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Guevara, Juan Martín/Vincent, Armelle: Mein Bruder Che

Autor:  | Februar 2018 | Artikel empfehlen

Guevara/Vincent_Mein Bruder Che_DeckblattScanRund um die Gedenkfeierlichkeiten zum 50. Todestag von Ernesto Che Guevara ist ein neues Buch über den legendären Revolutionär erschienen. Es handelt sich um einen Band, der von Juan Martín Guevara, dem jüngsten Sohn des Ehepaars Guevara-De la Serna, in Zusammenarbeit mit der französischen Journalistin Armelle Vincent geschrieben wurde. Wie die Verwandtschaft mit Che und der Titel des Buches deutlich machen, handelt es sich dabei um einen persönlichen, intimen Einblick ins Leben des weltberühmten Revolutionärs. Auch wenn der Titel sich teilweise auf das Buch Mein Sohn Che bezieht, welches von Ernesto Guevara Lynch, seinem Vater, 1986 veröffentlicht wurde, erklärt Juan M. Guevara ausdrücklich, dass es sich um keine neue Biographie handelt.

Die Gründe, die den Autor – der über lange Jahre die Verwandtschaft zu Che verschwieg – zur Veröffentlichung seiner Erinnerungen an den älteren Bruder bewegten, sind vielfältig. Diese lassen sich jedoch zu einer Hauptthese zusammenfassen: Der Che-Mythos ist mit dem Denken und Handeln Ernesto Guevaras unvereinbar. So ist es kein Zufall, dass das Buch nicht mit den ersten Lebensjahren des berühmten Bruders beginnt, sondern vielmehr mit dem Besuch Juan Martín Guevaras in La Higuera, dem mittlerweile weltbekannten bolivianischen Weiler, wo Che zuletzt kämpfte und ermordet wurde. Als sich der Autor nach jahrzehntelanger Verzögerung endlich entschloss auf dem Weg zu machen, gelangte er tief enttäuscht an einen vermarkteten Ort, wo man von ihm verlangte, dafür zu bezahlen, um die letzten Orte zu besichtigen, die sein Bruder sah.

Juan M. Guevara gibt einerseits eine persönliche Erzählung der Verwandlung des Bruders Ernesto zu Che Comandante wieder. Andererseits setzt er sich kritisch mit dem Mythos auseinander, der nach dem Tod aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und aus verschiedensten Gründen entstand. Während sich die Idealisierung der Che-Figur innerhalb der linken Bewegungen eher aus Bewunderung erklären lässt, wobei das Zugeben von Fehlern als ein Zugeständnis an den Gegner betrachtet wird, stellt die Entstehung eines Mythos für die konservativen Sektoren ein wirkungsvolles Instrument dar, um die Vergangenheit zu instrumentalisieren und die Entpolitisierung der Menschen zu erreichen. Auch wenn beide Extreme offensichtlich sehr unterschiedlich vorangetrieben werden, führen sie doch paradoxerweise zum gleichen Ergebnis, so der Autor. Seine kategorische Ablehnung des Che-Mythos liegt also darin begründet, dass alle Formen der Mystifizierung es den Menschen unmöglich machen, zu verstehen, wie sich ein Mensch aus Fleisch und Blut gegen eine ungerechte Ordnung auflehnen kann.

Während die Perspektive von einem Biographen durch die historische Kontextualisierung eines individuellen Lebens gekennzeichnet ist, ermöglicht der persönliche Blickwinkel des Bruders außerdem eine doppelte Beschäftigung mit dem Leben und den Gedanken Ches. Einerseits stellt die detaillierte Beschreibung des gemeinsamen Stammbaums dem Leser bedeutungsvolle – jedoch nicht immer berücksichtigte bzw. zugängliche – Aspekte zur Verfügung. In diesem Sinne beschränkt sich das soziale Bewusstsein Ches nicht auf das, was er unterwegs beobachtet oder selber erlebt hat, auch seine komplexe Familiengeschichte muss in diesem Zusammenhang beachtet werden. Andererseits zielt diese persönliche Geschichtserzählung nicht bloß darauf ab, bislang nicht autorisierte Nuancen zu entschleiern, sondern sie hilft vielmehr, sich der Weltanschauung Ches und dessen Lehre zu nähern.

