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Estanislao del Sagrario

Autor:  |  Frühjahr 2004

Ein recht dunkler Mann, 179 cm groß und ungefähr 38 Jahre alt, betrat eine der beiden Kneipen von Tamarindo, den Papageien, der seinen Namen vom Spitznamen des Vaters des Besitzers hatte. Es war halb drei, einige Fliegen summten langsam durch die beiden Gasträume, und die Kneipe war zu dieser frühen Nachmittagsstunde ziemlich leer. Der Mann ging auf einen Alten zu, der in einer Ecke saß.

»Kann ich mich zu Ihnen setzen?«, fragte er ihn.

»Natürlich, der Platz ist frei, setzen Sie sich, wenn es Sie nicht stört, die wenigsten setzen sich gern zu jemandem, der alt ist, das Alter ist wie eine Pest.«

»Kann ich Sie zu einem Bier einladen?«

»Nein, lieber ein Schnaps, zu meiner Zeit hat man kein Bier getrunken, und ich bin es nicht gewöhnt, ich trinke nur Schnaps; wenn Sie mich einladen wollen, laden Sie mich zu einem Schnaps ein.«

»Kein Problem.«

Der Mann bestellte beim Wirt ein Bier und eine Flasche Schnaps, die ihnen sofort gebracht wurden. Er trank einen Schluck Bier und der Alte kippte ein halbes Wasserglas Schnaps hinunter.

»Kann ich Sie etwas fragen?«

»Ja, alles was Sie wollen«, antwortete der Alte.

