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Zeuske, Michael: Insel der Extreme. Kuba im 20. Jahrhundert

Autor:  | Mai 2004 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Gelesen
Michael Zeuske - Insel der Extreme

Kuba im Zeitalter der Extreme. Lange Linien oder doch Alternativen?

Michael_Zeuske_Insel_der_Extreme.jpgUm es gleich vorwegzunehmen, die zweite, aktualisierte und stark (von 278 auf 415 Seiten) erweiterte Auflage von Zeuskes „Insel der Extreme“, die vom Rotpunktverlag Zürich verlegt wurde, ist ein Gewinn auch für jene Leser, die die erste Auflage bereits kennen. In bewährter und bereits in einer ersten Kuba-Rezension gewürdigten Manier lässt der Autor die kubanische Geschichte des 20. Jahrhunderts vor dem geistigen Auge des Lesers lebendig werden. Die Neuerungen der zweiten Auflage betreffen vor allem Beginn und Ende des kubanischen „Jahrhunderts der Extreme“ (Hobsbawm), während der Mittelteil zwar etwas aufgefüllt wurde, aber nicht wesentlich von der Darstellung der ersten Auflage abweicht. Damit ist bereits angedeutet, dass für Zeuske das 20. Jahrhundert mit Blick auf Kuba keineswegs ein kurzes – wie bei Hobsbawm, sondern eher ein langes ist. Die Einbeziehung des kubanischen Unabhängigkeitskrieges 1895-1898 und der anschließenden US-Besatzung, die (zunächst) bis zur Gründung der Ersten Republik im Jahr 1902 währte, verschafft der weiteren Darstellung ein solides Fundament und klarere Konturen. Immerhin waren jene Jahre eine Zeit voller Alternativen und Weichenstellungen, die den Rahmen und die Konfliktlinien der weiteren Entwicklung vorgaben. Zwar konnte dieser Rahmen erweitert und die Konfliktlinien konnten bearbeitet werden, dennoch bildeten sie für alle nachfolgenden Entscheidungen Ausgangsbasis, Reibungsfläche, Leitplanke oder Kontrapunkt. So ist die Erste Republik, die – wenn auch mit Fragezeichen – als „weiße Elitenation im Schatten des Platt-Amendments“ (ein Verfassungszusatz, der den USA das Interventionsrecht gegenüber Kuba garantiert) beschrieben wird (S.89ff), das Ergebnis eines doppelten Scheiterns, da sich paradoxerweise weder die kubanischen (S. 49ff) noch die US-amerikanischen Staatsvorstellungen (S. 73ff) durchsetzen konnten. Zugleich stellt die Staatsgründung von 1902 eine dreifache Herausforderung für den kubanischen Nationalismus dar: Die Fixierung auf „Elite“ negiert den Anteil der Volksmassen am Befreiungskampf, „weiß“ schließt die farbige Bevölkerungsmehrheit aus, der neokoloniale Charakter des neuen Staatswesens verkehrt den langen Kampf um die Unabhängigkeit ins Gegenteil. Die Deformationen der Ersten Republik werden in mehreren Anläufen zu korrigieren versucht: Mit dem Aufstand von 1912 meldete die farbige Bevölkerung des Oriente ihren Anspruch auf eine andere Republik an (S. 105ff) und die Massenrevolution von 1933 (S. 137ff), Geburtsstunde der Zweiten Republik, erzwang die Abschaffung des Platt-Amendments. Aber erst der Sieg der durch Fidel Castro verkörperten Revolution, mit der 1959 die Dritte Republik (S. 185ff) aus der Taufe gehoben wurde, brachte schließlich den ersehnten Durchbruch.

