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Lateinamerika – Schwierige Zeiten

Autor:  |  Frühjahr 2003

Lateinamerika hat in den vergangenen Monaten soviel Aufmerksamkeit in der internationalen Presse erhalten wie schon lange nicht mehr. Die desolaten politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Argentinien, die Angst der internationalen Finanzmärkte vor einem linken Präsidentschaftskandidaten in Brasilien, und Ausschreitungen in Venezuela bestimmen das Bild des Kontinents. Zusammen mit der Risikoaversion an den globalen Finanzmärkten, die sich auch bei uns in fallenden Aktienkursen zeigt, führte dies in nahezu allen Ländern zur Abwertung der Landeswährungen, einem Anstieg des Zinsniveaus und zu einer Revision der Wachstumserwartungen nach unten.

Wie so oft tut jedoch ein differenzierter Blick Not. Auch mit Luiz Inacio da Silva, der im Januar 2003 das Präsidentenamt übernehmen wird, ist keine 180-Grad Wendung in der Wirtschaftspolitik zu erwarten. Somit sind weiterhin gute Rahmenbedingungen für ausländische Direktinvestitionen gegeben. Dazu trägt auch das im August geschlossene IWF-Abkommen bei, das einen großen Teil der Auszahlungen von insgesamt 30 Mrd. US$ von einer verantwortungsbewussten Finanzpolitik der neuen Regierung abhängig macht und damit für jeden Kandidaten einen erheblichen Anreiz bot, die stabilitätsorientierte Politik der jetzigen Regierung weiterzuführen. Wir erwarten, dass sich diese Erkenntnis auch auf den internationalen Finanzmärkten durchsetzen wird und die Übertreibungen, die wir im Vorfeld der Wahlen im Wechselkurs und den Risikoaufschlägen gesehen haben, sich dauerhaft zurückbilden werden. Der Vergleich des Landes mit Argentinien, das sich mit einer verantwortungslosen Ausgabenpolitik und einem rigiden Wechselkurssystem selbst ins Abseits gebracht hat, ist aufgrund der strukturellen Unterschiede der Länder nicht haltbar.

Auch in Uruguay hat das beherzte Eingreifen verantwortungsvoller Politiker, gestützt durch ein großes Finanzpaket der multilateralen Finanzinstitute und begünstigt durch einen immer noch tragfähigen gesellschaftlichen Konsens, zumindest vorübergehend für eine Beruhigung der Krise geführt. Entscheidend bleibt hier die Rückkehr auf den Wachstumspfad -mit zwei krisengeschüttelten Nachbarn derzeit sicher keine leichte Aufgabe.

Chile und Mexiko sind auch in den vergangenen Monaten ihrem Ruf als sichere Häfen in der Region gerecht geworden. Dies unterstreicht die Bedeutung einer soliden Finanzpolitik, die sowohl die Regierung Fox in Mexiko als auch die Regierung Lagos vorbildlich praktizieren. Mexiko profitiert darüber hinaus von seiner engen Anbindung an die USA in der NAFTA. Die Integration beider Länder über die Handelsbeziehungen hinaus lässt sich auch an der zunehmenden Angleichung der Zinsniveaus beider Länder ablesen. Chile hat in diesem Jahr neben den Krisen in den Nachbarländern auch noch einen starken Verfall des Kupferpreises zu verkraften – im vergangenen Jahr erzielte Chile mit der Kupferausfuhr mehr als 40% seiner Exporterlöse. Trotzdem erwarten wir für dieses Jahr ein leichtes Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktion, das sich im kommenden Jahr beschleunigen sollte – auch begünstigt durch das im Mai abgeschlossene Assoziationsabkommen mit der Europäischen Union und ein mögliches Freihandelsabkommen mit den USA, dessen Abschluss wir in den kommenden Monaten erwarten. Die chilenische Regierung bemüht sich darüber hinaus, das Land aufgrund seiner stabilen politischen und sozialen Verhältnisse zunehmend als regionale Basis für multinationale Unternehmen zu etablieren.

Nahezu unberührt von den Turbulenzen in Südamerika sind die zentralamerikanischen Staaten. Dies liegt zum einen an ihrer geringen Integration in die Weltfinanzmärkte, zum anderen an ihren geringen Handelsverflechtungen mit den südamerikanischen Volkswirtschaften. Die Länder Zentralamerikas haben in den letzten Jahren wichtige Schritte zur innenpolitischen Konsolidierung und zur Liberalisierung der Wirtschaft eingeleitet. Außenwirtschaftliche Wachstumsimpulse kommen vor allem durch die Handelserleichterungen zustande, die den Ländern von den USA zugestanden wurden. Eine Vertiefung der Integration mit dem NAFTA-Raum wird angestrebt. Wichtige Impulse für den Export, aber auch für die Binnennachfrage erwarten wir von dem „Plan Puebla-Panama”, der mit grenzüberschreitenden Großprojekten im Infrastrukturbereich einen nachhaltigen Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung in der Region leisten soll. Wir erwarten für die sechs größeren zentralamerikanischen Volkswirtschaften in diesem Jahr ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von rund 2%, wenn auch teilweise auf einem niedrigen Niveau. Die Wachstumsaussichten der Region im kommenden Jahr werden vor allem von der US-Wirtschaft bestimmt. Da wir im Laufe des Jahres 2003 mit einer deutlichen Erholung der US-Konjunktur rechnen, wird sich das Wachstum in den zentralamerikanischen Volkswirtschaften auf rund 3% beschleunigen.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass vor allem Südamerika in diesem Jahr von externen Schocks und internen Verwerfungen geplagt wurde. Bei einer differenzierteren Betrachtungsweise zeigt sich jedoch, dass manches über einen Kamm geschert wurde und einige Schlüsse voreilig gezogen wurden. Fundamental bietet Lateinamerika weiterhin viele Chancen. Es ist nun an den lokalen Regierungen, durch verantwortungsvolle Politik ein Klima zu schaffen bzw. zu erhalten, in dem Konsum und Investitionen florieren. Wir sind zuversichtlich, dass dies gelingt.

Kontakt: thomas.pohl@dbla.com


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