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Spiegelbilder

Autor:  |  Herbst / Winter 1998

Der Chef war einer außerhalb der Serie, ein bisschen merkwürdig, aber sonst ganz in Ordnung. Hin und wieder glaubte man, seine Gedanken erraten zu können, aber nichts, er kam dann damit, womit man am wenigsten gerechnet hatte. Erinnerst Du Dich, wie wir zum ersten Mal sein Büro betraten, damals, als wir Arbeit suchten? Ja, auch mir fielen fast die Augen aus dem Kopf wie ich den Raum sah, geradezu mit Spiegeln tapeziert. Und dann diese Bronzeskulptur, die sich dutzendfach vervielfachte, bis sie sich in der Wand verlor, die Dir am wenigsten vorgeschwebt hatte. Bis heute hat sich mir jenes fahlgelbe Licht, das aus den hinter dem Doktor hängenden Spiegeln heraustrat und sich mit unzähligen zwillingshaften Bildern ver-mischte, und einem so das Gefühl aufdrängte, im Unendlichen zu treiben, in die Pupillen eingegraben. Ich glaube, daß ich deshalb, genau wie Du und viele andere, zu dem Schluß gekommen war, daß das Treiben in dieser Unendlichkeit aus Doktor Alejandro Alcazar Abedrabo ein überirdisches Geschöpf gemacht hatte, dem es entschieden verwehrt war, Teil der Gemeinschaft der Sterblichen zu sein.

-Herein, Ihr könnt Euch setzen.

Und erinnerst Du Dich, wie er, kaum hatten wir uns auf den Sesseln niedergelassen, seinen Blick wie ein straffes Leintuch ausspannte und begann, über Anwälte, Gesetze und Gerichtssäle zu sprechen? Es stimmte mich eine ganze Weile nachdenklich, als er sagte, daß alles, einschließlich das Chaos, über die Gesetze herrsche, und daß der Mensch mit ein klein wenig Verstand die Gesetzmäßigkeiten der Dinge auszunutzen in der Lage sei und so verhindern könne, daß die Welt zum Stillstand käme. Später huschte ihm ein leichtes Lächeln über das Gesicht, er drehte sich auf seinem Sessel um, durchbohrte uns von einem der Spiegel aus mit einem Blick und gab etwas Wirres von sich, was uns jedoch mit Ergriffenheit erfüllte.

-Wißt Ihr, von hieraus kann man die von Niedertracht Zerfressenen erkennen. Nein, erschreckt nicht gleich, wenn ich das erzähle. Das sind Angelegenheiten, von denen ohnehin nur ich etwas verstehe. Ihr könnt morgen anfangen. Du wirst mein Fahrer und Du mein Assistent. Laßt Eure Personalien bei der Sekretärin bevor Ihr geht. Meine Herren, einen schönen Tag noch!

Mit dem Gesicht von der Aufregung gezeichnet, fanden wir uns am nächsten Tag pünktlich um acht Uhr dort ein. Erinnerst Du Dich daran, was uns die Sekretärin Nancy erzählte, daß Doktor Alcazar die seltsame Art hatte, alle Leute genauso in Staunen zu versetzen wie er es mit uns getan hatte? Klar, am Anfang kam uns sein Verhalten höchst eigenartig vor, dann aber gewöhnten wir uns allmählich an das Benehmen des Doktors. Jene, die sein Büro zum ersten Mal betraten, waren sprachlos und verwirrt ob all der sich wiederholenden Bilder. Bis Doktor Alcazar sie aus jener Welt erlöste, indem er sie über den Fall befragte, den er für sie bearbeiten sollte. Er hörte sehr aufmerksam zu, äußerte rechtliche Schlußfolgerungen und denkbare Lösungsansätze. Danach betrachtete er seine Besucher von irgendeinem Spiegel aus. Das war ein kritischer Moment. Wenn der Doktor nämlich zum Schluß kam, daß man sie vom Spiegel aus sehr gut sah, so wies er das Mandat zurück, wenn er hingegen zu der gegenteiligen Auffassung kam, nahm er den Fall an und gewann ihn ganz sicher. Soweit ich weiß, hat der Doktor nie auch nur einen einzigen Fall verloren. Ja, weil ihm die Dinge immer so gut von der Hand gingen, glaubte manch einer sogar, er hätte einen Pakt mit dem Teufel, was natürlich völliger Unsinn war. Tatsächlich war es so, daß der Doktor über die Intelligenz von zehn Männern verfügte. Das einzig seltsame an ihm war, daß er, so schien es jedenfalls , vor jeder wichtigen Entscheidung die Spiegel um Rat fragte.

