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Roman seiner Erinnerungen

Autor:  |  Frühjahr 2004

Fidel Castro über Gabriel García Márquez

Gabo und ich waren in Bogotá an jenem traurigen 9. April 1948, als Gaitán ermordet wurde. Wir waren gleichaltrig: 2l Jahre alt; wir waren Zeugen der gleichen Ereignisse. Beide studierten wir die Rechte. Keiner wusste etwas vom anderen. Wir kannten uns nicht, nicht einmal uns selbst.

Fast ein halbes Jahrhundert später, am Vorabend einer Reise nach Biran, dem Ort in Oriente, Kuba, wo ich in der Morgendämmerung des 13. August 1926 geboren wurde. Die Begegnung hatte einen privaten Anlass, sie war familiär, und unvermeidlich stellte sich ein Hang zur Bestandsaufnahme und zärtlichen Erinnerungen ein in dieser Umgebung, die wir mit Freunden von Gabo und einigen Führern der Revolution teilten.

In jener Nacht unseres Dialogs wurden die in der Erinnerung aufgezeichneten Bilder wieder lebendig: Sie haben Gaitan getötet! wiederholten die Schreie des 9. April in Bogota, wohin eine Gruppe junger Kubaner gereist war, um einen lateinamerikanischen Studentenkongress zu organisieren. Während Bestürzung und Lähmung anhielten, zog das Volk Zeder und Mordio schreiend durch die Straßen. Die Menge zündete Geschäfte an, Büros, Kinos und Wohnhäuser. Einige schleppten Pianos davon. Jemand zerschlug einen Spiegel, andere richteten ihren Zorn gegen Werbewände und Markisen. Diejenigen, die am weitesten weg waren, schrien ihre Frustration und ihren Schmerz gegen Straßenecken, blumengeschmückte Balkons und qualmende Wände. Ein Mann machte sich Luft, indem er auf eine Schreibmaschine einschlug, und um die ungeheueren und ungewöhnlichen Kräfte zu sparen, riss er sie in die Luft und warf sie auf dem Zementfußboden in Stücke. Während ich redete, hörte Gabo zu und fand dabei wohl seine Gewissheit bestätigt, dass in Lateinamerika und der Karibik die Schriftsteller sehr wenig erfinden müssen, weil die Realität alles Verstellbare übertrifft. Ihr Problem besteht manchmal mehr darin, der Realität Glaubwürdigkeit zu verleihen. Als der Bericht fast beendet war, wusste ich jedenfalls, dass Gabo ebenfalls dort gewesen war. Fast hatten wir die gleichen Straßen durchstreift und den gleichen Schrecken empfunden, die Bestürzung und die Heftigkeit, die mich noch einmal in diesem Strom mitrissen, der sich plötzlich aus den Bergen ergoss. Die Frage schoss mit der gleichen unerbittlichen Neugier heraus wie immer. „Und du, was hast du während des Bogotazo gemacht?” Und er, unerschütterlich, sich hinter seiner überraschenden, lebhaften, respektlosen und außergewöhnlichen Phantasie verschanzend, antwortete rundheraus, lächelnd und geistreich in seinen Metaphern: „Fidel, ich war der Mann mit der Schreibmaschine.”

Ich kenne Gabo schon lange, und die erste Begegnung muss in einem jener Augenblicke oder Orte der dichten poetischen garciamarquianischen Geografie gewesen sein. Er gab selbst zu, schuldig daran zu sein, mich eingeführt und bis zum heutigen Tag in „Abhängigkeit von den Bestsellern des schnellen Konsums als Methode der Reinigung von offiziellen Dokumenten” gehalten zu haben. In seiner Verantwortung liegt auch, mich dazu gebracht zu haben, dass ich in meiner nächsten Inkarnation ein Schriftsteller sein will. Nicht irgendeiner, sondern einer wie Garcia Marquez mit diesem hartnäckigen und beständigen Detailreichtum, auf dem er ruht wie auf einem Stein der Weisen, mit aller Glaubwürdigkeit seiner brillanten Übertreibungen. Einmal brachte er es sogar fertig zu behaupten, ich hätte 18 Kugeln Eis gegessen. Wogegen ich selbstverständlich mit aller Entschiedenheit protestierte.

Ich teile mit ihm eine skandalöse, für Akademie und Sprachprofessoren möglicherweise gotteslästerliche Theorie über die Relativität der Wörter einer Sprache. Ich vertrete sie mit der gleichen Intensität, mit der ich von Wörterbüchern fasziniert bin, besonders von dem, das ich zu meinem 70. Geburtstag geschenkt bekam. Es ist ein wahres Juwel, weil es der Definition der Worte berühmte Phrasen der lateinamerikanischen Literatur hinzufügt, als Beispiel für den guten Gebrauch des Vokabulars. Als Mann der Öffentlichkeit ist man verpflichtet, Reden zu schreiben und von Ereignissen zu berichten. Da hat man ähnlich wie der große Schriftsteller Vergnügen an der Suche nach dem richtigen Wort, bis die Formulierung uns gefallt, treu dem Gefühl oder der Idee, die wir ausdrücken möchten und in dem Glauben, dass sie immer verbessert werden kann. Das ist eine Art gemeinsame und unerschöpfliche Obsession. Am erstaunlichsten ist, dass er das passende Wort erfindet, wenn es dieses noch nicht gibt. Wie sehr bewundere ich diese Freiheit.

Jetzt erscheint Gabo durch Gabo mit der Publikation seiner Autobiographie, d.h. dem Roman seiner Erinnerungen. Das ist ein Werk in dem die Erinnerung lebendig wird mit dem Donnern um vier Uhr am Nachmittag, welches ein Augenblick von Wetterleuchten und Magie war, den seine Mutter, Luisa Santiago Marquez, vermisste, wenn sie nicht in Aracataca war. Jenem Dörfchen ohne Straßenpflaster, mit sintflutartigen Regenfällen, Gewohnheiten der Alchimie und Telegraphie, und der turbulenten und sensationellen Liebschaften, wie sie Macondo bevölkern, das kleine Dorf aus den Seiten von hundert einsamen Jahren mit allem Staub und Zauber von Aracataca.

Aus dem Span.: Gabi Töpferwein


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