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Bosshart, Barnabás: Drei Welten – Brasilienbilder

Autor:  | November 2007 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Gelesen
Barnabas Bosshart - Drei Welten

Barnabas_Bosshart_Drei_Welten_1.jpgDrei von vielen Welten Brasiliens – Mit den Augen von Barnabás Bosshart

Als ich erfahren habe, dass ich ein brasilianisches Bilderbuch rezensieren sollte, habe ich schon gedacht „Oh, nein! Wieder Karneval und nackte Frauen…“. Trotzdem habe ich mich dafür bereit erklärt. Einige Zeit später kam ein sehr schweres und relativ großes Päckchen. Sehr untypisch…aber Bilderbücher sind generell groß und meistens nicht wirklich beeindruckend.

Als der Indianer auf dem Cover, der fast mit dem natürlichen Hintergrund verschmilzt, mich anstarrte, wurde ich neugierig. Der Fotograf hat drei sehr unterschiedliche und relativ unbekannte Orte von Brasilien ausgewählt. Der erste ist eine kleine Stadt in Nordbrasilien, welche Alcântara do Maranhão heißt, und noch durch die typischen Merkmale einer ländlichen Ortschaft geprägt ist. Danach reisen wir zusammen durch die Bilder hin zu einer größeren Stadt, nämlich Rio de Janeiro. Es ist aber nicht das Rio vom Zuckerhut, denn Barnabás bleibt in den Vorstädten und zeigt damit den ärmeren Teil der „cidade maravilhosa“. Für die letzte Welt kehren wir nach Nordbrasilien zurück, aber diesmal zu einer kleinen indianischen Siedlung, in der die Apanyekra-Indianer wohnen.

Als Brasilianerin muss ich zugeben, dass ich auf den ersten Blick mein eigenes Land nicht erkannt habe. Es waren mehr Porträts als Landschaftsbilder vorhanden, und die Leute könnten Brasilianer, Lateinamerikaner, Afrikaner oder sonst noch was sein. Apanyekra? Ich wusste gar nicht, dass sie existieren! Aber dann habe ich nachgedacht, endlich begriffen und mich geschämt: Brasilien besteht nicht nur aus Rio de Janeiro und São Paulo. Natürlich könnten diese Menschen aus jedem Erdteil stammen: die Brasilianer haben kein typisches Gesicht, mit dem wir uns identifizieren können (auch wenn die meisten Leute die Mulatas, oder die Schwarzen als „typisch brasilianisch“ bezeichnen mögen). Wir sind ein Schmelztiegel, aber manchmal sind wir uns dem nicht vollkommen bewusst. Es ist schon interessant, dass ein Ausländer uns das vor Augen führt.

Die Bilder in diesem Buch sind, wie man sieht, einfach spontan entstanden. Der Fotograf achtete nicht auf saubere/künstliche Fotos, sondern versuchte uns ein Stückchen des Alltags oder der Seele der Menschen zu zeigen. Am besten gefiel mir der Teil der Apanyekra- Indianer, da man auch ein bisschen von ihrer Kultur und ihren traditionellen Feiern sehen konnte. Die Indianer scheinen pur, primitiv und gleichzeitig schon Teil der „Zivilisation“ (wie man anhand der „Kleidung“ sehen kann). Die Bilder zeigen die Einfachheit ihres Lebens, und man wünscht sich, auch mit „so wenig“ glücklich wie die Indianer zu sein. Der „Rio Exposto“ Teil gefiel mir am wenigsten, vielleicht weil ich selber aus Rio komme und dadurch auch kritischer und kritikfähiger bin. Nicht dass die Fotos schlecht sind (sie haben alle Seiten des Lebens in Rio gezeigt), aber mir brannte immer dieselbe Frage im Hinter¬kopf: „Natürlich sollte man die ärmeren Teile Rios zeigen, aber unterstützt man nicht dadurch auch die Kriminalität/die Drogenmafia?“. Ich muss diese Frage besser erklären. In Rio ist fast jede Favela oder jedes Armenviertel von der Mafia kontrolliert. Um den Ort zu betreten, Fotos zu machen oder irgendwas zu unternehmen, muss man somit irgendwie eine Art Genehmigung dafür haben. Und das ist genau das schwierige Dilemma: um die Armut zu zeigen, muss man mit der „Armut“ einen Pakt eingehen. Ich weiß nicht, wie die Bilder entstanden sind. Ich weiß nur, dass der Fotograf sogar einen Bodyguard hatte, von der Mafia bedroht wurde und deshalb sein Projekt vorzeitig abbrechen musste. Mit Gewalt spielt man nicht, auch nicht für die Kunst. Andererseits helfen die Fotos aber, diesen Teil von Rio de Janeiro nicht einfach zu ignorieren, wie es im Alltag gemacht wird.

Die Fotos von Barnabás sind im Fall von Rio ein Hilferuf, in Alcântara do Maranhão zeigen sie eine Idylle und bei den Apanyekra einen Kulturschock. Genau diese Mischung bildet Brasilien. Genau auf diese Mischung sollten alle Brasilianer stolz sein. Genau vor dieser Mischung sollten wir uns gleichzeitig schämen.

Barnabas_Bosshart_Drei_Welten_2.jpg Barnabas_Bosshart_Drei_Welten_3.jpg Barnabas_Bosshart_Drei_Welten_4.jpg

Drei Welten – Barnabás Bosshart
Brasilienbilder 1980-2005

Benteli Zurich & Berne 2007, Switzerland.
ISBN 978-3-7165-1472-6


Die Fotos stammen von der Homepage von Barnabás Bosshart(http://www.barnabasbosshart.com).


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