Entsinnst Du Dich der Gerissenheit eines Luchses, die ihn bei der Verteidigung der Fälle ausmachte? Mich verblüffte der Einfallsreichtum, den er an den Tag legte. Oder willst Du etwa behaupten, daß das damals nicht fabelhaft war, als der Patensohn vom Doktor ganz aufgeregt angerannt kam, weil er zu einer Frau gesagt hatte, daß sie „einen größeren Hintern als eine Parkbank” hätte? Und wie das Frauenzimmer, das sich in seinem guten Namen beleidigt fühlte, einen Prozeß gegen ihn einleitete, der ihn hätte ruinieren können? Als mir das Problem zu Ohren kam, konnte ich mir ein lautes Lachen nicht verkneifen. Weil der Doktor nie die Glastür zu seinem Büro schloß, konnte er mein schallendes Gelächter hören.

- Antonio, komm her!

-Ja, Doktor, wie kann ich Ihnen helfen?

-Recht wenig, glaube ich. Für den Moment geh’ und kaufe drei Meter Leinwand und zehn Pfund Gips. Und wenn Du zurückkommst, dann will ich Dich mit rotem Gesicht und verschwitzt sehen, als ob Du den Weg im Laufschritt zurückgelegt hättest. Mal sehen, ob sich mit dieser Übung Dein hohles Lachen kurieren läßt, das meinem sensiblen Gehör derart zur Last fällt.

Als ich mit dem Aufgetragenen zurückkam, da ordnete er mir an, solange nicht aus dem Bad herauszukommen, bis ich die Gipsform des größten Hinterteils gefertigt hätte, das ich mir vor-stellen konnte. Das Meisterhafte war dann, daß er die Form bis zum Moment der Beweisaufnahme versteckt hielt. Wir schleppten sie dann gut verpackt vor den Richtertisch, und während er das riesige Paket öffnete, erklärte der Doktor mit aller Ernsthaftigkeit, daß sein Mandant niemals die Absicht gehabt hätte, den guten Namen der Gekränkten zu beschmutzen, sondern vielmehr die Qualitäten jener Dame oder jenes Fräuleins, genau erinnere ich mich nicht, hatte beschreiben wollen. Sicher ist jedenfalls, daß er die Frau zum Beweis dessen, was er vorgetragen hatte, darum bat, sie möge sich in die Gipsform setzen. Nachdem sich die Arme von ihrem Schwächeanfall erholte hatte, verließ sie den Gerichtssaal, allen sich vor Lachen krümmenden Anwesenden die Pest an den Hals wünschend. Vom Prozeß gegen den Patensohn des Doktors wollte sie jedoch nichts mehr wissen.

-Hör mal, Padrino, wie sind Sie nur auf diese wahnsinnige Idee gekommen?

-Naja, ich habe nur im Spiegel gesehen, daß Dein Arsch genau in den großen Sessel paßt, in den Du Dich immer setzt, und dachte mir, daß wohl jede Kreatur stets nach der richtigen Form für sein Hinterteil sucht. Dann hatte ich den Einfall mit dem Gips.

-Padrino, Sie sind wirklich verrückt.

Es stimmte aber nicht, daß der Doktor verrückt war, er fand eben auf alles eine Antwort. Erinnerst Du Dich nicht mehr daran, wie der Doktor hoch konzentriert in den Spiegel blickte und uns plötzlich erklärte, daß es dort drinnen friedlich und ruhig sein müsse?

-Warum sagen Sie das, Doktor Alcazar?

-Weil was hier nicht ist, dort geschieht, und auf dieser Seite herrscht das reine Chaos, Dummkopf.

-Das schon, Doktor, es würde mich auch gar nicht wundern, wenn sie in den Schulen anfingen zu lehren, daß zwei und zwei fünf sind.

-Wenn sie das nicht in den hiesigen Schulen lehren, dann müssen sie es bereits in den Schulen da drinnen gelehrt haben. Und wir beide würden nur einer sein in jener Welt.

-Nein, Doktor, das scheint mir nun wirklich unmöglich.

-Aber warum denn unmöglich, Antonio? Wenn es dort drin möglich ist, daß zwei und zwei fünf sind, dann addiere ich zwei und zwei und erhalte fünf. Wenn wir davon auf jeder Seite der Gleichung drei abziehen, wie viele bleiben dann?

-Eins ist gleich zwei.

-Wenn ich nun die Glieder der Gleichung austausche, kommt heraus, daß zwei gleich eins sind. Du und ich, wie viele Personen sind wir?

-Zwei.

-Ah! Wenn also zwei gleich eins sind, und wir sind zwei, dann sind wir im Spiegel einer, aber nur im Spiegel.

Jenes Mal war ich derjenige, der fast den Verstand verlor, und als ich zu Dir herüber sah, um in meiner Verwirrung einen Verbündeten zu finden, da merkte ich, daß Du kein einziges Wort verstanden hattest, bis der Doktor gelöst lachte und sagte, daß Du im Spiegel wahrscheinlich ein intellektueller Prominenter wärst. Da Du Überhauptnichts verstanden hattest, zeichnete sich Dir ein außerordentlicher Stolz ins Gesicht.

