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Interview mit Carlos Mejía Godoy

Autor:  |  Frühjahr 2004

im Gespräch mit Tito Leyva

Ist das Schreiben von Liedern eine natürliche Sache für dich? Wie irgendeine Alltagsaktivität?

Absolut. Ich habe riesigen Respekt vor der Arbeit der anderen. Ich sage immer, ich möchte einen Tisch herstellen, aber es gelingt mir nicht. Einen Stuhl bauen, gar eine Marimba mit ihren gut gestimmten Tasten – ich kann es nicht. Die Wahrheit ist, dass meine Brüder, die Schreiner, Kunsttischler, Elektriker ihre Fähigkeiten bereits in ihren Genen tragen. Wir sind, was wir machen können; unsere Verantwortung ist, unsere Arbeit jeden Tag besser zu machen. Es geht nicht darum, irgendein Werk zu schreiben, dass sagen könnte, das ist das beste Lied meines Lebens. Wir müssen uns bemühen, jeden Tag die Qualität unserer Worte und unserer Musik zu erhöhen.

Wie ist deine Beziehung zu den Worten, zur Sprache? Suchst du nach ihnen, jagst du ihnen nach oder kommen sie so einfach?

Das ist eine magische Sache. Vor einem Jahr schrieb ich ein Lied, das mir seine Form eher aufgezwungen hat. Ich lege mich schlafen, und kaum habe ich das Licht gelöscht und die Augen geschlossen, öffne ich sie wieder und fühle mich, wie wenn man in der Nähe eines Geschäftes mit einer Neonreklame ist, die einen immer wieder beleuchtet. Es ist eine Gabe, die mir in die Wiege gelegt wurde. Und das erscheint mir magisch, doch normalerweise lasse ich ihr seinen Lauf. Ich fühle mich als Dichter und ich glaube, dass dies eine familiäre Gabe ist und dass ich mit ihr sprechen kann als sei sie eine Person, ein Mädchen. Ich denke, wenn ich das Licht in meinem Zimmer lösche, die Dunkelheit mit meinen Augen stirbt, dann entdeckte ich, dass in meinen Genen eine subtile Fähigkeit vererbt wurde. Wie bringe ich diese ans Licht, an den Mond in meinem Schlafzimmer?

Was bedeutet für dich, zum Kulturbotschafter der Nationalen Universität für Ingenieurwissenschaften ernannt worden zu sein?

Es ist eine große Ehre, die ich mit meinen engen Freunden teile, mit jenen, die mich auf meinem musikalischen Weg beeinflussen, wie Camilo Zapata, Erwin Krüger, Otto de la Rocha. Denn was wäre unser Lied ohne sie?

Ich habe eine Verpflichtung gegenüber den Menschen, die unser Lied geformt haben als wären sie die Finger eines Töpfers. Von ihnen habe ich die Stimme und den Tonfall, das Geschrei des großen Cabrerita, des Tayacan, Leandro Torrez, des Unfehlbaren. Chico Lio, auf der Insel des großen Jägers.

Was haben dir deine Lieder gebracht? Glück, mehr Freiheit, Geld, Ruhm?

Von allem. Ich habe sehr viel Geld verdient, und es genutzt für wichtige Ziele, die ich jetzt nicht nennen möchte. Ich habe das Glück, gesunde Kinder zu haben, von denen die meisten studieren. Es gibt zwei Profis in unter ihnen. Viele sind Musiker, und ich beeinflusse sie nicht auf dogmatische Weise, eher in der Ausführung ihres Handwerks. Jeder ist frei sich zu entwickeln und diese Freiheit habe ich ihnen immer gegeben. Einer meiner Söhne ist Rockmusiker in den Vereinigten Staaten, einer ist Marimbaspieler, ein anderer Perkussionist und eine Tochter spielt Flöte. Kurz und gut, alles bleibt in der Familie. Aber am meisten bin ich glücklich, ein Sohn des Landes von Rüben Dario und Augusto Cesar Sandino zu sein.

Musik hat immer eine Absicht, aber beendet sie niemals die Einsamkeit?

Ja, sicher. Die Einsamkeit wandelt sich wie eine Quelle, die dich ständig vorwärtstreibt. Es gibt einen ständigen Kampf des Menschen gegen die Einsamkeit, selbst wenn man nicht allein ist, verheiratet ist, Kinder hat. Die Einsamkeit zu besiegen ist eine tägliche Herausforderung.

Erfreut sich das nikaraguanische Lied guter Gesundheit?

Es erfreut sich guter Gesundheit, weil es lebendig ist. Weil wir einen Camilo Zapata haben, der mit seinen 86 Jahren immer noch Musik macht. Es gibt einige Radioprogramme, die daran interessiert sind, dem nationalen Lied eine Bresche zuschlagen. Doch die Gesundheit könnte besser sein, wenn wir dazu beitragen, die Flamme des nationalen Liedes nicht erlöschen zu lassen.

Hut Carlos Mejia Godoy noch eine Utopie?

Ja, glücklicherweise habe ich meine Utopien nicht begraben, und ich hoffe, dass viele Menschen es ebenfalls nicht getan haben. Das trifft uns. Wenn solche Dinge passieren wie in Nikaragua – die unglaubliche Korruption, die uns verkauft und unterjocht – denken wir immer, das sei die Kehrseite des Geldes, und dieses ist das Geld-Leben, wie Garcia Lorca sagte, dass sich nie wiederholen wird. Es gab immer Archetypen, Gesichter, die in der Menge auftauchen und die die Kraft haben, die andere Seite der Gesellschaft zu zeigen. Es gab immer ehrenhafte Menschen, wirkliche Revolutionäre, Menschen der Linken und der Rechten, ich würde sagen, ehrenhaft und ihren Prinzipien treu. Das macht Hoffnung und deshalb begraben wir unsere Utopien nicht. Ich denke, dass der Mensch in seiner Ethik einen großen Schritt nach vorn machen kann, in seinem Verantwortungsgefühl. Vor allem aber in seiner Verpflichtung, eine bessere Welt zu schaffen.

Aus dem Span.: Gabi Töpferwein


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