»Haben Sie Don Estanislao del Sagrario gekannt?«

»Ja, ich kannte Estanislao del Sagrario, wer kannte ihn nicht in diesem vergessenen Dorf? Er war einer von denen, die sich über alles beschweren, egal was ihm passierte. Die Tamarinder mochten ihn und mochten ihn nicht, und sie haben gut und schlecht über ihn geredet, aber so sind die Ecute eben, sie mögen jemanden und reden viel, und nicht immer mögen sie ihn wirklich, und sie sagen auch nicht immer die Wahrheit, wenn sie reden. Was ich Ihnen erzählen kann, ist das, was ich weiß, weil ich ihn gekannt habe, und das, was ich gehört habe, weil er ein paar Jahre älter war als ich, er ist fünfundvierzig Jahre alt geworden. Genau fünfundvierzig Jahre! An seinem Geburtstag ist er gestorben. Er war der einzige Sohn von Dona Maria Bonifacia Rivas. deshalb dachte er, dass er das Recht hätte zu sagen, dass es in dieser verfluchten Welt niemanden wie ihn gäbe. Zum Teufel! Er hatte wirklich eine unglaubliche Zunge und eine schreckliche Phantasie. Seine Mutter konnte ihm nicht sagen, wer sein Vater war. Man sagt, dass sie das einzige Mal, als er sie fragte, ihm ruhig sagte, dass er sich darüber keine Gedanken zu machen brauche, dass sein Vater ein Matrose gewesen sei, der im Ozean verschollen sei, oder, wenn ihm das besser gefalle, ein General, der auf dem Schlachtfeld gestorben sei, aber er solle ihr nicht mehr damit auf die Nerven fallen und sich nicht den Kopfzerbrechen, er könne darüber denken, was er wolle oder was ihm am besten gefalle. Die Vorstellung, dass sein Vater ein Matrose gewesen sei, gefiel ihm nicht besonders, und noch weniger die, dass er ein General gewesen sei. Er entschied bei sich, und das erzählte er auch seinen Freunden und später denen, die ihm zuhörten, dass sein Vater ein sehr berühmter Italiener war, der in Palermo an der Oper gesungen habe. Man musste ihn hören, wie er angab: „Meine Mama, sie ruhe in Frieden, sagte mir, dass man meinen Papa gesehen haben müsse, wie er in Carmen oder in La Traviata oder im Singspiel Carmina Burana gesungen habe.” Und er bestätigte wortreich, dass er von seinem Vater das Künstlerische geerbt habe, jene großartige Stimme die für mich nichts Großartiges hatte, und die Gitarre, die sein Vater in Frankreich gekauft habe, als er dieses Land während einer Tournee bereiste, und die er ihm hinterlassen habe, denn sein Vater wusste, dass er bald geboren werden würde. Ja, ja, ja! Nicht zu glauben! Er setzte hinzu, dass sein geliebter Papa an Lungenentzündung gestorben sei, als er von Palermo zurückreiste, und deshalb habe er nicht wieder nach Tamarindo kommen können, an die Seite seiner geliebten Frau, seiner schönen Mestizin, die bald Mutter werden sollte. Aber die Leute von hier wissen alles, bis ins einzelne, denn alle kennen sich und kennen die Lebensgeschichten jedes Einzelnen in- und auswendig, und wenn sie sie nicht kennen, dann erfinden sie sie, denn dafür sind die vierundzwanzig Stunden des Tages und die dreihundertfünfundsechzig Tage des Jahres da. Ein paar alte Betschwestern haben die wahre Geschichte seines Vaters und die der Gitarre erzählt, die er schon seit früher Kindheit besaß. Er war ein unerwünschtes Kind des alten Don Nazareno Nieto, der mit dreiundachtzig Jahren noch ein Hahn war, der den Hennen nachstieg. Als er mitbekam, dass Dona Maria Bonifacia ein Kind von ihm erwartete, verprügelte er sie und warf sie aus seinem Haus, wo sie als Dienstmädchen arbeitete. Kurz bevor der Alte starb, vielleicht damit der Allmächtige ihm seine Sünde vergebe, erinnerte er sich an sie und vermachte ihr eines der zahlreichen Häuser, die er besaß, obwohl sich ihm seine einzige Tochter entgegenstellte, denn Dona Maria Bonifacia ging, um zu überleben und ihrem Kind Milch oder etwas zu essen zu geben, mit jedem mit, der sie mitnahm. Das Haus, das sie erbte, ist eines von denen, die am Rande jenes elenden Dorfes stehen, und dort wohnte sie bis zu jenem Tag, der für sie von höherer Instanz als ihr letzter vorgesehen war. Sie starb, bevor sie vierzig Jahre alt war, sie starb plötzlich; nahe bei ihrem Haus gibt es einen Hahnenkampfplatz, und eines Tages kam es dort zum Streit, die Streitenden schössen aufeinander, und eine der verirrten Kugeln fand ihren Weg in den Kopf von Dona Maria Bonifacia, die gerade in diesem Moment ihre Haustür öffnete. Estanislao del Sagrario sann nicht auf Rache, denn er war nicht rachsüchtig, außerdem waren es etwa fünfzehn Leute gewesen, die sich gestritten hatten, und er wusste nicht, aus wessen Waffe die Kugel stammte, der Dona Maria Bonifacia in den Kopf traf. Ja, und von der Gitarre erzählte man, dass sie Don Zacarias gehörte, dem Kirchendiener. Don Zacarias, der ein Schürzenjäger war, ging ab und zu mit Dona Maria Bonifacia ins Bett, wie er das auch mit anderen Frauen des Dorfes tat. Bei einem dieser Besuche überraschte ihn der Tod. Ja, es war ein großer Skandal, denn man musste sie auseinander zerren, weil er gestorben war, als er auf ihr lag.«

