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Haupterklärung der EZLN

Autor:  |  Frühjahr 2001

Vorgetragen von der Kommandantin Esther,am Mitwoch, dem 28. März 2001, im Gesetzbungspalast von San Lázaro

Ehrenswerter Unions-Kongress … Durch meine Stimme spricht die Stimme der Zapatistischen Nationalen Befreiungs-Bewegung. Das Wort, das unsere Stimme mit sich bringt, ist ein Klageschrei. Aber unser Wort ist voll von Respekt für diese Parlamentstribüne und für alle, die uns anhören. Sie werden weder Grobheiten noch Beleidigungen zu hören bekommen. …. Unser Wort ist wahrhaft. Wir sind nicht gekommen, um jemanden zu demütigen. Wir sind nicht gekommen, um jemanden zu besiegen. Wir sind nicht gekommen, um jemanden niederzudrücken. Wir sind nicht gekommen, um Gesetzgeber zu sein. Wir sind gekommen, damit Sie uns anhören und wir Sie anhören. Wir wissen, dass unsere Anwesenheit auf dieser Tribüne heftige Diskussionen und Auseinandersetzungen ausgelöst hat. Einige setzten darauf, dass wir diese Gelegenheit nützen würden, um jemanden zu beleidigen oder Rechnungen zu begleichen, und dass alles nur ein Teil unserer Strategie wäre, um öffentliche Popularität zu erlangen. Die dergleichen dachten, sind jetzt hier nicht anwesend. Aber andere setzten auf das Vertrauen in unser Wort. Diese öffneten die Tür des Dialogs und sind hier anwesend. Wir sind Zapatisten, Wir werden nicht das Vertrauen enttäuschen, das viele aus dem Volk Mexikos in dieses Parlament, aber auch in unser Wort setzten. Die darauf setzten, unserem respektvollen Wort Gehör zu schenken, haben gewonnen. Die darauf setzten, dem Dialog die Türen zu verschliessen, weil sie Konfrontation fürchteten, haben verloren. Weil wir Zapatisten Worte der Wahrheit und des Respekts vortragen. Einige werden gedacht haben, dass diese Tribüne vom Sup Marcos eingenommen würde und dass er die Haupterklärung der Zapatisten vortragen würde. Aber Sie sehen, dass das nicht so ist.

Der aufständische Subkommandant Marcos ist eben genau das, ein Subkommandant. Wir sind die Kommandanten, die im allgemeinen die Befehle führen; und wir befehlen, indem wir unseren Völkern gehorchen. Dem Sup, und dem, der mit ihm die Hoffnungen und Erwartungen teilen, haben wir den Auftrag erteilt, uns auf diese Tribüne zu bringen, Sie, unsere Kämpfer und Kämpferinnen, haben das vollbracht aufgrund der Volksbewegung in Mexiko und in der Welt. Jetzt ist unsere Stunde gekommen.

Unser Respekt vor dem Unionskongress ist tiefgründig, aber auch formell. So ist auf dieser Tribüne nicht der Militärchef der Rebellenarmee anwesend. Hier sind die, die den zivilen Teil der EZLN repräsentieren, die politische und organisatorische Führung einer legitimen, ehrenhaften und konsequenten Bewegung, legal vor allem durch das Gesetz über den Dialog, die Schlichtung und einen würdevollen Frieden in Chiapas. … Hier in diesem Kongress gibt es starke Differenzen, einige sogar sehr widersprüchliche, und diese Differenzen werden respektiert. Aber auch trotz dieser Differenzen teilt sich der Kongress nicht, er balkanisiert sich nicht, er zerfallt nicht in viele kleine Kongresse, sondern genau durch diese Differenzen und den Respekt unter ihnen bilden sich seine Normen heraus. Und ohne zu vernachlässigen, was einen vom anderen unterscheidet, wird die Einheit beibehalten und damit die Möglichkeit, zu einem gemeinsamen Abkommen zu gelangen.

Dies ist das Land, wie wir Zapatisten es lieben. Ein Land, wo man die Differenzen anerkennt und sie respektiert. Wo anders zu sein und anders zu denken, nicht der Anlass ist, um ins Gefängnis zu kommen, verfolgt zu werden oder zu sterben. …

Es ist unsere Stunde gekommen, für die indigenas Mexikos. Wir erwarten, dass Sie unsere Unterschiede anerkennen, und dass wir auch Mexikaner sind. Glücklicherweise gibt es für die Indio-Völker und für das Land eine Gruppe von Gesetzgebern wie Sie, die die Initiative von Verfassungsreformen ausgearbeitet hat, die sich in grossem Mass um die Anerkennung der indigenas bemüht hat und eben mit dieser Anerkennung die nationale Souveränität erhält und verstärkt. Dieses ist die “Gesetzesinitiative der COCOPA”, eben so genannt, weil es die Angehörigen dieser Kommission der Eintracht und Befriedigung des Unions-Kongresses, dessen Abgeordnete und Senatoren waren, die sie geschaffen haben. Wir verkennen nicht, dass diese Gesetzesinitiative der COCOPA etliche Kritiken erhalten hat. Während der letzten vier Jahre ergab sich so eine Debatte, wie sie um keine Gesetzesinitiative in der langen Gesetzgebungsgeschichte Mexikos geführt wurde.

