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Die Frucht mit den fünfzehn Geschlechtern

Autor:  |  Frühjahr 2000

Die Papaya gilt in ihrer tropischen Heimat als eine der populärsten und schmackhaftesten Früchte. Auch hierzulande gehören beim gut sortierten Supermarkt und Gemüsehändler zumindest kleinfrüchtige Sorten zum regelmäßigen Angebot. Die Papaya oder der Melonenbaum ist eigentlich überhaupt kein Baum, sondern eine bis zehn Meter hohe krautige Pflanze. Sie wächst in allen tropischen Ländern unter günstigen Bedingungen enorm schnell und bildet je nach Sorte bis zu fünfzig Zentimeter lange melonen- oder birnenförmige, längliche oder rundliche Früchte von gelber Farbe. Sie kann zwei bis vier Kilogramm auf die Waage bringen. Das Aroma der Papaya erinnert schwach an das von Honigmelonen, das Fleisch reifer Früchte ist weich und süß. Um das Aroma zu intensivieren, wird das Fruchtfleisch oft mit Limettensaft beträufelt gegessen. Im Innern enthält die Frucht eine Vielzahl schwarz glänzender und scharf schmeckender Kerne, die verdauungsfördernde Wirkung besitzen. Leider ist die reife Frucht nur begrenzt haltbar. In den Tropen sind jedoch viele Verarbeitungsmöglichkeiten bekannt. In Scheiben, Spalten oder Stücke geschnitten findet die Papaya als Fruchtsalat Verwendung. Sehr beliebt sind Pürrees für Mixgetränke mit Wasser oder Milch, die köstlichen batidos, licuados oder merengadas. Auch Speiseeis, kandierte Früchte, Säfte oder Marmelade lassen sich aus den Früchten herstellen. Meist werden die Früchte nicht ganz reif geerntet, was den Vorteil hat, daß man sie auch als Gemüse behandeln kann, um sie zum Beispiel zu kochen oder zu dünsten. Werden süße Früchte gewünscht, können sie leicht nachreifen.

Verwendet wird die Papaya schon seit vorkolonialer Zeit. Es ist ein alter indigener Brauch, zähes Wildfleisch mit den Blättern der Papaya einzuwickeln, um es weich zu machen. Ein anderes spanisches Wort für Papaya ist lechosa, abgeleitet von dem spanischen Wort leche für Milch. Das ist ein Hinweis auf den Milchsaft, der in allen Teilen der Pflanze enthalten ist. Er enthält das eiweißspaltende Enzym Papain, die Ursache für das Zartwerden des Fleisches. Eine sparsame Hausfrau kann so aus minderwertigem Fleisch die zarteste Lende zaubern. Allerdings zerfällt das Fleisch bei zu langem Kontakt mit dem Papain. Auch heute noch wird diese Eigenschaft genutzt, um den Geschmack von Fleisch zu verbessern, um Bier oder andere Getränke zu klären, Wolle weich zu machen oder Häute zu gerben. Das Papain wird in der Medizin auch zur Unterstützung der enzymatischen Wundreinigung und bei Bandscheibenschäden sowie als Zusatz zu Reinigungsmitteln bei Zahnprothesen genutzt. Auch bei Durchfall wird Tropenreisenden von den Einheimischen empfohlen, Papayas bzw. sogar nur die Kerne davon zu verzehren. Das Enzym läßt sich ähnlich wie bei der Kautschukherstellung gewinnen. Die unreifen Früchte werden einfach angeritzt, der austretende Milchsaft in Gefäßen aufgefangen und in der Sonne getrocknet. Die Früchte reifen anschließend sogar noch aus. Selbst zur natürlichen Schädlingsbekämpfung wird der Inhaltsstoff verwendet. Da nämlich die Fruchtfliege ihre Eier mit ihrem Legestachel im Inneren ablegt, wo kein Papain enthalten ist, wurden Pflanzen gezüchtet, deren Fruchtfleisch so dick ist, daß die Eier nur bis zum Enzym gelangen und von der Pflanze regelrecht verdaut werden.

Warum ist die Papaya nun eine Pflanze mit vielen Geschlechtern? Das ist für die Bauern und Züchter wirklich eine komplizierte Frage. Denn die Papaya kann nicht nur Pflanzen mit weiblichen oder männlichen oder auch zwittrigen Blüten hervorbringen, sondern sie bringt auch viele unterschiedliche Kombinationen davon hervor. Aus den weiblichen Blüten reifen oft riesige Früchte, aus den männlichen meist kleine längliche ohne wirtschaftlichen Wert. Der beste Ertrag läßt sich bei zwittrigen Blüten erreichen. Eine Pflanze kann in den Tropen bei günstigen Wachstumsbedingungen nach acht bis zehn Monaten Früchte tragen. Theoretisch hat eine Papaya eine Lebenserwartung von ca. 15 bis 20 Jahren. Pro Hektar lassen sich 30 bis 50 Tonnen Früchte ernten. Meist werden in den Plantagen die Pflanzen schon nach drei bis vier Jahren ausgewechselt, da sie sonst für eine effektive Ernte zu groß werden. Unter diesem Aspekt ist es natürlich von Bedeutung, das Geschlechtsgebaren der Pflanzen im Auge zu behalten. Leider läßt sich das Geschlecht der Pflanzen bei der Anzucht noch nicht feststellen. Um die Verwirrung komplett zu machen, behält eine Papayapflanze nicht ihr Leben lang ihre männlichen oder weiblichen oder zwittrigen Anlagen, sondern ändert sie je nach klimatischen oder saisonalen Bedingungen. Aus diesem Grund warten die Bauern oft drei bis vier Blühperioden ab, ehe sie die Jungpflanzen in den Plantagen auspflanzen. Darüber hinaus muß natürlich für günstige Wachstumsbedingungen gesorgt werden. An sich ist die Papaya relativ anspruchslos, liebt Hitze, Sonne und viel Niederschlag. Deshalb findet man sie neben der Banane in fast jedem tropischen Hausgarten.


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