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Der Gesang der Sirenen

Autor:  |  Winter 2001

Es sieht so aus, als wolle die zeitgenössische Gesellschaft, wie Buddhas Vater, ihre Söhne um jeden Preis davon abhalten, die Existenz von Krankheit, Alter und Tod wahrzunehmen. In der westlichen Welt – zumindest – breitet sich eine Art Religion der Gesundheit, der Jugend, der Schönheit und des Lebens aus, die im Widerspruch zu der zunehmenden Schädlichkeit der Industrie und der progredierenden Tödlichkeit von Wissenschaft und Ökonomie steht. Das Hauptinstrument dieses Kults ist die Werbung, die uns tagaus tagein ein Weltbild bar aller negativen, gefährlichen oder beunruhigenden Elemente verkauft. Dieses Universum aus Papier und Licht beherbergt ausschließlich schöne, athletische und glückliche junge Menschen. Zur Lösung eines jeden Problems gibt es hier ein probates Mittel: Das Altern lässt sich mit einer bewährten Creme verhindern, gegen Gewichtszunahme hilft der vorgeschriebene Trank, der Einsamkeit wirkt man durch den Erwerb der em¬pfohlenen Parfüms, Zigaretten oder Autos entgegen, selbst der Tod scheint vermeidbar, solange man brav konsumiert. Dieses sonderbare Paradies aus Wohlstand, Schönheit und Komfort steht wohl einzig da in der Geschichte der Religionen, die – und darin bestand immer ihre Stärke – dem Menschen die Endlichkeit und die Erbärmlichkeit seines Schicksals vor Augen hielten. Trotz aller Irrungen und Wirrungen waren selbst die despotischsten und schädlichsten Glaubensrichtungen ehrlich in ihrem Bemühen um die Erlösung des Menschen. Dagegen ist die zeitgenössische Wohlstandsreligion nur die äußerst verführerische Maske einer unmenschlichen Macht, die Mensch und Welt mit viel Glamour bedenkenlos despektiert.

