lehrt und forscht zum politischen System der USA, während der Lateinamerikawissenschaftler und Historiker Stefan Rinke eine Professur an der FU Berlin innehat. Positiv sei an dieser Stelle noch hervorgehoben, dass neben ausgewiesenen Länderexperten mit Professorentitel etliche kompetente Nachwuchswissenschaftler sowohl als Ko- wie auch als Einzelautoren zu Wort kommen.

Wohl für jeden Rezensenten stellt die Besprechung eines derart konzipierten Buches ein schwieriges Unterfangen dar. Kaum jemand dürfte in der Lage sein, alle 22 Länder auch nur annährend auf gleichem Niveau zu kennen. Daraus ergibt sich fast zwangsläufig, dass nicht die einzelnen Fälle, sondern das Anliegen und die sich daraus ableitende Systematik des Buches im Zentrum dieser Rezension stehen.

Im einleitenden Vergleichskapitel (S. 9-58) wird anhand von zwölf Kriterien, die im Wesentlichen einer historischen Logik folgen, der Frage nachgegangen, inwiefern trotz des gegenwärtigen Macht-, Entwicklungs- und Wohlstandsgefälles zwischen dem Nord- und dem Südteil des amerikanischen Doppelkontinents die dort jeweils entstandenen politischen Systeme miteinander vergleichbar sind und ob es bei aller Gegensätzlichkeit auch Gemeinsamkeiten gibt. Dabei wollen die Autoren die noch allzu oft anzutreffende Dichotomie zwischen „guter Geschichte“ (USA) und „schlechter Geschichte“ (Lateinamerika) vermeiden (S. 9), in deren Gefolge gerade für die politischen Systeme der beiden Kontinente Gegensatzpaare formuliert werden (S. 17).

Vielmehr will man einer „Tradition der historischen Komparatistik“ folgen, die beide Amerikas „als historische Ableger Europas“ verstanden und die „Ähnlichkeiten in den Ablösungsprozessen von den jeweiligen Mutterländern betont hat“ (ebenda). Ein solches Herangehen, das schon wegen seiner heutzutage kaum noch verfolgten Vergleichsperspektive zu begrüßen ist, stößt jedoch auf nicht wenige Schwierigkeiten, zu denen nicht zuletzt der Umstand zählt, dass die USA nicht nur als verfassungsrechtlich-institutionelles Vorbild für die lateinamerikanischen Länder fungierten (S. 20), sondern seit mehr als hundert Jahren immer wieder in die politische Entwicklung der lateinamerikanischen Republiken eingreifen und damit nicht unmaßgeblich deren politischen Systeme „mitgestaltet“ haben.

Dem ausführlichen Einleitungskapitel folgen die 22 Länderkapitel mit einem Umfang von jeweils 20 bis 30 Seiten. Lediglich das USA-Kapitel von Klaus Stüwe fällt mit 44 Seiten aus dem Rahmen, was einerseits mit Blick auf die weltpolitische Bedeutung der Vereinigten Staaten von Amerika gerechtfertigt scheint, andererseits jedoch die Frage aufwirft, wie ernst der oben formulierte Anspruch, beide Amerikas gleichberechtigt zu behandeln, gemeint ist. Immerhin muss auch ein Land wie Brasilien, das flächen- und bevölkerungsmäßig alle andern lateinamerikanischen Länder deutlich übertrifft, mit derselben Seitenzahl auskommen wie das winzige Panama.

Um dem potentiellen Leser eine Vorstellung zu geben, nach welchen Gesichtspunkten das politische System der einzelnen Länder analysiert wird, seien anhand der ersten Länderstudie (Argentinien, S. 59-85) die fünfzehn Gliederungspunkte aufgeführt, denen die übrigen Fallstudien mehr oder weniger folgen. Am Ende einer jeden ist außerdem eine Liste mit der wichtigsten Literatur zu finden.

