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Samarkand – Die Städte und die Träume

Autor:  |  Frühjahr 2003

Samarkand ist nicht nur eine Stadt: es sind ihrer zwei. Die eine sichtbar, die andere versteckt und geheim. Ihre leisesten unterirdischen Töne erschließen sich nur mir allein und ihre Kopfsteinpflasterwege und prunkvollen Paläste vermag ebenfalls ich nur zu erahnen.

Dem augenfälligen Samarkand unterliegt immerfort das ihm entgegengesetzte, unterirdische und gleichförmige zweite, als sei es sein Spiegelbild. Nur Geringfügigkeiten unterscheiden sie voneinander: die Tiefe des Rosenrots bei Anbruch eines Maienmorgens, der Grad der Feuchtigkeit ihrer Sandkörner an den Ufern, das Spiel des Lichts im goldglänzenden Fell einer Wildkatze, das länger anhaltende Glühen einer Lehmziegel auf einem Satteldach…

Begonnen hatte die Rebellion des vergrabenen Samarkands damit, dass in einem seiner Spiegel ein Abbild dem vollkommenen Vorbild widersprach und sich in nicht spiegelverkehrter Form projizierte. Dies trug sich zu, als die versklavte Stadt erstmalig der Möglichkeit gewahr wurde, sich zu verselbstständigen, autonomen Status zu erreichen und den Schritt in die Unabhängigkeit zu wagen. Noch vor den Menschen hatten die natürlichen und künstlichen Dinge diese Veränderung gespürt und die Chance gewittert, sich aus der uralten, fast kosmogonischen Versklavung zu befreien. Und in dem aufrührerischen Spiegel sammelten sich weitere Objekte, die gegen die tief verwurzelten Regeln der Symmetrie verstießen: Eine Tasse aus feinem Porzellan bekam Sprünge, während ihr Pendant in dem oberflächigen Samarkand heil blieb. Ein Bambusrouleau rollte sich nicht mehr ganz aus und erlaubte so flüchtigen Sonnenstrahlen einer Zimmerecke Licht zu spenden, die bis dahin im Dunkeln gelegen hatte. Die Bewohner aber bemerkten nichts von alledem und führten ihr Leben wie gewohnt gemäß den alten Sitten des anderen, real erbauten Samarkands.

Hauptverursacherin des Wandels war eine Wasseruhr, die ihren Takt im Verhältnis zu ihrem Gegenstück beschleunigte, wodurch sich die Zeit in einem der beiden Samarkands kaum wahrnehmbar verschob. Im Laufe der Jahre machte sich dies immer deutlicher bemerkbar und eines Morgens mussten die Bewohner der unterirdischen Stadt feststellen, dass ihre Haare weiß geworden waren, während das Schwarz auf den Köpfen der Menschen des Samarkands der Oberfläche unverändert geblieben war.

Das von jeher für rechtmäßig und einzig erklärte wahre Samarkand wurde von Furcht vor der anderen Stadt ergriffen, deren Wasseruhr immer schneller und schneller lief und das Original zu überholen drohte.

Die Erkenntnis, dass sich ihre Doppelgänger bereits so weit von ihnen entfernt hatten, stürzte die Menschen in Verzweiflung: Sie kamen sich vor wie amputiert, wie abgeschnitten und fühlten sich, als sei ihnen ein Teil ihres Daseins genommen, als sei ihnen ein geliebter Mensch durch den Tod entrissen worden.

Aber die Möglichkeit einer radikalen und einschneidenden Revolution mochten sie auch jetzt noch nicht einräumen, stattdessen versuchten sie sich einzureden, dass es sich dabei lediglich um ein vorübergehendes Außerkrafttreten der bis dahin als unumstößlich angesehenen Naturgesetze handele.

Die Bewohner des unterirdischen Samarkands hingegen schenkten den Ängsten der anderen keinerlei Beachtung, was die Fronten noch erhärtete. Vom Reich der Oberfläche mit seinen ungeahnten Freiheiten geblendet gaben sie ihrer Abenteuerlust nach und überschritten eine bis dahin nicht wahrgenommene Grenze. In diesem Moment traten die Dinge in ihrer vollen Unerträglichkeit offen zu Tage und die Geräusche und Gerüche der einen Stadt drangen in die bis dahin unantastbare Gelassenheit der anderen ein und brachten sie aus ihrem gleichmäßigen tausendjährigen Takt.

Hatte man anfangs diese seltsamen Anzeichen noch zu ignorieren versucht, entlud sich die Ablehnung nun gewaltsam und als die Anzahl der Konflikte überhand zu nehmen begann, kam es zur Eskalation. Eine bis dahin friedvolle Stadt war zum Austragungsort endloser Auseinandersetzungen verkommen.

Das Samarkand, wie wir es heute kennen und an das wir uns gewöhnt haben, ist nicht das Original: Es ist jenes andere, das sich aus dem Abgrund erhob, dem ersten den Boden entzog und jetzt als eine undifferenzierte Mischung von beiden existiert. Das wirkliche Ursamarkand ist nun jenes ursprüngliche, das unterirdisch eine eigenständige Existenz führt.

Im Bewusstsein seiner Unterlegenheit beschleunigte das Samarkand der Oberfläche den Takt seiner Uhren dermaßen, dass sie in wenigen Jahrzehnten die unterirdischen einholten und übertrafen.

Mit der Zeit werden sie sich wieder angleichen und sich auch wieder gegenseitig übertreffen. Ihr Kampf wird fortbestehen, da beide in gleichem Maße anmaßend sind und auf ihr Vorherrschaftsrecht pochen. Ihr Schicksal werden der ewige Wettstreit und die fortdauernde Unterwerfung der einen Stadt unter die andere sein.

Wir Außenstehenden werden immer an ein einziges, lebendiges Samarkand glauben, das sich in seiner Alltagsgeschäftigkeit ausbreitet und stetig verändert, ganz als ob die Stadt mit sich selbst in einem harten Krieg liege.

Es ist nicht zu übersehen, dass die Bewohner von Samarkand vorzeitig altern, dass die Dinge spürbar ihre Qualität einbüßen und dass die Blumen, kaum dass sich ihre Blüten öffnen, auch schon wieder verwelkt sind.

Das Leben in Samarkand ist derart schnell geworden, dass Geburt und Tod sich immer weiter annähern. In ihrem Bestreben sich gegenseitig zu übertreffen, werden beide Städte die Zeit auf Null zurücksetzen, was letztendlich ihre Bewohner dazu verurteilt, zu sterben, noch ehe sie geboren worden sind.

Hinweise auf die eigentliche Stadt werden uns dann nur noch die gepflasterten Wege, die majestätischen und nutzlosen Gotteshäuser, die in tiefer Erde liegenden Artefakte des Alltags und die Tontäfelchen mit der noch nicht entschlüsselten Schrift geben können. Ihrer Architektur wird aber mit jeder weiteren Freilegung von Ruinen Ewigkeitswert zukommen.

Aus dem Span.: Gabriele Eschweiler


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