Der Alte schwieg für einen Augenblick und kippte ein weiteres halbes Glas Schnaps hinunter. »Seine Mutter starb, als er bereits ein erwachsener Mann von achtzehn Jahren war, wenn auch kein rechtschaffener, aber was macht das schon, was bedeuten schon Rechte in diesem beschissenen Leben? Er heiratete jung, noch ehe er zwanzig wurde. Seine Frau war Anastasia Buenaventura Vergara Somarriba, eines von den hübschesten Mädchen von Tamarinde, und dabei sind in Tamarindo die jungen Mädchen alle hübsch, ohne Ausnahme. Jeder warnte sie davor, ihn zu heiraten, denn er war ein hoffnungsloser Faulpelz und ein armer Teufel, aber sie hörte auf niemanden und wurde seine Frau, denn er sah gut aus. Es war einer jener Irrtümer, die man nur einmal im Leben begeht, wenn man nicht völlig meschugge ist; ihr Leben wurde zu Leidensweg, Fegefeuer und Hölle gleichzeitig. Er misshandelte sie nicht nur körperlich, er verbot ihr auch, sich mit irgendetwas anderem als mit ihm zu beschäftigen; er widersprach allem, was sie sagte, und alles, was sie tun wollte, weil sie es gern tat, traf auf seinen Widerstand, eben weil sie es gern tat. Obwohl sie sich bemühte, ihm zu Gefallen zu sein, gelang es ihr nie, er gestattete es ihr nie. Sie lebten nicht länger als zwei Jahre zusammen, nicht einmal anderthalb eigentlich, ich glaube, ein Jahr und zwei oder drei Monate, nicht länger. Eines Tages beschloss sie, ihn zu verlassen, und sie tat es. Die Leute aus dem Dorf, die alles wissen und sich auch noch um die kleinsten und die größten Angelegenheiten kümmern, bemerkten ihre Flucht, aber er nicht, er behielt die fixe Idee, dass sie nur auf Besuch irgendwo sei, ohne dass er freilich wusste, wen sie besuchte. Als ihm nach drei Jahren klar wurde, dass sie immer noch nicht zurückgekehrt war, erzählte er, dass er selbst sie zum Teufel geschickt habe, da sie nur schön gewesen sei, aber sonst zu nichts getaugt habe, dass sie nicht einmal einen Kaffee habe kochen können, ganz zu schweigen von anderen Speisen, und dass er sie deshalb dahin geschickt habe, wo sie hingehöre; aber niemand glaubte ihm, denn hier hört man einem Lügner zwar respektvoll zu, aber man glaubt ihm deswegen noch lange nicht. Er bemerkte, dass ihm niemand glaubte, aber nach einiger Zeit tröstele er sich damit, den armen Teufel zu bedauern, bei dem sie gelandet sei. Ich fragte ihn, ob er irgendetwas über Anastasia Buenaventura gehört habe, was aus ihr geworden sei, und er gab mir zur Antwort: „Wie zum Teufel soll ich das wissen! Sie ist verschwunden, und fertig!” Das war seine einzige Heirat, er heiratete nicht wieder und hatte auch keine feste oder längere Beziehung zu einer Frau, die Frauen nach Anastasia Buenaventura waren Eintagsfliegen, und sie dienten ihm nur dazu, um an ihnen seinen Samen abzuschlagen, denn wenn man das nicht tut, wird man verrückt oder stirbt, und er wollte weder einfach so sterben noch verrückt werden. Er und Anastasia Buenaventura hatten keine Kinder, die Leute sagen, dass es ihr Glück war, und auch die anderen Frauen, mit denen er etwas hatte, bekamen keine, und deshalb verpassten ihm seine Freunde und seine Feinde den Spitznamen kastrierter Bulle. Der Name gefiel ihm nicht, aber mit der Zeit, die viel vergessen macht im Leben, gewöhnte er sich daran, dass sie ihn so nannten, so dass er schließlich nur noch auf diesen Namen hörte.«

