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Lipke, Jürgen: Ungleiche Arbeitsteilung und Entwicklung im Weltsystem

Autor:  | Mai 2014 | Artikel empfehlen

Quantifizierung von ungleichem Tausch in monetärer und ökologischer Dimension

Lipke, Jürgen: Ungleicher Tausch - Foto: Buch-CoverEuropa – das große Ziel afrikanischer Migranten. Das reiche Europa, das zu erreichen viele von ihnen ihr Leben riskieren. Nur zu präsent sind die Bilder, wenn Afrikaner Meter hohe, mit Stacheldraht gesicherte Zäune übersteigen oder in total überfüllten Booten das Mittelmeer zu überwinden versuchen. Ähnlich in Mexiko, das Lateinamerikaner auf Güterzügen durchqueren, stets in der Gefahr, abzustürzen und Gliedmaßen zu verlieren, nur um irgendwie in die verheißungsvolle, Wohlstand versprechende USA zu gelangen.

Doch warum ist das so? Warum sind einige Länder reich – und werden immer reicher –, während andere arm sind? Inwiefern profitieren vielleicht sogar die entwickelten Länder vom Handel mit den unterentwickelten Gesellschaften? Und was hat die Smogglocke über Peking mit der sich verbessernden Luftqualität im Ruhrgebiet zu tun?

Es sind diese aktuellen und in ihren Konsequenzen weitreichenden Fragen, denen Jürgen Lipke in seinem Buch „Ungleiche Arbeitsteilung und Entwicklung im Weltsystem“ nachgeht. Für den Untersuchungszeitraum 1960 bis 2003 untersucht und quantifiziert er, wie hoch der monetäre Transfer aus den Entwicklungsländern in die Industriestaaten ist und wie sich die Verlagerung von Umweltaspekten zwischen armen und reichen Ländern messen lässt.

Damit leistet er nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur Erklärung der weltwirtschaftlichen Beziehungen und zu den „Ausbeutungs- und Abhängigkeitsstrukturen innerhalb der globalen Arbeitsteilung“ (S.264). Zugleich beraubt er den Leser sehr eindringlich der Illusion, dass das Wirtschaften und der Lebensstil in den reichen Ländern umweltfreundlich und nachhaltig seien. Zwar ist der Zustand der Umwelt in den entwickelten Volkswirtschaften oftmals viel besser als in den Entwicklungsländern. Aber „ohne den Zustrom von billigen Ressourcen und die Verlagerung von Umweltschäden auf letztere wäre dieser Zustand […] nicht möglich“ (S. 33). Die Aufrechterhaltung des Lebensstandards in den Industriestaaten basiert somit auf der Kostenexternalisierung, d.h. auf der Verlagerung von sozialen und ökologischen Kosten auf andere soziale Gruppen oder zukünftige Generationen, speziell in den peripheren, rückständigen Regionen.

80 Seiten Methodik

Die Problematik der ungleichen Entwicklung von Ländern leitet Lipke sehr anschaulich anhand eines fiktiven Treffens her: Ein pakistanischer Kellner bedient in einem Dubaier Hotel einen deutschen Vermarkter von in Pakistan gefertigten Fußbällen. Der Unterschied ihres Gehalts beläuft sich auf das 50fache. Wie Lipke betont, hat die ungleiche Entlohnung zunächst etwas mit ihren erworbenen Fähigkeiten zu tun. Doch das entscheidende Moment ist ihr Herkunftsland. Denn „Menschen, die […] aus ärmeren Weltregionen stammen, gelingt es seltener, innerhalb der globalen Arbeitsteilung zu hochqualifizierten Tätigkeitsbereichen Zugang zu finden“ (S. 1). Entsprechend klafft die globale Einkommensverteilung zunehmend auseinander (Abbildung 1 auf S. 3).

Um diese Entwicklung zu erklären, nimmt Lipke Anleihen bei der Weltsystemtheorie von Immanuel Wallerstein und bei der Dependenztheorie. Demnach gäbe es nur sehr eingeschränkte Entwicklungsmöglichkeiten für die unterentwickelten Länder, da sie sich in einem hierarchischen Abhängigkeitsverhältnis (“Dependenz”) zur den Industrienationen befinden. Allerdings ist dieser Teil sehr knapp gehalten.