Und in dieser Debatte wurden all diese Kritiken gezielt in Theorie und Praxis widerlegt. Man wirft diesem Entwurf vor, das Land balkanisieren zu wollen, und man vergisst, dass das Land bereits geteilt ist. Das eine Mexiko produziert die Reichtümer, das andere eignet sie sich an, und ein weiteres ist es, das die Hände ausstrecken muss, um für Geld zu betteln. …

Wir begrüssen, dass Sie uns anhören, und deshalb möchten wir Ihre Aufmerksamkeit nutzen, um etwas wichtiges mitzuteilen: Die Ankündigung der militärischen Räumung der Stützpunkte Guadalupe Tepeyac, La Garrucha und Rio Eusebio und die Massnahmen, die zu deren Erfüllung getroffen werden, gehen nicht vorüber, ohne von der EZLN wahrgenommen zu werden. Herr Fox beantwortet damit bereits eine der Fragen, die unsere Völker ihm durch uns gestellt haben: Er ist oberster Armeebehlshaber, und die Armee folgt seinen Befehlen, zum Guten oder zum Schlechten. In diesem Fall waren seine Befehle ein Friedenssignal, und deshalb werden wir EZLN-Kommandanten unseren Streitkräften auch Friedensbefehle geben.

1. Wir werden dem Genossen Subkommandant Marcos als militärischem Befehlsführer der regulären und irregulären Streitkräfte der EZLN befehlen, das Nötige zu veranlassen, damit keine militärische Einnahme der von der Bundesarmee geräumten Positionen vorgenommen wird, und dass unsere Streitkräfte in ihren gegenwärtigen Positionen im Gebirge verbleiben. Ein Friedenssignal beantworten wir nicht mit einem Kriegssignal.

Die Waffen der Zapatisten werden nicht denen der Regierung nachfolgen. Die Bevölkerung, die an den von der Bundesarmee geräumten Orten lebt, hat unser Wort, dass unsere Militärverbände nicht zur Lösung von Konflikten oder Streitigkeiten eingesetzt werden. Wir laden die nationale und internationale Zivilgesellschaft ein, an diesen Orten Friedenscamps und zivile Beobachtungsposten einzurichten, um so zu bezeugen, dass es keine bewaffnete Präsenz der Zapatisten geben wird.

2. Wir haben bereits dem Architekten Fernando Yanez Munoz Anweisungen gegeben, dass er sich in Kürze mit der COCOPA in Kontakt setzt und ebenso mit dem Regierungs-Friedensbeauftragten, Herrn Luis Hector Alvarez, um ihnen vorschlagen, zusammen in den Südoststaat Chiapas zu fahren, um sich persönlich zu vergewissern, dass die sieben Positionen frei von jeglicher Militärpräsenz sind, und dass damit eine der drei von der EZLN geforderten Bedingungen für die Wiederaufnahme des Dialogs erfüllt wurde.

3. Gleichermassen haben wir den Architekten Fernando Yanez Munoz angewiesen, dass er sich in seiner Funktion als offizieller Gesandter der EZLN bei der von Vicente Fox angeführten Bundesregierung und seinem Regierungs-Friedensbeauftragten akkreditieren lässt, um koordiniert an der baldigen Erfüllung der übrigen beiden Forderungen zu arbeiten, damit auch formell der Dialog wiederaufgenommen werden kann: Wir fordern die Befreiung aller zapatistischen Gefangenen und die konstitutionelle Anerkennung der Rechte und Kultur der indigenas entsprechend der COCOPA-Gesetzesinitiative! Der Präsident hat damit bereits seit heute ein sicheres, zuverlässiges und diskretes Instrument, um bei den Bedingungen voranzukommen und den direkten Dialog des Friedensbeauftragten mit der EZLN zu ermöglichen. Wir erwarten, dass er gut Gebrauch davon macht.

4. In respektvoller Weise beantragen wir beim Unions-Kongress, dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten, so wie er hier die Tür zum Dialog geöffnet hat, einen Raum innerhalb seines Gebäudes zur Verfügung stelle, damit hier, sofern es der Regierungs-Friedensbeauftragte akzeptiert, das erste Treffen zwischen der Bundesregierung und dem EZLN-Gesandten stattfinden kann. Im Falle einer negativen Antwort bitten wir um Nennung eines anderen neutrales Ortes und dass die Öffentlichkeit über das hier Vereinbarte informiert wird.

5. Werte Gesetzgeber: In dieser Form machen wir unsere Bereitschaft zum Dialog und zur Schaffung von Abkommen klar, um den Frieden zu schaffen. Wenn man heute den Weg zum Frieden in Chiapas mit Optimismus sehen kann, dann ist das der Mobilisierung vieler Menschen in Mexiko und in der Welt zu verdanken. Wir bedanken uns ganz besonders dafür….

Meine Stimme verlangte und verlangt die verfassungsmässige Anerkennung unserer Rechte und unserer Kultur. Und ich werde meine Rede mit dem Ruf beenden, in den Sie alle, ob Sie hier anwesend sind oder nicht, einstimmen werden:

Mit den Indio-Völkern! Es lebe Mexiko! Es lebe Mexiko! Es lebe Mexiko! Demokratie! Freiheit! Gerechtigkeit!


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