Der Alte machte wieder eine Pause, um ein weiteres halbes Glas Schnaps zu kippen und sich eine Jocote in den Mund zu stecken. »Als Kind lernte er Gitarre spielen, eben die französische Gitarre, die dem Kirchendiener Don Zacarías gehört hatte und von der er behauptet hatte, dass sein Vater sie ihm vererbt habe; er spielte sehr gut und begann sich damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er richtete sich auf dem Marktplatz von Tamarindo ein, der gleichzeitig als Park, Markt und Busstation dient, klimperte auf seiner Gitarre, und sang mit seiner rauen und heiseren Stimme. Die Vorübergehenden gaben ihm stets ein paar Münzen. Häufig nahm ihn ein Landstreicher mit in die Kneipe Zum Papageien, die schon nicht mehr dem Papageien gehörte, denn der war vor ein paar Jahren an Leberzirrhose gestorben, sondern seinem Sohn, dem kleinen Papageien, der den Namen des Lokals aus Respekt vor seinem Vater nicht verändern wollte und die Stammgäste waren schon an den Namen gewöhnt. Oder jemand nahm ihn mit zur Platten Nase, die gleichzeitig Kneipe und einziges Bordell des Dorfes war, und lud ihn zu ein paar billigen Schnäpsen ein. Er trank langsam und kaute jeden Schluck. Er vertrug nicht viel, schon nach wenigen Gläsern war er betrunken und stellte allen möglichen Unsinn an, und machte sich vor den anwesenden Gaunern und Landstreichern zum Clown. Wenn ihn keiner mit in eine Kneipe nahm, blieb er bis zum Dunkelwerden im Park sitzen, bis die Kinder kamen, um zu spielen oder um Unfug zu treiben, und die Herumtreiber, um sich herumzutreiben, die jungen Männer ohne Freundin und die jungen Mädchen ohne Freund, und die Verliebten, um sich gegenseitig abzuküssen und mehr. Er rief die ersten Kinder zu sich, die in den Park kamen, und erzählte ihnen seine Geschichten, in denen er natürlich der Held war. Keines der Kinder traute sich, ihm zu widersprechen oder ihm zu sagen, dass er ein Lügner sei, die kleinen Jungen beschränkten sich darauf, ihm zuzuhören, denn hier sind die Kinder noch gut erzogen, sie hören den Alten zu, auch wenn sie ihnen weder glauben noch ihren Ratschlägen folgen, weswegen sie selbst über alle Steine auf dem Weg des Lebens stolpern und danach ihren eigenen Ratschlägen folgen werden. Es lässt sich nicht abstreiten, dass Estanislao del Sagrario zu erzählen wusste, und das kann wahrlich nicht jeder«, der Alte biss sich mit seinen gelben Zähnen auf die Unterlippe und kratzte sich mit der rechten Hand zwischen den Beinen. »Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen eine der Geschichten erzählen, die er am liebsten erzählt hat.«