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt ganz augenscheinlich auf der Quantifizierung von ungleichem Tausch. Für die Erläuterung der Variablen, deren Vor- und Nachteile, die Qualität und Zuverlässigkeit der Daten und zur Darstellung des methodologischen Vorgehens nutzt Lipke nicht weniger als 80 Seiten – knapp ein Viertel des gesamten Buches. Den Rest nimmt die Präsentation der Ergebnisse in Anspruch. Dabei geht er zunächst auf die reichen, mittleren und armen Zonen ein, die bei der Weltsystemtheorie dem Zentrum, der Semiperipherie und Peripherie entsprechen. Dann fokussiert er auf zwölf geographische Großregionen wie Nordamerika, Westeuropa und Subsahara-Afrika. Schließlich offeriert er quantitative Daten des Transfers auch noch für einzelne Länder, darunter Frankreich, Argentinien und Ghana.

Zunehmender Anstieg der Transferleistungen ins Zentrum

Peru: Armut - Foto: Quetzal-Redaktion, sscDie Arbeit von Lipke zeigt, dass im Zuge der Ausweitung des Welthandels nach dem Zweiten Weltkrieg die Transferleistungen ins Zentrum sehr stark anstiegen. Die globale Liberalisierung führte zu einer Zementierung der Dreiteilung (Zentrum – Semiperipherie – Peripherie) statt zu einer Angleichung der Entwicklung. Und in „der zeitlichen Entwicklung hat der monetäre Transfer insbesondere seit 1980 zugenommen“ (S. 139). Hierbei ist allerdings zu beachten, dass Lipke nur den Umfang der indirekten Finanzströme aus den unterentwickelten Ländern in die Industriestaaten bestimmt. Diese indirekten Transferzahlungen, die sich aus der Abweichung des offiziellen Wechselkurses gegenüber der Kaufkraftparität im jeweiligen Land ergeben, liefern allerdings kein Gesamtbild, da direkte finanzielle Effekte weitgehend fehlen. Exemplarisch werden etwa Zinszahlungen auf Schulden oder Geldrücküberweisungen (remesas) und Auslandsdirektinvestitionen (FDI) jedoch anhand des Beispiels Argentinien (Abbildung 84 auf S. 223) oder des Schuldendienstes Pakistans (Abbildung 80 auf S. 216) erwähnt.

Bei der anschließenden Bestimmung des ökologischen Transfers kristallisiert sich ebenfalls ein Muster des Transfers aus den Entwicklungsländern in das Zentrum heraus. Lipke stellt fest, dass in „der Tendenz […] die jeweils reichen Länder im Außenhandel einen zunehmenden Anteil an ökologischem Fußabdruck gewinnen“ (S. 142). Das bedeutet, dass die Menschen in den reichen Staaten zunehmend auf Flächen außerhalb ihres Staatsgebietes zurückgreifen (müssen), um die durch ihre Aktivitäten verbrauchten Ressourcen bereitzustellen und die dabei entstehenden „Abfälle“ aufzunehmen. Den Hauptteil des globalen ökologischen Fußabdrucks verursachen die Emissionen aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe (und entsprechend die rechnerisch notwendige Fläche für die Absorption derselben).

In der Summe hat das Zentrum über den Zeitraum 1961 bis 2002 über zehn Milliarden Hektar als ökologischen Nettotransfer erhalten – mit ansteigenden Werten speziell seit den 1980er Jahren. So betrug nach den Berechnungen von Lipke der ökologische Nettotransfer in die reichen Staaten allein im Jahr 2000 1,1 Milliarden Hektar, was umgerechnet auf die Bevölkerung einen Gewinn von 1,26 Hektar pro Person (S. 140; 1,2 Hektar/Person auf S. 150) in den wohlhabenden Ländern entsprach. Allerdings mahnen auch hier große Datenlücken – speziell der erdölexportierenden Länder wie Venezuela oder Iran – zur Vorsicht vor einer zu weitgehenden Interpretation der absoluten Zahlen. Dennoch ist die Schlussfolgerung aus dieser Analyse schwerlich anfechtbar, wenn Lipke schreibt, „dass der große ökologische Verbrauch der reichen Zone nur durch die ständige Zuführung von externer ökologischer Kapazität zu erhalten bzw. zu mehren ist, wenn nicht die eigenen Naturressourcen weiter übernutzt werden sollen“ (S. 150).