Auch wenn das Buch keine neue kritische Biographie Ches darstellt, werden jedoch einige bedeutungsvolle Aspekte, welche von anderen Autoren veröffentlicht wurden, kritisch betrachtet: “In den zahllosen Biographien über Che wird behauptet, meine Eltern entstammen der Aristokratie, der Oligarchie Argentiniens, dem Bürgertum. Darüber muss ich jedes Mal lächeln” (S. 50). Die emische – d.h. mit den Augen eines Insiders  Beschreibung von Lebenserfahrungen und -bedingungen der Familie liefert dem Leser ein anderes Bild, denn die Guevara de la Serna waren “stadtbekannte Außenseiter, die am Hungertuch nagten” (S. 84). Die Idealisierung des mittlerweile entstandenen Che-Symbols, so der Autor, hatte einige Che-Biographen in diesem Sinne dazu verführt, sich fast ausschließlich auf die Auseinandersetzung mit der Mutter zu konzentrieren, deren politisches Engagement mit Ches Ideen besser zusammenpasst. Im Gegensatz dazu wird der Vater, der ein eher widersprüchliches ethisch politisches Verhalten zeigte, in der Regel kaum berücksichtigt, “als hätte er nie existiert, als hätten wir keinen Vater gehabt” (S. 71).

Die Rezeption dieses Buches wird zweifellos in den verschiedenen Ländern und Milieus unterschiedlich sein. Auch wenn die Originalausgabe in Frankreich auf Französisch erschien und Ches Revolutionsprojekt weltweit vielfältige Bedeutungen erreicht hat, ist die Entstehung dieses Bandes jedoch untrennbar mit dem politischen Kontext Argentiniens, und damit Lateinamerikas, verbunden. Nach dem Ende der argentinischen Militärdiktatur (1976–1983) zeigte sich die politische Niederlage fast aller Formen des politischen Widerstands. Eine demokratische Regierung ersetzte Ende 1983 zwar die Diktatur, aber sie setzte das wirtschaftliche Modell fort. Zahlreiche politische Aktivisten und Überlebende des Staatsterrors – der Autor selbst verbracht gut acht Jahre in den Kerkern der Regierung Peróns Witwe und der Diktatur – brachen erst nach den sozialen Mobilisierungen 2001–2002 ihr Schweigen. Trotz der verbreiteten Infragestellung des traditionellen Politikmodus wurde dem hohen politischen Innovationspotenzial der neuen Generation Grenzen gesetzt. Das folgende Jahrzehnt war im politischen Sinne eher von Zweideutigkeit gekennzeichnet. Daher führte die zunehmende politische Enttäuschung zu einer alternativlosen Demobilisierung, aus der die erzkonservative Regierung des aktuellen Präsidenten Macri entstand. Obwohl, wie bereits erwähnt, die Veröffentlichung Mein Bruder Che anlässlich eines runden Todestages von Ernesto Che Guevara stattfand, sollte das Buch in diesen schweren aktuellen politischen Kontext eingegliedert werden. Das der Jugend gewidmete Buch macht also deutlich, dass sich der Autor nun entschlossen hat, das Schweigen der Geschwister zu brechen, zwar aufgrund eines persönlichen Bedürfnisses, aber eben auch aus politischen Gründen.

Kurzum lässt sich sagen, dass es sich hier um ein ehrliches, direktes und gleichzeitig rigoroses und stimulierendes Buch handelt, welches teils an ein intimes Bekenntnis erinnert und teils ein Weckruf ist, der das breitere Publikum zu einer kritischen Befassung mit der Geschichtsschreibung und den Ideen Ernesto Che Guevaras inspiriert. Die Notwendigkeit, über die Simplifizierung des Che-Bilds hinaus zu gehen, soll es dem Wunsch des Autors entsprechend ermöglichen, das weitreichend intellektuelle Werk des Revolutionärs kennen zu lernen: “Wer kennt die Gedanken von Che?” (S. 292). In diesem Sinne fordert er, sich kritisch mit der politischen Manipulierung der revolutionären Versuche und Menschen wie Che auseinanderzusetzen. Dies sei der beste Weg, um Ernesto Che Guevara durch Taten statt mit Bronzestatuen zu ehren.

 

Juan Martín Guevara/Armelle Vincent

Mein Bruder Che

Tropen Sachbuch, Stuttgart: 2017

352 Seiten


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