Diese seltsame Gewalt hat entdeckt, was bereits Schopenhauer erkannte, nämlich dass das Schicksal des Menschen lediglich ein immerwährendes Streben ist, ein Drang, der keine endgültige Sättigung erreicht, ein unaufhörliches Sichdrehen im Rad der Bedürfnisse und der Illusion, sie zu befriedigen. Diese Einsicht, die Philosophen den Augenblick, das Ephemere und das – wie das Meer bei Paul Valéry – ewigkommende und -gehende Verlangen hat preisen lassen, diese conditio humana wurde von der Industrie zum Zwecke banaler und sinnloser Akkumulation ausgenutzt. Werte wie Jugend, Gesundheit, Schönheit und Kraft, denen die Menschheit über Jahrhunderte als Idealformen ihres Daseins huldigte, finden sich zu Lockmitteln herabgesetzt, mit deren Hilfe die Menschen zu einem sich steigernden künstlichen und zwecklosen Verbrauch verleitet werden. Betrachten wir die zwischen Schamhaftigkeit und Zurschaustellung oszillierenden schönen Mädchen auf den verführerischen Titelseiten, die androgynen Jünglinge in Posen klassischer Marmorstandbilder, die an der Schwelle zu Liebe und Lust überraschten Paare, dann sehen wir, dass hier, wo alles Versuchung und Sinnlichkeit ist, uns diese Körper nicht nur als Verheißung, sondern auch als Beispiele eines erfüllten und glücklichen Lebens dargeboten werden: eines Daseins, in dem der Ritus kein Ende kennt, die Erfüllung immerwährend ist, die Liebe niemals schwankt, die Lebenskraft nicht nachlässt und die Schönheit in der unaufhörlich produzierten Vielzahl von kommerziellen Fotografien und Filmen zu keiner Zeit ins Wanken gerät. Wir gewinnen den Eindruck, als seien Legionen für unser Glück tätig. Die Magie funktioniert in homöopathischen Dosen: Dieses Getränk wird uns Schönheit verleihen, diese Creme uns Jugend spenden, dieser Heimtrainer uns Vervollkommnung schenken so wie dieses Nahrungsmittel uns Unsterblichkeit verheißt. Unsere Existenz, voller Makel, Nichtigkeiten und einsamer Momente, scheint für einen Augenblick mit dem Reich unverfälschter Archetypen in Fühlung zu geraten. Nach vollzogenem Konsum aber nimmt das Leben seine Verbrennung und den Verbrauch unverzüglich wieder auf. Das Streben erwacht von neuem und wir begreifen schließlich, dass wir uns mit jedem Male frustrierter, entwürdigter und orientierungsloser fühlen. Vielleicht werden wir ja doch niemals so schön werden, auch wenn wir ihnen alles abkaufen und auch niemals so gesund, so heiter, so erfolgreich, so beliebt, so reich. Was uns zum Konsum zwingt, erweist sich als unerreichbare Illusion, wobei suggeriert wird, der Fehler sei nicht bei jenen Luxusvorbildern, sondern bei uns selbst zu suchen. So werden wir von der Verführung überrumpelt. Dabei wissen wir längst, dass wie die anderen Werte ohne Verdienst auch die Schönheit in Verruf geraten ist. In früheren Zeiten war es wesentlich einfacher zu sagen, wo sie beheimatet war. Ließ sie sich doch den griechischen Marmorstandbildern abschauen oder dem starren Kanon der europäischen Kunst entnehmen, der von Vorstellungen führender Rassen der Zivilisation geprägt war. Danach empfand man die Afrikaner als affenartig, die Asiaten als blass, unansehnlich und zwergenhaft, die amerikanischen Indianer als roh und grob, die Mulatten als hässlich und die Mestizen als primitiv und gemein. Aber der Irrglaube, wonach sich eine morphologische, moralische und geistige Überlegenheit an der körperlichen Gestalt ablesen lässt, wurde vom Nazismus endgültig ad absurdum geführt. Wir mussten mit anschauen, wie gerade die zivilisiertesten Völker der Erde dumme Theorien verbreitet und Verbrechen verübt haben, die auf aberwitzigsten Spekulationen basierten. Und wir verstanden noch mehr: Jeder Rassetyp stellt sein eigenes Schönheitsideal auf, jene Ideale der Reinrassigen sind nichts als geographische Kuriosa, die zunehmende Mischung der Völker macht aus der Schönheit etwas sehr viel Umfassenderes, Verschiedenartigeres und Variableres: Mit ihrer kulturellen Macht muss sie einer Ethik unterstellt sein und darf zu keinem absoluten und autonomen Wert erhoben werden. Lässt sich doch heute eindeutig bestätigen, dass jeder körperliche Schönheitskult einige Tropfen Faschismus der gefährlichsten Art enthält.

Die Werbung macht sich dergestalt die Schönheit für ihre eigenen Zwecke zu Diensten. Die uns dargebotenen Körper und Gesichter sind Köder. Wir glauben in die schimmernde Sardine zu beißen, müssen dann aber erkennen, dass es doch wieder nur die Tarnung des spitzen Angelhakens war, an dem wir uns ein weiteres Mal verfangen haben.

Novalis wusste, dass „in der Abwesenheit der Götter die Phantasmen regieren”. Zu keinem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte gab es wohl so viele Trugbilder wie in dieser mit Ikonen vollgemüllten Industriegesellschaft, die ihre Bürger am größtenteils erfundenen Leben anderer Leute teilnehmen lässt: Von Tonkonserven dringen Stimmen zu uns, denen wir bereitwillig lauschen, in Illustrierten lesen wir Geschichten über Personen, mit denen wir uns identifizieren und auf dem heimischen Fernsehbildschirm werden uns bewegte Bilder übermittelt, die sich uns der Illusion hingeben lassen, am Leben dieser Phantasiewesen teilhaben zu können. Das Perfide daran ist, dass wir uns immer weniger für unsere Mitmenschen interessieren, da die verwirrenden Bilder dieser „Welt hinter Glas”, die von uns lediglich Passivität und Gehorsam verlangt, uns weitaus attraktiver erscheinen.

Stellten in früheren Zeiten die Bücher eine He¬rausforderung an unsere Phantasie dar, verlangten sie schöpferische Wesen als ihre Leser, so vermögen die Künste der zeitgenössischen Technik hingegen nur noch zu übersättigen und zu betäuben. Dass die Schlange des Großkapitals mit dem saftigen Apfel im Maul das schönste Trugbild zu jeder Zeit unterbrechen kann, ist ein Vorgang, der von uns allen als ungeheuerlicher Affront verstanden wird – wie ihn sich übrigens kein Leser gefallen lassen würde.