Interessant ist auch die zeitliche Entwicklung des ökologischen Fußabdrucks. Demnach hat sich der Wert im Zentrum von knapp über vier Hektar pro Kopf im Jahr 1962 auf etwa 6,5 Hektar pro Kopf im Jahr 2002 erhöht. In China verdoppelte sich gar der Pro-Kopf-Fußabdruck innerhalb der letzten 40 Jahre, von etwa 0,9 Hektar auf 1,8 Hektar mit einer rasanten Beschleunigung ab etwa 1980 (Abbildung 30 auf S. 146).

Bei der Analyse der geographischen Großregionen (Kapitel 7) wird das Ergebnis der Untersuchung anhand der Reichtum/Armut-Einteilung der Länder gestützt. Es profitiert das Zentrum (hier jetzt konkret Westeuropa und Nordamerika). Es verliert v.a. die Semiperipherie. Grundlegend neue Erkenntnisse bringt dieses Kapitel nicht.

Und auch das 8. Kapitel liefert wenig Neues. Es sind die Details und Vergleiche, die – trotz bekannter Fakten – z.T. ein neues Bild über die Ungleichheit auf diesem Planeten zeichnen. Etwa, wenn im Durchschnitt ein Norweger über 100 Mal so viel verdient wie ein Äthiopier. Oder wenn die USA einen 20 Mal größeren Naturverbrauch pro Kopf ausweisen als Malawi (9,6 Hektar/Kopf vs. 0,6 Hektar pro Kopf) (S. 191-192). Erschreckend ist zudem die Entwicklung dieser Maßzahlen über das vergangene halbe Jahrhundert. Denn die Schere zwischen den reichsten und ärmsten Ländern hat sich nachweislich sowohl beim Einkommen als auch beim Verbrauch natürlicher Ressourcen weiter geöffnet (S. 192).

Die Dynamik hinsichtlich des Auf- und Abstiegs einzelner Länder in den Einkommenszonen weist ebenfalls in Richtung einer zunehmenden globalen Ungleichheit. Denn während „von insgesamt 90 Ländern acht in eine höhere Einkommenszone aufstiegen, davon sieben in die reiche, sind 15 Länder abgestiegen, davon zwölf in die arme Zone “ (S. 198). Im Kontext Lateinamerikas ist speziell das Beispiel Argentinien als Absteiger aus der reichen Zone sehr anschaulich (Kap. 8.2.4).

Konsequenzen für die Entwicklungspolitik

Chile: Hafen in Valparaiso - Foto: Quetzal-Redaktion, sscDie Konsequenzen aus den gewonnenen Ergebnissen sind weitreichend. Denn die Arbeit hinterfragt nicht weniger als die globale Umsetzbarkeit des Modells der exportorientierten Industrialisierung, das von den Bretton-Woods-Institutionen und den internationalen Think Tanks so vehement propagiert wird. Abwertung führt gemäß Lipkes Daten zuallererst zu einem monetären Transfer zugunsten der reichen Länder, während die unterentwickelten Wirtschaften relativ und absolut immer weiter zurückfallen. Erschwerend kommt hinzu, dass die armen Länder in Konkurrenz untereinander treten und sich in einen Abwertungswettlauf begeben (müssen). Die von IWF und Weltbank geforderten Strukturanpassungsmaßnahmen – bei denen Abwertung und Austeritätsprogramme eine zentrale Rolle einnehmen – führen ganz offensichtlich nicht zu einem anhaltenden Entwicklungsprozess in den unterentwickelten Staaten. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die rückständigen Länder vornehmlich Rohstoffe exportieren. Das Beispiel von Ghana (S. 224-225) ist dafür musterhaft. Der Autor streift in dem Kontext auch das Thema des Zurückbleibens der unterentwickelten Länder (Kap. 10.3). Trotz der Ausnahmeentwicklung Südkoreas und Taiwans (S. 256) ist Lipke sehr skeptisch hinsichtlich eines auf Wachstum basierenden Modells zum Aufholen der rückständigen Wirtschaften. In Anbetracht sich verringernder natürlicher Ressourcen werde seiner Ansicht nach eine nachholende Entwicklung immer schwieriger. Es sei „auf breiter Ebene nahezu unmöglich“ (S. 251) und ein „unrealistisches Unterfangen“ (S. 259).

