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Über Juan Rulfo

Autor:  |  Frühjahr 2004

Essen mit Juan Rulfo im Haus von Vicente und Alba Rojo. Sorgen von Juan, Probleme, die ihn in diesen Höhen niederdrücken. Hier sollte jeder tatkräftig sein. Gewöhnt mit Geistern umzugehen, sind die Wesen des realen Lebens für ihn weniger handhabbar als die, die er so wunderbar an ihren Platz in der Vorstellung gestellt hat, und über die Fiktion hinaus ins Denken vieler seiner Leser in der Welt. Seiner Meinung nach haben die einen Geist aus ihm gemacht, ein nicht greifbares und fernes Wesen in einem gleichermaßen unwahrscheinlichen Mexiko. Doch die Realität ist viel komplizierter: In ihr kann man Türen nicht durchschreiten, ohne sie zu öffnen. Und wenn sie sich öffnen, sind die Probleme dort respektlos, gleichgültig gegenüber Ruhm und literarischem Prestige. Wie ist Juan Rulfo?, fragen mich hin und wieder seine fernen Leser. Und ich versuche, ihn als natürliches menschliches Wesen aus Fleisch und Blut zu beschreiben, so wie ich ihn schon lange kenne. Doch sie wollen mir einfach nicht glauben, und schließlich spreche ich lieber von seinem Werk oder erzähle irgendeine Anekdote, um sie zu beruhigen und nicht noch zu empören.

Im April 1980 gab mir Maria Esther Ibarra folgende Fragen für eine mexikanische Wochenzeitung: Was offenbart das Werk von Juan Rulfo und wie soll man sich ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen orientieren? Welchen Einfluss haben Der Llano in Flammen und Pedro Páramo im Schaffen der spanischsprachigen Schriftsteller? Meine Antwort: Ich glaube nicht, dass man – was mich betrifft – von einem Einfluss sprechen kann.

Es ist offensichtlich, dass sich das, was Rulfo geschrieben hat, sehr von dem unterscheidet, was ich mache. Aber man kann von Einflüssen in anderer Hinsicht sprechen, oder – vielleicht weniger – von Übereinstimmungen hinsichtlich der Wertschätzung der Literatur, des Handwerks. Der Maßstab von Rulfo, der ein grundlegender Einfluss sein sollte, das Fehlen von Hast in seinen frühen Jahren und später dann seine hartnäckige Ablehnung, Bücher zu publizieren, die nicht seinen Qualitätsmaßstäben genügen, sind heroische Gesten in einer Welt, die gierig nach seinen Werken ist. Er respektiert sich selbst und andere, und vielleicht fürchtet er diese auch. Wie weit käme man, versuchte man seinen Einfluss aufzunehmen und ihn zu imitieren? Doch das Fleisch ist schwach.

Rulfo ist ein einzigartiger Fall. Man kann „kafkianische” und „borgianische” Schulen oder Strömungen finden, aber keine „rulfianischen”. Er hat keine guten Nachahmer. Ich vermute, sie haben nicht richtig begriffen, worin der Wert ihres Meisters besteht. Wie imitiert man etwas so Subtiles und Ausweichendes, ohne in der plumpen Wiederholung der Sprache oder der Handlung von Der Llano in Flammen und Pedro Paramo zu enden? Nachahmer konstituieren nicht notwendigerweise eine Schule.

Aber kehren wir zu Rulfo selbst zurück. Eine seiner größten Leistungen besteht darin, vor 25 Jahren gezeigt zu haben, dass man in Mexiko noch immer über die Campesinos schreiben kann. Man dachte zu Recht, dieses Thema sei ziemlich ausgepresst, und dass außerdem die Stadt Objekt des Schriftstellers sein sollte, die Stadtbewohner und ihre Probleme. Entweder Joyce oder gar nichts. Entweder Kafka oder gar nichts. Entweder Borges oder gar nichts. Während wir alle tatsächlich vergessen hatten, dass die Literatur nichts mit Asphalt oder Acker zu tun hat, sondern mit menschlichen Wesen, widerstand Rulfo der Versuchung der Wolkenkratzer und machte sich starrköpfig – ich denke, starrköpfig ist das richtige Wort – daran, über die Geister des Landes zu schreiben; mit einer solchen literarischen Wahrhaftigkeit, dass man sagen könnte, es waren die Menschen des Landes, die Rulfo schrieben.

In jener Zeit glaubte man irrtümlicherweise, Rulfo sei Realist, obwohl er eigentlich ein Phantastiker war. Einen Moment lang reichten sich Kafka und Rulfo die Hände, ohne dass wir, verloren in anderen Labyrinthen, es bemerkten. Weder bemerkten wir es noch die lobende Kritik, die glaubte, das Phantastische gäbe es allein im Gewinde der Schraube von Henry James. Doch Rulfos Geister sind lebendig. Und, was noch bestürzender ist, seine Menschen sind wirklich Menschen. Wie sollte es da rulfianische Schulen auf der Höhe von Rulfo geben?

Augusto Monterroso,

Unomásuno, 25. Juni 1984


Aus dem Span.: Gabi Töpferwein


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