Mit der Zeit wurde die Werbung immer feiner und raffinierter. Es hat viel Mühe gekostet, die Unternehmer von der Notwendigkeit zu überzeugen, ihre plumpen, aggressiven und obszönen Botschaften, die die Menschen bis in ihre Wohnstuben verfolgten, zur wirksameren und wohlgefälligeren Verpackung der Befehle durch schöne, gefühlvolle und subtile zu ersetzen. Der Gesang der Sirenen erklang mit jedem Mal perfekter und schon sieht so mancher die wahre Kunst unserer Zeit in jenen anmutigen Autowerbespots, die anstelle von Lenkvorrichtungen, Hebeln oder Ventilen ein Weidenblatt zeigen, das zum Rhythmus einer ergreifenden Musik auf der Oberfläche eines sich spiegelnden Sees dahingleitet. Diese idyllischen Versatzstücke der Natur sind auf die gleiche Weise mit einprägsamen Logos versehen wie ein Sklave mit dem Brandzeichen des glühenden Eisens. Solche Symbole sollen uns ins Gedächtnis rufen, dass das uns Gezeigte kein Selbstzweck ist: Man lädt uns nicht zu einem Spaziergang auf dem Land ein, wir sollen ein Auto kaufen! Uns wird so ständig vor Augen gehalten, wer der Gebieter ist.
Es ist bekannt, dass die Sprache der Werbung eine der autoritärsten ist. Der Imperativ aller Verben dominiert ihre Botschaften. „Kauf”, „geh”, „trag”, „benutz”, „behalt”, „gebrauch”, „entschließ dich”, „vergiss nicht”, „erinnere dich”, „nimm”, „genieß”. Und alle bedeuten das eine: „gehorch”. Jetzt, da die Sirenen immer vollkommener zu locken gelernt haben, muss die Botschaft subtiler werden und im Idealfall eine ihren Sender verschleiernde Sprache die Befehlsform ersetzen. Aus „Ich bin der Beste” wird so allmählich „Wir sind schön”, „Wir sind gut”, „Wir lieben die Welt”, „Wir lieben die Menschheit” – Hauptsache, du bleibst unserer Marke treu!

Ist dies tadelnswert? Die Konsumgesellschaft dient schließlich damit nur sich selbst. Sie hat den Menschen den langersehnten Zutritt zu den Schatzkammern der glücklichen Wohlstandsgesellschaft verschafft. Es herrschen Freiheit im Kauf, Gleichheit der Preise und Brüderlichkeit im Verbrauch. Und ist es denn nicht unbestreitbar besser zwischen verschiedenen Seifensorten und Düften wählen zu können, als zum Gebrauch von Kernseife verdammt zu sein? Ist es nicht herrlich, elektrische Glühbirnen, Kühlschränke, Herde, Möbel und zahllose weitere Gegenstände zur Verfügung zu haben, die man allein nicht herstellen könnte? Wer möchte da wagen, seine Stimme gegen die demokratische Industrie zu erheben, die nicht müde wird, dem Menschen so viele nützliche Dinge anzubieten, die unerschwinglich wären, würden sie nicht in Massen hergestellt? Sind nicht die Unternehmen Bastionen der Demokratie, Antidota gegen den Mangel, Bollwerke gegen Barbarei und Elend? Füllt sich nicht die Welt mit Bildern anbetungswürdiger Geschöpfe, die uns zu Schönheit, Jugendlichkeit, Gesundheit und Glück geradezu verpflichten?