Die Implikationen aus Lipkes Analyse sind somit weitreichend und für manchen unbequem: Denn eine „solche, teilweise radikale Abkehr von Profitmaximierung und Wachstum liefe […] dem Grundprinzip des kapitalistischen Weltsystems, nämlich der scheinbar unbegrenzten Kapitalvermehrung, zuwider. Am Ende stünde – als vielleicht einziger Ausweg aus dem ‚Entwicklungsdilemma‘ – die Transformation des aktuellen hin zu einem humaneren Weltsystem“ (S. 262).

Ungenügende theoretische und wirtschaftshistorische Einbindung

Insgesamt ist die Arbeit sehr stark Empirie geleitet. Lipke weiß sehr gut die verschiedenen Methoden gegeneinander abzuwägen und deren Vor- und Nachteile aufzuzeigen. Er kennt die Schwächen der einzelnen methodischen Ansätze zur Quantifizierung des ungleichen Tauschs anhand der Kaufkraftmethode und für den ökologischen Fußabdruck sowie die Unsicherheit in den Daten.

Aufgrund der methodischen Probleme, geeignete Indikatoren für die Analyse zu finden und deren Vor- und Nachteile abzuwägen, dehnt sich der Vorlauf der eigentlichen Untersuchung bis zur Hälfte des Buches aus (S. 145). Das ist zu viel. Denn die wichtige theoretische Einbettung (Weltsystemtheorie und Dependenztheorie) wird mit 20 Seiten nahezu stiefmütterlich behandelt. Der wirtschaftshistorische und entwicklungspolitische Hintergrund sind ebenfalls zu wenig gewürdigt worden. Hier hätte der Autor tiefer in die Arbeiten von Wirtschaftshistorikern wie Fernand Braudel, Eric Hobsbawm oder auch Paul Bairoch eintauchen sollen.

Entsprechend fehlt bei der Diskussion und Einordnung der empirischen Daten ein theoretischer Aufhänger. Die vorliegende Arbeit liefert ja gerade für die Dependenztheorie, die ab Mitte der 1960er Jahre vor allem für Lateinamerika große Bedeutung erlangte, reichlich empirische Unterfütterung. Der offensichtlich stattfindende Transfer von Kapital und Natur aus der Peripherie, vor allem aber der Semiperipherie ins Zentrum seit den 1960er Jahren zöge folglich ein Wiederaufleben der Weltsystem- und Dependenztheorien nach sich. Das zu diskutieren, unterlässt Lipke jedoch.

Auch andere entwicklungstheoretische Debatten dürften von Lipkes Arbeit nachhaltig beeinflusst werden. Zu denken sei zum Beispiel an die Frage, ob die Länder des kapitalistischen Zentrums die Semiperipherie und Peripherie für ihre Entwicklung brauch(t)en oder nicht (siehe z.B. Paul Bairoch). Nur geht der Autor nicht darauf ein. Entsprechend enttäuschend liest sich sein Fazit: „Das Versprechen nachholender Entwicklung durch Marktöffnung und Freihandel wurde nicht eingelöst, vielmehr hat sich die Lage der ärmsten Menschen im Zuge der Wirtschaftsliberalisierung verschärft und der Aufstieg in der kapitalistischen Weltwirtschaft blieb die Ausnahme. Vor diesem Hintergrund erscheint die weltsystemische Betrachtung sinnvoll“ (S. 251, [Hervorhebung durch den Verf.]).

