lateinamerika - Quetzal - Politik und Kultur in Lateinamerika


Chatwin, Bruce: In Patagonien

Autor:  |  Sommer 1995

Patagonien aus der Sicht eines Ritterromans*

* Unter diesem Titel drucken wir einen Abschnitt aus Bruce Chatwins höchst lesenswertem Buch “In Patagonien “, in dem er über die Ursprünge des Namens der Region, ihre Entdeckung durch Magellan und den Beitrag, den die zeitgenössischen Literatur dazu leistete, nachdenkt.

Bernal Diaz berichtet, daß sich die spanischen Eroberer beim Anblick der juwelengeschmückten Städte Mexikos gefragt hätten, ob sie nicht vielleicht in eine Erzählung aus den Amadis-Romanen geraten seien oder in einen Traum. Diaz wird manchmal zitiert, um die Behauptungen zu untermauern, die Geschichte strebe nach dem Ebenmaß des Mythos. Ähnliches trug sich bei der Ankuft Magellans in San Julián im Jahre 1520 zu:

Vom Schiff aus sahen sie, wie ein nackter Riese am Ufer tanzte, «tanzte und hüpfte und sang, und beim Singen Sand in die Luft und auf sein Haupt warf». Als sich die Weißen ihm näherten, hob er einen Finger zum Himmel, als wollte er fragen, ob sie vom Himmel gefallen wären. Als er dem kommandierenden Kapitän vorgeführt wurde, bedeckte er seine Nacktheit mit einem Umhang aus Guanakofell.

Der Riese war ein Indianer vom Stamm der Tehuelche, einer kupferhäutigen Rasse von Jägern, deren Größe, Kraft und betäubend laute Stimmen in lebhaftem Widerspruch zu ihrem gefügigen Charakter standen. (Vielleicht haben sie Swift als Vorbild für die derben, aber liebenswürdigen Riesen von Brobdingnag gedient.) Magellans Chronist Pigafetta sagt, daß sie schneller rannten als Pferde, ihre Pfeilspitzen mit Feuersteinen versahen, rohes Fleisch aßen, in Zelten hausten und <wie Zigeuner> herumzogen.

Es heißt weiter, Magellan habe «Ha, Patagon!» gesagt und damit <großer Fuß> gemeint, weil der Indianer große Mokassins anhatte. Dieser Ursprung des Wortes <Patagonien> wird im allgemeinen akzeptiert. Aber auch wenn pata im Spanischen <Fuß> heißt, so hat das Suffix gon keine Bedeutung. Das griechische Wort παταγος hingegen bedeutet <Brüllen> oder <Zähne-knirschen>, und da Pigafetta von den Patagoniern behauptet, sie <brüllten wie Stiere>, ist es durchaus möglich, daß zur Besatzung Magellans ein griechischer, vielleicht vor den Türken geflohener Matrose gehört hatte.

Ich las die Mannschaftsrollen durch, konnte aber keine Registrierung eines griechischen Matrosen finden. Dann machte mich Professor Gonzáles Diaz aus Buenos Aires auf <Primaleon von Griechenland> aufmerksam, einen Ritterroman, der ebenso unglaubwürdig und ebenso beliebt war wie <Amadis von Gaula>. Er wurde 1512 in Kastilien veröffentlicht, also sieben Jahre bevor Magellan die Segel setzte. Ich sah in der englischen Übersetzung aus dem Jahre 1596 nach und fand am Ende des zweiten Bandes Anhaltspunkte dafür, daß Magellan ein Exemplar in seiner Kabine mit sich geführt haben muß:

Ritter Primaleon segelt zu einer abgelegenen Insel und triff dort auf ein grausames, häßliches Volk, das rohes Fleisch ißt und sich in Felle kleidet. Im Innern der Insel lebt ein Ungeheuer mit dem <Kopf einer Dogge> und den Füßen eines Hirsches, das der <Große Patagon> genannt wird, aber trotz seiner äußeren Erscheinung menschliche Regungen erkennen läßt und Frauen liebt. Das Oberhaupt der Insulaner fleht Primaleon an, sie von dem Ungeheuer zu befreien. Primaleon reitet los, überwältigt den Patagon mit einem einzigen Schwerstoß und fesselt ihn mit der Leine, an der er sonst seine beiden zahmen Löwen führt. Das Gras färbt sich rot von dem Blut des Patagon, und er <brüllt so schrecklich, daß auch das mutigste Herz in Angst und Schrecken versetzt worden wäre>. Er erholt sich jedoch und leckt sich seine Wunde <mit seiner langen, breiten Zunge> sauber.

