lateinamerika - Quetzal - Politik und Kultur in Lateinamerika


Osorio, Elsa: Mein Name ist Luz

Autor:  |  Winter 2001

Desaparecida: Verschwunden

Mein Name ist Luz“ ist mehr als nur der Titel von Elsa Osorios Roman. Es ist das Bekenntnis der Protagonistin zu einer gespaltenen Identität. Sie wird Luz genannt. Doch wer ist Luz? Was sich zunächst nur in einem intuitiven Gefühl manifestiert, wird zur schockierenden Wahrheit. Luz ist die Tochter einer „Verschwundenen“, einer jungen politisch Verfolgten unter der Militärdiktatur in Argentinien. In Gefangenschaft geboren, wird sie ihrer Mutter geraubt und an die Familie eines hochrangigen Militärs „verschenkt“. Es beginnt ein Leben, das auf einer Lüge basiert. Es beginnt eine Geschichte von Liebe, Vertrauen, Verrat und von der bitteren Erkenntnis, daß es nichts gibt, was vor der Folter, vor der Perversion eines totalitären Regimes bestehen könnte. Luz wird zum Symbol für den Konflikt, gleichermaßen ein Kind von Opfern und Tätern zu sein. Sie empfindet Scham für die Familie, in der sie aufgewachsen ist – als Kind von Opfern, geliebt und umsorgt von Tätern. Daß die Welt sich nicht einfach in Gut und Böse aufteilen läßt, zeigt einerseits die erste Begegnung nach mehr als zwanzig Jahren mit dem ahnungslosen leiblichen Vater und andererseits die Liebe zum Adoptivvater, der sich ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben für die Wahrheit einsetzte und der diesen Kampf gegen Lügen und Skrupellosigkeit mit dem Leben bezahlen mußte. Luz entdeckt während ihrer Nachforschungen nicht nur die Schattenseiten der argentinischen Gesellschaft. Sie rückt couragierte Persönlichkeiten ins Licht, die, wie die mutige Geliebte eines sadistischen Militärs, sich in ihrem Streben nach Gerechtigkeit nicht einschüchtern ließen.

Die Geburt des eigenen Kindes konfrontiert Luz mit der Vergangenheit. Sie vertraut ihrem Unbewußtsein, das seit ihrer Geburt in Alpträumen oder Aggressionen immer wieder dieses unbestimmte Gefühl evoziert hat, nicht das Kind der Frau zu sein, die sie Mutter nennt. Auch die Angehörigen der Opfer flüchten sich aus Angst in den Glauben an den Tod ihrer verschwundenen Kinder und ungeborenen Enkelkinder. Das Schweigen verbindet auf makabere Weise Täter und Opfer. Ein verschwundenes Kind kann nur gefunden werden, wenn es gesucht wird. Die Autorin betont zwar die Fiktionalität ihres Textes, dessen Handlung jedoch ganz nah an der Realität verläuft. Die Protagonistin verkörpert das Schicksal vieler junger Frauen und Männer einer Generation, die jetzt Anfang Zwanzig ist. Eine Generation geraubter Kinder mit geraubter Identität, die spurlos verschwunden und doch am Leben sind. Mit diesem Schatten auf ihrer Existenz werden sie selbst Familien gründen.

Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen wurden zwischen 1976 und 1983 bis zu 30.000 Menschen in Argentinien verschleppt und ermordet. 1984 legte die Nationale Kommission über das Verschwinden von Personen (CONADEP) mit Nunca más die erste umfassende Dokumentation über Repressionen und geheime Folterlager während der siebenjährigen Militärdiktatur vor. Eine juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung erfolgte jedoch nur zögerlich. Auf die wenigen Verurteilungen folgte die Berufung auf Befehlsnotstand (1986/87). Die Amnestie per Menem-Dekret (1989/90) bewirkte eine endgültige juristische Tabuisierung. Der Fall Pinochet in Chile führte Argentinien wieder das Trauma einer unbewältigten Vergangenheit vor Augen. Dazu gehören auch die Fälle von schwangeren Frauen, vermeintlichen Regimegegnerinnen, denen nach der Geburt ihre Kinder entrissen und Militärangehörigen zur „Adoption“ freigegeben wurden. Die Mütter verschwanden kurz nach der Entbindung. Diese bei den Amnestiegesetzen unberücksichtigte Form des Verbrechens öffnet nun eine ersehnte Gesetzeslücke für neue Anklagen wegen Kindesraub als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Mit dem zynischen Argument, „keinen Krieg gegen Kinder“ zu führen, wurden Kinder zur Kriegsbeute. Die berüchtigten Militärkrankenhäuser Argentiniens unterhielten zu diesem Zweck sogar eigene Geburtenstationen. Die Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo haben sich von Anfang an für eine rückhaltlose Aufklärung engagiert. Um die Suche nach verschwundenen Kindern und Enkeln zu erleichtern und juristisch abzusichern, baute ihre Organisation bereits 1987 eine Gendatenbank auf und sammelte Blutproben. Mittlerweile gehen sie von bis zu 500 geraubten Babys aus.

Osorios Roman ist politischer Krimi, Liebesgeschichte und Familiensaga. Auf zwei Erzählebenen erzeugt ihre filmische Erzähltechnik mit Schnitten und Rückblenden eine fesselnde und zugleich bewegende Authentizität zwischen neutraler Distanz und intimer Nähe. Ihre Dialoge wirken zum Teil wie Mitschnitte eines Tonbandprotokolls oder Zeugenaussagen vor Gericht. Mit viel Einfühlungsvermögen zeichnet sie zwei Mutter-Kind-Beziehungen nach. Ihre Figuren sind geprägt von Zweifel und Unsicherheit, aber auch zu Liebe und Vertrauen fähig. Schuld und Schuldgefühle sind nicht exklusiv der Täterschaft vorbehalten, sondern werden zu allgegenwärtigen Symptomen einer Gesellschaft.

Ist Verzeihen möglich? Warum dürfen die Täter ungestraft und in gesellschaftlicher Anerkennung weiterleben und unverhohlen ihren Stolz auf die „Verteidigung des Vaterlandes“ zelebrieren? Osorio widmet ihre Arbeit und ihre Protagonistin nicht dem Haß, sondern dem Kampf für die Menschenrechte. Luz bringt Licht in das Dunkel ihrer Existenz, deren Fragmente sich am Ende zu einer neuen Identität zusammenfügen. Sie beleuchtet dabei auch das Schicksal von Frauen, die als Täter und Opfer lange im Schatten standen.

Elsa Osorio:
Mein Name ist Luz,

Insel Verlag 2000.


Weitersagen:


top