Ein wenig Misstrauen und Argwohn würden der Menschheit gut anstehen. Kennt man aus der Geschichte doch viele Mächtige, die unter dem Vorwand, Wohlstand zu bringen für sich einen absoluten, aller Kritik abholden Machtanspruch geltend machten. Dass die Industrie den Gesellschaften auch viele Wohltaten bringt, bleibt unbenommen, jedoch darf daraus nicht geschlossen werden, dass ihre Interessen mehr als die der Menschheit zu schätzen sind. In Wahrheit dient der Kapitalismus nur einem einzigen Zweck: der Rentabilität und der Anhäufung von maßlosem, sich endlos vermehrendem Reichtum. Solange dies in Einklang steht mit dem Wohlergehen der Konsumenten, können eigentlich alle zufrieden sein; tritt dieses Ziel allerdings in Konflikt zu jenem Wohlbefinden, ist es nicht des Kapitals, darauf aufmerksam zu machen und korrigierend einzugreifen. Die Geschichte der Aerosol-, Pestizid-, Reinigungsmittel- und Kunststoffindustrie ist das jüngste und alarmierendste Kapitel dieser Universalgeschichte der Niedertracht. Es ist unverkennbar, dass eine inkriminierte Industrie zunächst nicht ihre Giftgase filtert, ihren Müll reinigt, ihre Produktionsvorgänge ändert oder auf schädliche Zusätze verzichtet, sondern Zuflucht nimmt zu den verführerischen Stimmen der Sirenen, damit die Öffentlichkeit eingelullt und die üblen Verdachtsmomente zerstreut werden. Erschallen die lauten Trompeten eines Konzerns für einen Werbefeldzug, um irgendein unschädliches, umweltfreundliches Produkt zu lancieren, so schließt dies immer ein Schweigen über die übrigen unheilbringenden Produkte mit ein. Nichts ist sturer als das Kapital, wenn es darum geht, seine Vorteile und die Rentabilität über die menschlichen Bedenken zu stellen. Und dies aus dem einfachen Grund, weil es blind ist für alles, was nicht seine elementaren Herstellungsprozesse, seinen Vertrieb, seine Geschäfte, den Profit und die Akkumulation betrifft. Wir können von dem Drachen nicht verlangen, dass er in der Stunde des Hungers die Gefühle der an den Felsen geketteten Jungfrau berücksichtigt. Aber es ist höchste Wachsamkeit geboten, da die Wissenschaft in ihrem Streben nach Fakten so zügellos voranschreitet wie die Technik in ihrem Wunsch, die Welt zu beherrschen, ohne dass beide sich im Geringsten einer Ethik unterwerfen; und die Industrie verwandelt weltweit uneingeschränkt Materie in Verbrauchsgüter, ohne zu fragen, was notwendig, nützlich, überflüssig oder verderbenbringend ist und ob diese Produkte uns zivilisierter oder passiver und barbarischer machen. Ihr genügt es, die Waren anzupreisen und zu verkaufen, damit die Produktionsmaschinerie und der rasende und sinnlose Verschwenderkarneval der Fernsehapparate und der Supermärkte niemals zum Stillstand kommen. Als ob, nachdem die Träume tot sind, nur das Verlangen übrig bleibt! Als ob nur das, was menschliche Technik entworfen und produziert hat, wünschenswert und sicher wäre! Deshalb misstrauen wir mittlerweile allem Althergebrachten, deshalb setzen wir alles daran, in den genetischen Laboratorien und elektromechanischen Werkstätten künstliches Leben zu erzeugen. Ganz zu schweigen von den hochwertigen Geräten aus den allgegenwärtigen, biologisch nicht abbaubaren Substanzen, den unzähligen Albernheiten und Hässlichkeiten, die in nordamerikanischen Kaufhäusern feilgeboten werden, dem unendlichen Tand, den alle kaufen, aber niemand nutzt, den Textilien, die in den Kleiderschränken der Wohlhabenden ungetragen alt werden, dem verdorbenen Dosenfleisch, den Geräten, die beim kleinsten Defekt weggeworfen werden, den wachsenden Müllbergen, die bald die Utopie von Metropolis unter sich begraben werden.

