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Tomaten

Autor:  |  Winter 2001

Welch ein Unglück, wir müssen
sie töten:
Es senkt sich
das Messer
in ihr lebendiges Fruchtfleisch,
ein blutrotes
Eingeweid,
eine frische,
tiefe,
unerschöpfliche
Sonne,
sie macht die Salate
Chiles vollkommen,
vermählt sich fröhlich
der hellen Zwiebel,
und um dieses zu feiern,
läßt man Öl,
der Olive
innerste Essenz,
niederträufeln,
auf ihre halbgeöffneten Hemisphären
fügt sein prickelndes Arom
der Pfeffer hinzu,
das Salz seinen Magnetismus … [1]

Wir müssen sie töten … tötet man Pflanzen? Noch dazu diese, die uns (fast) allen lieb geworden ist?

Zugegeben, nicht gerade etwas für Vegetarier: aber wir müssen der Wahrheit ins Auge blicken. Oder mit schlechtem Gewissen essen. Aber das kann jeder individuell entscheiden.

Auch diese Pflanze aus Amerika kam erst mit den heimkehrenden Konquistadoren nach Europa, und eroberte den Kontinent (und die Welt) schließlich im Pflug.

Die Tomate, Gestirn der Erde [1] oder etwas prosaischer Lycopersicon esculentum, ist ein Nachtschattengewächs, wie man aus diversen Kreuzworträtseln weiß. Das bedeutet, daß sich unter ihrer weitläufigen Verwandtschaft einige recht bekannte Vertreter befinden, wie z.B. Paprika und Chili. Von der Kartoffel ganz zu schweigen.

Das eigentliche Zuhause der Tomate ist allem Anschein nach Südamerika. Den Mittelamerikanern sagt man jedoch nach, die Frucht als Erste kultiviert zu haben. Dort, bei den Azteken, stießen schließlich die Spanier auf die ursprünglich gelben Früchte und brachten sie etwa in der Mitte des 16. Jahrhunderts nach Europa.

Die Europäer wußten zunächst nichts Rechtes mit ihnen anzufangen und züchteten sie nur zur Dekoration. Was auch verständlich war, da man die Tomate zunächst für giftig hielt. Im doch recht unwissenden und wundergläubigen Europa wurden ihr Heilkräfte zugeschrieben, die in das Fach Scharlatanerie gehören. So schrieb man ihr heilende Wirkungen bei Albträumen zu oder bei Tollwut und Liebestollheit. Weshalb man sie auch schon einmal Tollapfel schimpfte.

Die Franzosen, die sich dem Vernehmen nach mit der Liebe besonders gut auskennen, gaben der Tomate den Namen pomme d’amour, was ja nun auf gut Deutsch Liebesapfel heißt und nicht danach klingt, als wolle man sich gegen die Liebe schützen. Ob die Redewendung von der treulosen Tomate auf einen solchen Ursprung zurückgeht, kann ich allerdings nicht sagen.

Erst am Ende des 19., also nunmehr vorvorigen Jahrhunderts wurde die Bedeutung der Tomate als Nahrungsmittel erkannt, und damit begann ihr Siegeszug als „eine der wichtigsten Nahrungspflanzen der Welt“ (van Straten). Man weiß heute auch, ohne allen Mystizismus, daß die Tomate schrecklich gesund ist mit all ihrem Beta-karotin, Lycopin sowie Vitamin C und E.

Darüber hinaus ist sie geradezu unglaublich kalorienarm und schmeckt obendrein einfach gut. Was ja nun wirklich kein Wunder ist bei mehr als 200 ätherischen Inhaltstoffen. Auf die reagieren Allergiker nicht immer begeistert. Vermutlich im Zuge einer absoluten Beschränkung auf das Wesentliche war es niederländischen Züchtern gelungen, die meisten dieser Stoffe zu eliminieren. Das hat sich aber dann doch nicht durchgesetzt: Jetzt gibt es wieder Tomaten mit Geschmack.
Oder mit des Dichters Worten die köstliche Vollkommenheit und die Fülle.[1]

[1] Pablo Neruda: Ode an die Tomate
in: Elementare Oden,
übertragen von Erich Arendt
Verlag Volk und Welt Berlin 1957


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