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Bitte keine Frauenliteratur!

Autor:  |  Frühjahr 2000

Autorinnen aus Lateinamerika

Die Existenz von „Frauenliteratur” setzt eine „Männerliteratur” voraus. Doch wer mag sich schon in diese Kategorien einordnen lassen? Es läßt sich nicht leugnen, daß viele Autorinnen dieses Pseudogenre durchaus gewinnträchtig bedienen und Bestsellerlisten eine große Legitimationskraft besitzen. Diese Literatur von Frauen, über Frauen und für Frauen entwickelte sich rasch zum Einheitstext, der stets das (Vor-)Bild vom bösen Mädchen und multifunktionalen Superweib suggeriert – ein Trend, der durchaus globalen Charakter trägt.

Doch viele Schriftstellerinnen wehren sich zu Recht gegen diese Diskriminierung weiblichen Schreibens und Stereotypisierung weiblicher Rezeption. Was bleibt, ist die fundamentale Frage: Gibt es überhaupt ein weibliches Autor-Ich? Kann nicht auch ein Mann „weiblich” schreiben?

Feministische Literaturtheorie

In der feministischen Literaturwissenschaft hat sich im Zuge der postmodernen und postkolonialen Debatten in Europa wie in Lateinamerika eine gewisse Universalität herausgebildet, auch wenn sich der theoretische Rahmen ihrer Kritik auf eine eurozentristische Basis stützt. Doch gerade in der lateinamerikanischen Literatur wird nicht nur das weibliche Subjekt im Verhältnis zwischen Mann und Frau neu situiert, sondern auch die historische und gesellschaftspolitische Opposition zwischen Zentrum und Peripherie dekonstruiert. Im Vordergrund steht dabei meist die kulturelle und religiöse Auseinandersetzung mit den Ideen von Macht, Begehren und Sexualität, wie sie in der psychoanalytischen Theorie von Lacan oder bei Derrida und Foucault formuliert worden sind. Auf der Basis dieses post-strukturalistischen Diskurses strebt die feministische Theorie vor allem das Sichtbarmachen der repressiven Funktion von Ordnungssystemen an, die sich über die Ausgrenzung und Verdrängung des Weiblichen und des Peripheren erhalten. Die Überwindung des männlich dominierten Bedeutungssystems hat im postkolonialen Kontext auch Loslösung vom „europäischen Vater” und eine Neubestimmung der Mutter-Tochter-Beziehung zur Folge. Die feministische Kritik läuft an dieser Stelle jedoch Gefahr, die männliche Ordnung zu bestätigen, indem sie ihr eine bewußt weibliche Morphologie gegenüberstellt. Nicht selten generiert sie dann ein unauflösbares Dilemma zwischen Betonung der Weiblichkeit und Anspruch auf Aufhebung der Geschlechterdifferenz. Binäre, hierarchische Oppositionen werden dadurch nur verfestigt und nicht überwunden.

Lateinamerikanische Autorinnen

Stellvertretend für die vielseitige Literaturlandschaft Lateinamerikas, deren „weibliche Seite” eben nicht nur von lsabel Allende repräsentiert wird, sollen an dieser Stelle vier international weitgehend unbekannte Autorinnen anhand ausgewählter Werke kurz vorgestellt werden. Auf der Suche nach einer eigenen weiblichen Sprache der Literatur, die sich nicht auf die Reproduktion eines entfemdeten Diskurses beschränkt, durchlaufen sie in ihren Texten einen Prozeß der sprachlichen Selbstanalyse, wobei die Historisierung der weiblichen Erfahrungswelt vor allem in der neuen Autobiographie ein adäquates Ausdrucksmittel findet.

Die mexikanische Schriftstellerin Martha Cerda steht mit ihrem literarischen Schaffen in der Tradition des magischen Realismus und der Fantastik. In La Senora Rodriguez y otros mundos (Joaquin Mortiz, 1990), einer Mischung aus fiktionalem Roman und Kurzgeschichten, verwandelt sich die Handtasche der Protagonistin zu einem historischen Gedächtnis Mexikos. Cerda unternimmt mit Hilfe einer radikalen Subjektivität und Metatextualität den Versuch eines Re-writings mexikanischer Geschichte aus der Perspektive der Frau. Ihre bewußt Ich-zentrierte und fragmentarische Wahrnehmung erhebt nicht den Anspruch auf eine Wertung der Geschichte, sondern stellt deren offiziellen, allgemeingültigen Logos in Frage. Die Suche nach der „historischen Frau” und die Integration politischer und gesellschaftlicher Marginalitäten entgrenzt die autobiographische Identität.