»Dann erzählen Sie mal.«

»Es ist eine Geschichte, in der er Jesus von Nazareth geholfen hat, sein Kreuz zu tragen. Wer weiß, vielleicht war das mal ein Alptraum von ihm. Er sagte, dass der Traum oder der Alptraum so wirklich für ihn gewesen sei, dass er ihm wie eine wahre Geschichte vorgekommen wäre. Er erzählte, dass er die Geschichte eines Abends im März erlebt habe, in der Zeit um Ostern, am Ostersamstag, und dass es vielleicht ein Wink vom Allerhöchsten war, damit er seine Sünden bereue, denn den Gründonnerstag und den Karfreitag hatte er im Zimmer der Linkshänderin mit Trinken und Huren verbracht. Dabei hatte er nicht einmal bezahlt, denn die Linkshänderin stand auf ihn, sie liebte ihn mehr als ihr eigenes Leben, das zu jenen Zeiten ohnehin fast nichts wert war, denn sie war eine von den Mädchen, die sich ihr tägliches Brot in der Kneipe der Platten Nase im Schweiß ihrer Genitalien verdienten. Wenn sie heute überhaupt noch lebt, muss sie einen goldenen Hintern haben, sie ist nämlich berühmt geworden, als sie in der Nationallotterie den Hauptgewinn gezogen hat und aus dem Dorf weggegangen ist und in der Stadt ein Bordell für reiche Männer aufgemacht hat. Für Männer, die für erstklassige Mädchen bezahlen können, die noch nicht von jedem Hergelaufenen betatscht worden sind, aber das war nach dem Tod von Estanislao del Sagrario, denn wen er noch gelebt hätte, dann hätte sie ihn bestimmt mitgenommen, und vielleicht hätte ihr Schicksal dann einen ganz anderen Verlauf genommen. Er erzählte, dass er in einen abgelegenen Winkel kam, wo er sich plötzlich von heftigem Schwindel erfasst fühlte. Er wusste nicht, wie es geschah, aber in seinem Traum oder Alptraum geriet er plötzlich in eine vergangene Zeit, wo auf beiden Seiten der engen Straße eine johlende Menge stand und in der Straßenmitte ein paar Soldaten liefen. Es überraschte ihn, dass die Soldaten keine Gewehre hatten. Sie trugen Lanzen, und an ihren Gürteln hingen scharfe Schwerter. Statt der Baseballkappen oder der Helme, die die Polizisten im Dorf gewöhnlich trugen, prangten auf ihren Köpfen malerisch aussehende eiserne Helme, die mit Federn in den verschiedensten Farben geschmückt waren. Er lachte, als er feststellte, dass diese Soldaten keine Hosen anhatten, sondern stattdessen Röcke trugen, und in diesem Moment wurde er gewahr, dass er sich unter römischen Soldaten befinden musste. Sie erinnerten ihn an die Filme, die im Kino von Dona Olivia de los Angeles gelaufen waren, der Frau, zu der er nie Schwester sagte, weil er Don Nazareno Nieto nicht als Vater akzeptierte. Die altertümlich gekleidete Menge kreischte fanatisch, und zwischen den beiden Reihen von römischen Soldaten tauchte ein Mann in bedauernswertem Zustand auf, der ein riesiges Kreuz trug. Er hatte eine Dornenkrone auf dem Kopf, und von seiner weißen Stirn tropfte Blut. Estanislao del Sagrario bemerkte, dass dieser Mann kein anderer sein konnte als Jesus von Nazareth auf dem Weg nach Golgotha, und in seinem Kopf drehten sich tausend Ideen: er wollte ihm helfen (obwohl ich ihm das nicht glaube, denn vor schwierigen Aufgaben hat er sich immer gedrückt), aber er konnte sich nicht entschließen, auf welche Weise. Und er dachte noch darüber nach, als Jesus von Nazareth hinfiel, und er sah, wie sie ihn schlugen, während er am Boden lag. Jesus bat ihn um Hilfe, und er verstand ihn nicht, weil er hebräisch sprach, und er konnte außer spanisch nur noch englisch, französisch und italienisch (was auch nicht stimmt, denn er ist nie aus dem Dorf herausgekommen, und im Dorf gibt es gerade mal eine Schule, und die geht nur bis zur sechsten Klasse, und er selbst hat es nur bis zur vierten geschafft, und weder in der vierten noch in der sechsten gab es ausländische Sprachen. Ich hab nämlich die sechste abgeschlossen, und mir hat man keine ausländischen Sprachen beigebracht, obwohl ich ein paarmal ein paar Worte in englisch gehört habe, wie „sana man bich” und „foquin”).

Die Soldaten beobachteten ihn aufmerksam, und sie riefen ihn an, und er fragte sich, was sie wohl von ihm wollten. Er hatte eine Idee, warum sie ihn riefen, und so näherte er sich Jesus von Nazareth und half ihm sein Kreuz zu tragen, das ziemlich schwer war, was wohl stimmen mag, denn die Kreuze, die ich zu Ostern immer in den Filmen über Jesus von Nazareth im Kino der Tochter von Don Nazareno Nicto gesehen habe, sahen ziemlich groß aus und haben bestimmt ein paar Tonnen gewogen. Er begann, mit Jesus von Nazareth zu gehen und das verdammte Kreuz zu tragen, aber sie waren kaum zwei Straßen weit gegangen, als sie beide hinfielen, und er fühlte sich unglaublich müde und hatte keine Lust mehr, noch einen Schritt zu gehen, auch nicht einen einzigen. Unsäglicher Durst setzte ihm zu, und er schien unter der Hitze zu zerfliessen; dazu kam die unerträgliche Menge, die mehr Lärm machte, als er es von den Patronatsfesten aus Tamarindo kannte, vom Tag des Heiligen Juan, der immer mit viel Krawall begangen wird. Die römischen Soldaten prügelten sie. Er zog sich den Gürtel fest und hob das Kreuz auf und half Jesus Christus, damit sie sich wieder in Marsch setzen konnten. Er behauptete steif und fest, dass er mit Christus bis nach Golgatha gegangen wäre und dass er, als man Christus gekreuzigt habe, sich sehr schlecht gefühlt habe, aber ich glaube ihm nicht, denn er hat nicht gesagt, dass er sich so gefühlt habe, wie er sich fühlte, als ihn Anastasia Buenaventura verlassen hat, denn damals hat er sich wirklich, ungelogen, sehr schlecht gefühlt. Er stand in der Menge und schwitzte außerordentlich, und dann schoss eine schreckliche Kälte durch seinen Körper, eine Kälte, wie man sie verspürt, wenn einen die Malaria befallen hat. Er sah, wie man ein Schild mit einer Inschrift auf dem Kreuz anbrachte, aber er konnte es nicht lesen, denn der Text war in Hebräisch, Griechisch und Latein geschrieben, nach dem Evangelium des Johannes, aber weil er die Bibel gelesen hatte, wusste er, was der Text bedeutete. Er erzählte schließlich, wie der Wind sich legte und der Himmel grau wurde, so grau, dass man fast nichts mehr sehen konnte, und es war in diesem Moment, dass er in die Wirklichkeit zurückkehrte, und er erhob sich vom Bett der Linkshänderin und rannte geraden Wegs zum Priester von Tamarindo, der vor fünf Jahren an Syphilis gestorben ist, wie böse Zungen im Dorf behaupten, und der in Frieden ruhe und dem Gott seine Sünden vergebe, falls es wahr ist, was die bösen Zungen sagen«, er ließ einen lauten Furz und entschuldigte sich. »Und denken Sie nicht schlecht von mir, es gibt Fürze, die man einfach nicht im Hintern behalten kann, so sehr man auch möchte, vielleicht kennen Sie das ja und verstehen mich.«