Daraufhin beschließt Primaleon, die Kreatur in seine Heimat Polonia mitzunehmen, um die königliche Kuriositätensammlung zu bereichern. Während der Überfahrt unterwirft der Patagon sich seinem neuen Gebieter, und als sie an Land gehen, werden sie von Königin Gridonia erwartet, die sich das Ungeheuer ansehen möchten. «Das ist kein anderer als der Teufel», sagt sie. «Von meiner Hand soll er keine Liebkosung erfahren.» Aber ihre Tochter Prinzessin Zephira streichelt das Ungeheuer, sie singt ihm etwas vor und bringt ihm ihre Sprache bei, und das Tier <ist entzückt, einer schönen Dame ins Gesicht sehen> und ihr <gehorsam wie ein Spaniel> folgen zu dürfen.

Als Magellan den Winter in San Julián verbrachte, faßte er ebenfalls den Entschluß, zwei dieser Riesen für Karl V. und seine Kaiserin zu entführen. Er legte ihnen irgendeinen Tand in die Hände, während sie von seinen Männern an den Knöcheln mit Eisenringen gefesselt wurden, und erklärte, das sei auch eine Art Schmuck. Als die Riesen begriffen, daß man ihnen eine Falle gestellt hatte, brüllten sie auf (in Richard Edens Übersetzung) <wie Stiere und riefen ihren Oberteufel Setebos um Hilfe>. Einer konnte entkommen, aber den anderen brachte Magellan an Bord und taufte ihn Paul. Es mag sein, daß die Geschichte nach Ebenmaß strebt, erreichen tut sie es jedoch nur selten: Der Riese Paul starb mitten auf dem Pazifik an Skorbut, und seine Leiche wurde den Haien zum Fraß vorgeworfen. Und Magellans Leiche lag mit dem Gesicht nach unten in den seichten Gewässern von Mactan: er war dem Schwert eines Filippinos zum Opfer gefallen.

Es vergingen neunzig Jahre, bis am 1. November 1611 zum erstenmal <Der Sturm> im White-hall-Theater aufgeführt wurde. Shakespeares Quellen für das Stück sind Gegenstand heftigster Auseinandersetzungen. W ir wissen aber, daß er den Bericht über den üblen Trick von San Julián in Pigafettas <Reise> gelesen hat:

Caliban:

Ich muß gehorchen; seine Kunst bezwänge
Wohl meiner Mutter Gott, den Setebos

Und macht ihn zum Vasallen

Shakespeare legte die ganze Bitterkeit der Neuen Welt in den Mund Calibans. («Dies Eiland ist mein, von meiner Mutter Sycorax, das du mir wegnimmst.») Er hatte begriffen, daß die Sprache des weißen Mannes eine Kriegswaffe war («Hol die Pest Euch fürs Lehren Eurer Sprache»), daß die Indianer vor dem erstbesten Dummkopf, der ihnen die Freiheit versprach, in die Knie gehen würden («Ich will den Fuß dir küssen … Ban, ban, Ca-Caliban, hat zum Herrn einen neuen Mann: Schaff einen neuen Diener dir an.»). Er hatte Pigafetta sorgfältiger gelesen, als allgemein bemerkt wird:

Caliban:
Bist du nicht vom Himmel gefallen?

Stephano:
Ja, aus dem Monde, glaub’s mir; ich war zu seiner Zeit der Mann im Monde.

Und:
Stephano:
Kann ich ihn wieder zurechtbringen, und ihn zahm machen, und nach Neapel mit ihm kommen, so ist er ein Präsent für den besten Kaiser, der je auf Rindsleder getreten ist.

Die Frage ist nur: Kannte Shakespeare auch das Buch, das die Ereignisse von San Julián ausgelöst hat?

Ich glaube, er kannte es. Beide Ungeheuer waren halb Mensch, halb Tier. Der Große Patagon war <gezeugt von einem Biest in den Wäldern> und Caliban ein giftiger Sklave, vom Teufel selbst gezeugt. Beide erleraten eine fremde Sprache. Beide liebten eine weiße Prinzessin (auch wenn Caliban versuchte, Miranda zu vergewaltigen) . Und beide stimmten in einem wichtigen Punkt überein: der Patagon hatte den <Kopf der Dogge>, und Trinculo sagt über Caliban: «Ich lache mich noch zu Tode über dies mopsköpfige Ungeheuer.»

Der Ursprung der <Hundeköpfe> ist vielleicht in den <Visieren> oder Kriegsmasken zu finden, wie sie die Reiter von Dschingis Kahn getragen haben oder die Tehuelche-Indianer, die John Davis in Puerto Deseado angriffen. Shakespeare könnte sie der Hakluyt-Ausgabe entnommen haben. Aber in jedem Fall hat Caliban Anspruch auf eine patagonische Abstammung.

Aus: Patagonien
Deutsch von Anna Kamp

® by Rowohlt Verlag GmbH.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Rowohlt.


Weitersagen:


top