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Zeuske, Michael: Simón Bolívar – Geschichte und Ambivalenz eines Mythos

Autor:  | Dezember 2011 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Gelesen

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„An Bolívars Todestag am 17. Dezember versammelten sich in einem feierlichen Staatsakt Präsident Páez, der ‚Löwe der Llanos’, seine Minister, Truppen, Kirchenvertreter sowie ausländische Konsuln und Diplomaten vor der Kapelle. Die Knochen Bolívars wurden in einer pompösen Prozession zur Kirche von San Francisco überführt. Schließlich wurde Bolívar am 23. Dezember 1842 in die Kathedrale gebracht und in der Familien-Krypta beigesetzt.“

Die hier von Michael Zeuske beschriebene Rückführung der Überreste des zum Nationalhelden Auserkorenen zwölf Jahre nach dem frühen Tod Bolívars markiert gewissermaßen den Beginn des Kultes um den Befreier Südamerikas in dessen Heimatland Venezuela. Unter Hugo Chávez, der das Land seit 1999 als Präsident regiert, wurde Bolívars Name zum festen Bestandteil der offiziellen Bezeichnung des südamerikanischen Staates (República Bolivariana de Venezuela), was den Bolívar-Mythos einmal mehr als „eine Art ritualisierter Zivilreligion“ (S. 9) ausweist. Die Sezierung dieses Mythos stellt das zentrale Anliegen Zeuskes dar. Ihm geht es „um die Wirkungsmacht des Mythos, aber auch um seine wirkliche Geschichte und um die reale Herkunft der Protagonisten“ (S. 14; kursiv im Original). Dem ist geschuldet, dass die Rekonstruktion der historischen Grundlagen Venezuelas (S. 21-66), der sozialen und familiären Verhältnisse Bolívars (S. 67-86) und der Ausformung des Mythos um die Person des „Libertadors“ (87-129) im Mittelpunkt stehen. Der Rest des Buches ist der Auflistung der Arbeiten von Michael Zeuske über Bolívar, Humboldt, Miranda und die Independencia (S. 131-138) sowie den umfangreichen Anmerkungen (139-173) vorbehalten. Auch wenn sich im Laufe der Lektüre immer neue Mosaiksteine der Biographie Bolívars ansammeln und sich auf diese Weise dem Leser auch Konturen seines bewegten Lebens erschließen, legt Zeuske keine Lebensgeschichte des Befreiers Südamerikas vor. Wer sich für eine solche interessiert, dem sei das von Norbert Rehrmann 2009 publizierte Buch empfohlen.

Der spezielle Reiz von Zeuskes „Anti-Mythos“ liegt darin begründet, dass er es zum einen gekonnt versteht, die historischen Grundlagen, das zeitgenössische Wirkungsfeld und die verschiedenartigen Prägungen Bolívars so wirklichkeitsnah wie möglich nachzuzeichnen. In den „Konstruktionen einer Nation“ – womit Bolívars Heimat Venezuela gemeint ist – geht Zeuske bis in die vorkoloniale Zeit zurück und zeigt dabei sehr plastisch auf, wie groß die Kluft zwischen dem Konstrukt der Nation und den realen Verläufen ihrer Ausformung, die bis heute andauert, ist.

Am der Independencia – des Unabhängigkeitskampfes gegen die Spanier – weist Zeuske überzeugend nach, dass die Vorstellung „einer einzigen, von Elite-Kreolen wie Simón Bolívar angeführten Independencia“ eine Erfindung der Eliten vor allem in Caracas darstellt (S. 57). In diesem Zusammenhang bringt der Autor das Projekt einer „Geschichte der Kolonialkrise und der Unabhängigkeitsbewegungen ‚ohne Bolívar’“ ins Spiel, das zwar dringend ausstehe, aber nur sehr schwer zu bewältigen sei (S. 14). Ein zweiter Vorzug von Zeuskes Buch liegt in der Art und Weise, mit der er den Bolivar-Mythos seziert. Dies geschieht einerseits durch die permanente „Rückbindung“ der entsprechenden Diskurse an die soziale Realität (S. 18), wofür dem Autor neben der Nationbildung Sklaverei und Rassismus als „Zentralperspektiven“ (S. 19) dienen. Andererseits besticht Zeuskes Vorgehensweise durch das akribische Offenlegen und Abtragen der einzelnen Schichten des Bolívar-Mythos, das an analoge Verfahren der Archäologie oder der Gerichtsmedizin erinnert. Hierfür liefert der Exkurs über den Submythos des Gesprächs zwischen Bolívar und Alexander von Humboldt (S. 107-121) – dieses Gespräch fand nie statt – ein hervorragendes Beispiel.

Für eine historisch ausgewogene Analyse und Bewertung des Bolívar-Mythos sind – wie Zeuske überzeugend aufzeigt – zwei Dinge unabdingbar. Erstens die Unterscheidung zwischen dem konservativen „Staats-Bolívar“ und dem „Volks-Bolívar“ mit seinem sozialrevolutionären Potential (S. 87ff.), zweitens das generelle Verständnis von Mythos. Für Zeuske sind Mythen „wichtige historische Phänomene der Idee- und Diskursgeschichte (im Sinne Foucaults)“ (S. 16), die immer auch einen „wahren Kern“ enthalten. Die Kunst des Historikers besteht vor allem darin, diesen Kern offen zu legen. Daraus folgt, dass Mythen in ihrer Wirkung (und Instrumentalisierung) immer ambivalent und mehrdeutig sind, was für den Bolívar-Mythos – allein schon wegen seiner verschiedenen Varianten und Umdeutungen – in besonderem Maße gilt (S. 18, 128). Dies zeigt sich nicht zuletzt beim „chavistischen Bolívar“, dem sich Zeuske „statt einer Konklusion“ am Ende seines Buches zuwendet (S. 123-129). Chávez und der innere Kern der Chavistas verkörpern sowohl auf der Ebene des Diskurses als auch in der politischen Praxis die oben genannte Ambivalenz geradezu. Zum einen, weil sie sich von „beiden Versionen des Bolívar-Mythos, des plebejisch-mulattischen und des konservativ-positivistisch-nationalistischen, lenken lassen“ (S. 123), zum anderen weil der „bolivarianische Prozess“ unter der Führung von Hugo Chávez sich zwar als „tiefgreifende sozialpolitische Umgestaltung in der Tradition früherer Kämpfe“ versteht (S. 126), jedoch immer noch offen ist, ob es dies auch in der Praxis sein wird (S. 128). Letztlich wird der Ausgang des „bolivarianischen Prozesses“ über das historische Schicksal des „Bolívar-Mythos“ entscheiden: Bleibt er – wie bisher – ein Signum für das Ausbleiben einer sozialen Revolution (S. 18) oder dient er – erstmals – ihrer Ingangsetzung? Vor allem dieser von Zeuske immer wieder herausgearbeitete Praxisbezug macht die Lektüre seines Buches so spannend.

Michel Zeuske

Simón Bolívar – Befreier Südamerikas. Geschichte und Mythos

Rotbuch Verlag Berlin 2011.

ISBN: 978-3867891431


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