Vielleicht verstehst Du ja heute vieles besser. Setz’ keinen so nachtragenden Blick auf, der Doktor war kein schlechter Mensch, er hatte eben seine Eigenheiten. Wenn man Angst vor ihm haben mußte, dann in den Momenten, in denen er sich im Spiegel betrachtete und sagte, daß er einfach fabelhaft sei. Den ganzen Tag über war er dann jähzornig. Aber trotz dieser Fehler mochte ihn alle. Oder sollte Dir jene Begebenheit im Auto etwa entfallen sein?

-Du nichtsnutziger Wicht, siehst doch, daß ich’s eilig habe und fährst, als ob Du einen Esel bei Wolkenbruch nachahmen wolltest.

-Aber, mein Doktor, die Ampel steht doch auf Rot.

-Verdammt noch mal, was heißt da Rot, ich hab’s eilig und Du stierst farbige Kugeln an, die an einem Mast hängen.

Als sich sein Ärger wieder abgekühlt hatte, schaute der Doktor Dir durch den Rückspiegel in die gekränkten Augen und sagte: „Hör mal, Kleiner, magst Du mich?” Und Du antwortetest, wie aus dem Fegefeuer auferstehend: „Ja, mein Doktor, von ganzem Herzen.”

Ja, jetzt vergießt Du ein paar Tränen, Kleiner. Ist ja gut, stell’ Dich nicht so an, sonst ergreift mich noch jene Melancholie des Doktors, die ihn das einzige Mal, das wir uns zusammen betranken, krank gemacht hat, als er mir von seiner kindlichen Besessenheit erzählte, alles ver-kehrt herum zu schreiben, so daß niemand herausfinden konnte, was geschrieben stand, es sei denn, er hielt das Papier gegen einen Spiegel. Er vertraute mir an, daß die Spiegel seine geheime Welt waren, etwas, das nur ihm gehörte, weil ihm sein Großvater mütterlicherseits dieses Geheimnis aus irgendeinem Land des mittleren Orients mitgebracht hatte. Als jener Großvater starb, weinte er viel, betrachtete seine Trauer jedoch nie im Spiegel. Erdachte auch daran zurück, wie er einmal aus Verzweiflung versucht hatte, in die Welt des Spiegels zu flüchten. Als der Großvater sah, wie er seinen kleinen Körper wieder und wieder gegen den Spiegel warf, erklärte er ihm, daß er nicht versuchen dürfe, sich in jene Welt zu begeben, denn wenn er es schaffte, würde er sich zur Verneinung seiner selbst werden, was bedeutete, er würde zum Gegenteil dessen, was er jetzt sei, und außerdem könne sein Zwillingsbruder, der in jener Welt lebe, von dort nach hier entkommen. Dann zeigte der Großvater ihm seine festen und bestimmten Formen im Spiegel, während der Doktor noch sehr trübe Umrisse hatte, weil er eben noch sehr jung war, der Alte hingegen stand auf der Schwelle zum Tode. Er erzählte mir auch von den Unsterblichen, jenen Kreaturen, die sich in keinem Spiegel reflektieren. Er sagte, daß diese Unsterblichen das einzige seien, was er fürchte, denn er sei sich sicher, daß sie seinem Leben eines Tages ein Ende bereiten würden. Später schlief er auf seinem Schreibtisch ein. Am darauffolgenden Tag war ich eine Stunde früher als gewohnt in der Kanzlei, um zu sehen, wie es dem Doktor ginge. Als ich sein Büro betrat, ließ mich die Sonne fast erblinden. Sie kam direkt hinter dem Rücken des Doktors hervor und beherrschte das ganze Zimmer mit ihrem Licht. Du kannst Dir das nicht vorstellen, Kleiner, all die Spiegel gaben das Licht zurück, das sie aufnahmen. Als ich ihn grüßte, erhob sich der Doktor schlagartig und verharrte von der Lichtflut geblendet.

-Wer bist Du, daß ich Dich nicht sehen kann? Zeig’ Dich, ich sehe Deine Gestalt in keinem der Spiegel. Du bist der Unsterbliche, der mich zugrunde richten will. Wer bist Du?

Und noch bevor ich ihm antworten konnte, zog er den Revolver aus der Schreibtischschublade und begann, wie ein Wahnsinniger um sich zu schießen. Kaum hatte ich es geschafft, mich auf den Boden zu werfen, da spürte ich auch schon, wie mich Millionen von Glassplittern bedeckten. Als ich wieder aufwachte, erfuhr ich, daß Du bei dem Anblick meines mit Blut und Glassplittern bedeckten Körpers und des tot auf seinem Schreibtisch liegenden Doktors Deine Stimme verloren hast. Eine der Kugeln war von jener Bronzeskulptur, die sich bis ins Unendliche in den Spiegeln wiederholte, abgeprallt und zu ihm zurückgekommen.

Übersetzung a. d. Span.: Anja Jaramillo R.


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