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Kalmar, Fritz: Das Herz europa-schwer. Heimwehgeschichten aus Südamerika

Autor:  |  Herbst 1997

Österreichisches Exil in Südamerika

Im Wiener Picus Verlag erscheint seit einigen Jahren die von Ursula Seeber herausgegebene Reihe „Österreichische Exilbibliothek”. Bemerkenswert ist hier ein Buch der israelischen Fotografin und Journalistin Alisa Douer: Wie weit ist Wien, ein Band mit gut recherchierten Kurzbiographien zu österreichischen Kulturschaffenden im lateinamerikanischen Exil. Ein weiteres Verdienst des Verlages ist es, daß er anläßlich des 70. Geburtstages von Jakov Lind im Februar dieses Jahres dem deutschsprachigen Publikum erstmals die komplette autobiographische Trilogie des in Wien geborenen Autors zugänglich gemacht hat. Gleichzeitig erschienen unter dem Titel Das Herz europaschwer die melancholischen und ironischen „Heimwehgeschichten” österreichischer Emigranten in Südamerika, die der austro-uruguayische Autor Fritz Kalmar verfaßt hat.

Fritz Kalmar wurde 1911 in Wien geboren. In der Spätphase der Ersten Republik arbeitete Kalmar als Jurist. Nach dem sogenannten Anschluß Österreichs an Deutschland floh er 1939 über London nach Südamerika, um sich in Bolivien niederzulassen, wo er bis 1953 nicht nur ein äußerst aktives Berufsleben führte, sondern sich zudem politisch und kulturell engagierte. In La Paz arbeitete Kalmar als Handwerker, Englischlehrer und Journalist. Er wurde Mitbegründer einer Theatergruppe, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, in Anknüpfung an europäische Vorkriegstraditionen in dem südamerikanischen Binnenstaat eine deutschsprachige kulturelle Szene aus der Taufe zu heben, deren Angebot sich natürlich in erster Linie an die etwa 5.000 Flüchtlinge aus Nazistaaten Deutschland und Österreich richtete. 1942 wurde Fritz Kalmar Vorsitzender der Federación de Austriacos Libres (FAL), des parteipolitisch unabhängigen Zusammenschlusses der österreichischen Exilierten in Bolivien, der vor allem soziale und kulturelle Zielsetzungen verfolgte. 1953 heiratete er Erna Terrel, eine der ehemals führenden Schauspielerinnen am Deutschen Theater in Prag und übersiedelte mit ihr nach Uruguay, wo er als Korrespondent der FAZ, NZZ u.a. deutschsprachiger Medien, Regisseur, Schriftsteller und auch österreichischer Honorarkonsul arbeitete.

Das Land am Rio de la Plata wurde ihm endgültig zur zweiten Heimat. Fritz Kalmar lebt heute in Montevideo. Kalmars kulturelle und berufliche Tätigkeit verschafften ihm einen genauen Einblick in die Sorgen und Nöte vieler Flüchtlinge aus Europa, ihre Verarmung, soziale Isolation, die anfänglichen Probleme, einen Lebensunterhalt zu finden, kurz all die Irrungen und Wirrungen, die das Exil und die Notwendigkeit, sich in einer völlig fremden Umgebung integrieren zu müssen, mit sich bringen. Diese Erfahrungen bilden die Grundlage seiner „Heimwehgeschichten aus Südamerika”. Im Mittelpunkt stehen, und hier liegt das Verdienst des Buches, nicht die mehr oder weniger bekannten Politiker, Gewerkschafter, Schauspieler oder Literaten, die Deutschland und Österreich sowie die ehemaligen Kronländer der k.u.k. Monarchie in Richtung Südamerika verlassen hatten. Man denke nur an Anna Seghers, Paul Zech, Ludwig Renn, August Siemsen oder Stefan Zweig, Egon Erwin Kisch und Steffie Spira. Deren politisches und literarisches Wirken hat die Exilforschung mittlerweile weitgehend erschlossen. Kalmar berichtet in seinen Miniaturen vielmehr von den Schicksalen unbekannter Kleinbürger, denen es auch in der neuen Umgebung gelingt, etwas Reichtum zu erlangen, von Wiener Handwerkern, die mit ihren Plänen in Südamerika scheitern, vom Zusammenhalt der Landsleute, der sozialen Infrastruktur wie etwa der Arbeit jüdischer Hilfsvereine, von typischen Emigrantencafes, Tanzlokalen, Konditoreien, Stammtischen oder „Rheinischen Runden” in Montevideo, Buenos Aires oder Asunción ebenso wie von Haziendas adeliger Nostalgiker und Anhänger der Habsburger im bolivianischen Urwald. Zwei kleine Meisterwerke stellen die Heimwehgeschichten Ihre Augen und Eine Flasche Chateauneuf du Pape oder der Austrospinner dar.

Die erste Erzählung schildert den Fall des Bankiers Rudolf Blatt, der sein uruguayisches Exil „einer Zufallsbegegnung auf der Hohen Straße in seiner Heimatstadt Köln” verdankt: Ein Touristenehepaar aus der „Schweiz Südamerikas” überredet den als Juden in Deutschland verfolgten Geschäftsmann 1936 zur Ausreise in das „friedliche, gastfreundliche Land”. Vergeblich wartet er in Montevideo auf die Ankunft seiner „arischen” Frau Paula, der er vor seiner Flucht aus Deutschland seinen ganzen Besitz überschrieben hat. Durch einen geschickten Schachzug gelingt es ihm nach dem Krieg dennoch, sie nach Montevideo zu locken.

„Der Austrospinner” wird der Rittmeister Georg von Winternitz im bolivianischen Departamento Cochabamba genannt. Auf der Hazienda A.E.I.O.U. des österreichischen Adeligen wartet ein Chateauneuf du Pape auf seine Bestimmung: „Ja. Er wartet. So wie ich. Mit mir. Bloß, daß ihm die Jahre nicht so abträglich sind wie mir. Wir warten, denn einmal wird mein Kaiser zu Besuch kommen, er oder ein Mitglied seines Hauses. Dann soll die Flasche geöffnet werden.” Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur, daß der spleenige k. u. k. Veteran letztendlich Recht behält.

Fritz Kalmar: Das Herz europa-schwer. Heimwehgeschichten aus Südamerika, Picus Verlag, Wien, 1997


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