Willig preist die Werbung alles an, spendet allem Applaus und wendet erfolgreich die mannigfaltigen und bisweilen recht ausgeklügelten Mittel der Kommunikationstechnik an. Mit ihrer Fähigkeit zu verführen und das menschliche Verhalten zu lenken hat sie den Lebensraum des Menschen erobert, suggeriert und drängt sie Produkte und Marken auf, diktiert sie Moden, erschafft sie Prominenz, kreiert sie einen Lifestyle und gängelt sie das Sozialverhalten. Heute ist „nicht medienpräsent sein” gleichbedeutend mit „nicht existieren”; dieser Kult des Bilds und des Erfolgs scheint das wahre Leben aller in eine zweitklassige Realität herabgemindert und die Scheinbilder der Werbung und der Presse zur einzig achtbaren Wirklichkeit erhoben zu haben.
Die Botschaften bedürfen bereits keiner Argumente mehr: Von den Verführungstechniken wird zur Stärkung des Gefühls, dass die Bedürfnisse des Konsumenten durch das jeweilige Produkt befriedigt werden, nur noch ein angenehmer Sinnenkitzel verlangt. Selbst die ernsteren und transzendentalen Dinge sind am Ende so unvermeidlich zu Bildern der Versuchung verkommen. Auf Erden existiert schon kein Ort mehr, wo sich die Politik, um die Bilder ihrer Kandidaten zu verkaufen, nicht der Werbung bedient. Welche Versprechungen sollen sie machen? Was sagen die Meinungsumfragen? Sollen sie Charakter zeigen oder besser Vertrautheit und Sympathie? Es hängt ganz davon ab, gegen wen man in Wettstreit tritt. „Ein Bild bringt mehr als tausend Worte”, heißt es, dergestalt, dass es größeren Wert hat, überzeugende Fotografien zu veröffentlichen als viele Worte zu verschwenden und Verpflichtungen einzugehen.

Unter Zuhilfenahme der Propaganda konnte Adolf Hitler in Deutschland die Macht ergreifen und sein nationalistisches und revanchistisches Gedankengut in seinem Volk in Umlauf bringen. Ist das nicht Grund genug, diese vorgeblich neutrale Technik verdächtig erscheinen zu lassen? Gegen ein Instrument, mit dem man Parfüms und Tyranneien – gleichermaßen – bekannt machen kann, sollte man auf der Hut sein. Aber die Menschheit vernachlässigt ihre hohe Verpflichtung zu Kontrolle und Widerstand, und so breitet sich über den ganzen Planeten eine Pest verlogener, beeinflussbarer und korrupter Politiker aus, die von den Medien reingewaschen und der Launenhaftigkeit einer öffentlichen Meinung unterworfen sind, wenn es darum geht, Entscheidungen zu fällen – die folgenschweren eingeschlossen. Für einen Werbefachmann unterscheidet sich das Verkaufen eines Staatsmanns nicht substanziell von dem eines Autos oder einer Brauselimonade. Alles ist lediglich eine Frage des passenden Bildes, des nötigen Vertrauens und des jeweiligen „Slogans”, dessen Funktion nicht darin besteht, einen Gedanken zusammenzufassen, sondern originell und prägnant zu sein.

Und diese groteske Manipulation schimpft sich dann Demokratie! Wäre es nicht vermessen, den Kapitän eines Schiffes anhand einer Fotografie auszuwählen, nach seinem Lächeln oder danach, was seine Freunde über ihn sagen? Dennoch legen wir in zunehmendem Maße wichtige Angelegenheiten in die Hände von völlig ungeeigneten Opportunisten, allein deshalb, weil wir anstelle von Programmen, Ideen und Engagement lieber verführerische Bilder und Erfolgsmienen sehen wollen.
Das schlimmste Übel jedoch, das der Industriegesellschaft und ihren Sirenen anzulasten ist, besteht in dem Widerspruch zwischen der Phantasiewelt, die uns verkauft wird und der wachsenden Schwächung der Leute, die sich diese nicht leisten können. Jeder Himmel erzeugt als Korrelat eine Hölle. Das heutige Inferno sind die Müllhalden der Industrie und der Wegwerfgesellschaft, wo die ums Überleben kämpfen, die mittellos sind, die weder Schönheit, noch Gesundheit, Jugend, Erfolg oder Glück haben, für die der hegemoniale Diskurs der glücklichen Wohlstandsgesellschaft ein trauriger Witz wäre, wenn man sie nicht unaufhörlich dem Druck dieses obszön unerreichbaren Ideals aussetzen würde.