So weit, so klar. Die drei Revolutionen von 1895, 1933 und 1959 strukturieren die Geschichte Kubas im 20. Jahrhundert. Als Transformationszyklus bilden sie eine aufsteigende Linie und selbst dort wo sie scheitern oder unvollendet bleiben, schaffen sie Raum für – meist ungenutzt verstreichende – Reformalternativen. Spannend wird es dann, wenn man die revolutionären Anstrengungen und Umbrüche zu den „langen Linien“ der kubanischen Geschichte ins Verhältnis setzt: Besonders die geostrategische Lage (eine kleine Insel als wichtiger Teil großer Imperien) und die inneren Bruchlinien („großes Kuba“ versus „kleine Kubas“, West-Ost-Dualismus, Stadt-Land-Gefälle, ethnisch-kulturelle Bruchlinien) fordern dazu heraus, nach der Reichweite und Transformationskapazität der kubanischen Revolution(en) zu fragen, was in Sonderheit für die vorerst letzte und einzig siegreiche von 1959 gilt. Zeuske gibt dieser Frage breiten Raum und benennt die Widersprüche klar. Hier kommt dem Buch zugute, dass die Entwicklung von 1990 bis 2004 (S. 245-337) ausführlich dargestellt, analysiert und diskutiert wird. Besonders der Exkurs über die kubanische Eß- und Trinkkultur (S. 268- 289) vor dem Hintergrund der Mangelwirtschaft ist eine literarische Bereicherung, die jedes holzschnittartige Kuba-Bild ad absurdum führt.

Aber zurück zur Hauptfrage: Was hat sich in Kuba zwischen 1895 und 2004 wirklich geändert und was muss sich noch ändern, wenn das national-revolutionäre Projekt Bestand haben soll? Die wichtigste Errungenschaft des „langen 20. Jahrhunderts“ ist zweifellos die Durchsetzung und Wahrung der nationalen Unabhängigkeit trotz äußerst widriger Bedingungen und ungünstiger Voraussetzungen. Flankiert wird diese erfolgreiche Entwicklung durch einen gewissen Ausgleich der traditionellen Bruchlinien – bis auf eine: der nach wie vor ungelöste Konflikt zwischen dem dominanten „großen Kuba“ und den marginalisierten „kleinen Kubas“. Die Lösung dieses Konflikts zugunsten der „kleinen Kubas“ ist für Zeuske der Schlüssel für das Überleben des national-revolutionären Projekts. Wie stehen die Chancen dafür? Nach dem Wegbrechen seiner tragenden Säulen (privilegierte Stellung in oder zwischen Imperien; Dominanz der Zuckerwirtschaft) hängt das „große Kuba“ gewissermaßen in der Luft. Dennoch fiel – so Zeuske auf S. 315 – „nach 2001 die Entscheidung…, ein ‚großes Kuba’ ohne Zuckerindustrie beziehungsweise mit stark verringerter Zuckerindustrie zu schaffen“. An anderer Stelle hält er eine Art „Haitianisierung“ (S. 266) oder den „vorsichtigen Pragmatismus eines chinesischen oder vietnamesischen Weges“ (S. 268) für möglich. Welche Rolle dabei aber die „kleinen Kubas“ spielen sollten, lässt er leider offen. So bleibt dem Leser zwar das Resümee, dass Kuba nach wie vor über Alternativen verfügt, ob sie aber gesucht und umgesetzt werden können oder Kuba gar selbst (wieder) Alternative wird, bleibt ungewiss.

Wer etwas über die Spielräume und den Widerstand kleiner Nationen gegenüber Globalisierung und Imperien, über das Verhältnis zwischen Revolution und Reform, über die geschichtsverändernde Rolle von Persönlichkeiten oder über die Reichweite langer Linien – kurz: über Alternativität von Geschichte – erfahren will, findet in der Lektüre der zweiten Auflage von Zeuskes „Insel der Extreme“ reichlich Anregungen und Fakten, die sich zwar „nur“ auf eine kleine Insel beziehen, aber dennoch weit darüber hinausreichen.

Michael Zeuske
Insel der Extreme.

Kuba im 20. Jahrhundert.
Rotpunktverlag Zürich 2004.
ISBN 3-85869-208-5


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