»Ich verstehe Sie, aber Ihr Furz stinkt fürchterlich.«

»Nicht jeder Furz riecht schlecht.«

»Vergessen Sie Ihren Furz und erzählen Sie die Geschichte, bei der Sie waren.«

»Wo war ich stehensgeblieben? Ach ja, jetzt fällt’s mir wieder ein. Ich sagte, dass ihm Gott seine Sünden vergeben solle. Ich hatte erzählt, dass der Priester viel zu tun hatte, denn es war Ostersamstag und deshalb empfing er ihn nicht gleich, er musste ziemlich lange warten, aber als er fertig war, obwohl er recht müde war, ließ er sich dazu herab, mit ihm zu sprechen, der sich schon ein wenig von seinem Schrecken erholt hatte. Er erzählte dem Priester seinen Traum, welcher ihm aufmerksam zuhörte und nichts sagte, aber er glaubte, dass dieser Traum oder Alptraum die Ankündigung seines Todes sei und kniete vor dem Hauptaltar nieder und betete inbrünstig, so wie er nicht gebetet hatte, seit er vor seiner Ersten Kommunion zum Katechismusunterricht gegangen war. An diesem Abend erzählte er seine Geschichte Gott und aller Welt, und ich weiß sie auswendig, weil ich sie ungefähr tausend Mal gehört habe und sie ungefähr genauso oft weitererzählt habe. Er starb natürlich nicht, sondern saß am nächsten Tag im Schatten eines riesigen Mangobaums beim Haus der Platten Nase mit einem Kater, der sich gewaschen hatte, und besudelt von seinem eigenen Erbrochenen und seinem Urin, und das muss man sagen, wenn er urinierte, dann wie ein Pferd. Einen Monat später konnte er immer noch nicht glauben, dass er nicht gestorben war. Als er sich überzeugt hatte, dass er weiter am Leben bleiben würde, entschloss er sich zu glauben, dass sein Traum oder Alptraum Wirklichkeit gewesen sei.«