Sie tummeln sich auf den Abfalldeponien, den gnadenlosen Straßen oder in den heruntergekommenen Vororten der so genannten entwickelten Welt, vor allem aber in den monströsen Städten der im Science Fiction-Jargon so bezeichneten „Dritten Welt”. Da heute Erfolg und Ansehen von der Menge des Verbrauchs abhängen, werden diese Geschöpfe von der herrschenden Ideologie zum Abschaum der Menschheit abgestempelt. Das wonnevolle Paradies scheint sich selbst zu genügen und ernährt sich von all denen, die der Versuchung gehorchen und einen angemessenen Platz in der Zone des Konsums einzunehmen bemüht sind. Die Autos, die Möbel, die elektrischen Hausgeräte, die Kreditkarten, die im Voraus bezahlten Versicherungen und die jährlichen Urlaubsreisen verleihen denjenigen, die sie sich vom Munde absparen, das tröstliche Prädikat „Mensch” und sprechen sie frei von dem bösen Verdacht, versagt zu haben. Der Dämon und Peiniger des Jahrhunderts ist das Scheitern, welches sich am Grad des Ausgeschlossenseins vom Elysium der Konsumenten messen lässt. Wir können grausam, elend, verräterisch, dem menschlichen Leiden gegenüber gleichgültig, egoistisch, geizig, unhöflich, ethisch erbärmlich sein: niemand bemerkt in diesen Charakterschwächen und Vergehen das Fehlschlagen seiner Existenz. Wer aber als Konsument nicht mithalten und den gnadenlosen Rhythmus der Begierde des Kapitalismus nicht halten kann, der verliert seinen Platz in der Ordnung der Welt und wird nach seinem Abstieg in die dunkle Schar von Besiegten weder Erbarmen noch Solidarität, weder Herzlichkeit noch Gerechtigkeit zu erwarten haben. Für uns Bewohner der dritten oder letzten Welt bedarf es nicht der geringsten Anstrengung, um die Kehrseite der Überflussgesellschaft, der glänzenden und strahlenden Industriegesellschaft zu ergründen: Ein Blick auf die Straße genügt!

Die Söhne der Armut mit ihren schmutzigen Umhängen über den Schultern ziehen vorbei. Sie kommen von den Mülldeponien oder sind auf dem Weg dorthin. Wir können uns die apokalyptische Landschaft, wo sie ihre Leben fristen, gut vorstellen: übelriechende, vom Flug der Aasgeier überschattete Horizonte, Berge von Müll, der Bodensatz der Zivilisation, die reife Frucht des Optimismus und des menschlichen Fortschritts, verwandelt in ein Königreich der letzten Menschen. Wie gewöhnlich ziehen sie also an uns vorbei. Sie kommen aus dem Elend und sind auf dem Weg dorthin, und im Vorbeigehen erinnern sie durch eine ironische Fügung der Götter der Gerechtigkeit uns an all das, was die Werbung sich Mühe gegeben hatte, uns nicht wissen und vergessen zu machen: Dass es Krankheit, Alter und Tod gibt und dass die trutzigen Türme unserer Zivilisation auf einem von Gefühllosigkeit zerfressenen Fundament errichtet sind. Schließlich fühlen wir, dass sich dort, wo statt Parfüm zerbrochene Flakons, wo statt Musik zertrümmerte Tonträger, wo statt Mode Lumpen sind, zwischen unverrottbarem Kunststoffmüll und neben den schmutzigen und schäumenden Gossen, die wahre Welt, die wahre Zukunft verlautbart. So können wir uns die pathetische Verzweiflung der neuen Faschisten fast erklärbar machen, mit der sie, die noch nicht einmal den Mut haben, ihr Gesicht zu zeigen, in die Nacht hinausgehen und unter den Brücken die Armen töten. Auf törichte Weise und in blinder Wut versuchen sie, die Evidenz der gegenwärtigen Unordnung zu tilgen, um sich so zu beweisen, dass die Elenden für das Elend selbst verantwortlich sind. Und also begreifen wir, dass die Welt nicht noch mehr Konsumgüter, mehr Autos, mehr Wohnhäuser, mehr Fortschritt, mehr Werbung benötigt, sondern ein wenig menschliche Größe, einen kritischen Blick auf die uns von den Phantasmen vorgegaukelten reichen Horizonte, ein wenig Wahrhaftigkeit im Umgang mit unseren Seelen und ein wenig Besonnenheit in der knapp bemessenen und gefahrvollen Zeit, die uns zugestanden wird.

Aus dem Span.: Gabriele Eschweiler


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