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Haule, Eva: Die Revolution sind wir alle

Autor:  | Januar 2010 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Gelesen
Haule, Eva: Die Revolution sind wir alle

Berichte und Fotos von einer Gesellschaft im Aufbruch

Eva Haule: Die Revolution sind wir alleDie Bolivarische Revolution in Venezuela lebt von der Basis. Auch wenn hierzulande insbesondere in den Mainstream-Medien – aber nicht nur in diesen – fast ausschließlich Hugo Chávez thematisiert wird, ohne das Volk auf seiner Seite wäre er nichts. Und er wäre vermutlich auch gar nicht mehr am Leben, denn die Unterstützung der Basisgruppen rettete ihm 2002 beim Putsch der Opposition nicht nur das Amt. Höchste Zeit also, dass das Land auch hierzulande näher von unten betrachtet wird. Eva Haule hat mit ihren Fotos und Interviews in dem Band „Die Revolution sind wir alle“ dabei eine verdienstvolle Arbeit geleistet.

Die städtischen Basisorganisationen haben ihre Bedeutung für die Unterstützung des bolivarischen Prozesses immer wieder unter Beweis gestellt. Mit den Consejos Comunales gibt es in Venezuela seit 2006 ein gesetzlich verankertes Instrument, mit denen sie institutionalisiert und formaler Teil der bolivarischen Revolution wurden, was neue Chancen der Partizipation bietet, aber auch immer Gefahren der Vereinnahmung in sich birgt. „Der Kommunale Rat ist auch die Grundlage, auf der die partizipative und protagonistische Demokratie aufgebaut wird, welche die Bolivarianische Verfassung vorschlägt“, heißt es in der Selbstdarstellung der Räte. Das aber ist eine Forderung. Wie sieht es nun unten konkret aus? Ist an der Basis wirklich ein neues Bewusstsein von der Bedeutung der Selbstorganisation entstanden? Die Schilderungen in den Interviews von Haule, aber auch die Fotos legen dies nahe. Aber nicht ungebrochen.

Schließlich sind viele der Basisorganisationen in den Jahren vor 1999 aus konkreter Not heraus entstanden, die mittlerweile durch die Sozialprogramme gemildert wurde, was die Organisierten dazu verleiten könnte, sich nun doch wieder auf den bolivarischen Staat zu verlassen. Dies passiert immer wieder, trotz aller Appelle von oben und vor allem trotz unzähliger Versuche an der Basis, die Menschen zu aktivieren. So sagen Aktivisten des besonders gut organisierten Barrios „23 enero“ (23. Januar) in Caracas mit Bezug auf die gescheiterte Verfassungsreform 2007, die unter anderem der Volksmacht Verfassungsrang geben sollte: „Zunächst einmal ist Venezuela politisch immer noch sehr unreif. Viele Leute sagten: ,Chávez – ja, Reform – nein’, denn sie glauben noch immer an den individuellen Luxus für sich selbst. Die privaten Massenmedien beeinflussen ihre Meinung auch dahingehend, viele sind nicht in der Lage, selbst zu denken und sich eine eigene Meinung zu bilden. Da gibt es Leute, die nicht den geringsten Schimmer davon haben, welche Bedeutung die Reform für die Sectores populares gehabt hätte, welche Vorteile sie gebracht hätte.“

Dieses Interview zeugt wie auch die anderen Aussagen der Basisaktivisten aus dem Buch Haules von einer Gesellschaft im Aufbruch und davon, dass viele Menschen sich der Bedeutung der Selbstorganisation bewusst sind. Wenn im gleichen Viertel von Caracas auf einer Vollversammlung 1.000 Menschen von 9.000 Bewohnern erscheinen, mag das in Relation wenig erscheinen. Aber man stelle sich solch eine selbstorganisierte Masse in deutschen Stadtvierteln vor. Die große Zahl an engagierten Menschen in den comunidades, die aus den Gesprächen abzulesen ist, beeindruckt trotz der vielen Relativierungen, die zu Recht gemacht werden müssen. Denn natürlich wäre es am besten, wenn sich alle beteiligten. Dafür ist aber politisches Bewusstsein nötig, das eben nicht einfach so da ist, sondern das erarbeitet werden muss, wie die bereits zitierten Aktivisten des Kollektivs „Alexis Vive – Carajo“, das bereits seit 1990 besteht, zu Recht sagen. „Für uns war der Sprung hin zu einer politischen Organisation anfangs sehr schwer, weil das politische Bewusstsein vieler GenossInnen oft nicht so weit entwickelt war. Damit erklärt sich auch die große Bedeutung, welche die politische Bildung für uns hat. Bevor wir Pflichten und Aufgaben in der Organisation übertragen, verteilen wir beispielsweise an Jugendliche Literatur und diskutieren mit ihnen darüber. Da kann es darum gehen, wie eine Zeitung herausgebracht und verkauft werden kann oder wie ein Basketballteam aufgebaut wird oder um andere Themen, die unsere sozialen Aufgaben in der comunidad betreffen – ohne politische Bildung geht es nicht! Inzwischen haben wir unsere eigene Fahne, eine eigene Kleidung entworfen und eine Schule zur politischen Bildung unserer Mitglieder gegründet.“

Durch Aktivisten wie die aus dem Kollektiv „Alexis Vive – Carajo“ gelang es in Venezuela unter anderem, in wenigen Jahren den Analphabetismus weitgehend zu besiegen – die Misión Robinson lebte und lebt von den Freiwilligen der Basis – und auch der Aufbau des Gesundheitssystems in der Misión Barrio Adentro wäre ohne die 9.000 lokalen Komitees nicht denkbar gewesen, die sich mit viel Enthusiasmus und dem Willen Neues zu lernen in die Arbeit stürzten.

Das Buch von Eva Haule schafft es gerade durch die Kombination von Bild und Text, die revolutionäre Stimmung in Venezuela zu vermitteln. Dass sich die Fotografin und Autorin – ehemals Mitglied der RAF – dabei im Hintergrund hält und die Aktivisten sprechen lässt, holt den Leser in die Schluchten von Caracas hinein, lässt ihn die Kämpfe vor Ort spüren und die Möglichkeiten dieser neuartigen Revolution im 21. Jahrhundert erahnen. Denn dass Haule wie ihre Protagonisten nicht so weit in die analytische Tiefe von Möglichkeiten und Grenzen des Prozesses geht, wie es vielleicht wünschenswert gewesen wäre, ist sicherlich der Fall. Das eindrucksvolle Bild eines Aufbruches trübt das aber nicht ein. Und dieses vermittelt Haules Buch wie kaum ein anderes.

Eva Haule: La revolución somos todos – Die Revolution sind wir alle, Gespräche mit BasisaktivistInnen und Fotos aus Venezuela. AG SPAK Bücher, Neu Ulm 2009, 140 Seiten, 978-3-930830-04-06, 16 Euro

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Diese Rezension beruht auf einem Auszug des Kapitels „Selbstorganisation der Basis“ aus dem Buch „Utopische Realpolitik – Die Neue Linke in Lateinamerika“, das im Januar 2010 im Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn erscheint (162 Seiten, 16 Euro). Es kann beim Autor (Mail: bestellung@buttkereit.info) vorbestellt werden.


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