Die aus Kuba stammende Schriftstellerin Yanitzia Canetti präsentiert in ihrem Roman Al otro lado (Ed. Seix Barral, 1997) eine weibliche, subversive Alternative zu einem vom Katholizismus dominierten Gesellschafts- und Frauenbild. Der Aufbau des Romans folgt dem biblischen Vorbild, von der Erbsünde bis zum Gottesgnaden turn, und bedient sich der erotisierten Rhetorik einer „reuigen Sünderin”. Canetti vereinigt Sexualität und Religiosität und integriert deren verdrängte Weiblichkeit. Ihre Protagonistin durchbricht die Kette von Sünde, Reue und Gnade, indem sie ihre Sünde als Lust ohne Reue beichtet. Sie wählt dafür bewußt die sittliche Ordnung des Katholizismus, die durch ihr Begehren „entjungfert” und letztendlich zerstört wird. Begehren wird zur Freiheit, die eine permanente Suche generiert, sich nicht befriedigen und erst recht nicht in einer Religion institutionalisieren läßt. Mit starken intertextuellen Bezügen gelingt es Canetti, den Konflikt zwischen religiöser Bindung und sexueller Befreiung der Frau in ihrem kulturellen Kontext in Lateinamerika zu enttabuisieren. Paula Perez Alonso legt mit ihrem Debütroman No se si casarme o comprarme un perro (Tusquets Ed. 1995) auf den ersten Blick eine Beziehungs- und Familiengeschichte vor, die sich jedoch rasch in eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Diktaturerfahrung in ihrer Heimat Argentinien verwandelt. Sie begleitet die Selbstreflexion ihrer Protagonistin, die mit der Vergangenheit abschließen will, jedoch immer wieder schmerzlich mit ihr konfrontiert wird. Auf der Suche nach Wahrheit und Liebe konstruiert sie sich eine Identität über die klassisch-männliche und europäische Literatur und stellt immer wieder Referenzen zu Figuren her, die als Außenseiter gegen die reale Welt anzukämpfen versuchen, um schließlich an ihr zu zerbrechen. Es bleibt nur der Rückzug in die innere Emigration; Ohnmacht und Schuld als Reaktion sowohl auf politische, als auch private Repressionen. Das totalitäre Herrschaftssystem hinterläßt eine radikale Desillusionierung des Individuums und den Verlust jeglicher Utopie. Die Figuren scheitern an der eigenen Vergangenheitsbewältigung. Ihre zwischenmenschlichen Beziehungen zerbrechen an der Angst vor Selbstaufgabe und Vertrauensmißbrauch.

Die ebenfalls aus Argentinien stammende Schriftstellerin und Dramatikerin Alicia Steimberg nähert sich der Frage nach einer weiblichen Identität aus einer anderen Perspektive. Ihr Roman Cuando digo Magdalena (Planeta Biblioteca del Sur, 1992), der 1992 den Premio de Novela Planeta Biblioteca del Sur erhielt, beschreibt den therapeutischen Prozeß des Wiederbelebens von Erinnerung und der Auseinandersetzung mit Kindheitserfahrungen, Gott, dem Judentum und der eigenen Identität als Jüdin, Mutter und Argentinierin. Ihre Hauptfigur unternimmt mit einem Gedächtnisverlust und der Ablehnung ihres eigenen Namens den unbewußten Versuch, der herrschenden symbolischen Ordnung und ihrer entfremdeten Sprache zu entkommen, um sich als Frau und Individuum neu zu konstituieren. Steimberg personifiziert in der Protagonistin zugleich den Konflikt zwischen jüdischer Herkunft und katholischer Öffentlichkeit und die Frage nach den kulturellen Wurzeln einer nationalen Identität, die in kaum einem anderen Land so heterogen ist, wie in Argentinien.

Fazit

Auf der Suche nach dem „literarischen Geschlecht” weisen die hier ausgewählten Werke durchaus Gemeinsamkeiten auf. Ihre größtenteils fragmentarische Erzählstruktur wird von der Innenperspektive und Bewußtseinsströmen der Figuren dominiert. Die Autorinnen entgrenzen den traditionellen Charakter des Romans und bedienen sich der neuen Autobiographie als bevorzugtes Genre. Der von ihnen verwendete historische Rahmen wird keinen Wertungen unterzogen. Die Einbeziehung zahlreicher meta-textueller Bezüge intensiviert die literarische Suche nach weiblicher Identität und eigenem Ich, die aus einer Auseinandersetzung mit Sexualität, Gedächtnis und Vergangenheit resultiert. Protagonisten scheitern durch ihre Gefangenschaft in einem patriarchalischen System bzw. durch den Verlust dieser symbolischen Ordnung. Nur die bewußte Provokation einer Unordnung scheint einen Ausweg zu bieten.

Doch handelt es sich bei diesen Merkmalen schon um einen Kriterienkatalog für weibliches Schreiben? Sind es nicht vielmehr die Erwartungen und Vorurteile der Leserinnen, die einen Text „verweiblichen” oder „vermännlichen”? Ich unterstelle den Autorinnen, daß sie den Anspruch erheben, gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten und das Selbstverständnis der Frau in dieser Ordnung zu hinterfragen und letztendlich einfach gut zu schreiben.


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