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Sterr, Albert: Die Linke in Lateinamerika

Autor:  |  Frühjahr 1998
Kategorie(n): Ausgabe 22 - 1968, Gelesen

Realistische Betrachtungen der linken Romantik

Albert Sterr rungiert in diesem Buch nicht als Einzelautor, sondern als Herausgeber der sich einleitend zu Wort meldet und den Leser auf die „Analysen und Berichte” vorbereitet, die ein „Ergebnis der kollektiven Anstrengung” zahlreicher Autoren – welche Politiker, Wissenschaftler und Angehörige von Basis- und Solidaritätsbewegungen sind – und zu diesem Buch geführt haben.

Zentrale Fragestellung in diesem Buch – so wie es dem Leser erscheint – ist die Frage nach der „Linken” in Lateinamerika nach 1989: „Gibt es nach 1989 noch eine Linke, die mehr ist als eine etwas gemäßigtere Variante der marktradikalen Rechten?” Denn die internationalen und nationalen Rahmenbedingungen der „Linken” sowie auch die internen Gegebenheiten innerhalb einer linken Bewegung, Gruppe oder Partei haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten stark verändert. Zwei Punkte zur Verdeutlichung seien hier genannt: In den achtziger Jahren wurde das binnenorientierte Konzept der importsubstituierenden Industrialisierung durch die Einführung der weltmarktorientierten neoliberalen Wirtschaftspolitik abgelöst; zudem wurden die Militärdiktaturen durch parlamentarische Demokratien ersetzt.

Dabei stellt sich die Frage, ob es die Linke überhaupt noch gibt? Oder ob man nicht lieber von den Linken als heterogene Gruppe sprechen sollte? Dem geht Albert Sterr in einem Abschnitt „Anmerkungen zum Begriff ‘Linke'” nach und versucht dem Begriff „Linke” bzw. „links” – in nicht gebotener Kürze – eine Kontur zu geben, indem er die lateinamerikanischen Linken in den sich wandelnden sozio-ökonomischen und internationalen Kontext einzubetten und sie zu periodisieren versucht. Da eine „exakte, allgemein anerkannte und gleichzeitig ‘offene’ Definition” nicht zur Verfügung stand, mußte sich Sterr mit einer Annäherung begnügen, was dem Leser die Heterogenität und Zerstreutheit sowie die vielen Abstufungen der „Linken” vor Augen hält. Anknüpfend an Alan Angell sieht Albert Sterr die heutige Linke Lateinamerikas „als Kombination einer Vielzahl von Parteien, sozialen Bewegungen und Ideologien”. Zusätzlich folgt Sterr einem Vorschlag von Carlos Vilas, in dem als weiteres Kriterium die Selbsteinschätzungjener linken Akteure eingeführt wird, die sich „selbst zu diesem Teil des politischen Spektrums zugehörig sehen.”

Nachdem man sich die Einleitung „erarbeitet” hat, folgen die „Länderbeiträge”. Ab hier kann man dieses Buch als eine Art Kaleidoskop verwenden, das die Lesenden bewegen können wie sie möchten – das Buch kann dann in Reihenfolge der Artikel gelesen werden, oder man kann auch an irgendeiner Stelle einsetzen und nach Neugier lesen. Die „Länderbeiträge” umfassen neun Artikel, in jedem wird jeweils ein Land mit dem Fokus auf die „Linke” vorgestellt. Ein historischer Abriß, ein aktueller Überblick und die wichtigsten Kräfte der „Linken”.

Thematisiert werden Mexiko, Haiti, Guatemala, El Salvador, Nicaragua, Kolumbien, Venezuela, Peru sowie Brasilien. Die Länderbeiträge bieten in ihrem Aufbau keine Konkordanz, was der einzelnen Betrachtung keinen Abbruch tut, aber dem fachinteressierten Laien es erschwert, einen Vergleich zwischen linken Bewegungen, Organisationen und Parteien verschiedener Länder zu erstellen. Der Herausgeber versucht diese Heterogenität der Artikel durch jeweils vorangestellte Basisdaten der Länder auszugleichen, um einen Vergleichsansatz zu schaffen. Anschließend folgen fünf „Themenbeiträge”, die sich umfangreich mit einer Thematik auseinandersetzen. Hier erfahren die Lesenden – z.B. in dem Aufsatz „Guerillakampf und Befreiungsbewegung in Lateinamerika” – eine vergleichende Zusammenfassung der wichtigsten linken Kräfte in Mexiko, Kolumbien, Guatemala und Peru sowie eine Periodisierung des Guerillakampfes, welcher von Sterr in drei Wellen eingeteilt wird und einen nüchternen Blick wagt sowie die Ergebnisse des Kampfes der „linken” unromantisch und real schildert, sie an ihren Zielen mißt. Sterr schreibt: „Demgegenüber schrieben sich die Guerillagruppen ähnlich wie in Kuba den Kampf um die Macht im Staat und den radikalen Umsturz der Gesellschaftsordnung auf die Fahnen.”, etwas später führt Sterr weiter aus: „…so wirkten sie doch selbst in ihren besten Zeiten lediglich als lokale Störfaktoren.” Der Einfluß der „Linken” auf eine Veränderung des Systems war also durchweg homöopathisch. Wobei dies jedoch auch eine Streitfrage ist und bleiben wird, denn niemand kann ein Szenario beweisen, wie sich Lateinamerika ohne die „Kraft der Linken” entwickelt hätte.

Fazit: Insgesamt ist das Buch „Die Linke in Lateinamerika” ein passables Vademekum mit Schwächen in den „Länderbeiträgen” und Stärken in den „Themenbeiträgen”. Für die Nicht-Fachlesenden sind die Länderberichte zu unsystematisch und nicht vergleichbar – durch ihre Heterogenität, desweiteren fehlt der Gesamtblick auf ein jedes Land, es fällt schwer die „Linke” in die politische Landschaft der betrachteten Region einzuordnen. Die Idee des Herausgebers, Autoren aus verschiedenen Bereichen zu Wort kommen zu lassen, um Blicke von Innen als auch Sichtweisen von Außen zu repräsentieren ist lobenswert, leider im Resultat nicht so erfolgreich, weil es dem Leser nicht ermöglicht wird, sich ein ausreichend differenziertes Bild der „Linken” in den behandelten Ländern zu erlesen.

Albert Sterr (Hrsg.): Die Linke in Lateinamerika -Analysen und Berichte. Neuer ISP-Verlag, Köln 1997.


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