  1. Geschichtlicher Überblick
  2. Verfassungsgrundlagen
  3. Staatsoberhaupt
  4. Parlament
  5. Regierung und Verwaltung
  6. Gesetzgebung
  7. Wahlsystem und Wahlrecht
  8. Parteien und Verbände
  9. Die Streitkräfte
  10. Kirchen
  11. Massenmedien
  12. Die politische Kultur
  13. Justiz und Rechtssystem
  14. Regionen und Kommunen
  15. Außenbeziehungen

Dieses einheitliche Vorgehen hat den wichtigen Vorteil, dass der Leser die einzelnen Bereiche des politischen Systems selber für einen länderübergreifenden Vergleich heranziehen kann. An dieser Stelle sei zugleich darauf verwiesen, dass die Herausgeber die Zahl der Fälle auf jene beschränkt haben, die zwischen dem späten 18. und dem frühen 20. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit erlangt haben, womit Belize, Guyana, Surinam, Französisch-Guayana sowie die zahlreichen Inselterritorien der nichtspanischsprachigen Karibik im vorliegenden Band nicht berücksichtigt werden, dafür jedoch der Sonderfall Kanada.

Beim Lesen der Länderstudien zeigt sich allerdings, dass in einzelnen Fällen vom obigen Grundschema abgewichen wird. So taucht bei Guatemala (S. 245-268) als Punkt 11 „Indigene Bevölkerung“ auf. Als Kenner der guatemaltekischen Geschichte und Politik begrüßt der Rezensent diese inhaltliche Erweiterung zwar ausdrücklich, stellt sich aber zugleich die Frage, warum eine solche bei Ländern mit ähnlich relevantem Gewicht der indigenen Bevölkerung wie Bolivien, Peru, Ecuador, Mexiko oder auch Chile unterblieben ist.

Unter Punkt 2 wird in einigen Ländern wie der Dominikanischen Republik (S. 185), Guatemala (S. 251), Honduras (S. 297), Panama (S. 448) und Peru (S. 493) aus gutem Grunde auf die Situation der Menschenrechte explizit eingegangen, was ebenfalls die Frage aufwirft, warum dann nicht in allen übrigen Fällen so verfahren wird? Außerdem erfolgt im Falle des politischen Systems von Peru (S. 487-506) die Darstellung primär nach chronologischen Gesichtspunkten, was gleich zu Beginn mit dem häufigen Wandel desselben begründet wird.

Die oben aufgeführten Hinweise stellen jedoch keine grundsätzliche Kritik der Systematik des Bandes dar, die insgesamt als sinnvoll und i.d.R. als gut umgesetzt zu bewerten ist. Trotzdem bleiben drei Fragen, die auf einige konzeptionelle Schwachstellen verweisen. Zunächst wäre es angebracht gewesen, das zugrunde gelegte Verständnis des politischen Systems kurz darzulegen und zu begründen. Zum zweiten stellt sich die Frage, weshalb der Analyse des politischen Systems nicht eine kurze Darstellung der Staatlichkeit nach bestimmten qualitativen Kriterien vorangestellt wurde, wodurch die immer wieder auftauchenden Verweise auf Instabilität und Defizite vieler lateinamerikanischer Länder besser zu interpretieren oder zu erklären gewesen wären. Lediglich bei Peru wird unter Punkt 9 („Der anomische Staat“, S. 499) explizit auf dieses zentrale Problem eingegangen, das bekanntlich auch für die übrigen Länder Lateinamerikas von Relevanz ist. Drittens hätte es den Wert der Lektüre deutlich gesteigert, wenn – beispielsweise am Ende des Bandes – auf der Grundlage der Einzelfälle eine vergleichende Typologisierung versucht worden wäre. Dies hätte auch den Vorteil gehabt, auf die gegenwärtige wissenschaftliche Debatte genauer einzugehen (beispielsweise auf das Konzept der „defekten Demokratie“).

Nichtdestotrotz ist der vorliegende Band für jeden unverzichtbar, der sich mit den politischen Systemen beider Amerikas befasst. Er wird seinem Anspruch als Lehr- bzw. Handbuch vollauf gerecht und bietet aufgrund seiner stringenten Systematik dem Leser hinreichend Möglichkeiten, selbst die Einzelfälle miteinander zu vergleichen. Mit der gewählten Vergleichsperspektive, die beide Amerikas gleichberechtigt einbezieht, beschreiten die Herausgeber komparatistisches Neuland, wobei das sich damit eröffnende Potential aufgrund der oben genannten Schwächen nicht voll genutzt wird. Es bleibt zu hoffen, dass bei weiteren Auflagen, die sicher folgen werden, diese Defizite behoben sind.

Stüwe, Klaus/ Rinke, Stefan (Hrsg.): Die politischen Systeme in Nord- und Lateinamerika. Eine Einführung.
VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008 (604 S.)


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