»Aha. Und was wurde aus ihm?«

»Leider wurde er nicht alt wie ich, vielleicht ist das auch besser so, denn das Alter mit seinen tausend Beschwerden ist eine Qual. Er starb fast wie seine Mutter, plötzlich, er saß auf dem Klo im Hof der Platten Nase, und zu seinem Unglück begann in diesem Moment das große Erdbeben von Managua, das man bis hier draußen gespürt hat, und das Klo, auf den er saß, wurde vom Erdboden verschluckt. Seine Saufkumpane, die mit ihm an diesem Abend seinen Geburtstag gefeiert hatten, rannten, als das Beben begann, Hals über Kopf nach Hause und vergaßen ihn. Die Linkshänderin bemerkte erst im Morgengrauen, dass er nicht da gewesen war, um seine Flasche abzuholen und ihr Gärtchen zu gießen, und sie begann ihn zu suchen, fand ihn aber bis zum Abend nicht; die Dünne, eines der Mädchen der Platten Nase, die kein Mädchen mehr ist, sondern eine Frau in einem Alter jenseits fleischlicher Lüste, und wenn noch Kunden zu ihr kommen, dann kommen sie aus Treue oder Solidarität, und sie schlägt die Zeit tot, indem sie in der Küche arbeitet und ihre Schwermut im Schnaps ersäuft, die Dünne fand ihn schließlich. Sie hatte ein Bedürfnis und ging ihn den Hof und stieß einen Schrei aus, als sie sah, dass das Klo im Boden versunken war; weil das Lokal bereits leer war, und die anderen Mädchen schon schliefen, lief nur die Linkshänderin herbei, die noch ihren Liebsten suchte, und sie sah das Loch im Boden und ihr kam der Gedanke, dass Estanislao del Sagrario dort unten sein könnte, und sie lag richtig damit. Das Leben hatte ihn bereits verlassen, als man ihn ein paar Stunden nach dem Erdbeben aus der Erde zog. Der arme Teufel hatte wirklich Pech: Er war das einzige Erdbebenopfer in Tamarinde. Die Linkshänderin kam fast um vor Trauer, sie hat ihn wirklich sehr geliebt, mehr als ihr eigenes Leben. In ihrem Gram sagte sie, er sei der einzige Mann gewesen, bei dem sie sich als Frau gefühlt habe, der einzige, der ihr Wärme geschenkt habe, ohne sie herabzusetzen, obwohl sie eine Nutte war. Aber entschuldigen Sie, ich habe viel erzählt, und ich habe Sie noch nicht einmal gefragt, wie sie heißen.« Und er nahm den Kern der Jocote aus dem Mund und warf ihn zu Boden.

»Ich bin Estanislao del Sagrario Nieto Vergara.«

»Verzeihung, ich werde noch einen Schluck trinken, meine Zunge ist trocken«, sagte er und goss den Rest aus der Schnapsflasche, trank schnell aus und steckte sich noch eine Jocote in den Mund. »Habe ich richtig gehört, dass Sie Estanislao del Sagrario Nieto Vergara heissen? Stimmt das?«

»Sie haben richtig gehört. Ich bin Estanislao del Sagrario Nieto Vergara, der Sohn von Estanislao del Sagrario Rivas und Anastasia Buenaventura Vergara Somarriba.«

»Unmöglich! Er hat doch Anastasia Buenaventura kein Kind gemacht, keiner der Tamarinder wusste davon, und die Tamarinder hier im Dorf wissen alles. Sie wollen mich auf den Arm nehmen, Sie haben keine Achtung vor meinen grauen Haaren«, schrie der Alte.

»Nicht mal mein Vater wusste davon, obwohl meine Mutter schon im siebenten Monat war, als sie ihn verließ«, lachte der Besucher mit spöttischer Miene. »Meine Tante Oliva de los Angeles hat ihr moralisch und ökonomisch unter die Arme gegriffen, sie hat uns ab und zu besucht; sie fand, dass ich ihrem Vater ähnelte, meinem Großvater. Jetzt, da meine Tante Oliva de los Angeles schon fünfundneunzig Jahre alt ist, hat sie entschieden, dass ich mich um den Besitz der Nieto-Familie kümmern soll. Ich habe sie gefragt, ob sie meinen Vater gekannt hat, denn weder meine Mutter noch meine Tante haben mir nie von ihm erzählt. Zufrieden?«

»Verzeihen Sie, ich habe nichts gesagt. Wenn Sie gestatten, werde ich jetzt gehen«, sagte der Alte und erhob sich.

Man konnte nun sehen, dass er zehn Zentimeter kleiner war als der Mann, der sich als Estanislao del Sagrario Nieto Vergara vorgestellt hatte.

»Wie Sie wünschen. Sie haben schon alles gesagt, was man in diesem schäbigen Dorf über den armen Teufel, der mein Vater war, erfahren kann. Vielen Dank.«


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