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Coloane, Francisco: Der letzte Schiffsjunge der Baquedano

Autor:  |  Sommer / Herbst 2000

Der Bestseller des „chilenischen Pioniers der Abenteuergeschichten” erstmals auf Deutsch

Der junge Alejandro Silva verlässt die Sicherheit seiner Heimat und begibt sich als blinder Passagier an Bord des chilenischen Segelschulschiffes General Baquedano. Seine ehrenwerten Motive sind einmal die Suche nach seinem älteren Bruder, von dem er und seine alte Mutter seit vielen Jahren kein Lebenszeichen mehr erhalten haben, und als zweites der Wunsch, den Beruf des Seemanns zu erlernen. Nach qualvollen Stunden im Bugbunker, umgeben von angriffslustigen Ratten, wird der Junge schließlich entdeckt und nach langem bangen Warten zum letzten Schiffsjungen der Baquedano ernannt. Auf der Reise von dem Militärhafen Talcahuano bis in den äußersten Süden Chiles durchläuft der Junge eine harte Seemannsschule. Die Strapazen des Alltags auf See, die ihn bis an die Grenzen seiner Kräfte gehen lassen, finden ihren Ausgleich in der Solidarität zwischen den Seeleuten und besonders in der herzlichen Freundschaft zu dem alten Seemann Escobedo. Dieser erzählt dem Jungen die Geschichte von dem Gespenst des Pontonschiffs Leonora, das ihn und die übrige Besatzung auf ein wohlgehütetes Geheimnis stoßen lässt. Ebenfalls von dem alten Seebär hört Alejandro die Geschichte von dem toten Yaghan-Indianer, der auf einem hohen Eisberg und mit ausgestrecktem Arm den vorbeifahrenden Seeleuten bedeutete, nach Norden abzudrehen. Bis das Rätsel dieses Geistereisberges gelöst werden konnte, hatte es zu vielen Deutungen Anlass gegeben. Das gleiche Motiv benutzte Coloane für seine Erzählung Der Eisberg von Kanasaka, die in dem Erzählband Kap Hoorn enthalten ist, der wie Der letzte Schiffsjunge der Baquedano im Jahre 1941 erschienen war. Für beide Bücher war Coloane mit Literaturpreisen ausgezeichnet worden.

Da die ganze Fahrt für den jungen Helden unter einem guten Stern steht, ist es selbstverständlich, dass er am Ende auch seinen Bruder Manuel wiederfindet. Durch ihn erhält Alejandro Einblick in die ihm gänzlich fremde Lebensweise der Yaghan-Indianer am „Ende der Welt”, die ein Leben ganz im Einklang mit der sie umgebenden Natur zu führen verstehen. Alejandro darf bei seinem kurzen Aufenthalt einem Initiationsritual beiwohnen, und er hört aus dem Mund seines Bruders von den zahlreichen mündlichen Überlieferungen der Indianer, die unter anderem auch wie die Christen von einer Sündflut und einer Arche berichten. Da der ältere Bruder sein Leben in dem „Fischotterparadies” nicht mehr gegen eins in der Zivilisation der Weißen tauschen möchte, nehmen sie voneinander – wie sie glauben – für immer Abschied, und es ist an Alejandro, der Mutter diese Wahrheit möglichst schonend beizubringen.

In der Geschichte sind Metaphern für Anfang und Ende, Geburt und Tod von tragender Bedeutung. Der ersten Reise des Jungen steht die letzte des Segelschiffes und des dienstältesten Seemanns gegenüber. Der Tod eines Matrosen, der während eines Orkans bei einer Rettungsaktion über Bord geht, ermöglicht dem Jungen den Eintritt in die Seemannswelt und die Vollendung seiner persönlichen Initiationsreise. Auf hoher See war dem Schiff „auf seiner letzten Fahrt noch einmal ein Sohn geboren: Alejandro Silva, „der letzte Schiffsjunge der Baquedano“, seinem Innern entstiegen wie dem dunklen Grund des Ozeans.“ Auch die Beschreibung des Meeres, das „wie ein gepflügtes Feld aussah, die eine Seite der Furchen Licht, die andere Schatten“, ist dualistisch.

Das Buch erfüllt alle Anforderungen an das Genre des Abenteuerromans: die Erzählstruktur ist auf Spannung angelegt, die Schauplätze sind exotisch und das nicht nur für die ausländischen Leser, nein, auch für das chilenische Lesepublikum war und ist der äußerste Südens des Heimatlandes noch weitgehend unbekannt.
Der charismatische junge Held begibt sich auf eine abenteuerliche Suche in der Fremde. Für seinen Wagemut und seine Neugier findet er reichlich Belohnung.

Mit dieser ergreifenden „Erzählung über die Würde und die Treue von Männern, die dem Zauber eines bedrohten Universums erliegen” (Luis Sepúlveda) schrieb sich Coloane Anfang der vierziger Jahre in die Herzen seiner Landsleute. Dass das Buch bis heute nichts an Attraktivität eingebüßt hat, vermag die Tatsache zu belegen, dass es in Coloanes Heimat in millionenfacher Auflage erschienen und zu den modernen Klassikern der chilenischen Literatur zu zählen ist.

Bleibt zu hoffen, dass die Fortsetzung zu dieser Geschichte, die Coloane im Jahre 1945 unter dem Titel Die Eroberer der Antarktis veröffentlichte, auch bald in deutscher Übersetzung erhältlich sein wird.

Francisco Coloane
Der letzte Schiffsjunge der Baquedano.
Unionsverlag Zürich 2000.


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