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Bauer, Alfredo: Hexenprozeß in Tucumán und anderen Chroniken aus der Neuen Welt

Autor:  |  Frühjahr 1998
Kategorie(n): Ausgabe 22 - 1968, Gelesen

Ein Gringo wird Patriot

Mit dieser Selbsteinschätzung beginnt Alfredo Bauer seinen Streifzug durch die Geschichte und Gegenwart Argentiniens. Der Hexenprozeß in Tucuman ist ein historischer und politischer Reiseführer, bestehend aus Berichten, Glossen und Anekdoten, die alle eine Frage stellen: Was ist typisch argentinisch? Bauer wurde 1924 in Wien geboren, bevor er 1939 mit seinen Eltern nach Argentinien emigrieren mußte. Er ist Frauenarzt, Jude, Schriftsteller und noch immer überzeugter Kommunist. Seine Übersetzungen von österreichischen Literaten ins Spanische haben durchaus völkerverständigenden Charakter, war doch bisher in Argentinien von Österreich kaum mehr bekannt als Johann Strauß und Sigmund Freud. Das Spektrum von Bauers Publikationen reicht von La maternidad al dia bis La mujer en el socialismo. Schon früh in der antifaschistischen Arbeit der deutschen und österreichischen Emigration in Argentinien aktiv, erhob Bauer immer den Anspruch, sich einzumischen, Meinung zu zeigen, die für ihn auch Respekt gegenüber der alten und neuen Heimat bedeutet. Sich dem Land, in dem man lebt, wirklich zugehörig zu fühlen und den Akzent der Geisteshaltung abzulegen, war und ist Bauers (Über-)Lebensdevise. Den sprachlichen Akzent wird man ohnehin nie verbergen können. Seine Kritische Geschichte der Juden sorgte für Aufsehen. Nie wieder so naiv und passiv zu sein, wie die Juden im Zuge des Nationalsozialismus, das ist die Botschaft.

Bauer setzt in dem vorliegenden Buch die gau-cheske Faust-Dichtung und den Martin-Fierro-Mythos ebenso in einen gesellschaftspolitischen Kontext wie die Entwicklung des Nationaltheaters und des argentinischen Films. Beinahe wissenschaftlich reflektiert er das tägliche Mate-Ritual, um einige Seiten später die politisch-ökonomische Entwicklung der Hafenoligarchie von Buenos Aires, dem alles verschlingenden Zentrum des Landes, zu skizzieren. So erfährt der Leser auch, daß in der Kommunistischen Partei der 30er Jahre mehr jiddisch als spanisch gesprochen wurde und sich (leider) auch das Bordellwesen und der Mädchenhandel in jüdischen Händen befanden. Nicht nur, daß die Nazi-Opfer nach dem 2. Weltkrieg auf argentinischem Boden ihren Peinigern wiederbegegneten, sie mußten zudem noch einmal einen mörderischen Faschismus miterleben. Die Greueltaten zwischen 1976 und 1983, die man in Argentinien schon gar nicht mehr sehen will, hält uns Bauer in eindringlichen und erschütternden Bildern vor Augen, ebenso wie Armut und soziale Mißstände im Zuge von Liberalisierung und Wirtschaftsboom. Gestörter Nationalstolz, Revolution und Depression – Alfredo Bauer hinterfragt kritisch den argentinischen Ehrbegriff und den Machismo insbesondere im Militär, der nicht zuletzt die bestialische Ermordung schwangerer Frauen und mutmaßlicher Staatsfeindinnen während der Diktatur und die anschließenden Zwangsadoptionen erst möglich machte. In seiner beruflichen Praxis immer wieder mit körperlicher und vor allem seelischer Mißhandlung der Frau konfrontiert, wurde Bauer in zahlreichen Publikationen zu einem Vorkämpfer für weibliche Emanzipation und soziale Mindeststandards.

Auch Der Hexenprozeß in Tucuman, der an den Prozeß der Jeanne d’Arc erinnert, berichtet von der Verurteilung einer starken und tief religiösen india. Es sind vor allem Einzelschicksale wie der Selbstmord der verarmten Rentnerin auf dem Nobelfriedhof in Recoleta, die in ihrer Wahrheit so beklemmen. Bauer artikuliert auch seine Wut über die Duldung von Austrofaschismus in Argentinien, repräsentiert insbesondere durch die Familie Starhemberg. Er scheut nicht davor zurück, schonungslos Korruption und Staatsterror aufzuzeigen und erhebt schwere Vorwürfe gegenüber der Polizei, bei der Schutzgelderpressung und sogar Mord noch immer zum Alltag in den aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängten Vorstädten gehören; gatillo facil – der Hahn sitzt locker. Es wird zu leicht verdrängt, welchen Repressalien mutige Anwälte und Richter nach wie vor ausgeliefert sind. Der Autor bezeichnet Menems Wirtschaftsprogramm als asozial. Wie könne sich ein Präsident in die peronistische Tradition einreihen und die Losungen für soziale Gerechtigkeit und Unabhängigkeit vergessen?

Vom deutschsprachigen Publikum weitgehend ignoriert, sind Bauers Bücher lange Zeit nur in der DDR erschienen. Die am Ende des Buches zu findende umfassende Argentinien-Chronik verzichtete auch nicht auf solche erwähnenswerten Details wie die Gründung des Ateneo Argentino Alejandro de Humboldt, der Freundschaftsgesellschaft Argentinien – DDR, dessen Präsident Alfredo Bauer später wurde. Das Buch Der Hexenprozeß von Tucuman versammelt vor allem Artikel, die über zwei Jahrzehnte hinweg im Argentinischen Tageblatt erschienen sind. Bauer schwankt dabei zwischen sehr persönlichen Texten mit fast prosaischem Charakter, historischsachlichen Berichten, Kritiken und zynischen Kommentaren.

Aufschlußreich und überraschend dürfte das Buch insbesondere für all jene sein, die bisher glaubten, Argentinien zu kennen. Vor zwei Jahren wurde in der Wiener Kammeroper die Oper Aus allen Blüten Bitternis über die letzten Jahre von Stefan Zweig uraufgeführt, für die Alfredo Bauer das Libretto geschrieben hat – eine Ehrung der Stadt Wien für einen ihrer vielen Söhne, die (unfreiwillig) zwei Heimatländer besitzen.

Alfredo Bauer: Hexenprozeß in Tucuman und andere Chroniken aus der Neuen Welt.
Hrsg. von Erich Hackl. Verlag für Gesellschaftskritik


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