Guatemala: Maquiladora - Foto: Christliche Initiative RomeroEin weiterer Kritikpunkt betrifft die – mehr oder weniger – arbiträre Festsetzung des Untersuchungszeitraums, speziell dessen Beginn 1960. Obwohl recht schnell klar wird, dass der Autor dies vornehmlich mit der Datenverfügbarkeit begründet, wäre auch hier die theoretische und wirtschaftshistorische Einbettung dieses Zeitpunktes äußerst hilfreich gewesen. Denn offensichtlich haben sowohl die Expansion des kapitalistischen Weltsystems als auch die Beziehungen zwischen den drei Zonen des Weltsystems ab den 1960er Jahren noch einmal an Dynamik gewonnen. So hätte eine Begründung für den Startpunkt der Untersuchung im Jahr 1960, der nicht auf die alleinige Verfügbarkeit der Daten abhebt, darin liegen können, dass erst ab diesem Zeitraum die internationale Arbeitsteilung eine bis dato unbekannte Revolution erfuhr. Noch 1960 stammten etwa 80 Prozent der globalen Industrieproduktion aus Westeuropa und Nordamerika. Von da an kam es zur zunehmenden Deindustrialisierung der alten Kernländer – und zu einem grundlegenden Wandel der weltweiten Landkarte der Industrieproduktion, inklusive des Aufstiegs von Japan und später Südkoreas und Taiwans.

Auch mit Blick auf andere Umbrüche in dieser Zeit wird deutlich, dass der Autor eine Phase der kapitalistischen Entwicklung untersucht, die grundlegend verschieden ist von der Entwicklung bis dahin. Das gilt umso mehr für die Neuausrichtung des Ressourcentransfers von der Peripherie ins Zentrum. Beispielsweise waren die industrialisierten Staaten bis unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg unabhängig von Energieimporten. 1973 stammten dann aber bereits 30 Prozent der kommerziellen Nutzenergie in den westlichen Staaten aus Entwicklungsländern, in Westeuropa sogar doppelt so viel. Die USA wurden erst ab 1957 zum Ölimporteur.

Das Gleiche gilt für einige Mineralien. Bei Roheisen etwa gab es bis in die frühen 1950er Jahre ein minimales Defizit (zirka ein Prozent) in der Export-Import-Bilanz in Westeuropa, in den 1960ern dann aber bereits eine Lücke von zwölf Prozent, die sich zudem immer weiter öffnete. Ähnlich sah es in Japan aus. Bei anderen Metallen (v.a. Zinn, Kupfer und Blei) verzeichneten die entwickelten Länder schon früher ein Defizit. In der Gesamtmassebilanz sind sie allerdings zu vernachlässigen. Bis nach dem Ersten Weltkrieg haben die entwickelten Länder schätzungsweise 98 Prozent aller Metalle selbst produziert. Wertmäßig lag das Defizit in Westeuropa bei zirka fünf Prozent.

Es sind diese Zusammenhänge und Daten, die in der Arbeit fehlen, um ein Gesamtverständnis für die unterbreitete Empirie zu erlangen und auch (kritisch) die Weltsystem- und Dependenztheorie zu bewerten bzw. sogar weiter zu entwickeln.

Ein dritter, im Vergleich zu den beiden Hauptkritikpunkten (mangelnde theoretische und historische Einbindung) allerdings nachrangiger Schwachpunkt des Buches liegt darin, dass das Zurückbleiben der Entwicklungsländer vornehmlich durch deren Einbettung ins Weltsystem erklärt wird. Das liegt an Lipkes Fokus auf die Weltsystem- und Dependenztheorie, die beide ausschließlich externe Faktoren untersuchen. Inländische Aspekte wie das rent-seeking der Staatsklasse werden weitgehend vernachlässigt. Zwar erwähnt Lipke die Eliten und vor allem die „Staatsklasse“ als Profiteure des derzeitigen Systems (S. 31). Aber gerade zum Konzept der „Staatsklasse“ hätte er weiter ausholen können, wobei der zitierte Harald Fuhr eher als Sekundärquelle, der (nicht erwähnte) Hartmut Elsenhans als Koryphäe auf dem Gebiet zu betrachten sind. Dieser Punkt ist freilich eine Fundamentalkritik, die jedoch den Wert des Buches nicht in Abrede stellen soll.

Fazit: Die Lektüre des Buches kann ausdrücklich empfohlen werden. Für alle Interessenten an der globalen Wirtschafts- und Entwicklungspolitik ist es mehr als ein Einführungswerk. Allerdings kommen Experten auf dem Gebiet schnell an die Erkenntnisgrenze.

Jürgen Lipke
Ungleiche Arbeitsteilung und
Entwicklung im Weltsystem
Wissenschaftlicher Verlag Berlin (wvb)
313 S., 2010

Bildquellen: [1] Buch-Cover; [2], [3] Quetzal-Redaktion, ssc; [4] Christliche Initiative Romero_


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