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Nicanor Parra: Verteidigung der Violeta Parra

Autor:  |  Herbst / Winter 1998

Süße Bewohnerin des grünen Waldes
ewiger Gast des blühenden April
große Feindin der Brombeere.
Violeta Parra.

Gärtnerin
Töpferin
Näherin
Tänzerin des transparenten Wassers
Baum voll singender Vögel
Violeta Parra.

Hast das ganze Land durchwandert
Krüge aus Kreide der Vergessenheit
entrissen
und Vögel befreit
gefangen zwischen den Zweigen.

Immer mit den ändern beschäftigt
ja selbst mit der Nichte
mit der Tante
wann wirst du an dich denken
barmherzige Viola.

Dein Schmerz ist ein unendlicher Kreis
der niemals beginnt und niemals endet
doch du hast dich über alles hinweggesetzt
wunderbare Viola.

Wenn es darum geht, Cueca zu tanzen
deiner Gitarre entkommt niemand
bis die Toten aufstehen zu tanzen
Cueca valseada.

Cueca der Schlacht von Maipú
Cueca des Untergangs von Angama
Cueca des Erdbebens von Chillán
all diese Dinge.

Nicht Bandurria
noch Schleie
noch Drossel
Nicht Wachtel – frei oder gefangen
Du einfach du
dreimal du
Vogel des irdischen Paradieses.

Geschwätzige
Möwe des süßen Wassers
alle Adjektive genügen nicht
alle Substantive genügen nicht
dich zu benennen.

Poesie
Malerei
Landwirtschaft
alles vollbringst du wunderbar
mit geringerer Anstrengung
als jener welcher ein Glas Wein trinkt.

Doch die Beamten mögen dich nicht
sie versperren die Tür deines Hauses
und erklären dir einen Krieg auf Leben und Tod
leidende Viola.

Weil du dich nicht den Hanswurst spielst
weil du dich nicht verleugnest und dich nicht
verkaufst
weil du die Sprache der Erde sprichst
Viola chilensis.

Weil du sie sofort entlarvst!

Wie könnten sie dich lieben
frage ich mich
wo sie doch ein paar traurige Funktionäre sind
grau wie die Steine der Wüste.
Meinst du nicht auch?

Du hingegen
Violeta der Anden
Blume der Küstenkordillere
bist ein unerschöpflicher Quell
des menschlichen Lebens.

Dein Herz öffnet sich, wenn es mag
deine Zuneigung versiegt, wenn sie mag
Und dein Herz segelt, wenn es will
stromaufwärts.

Es genügt, wenn du sie beim Namen nennst,
damit die Farben und Formen
sich erheben und vorangehen wie Lazarus
in Körper und Seele.

Niemand kann sich beklagen, wenn du
mit halblauter Stimme singst oder wenn du
schreist
als würden sie dich niedermetzeln
Vulkanische Violeta.

Was der Auditor zu tun hat
ist, eine religiöse Stille zu bewahren,
weil dein Gesang weiß, wohin er geht
ganz genau.

Es sind Strahlen, was von deiner Stimme kommt,
hin zu den vier Himmelsrichtungen
feurige Weinleserin der schwarzen Augen.
Violeta Parra.

Sie bezichtigen dich dieses und jenen
ich kenne dich und sage, wer du bist
oh Kordillere im Wolfskostüm!
Violeta Parra.

Ich kenne dich gut
ältere Schwester
Norden und Süden des gepeinigten Landes
Valparaiso, nach oben gesunken
Osterinsel!

Küsterin aus Andacollo
Weberin mit Klöppel und Spitzenklöppel
alte Arrangeurin der Engel
Violeta Parra.

Die Veteranen von Neunundsiebzig
weinen, wenn sie dich schluchzen hören
im Abgrund aus dunkler Nacht
Leuchte aus Blut!

Köchin
Kinderfrau
Wäscherin
geschicktes Kind
alle Gewerbe
alle Röte der Dämmerung
Viola funebris.

Wo könnte ich eine andere Violeta finden
auch wenn ich Land und Städte durchwanderte
oder im Garten sitzen bliebe
wie ein Invalide.

Um dich besser zu sehen, schließe
ich die Augen
und gehe zurück zu den glücklichen
Tagen.
Weißt du, was ich sehe?
deine Schürze bedruckt mit maqui.

Deine Schürze bedruckt mit maqui! Rio Cautin!
Lautaro!
Villa Alegre!
Das Jahr Achtzehnhundertdreiundsiebzig
Violeta Parra!

Doch ich traue den Worten nicht
warum erhebst du dich nicht aus
dem Grab
um zu singen
um zu tanzen
um zu fliegen
mit deiner Gitarre?

Sing mir ein unvergeßliches Lied
ein Lied, das niemals endet.
Ein Lied, mehr nicht
ein Lied ist,
was ich verlange.

Was kostet es dich Frau blühender Baum
Körper und Geist aus der Gruft zu erheben
und die Steine mit deiner Stimme zu sprengen
Violeta Parra.

Das ist, was ich dir sagen wollte
fahre fort, deine Drähte zu flechten
deine araukanischen Ponchos
deine Krüge aus Quinchimali
fahre fort, Tag und Nacht zu polieren
deine toromiros aus heiligem Holz
ohne Leid
ohne unnötige Tränen
oder, wenn du möchtest, mit heißen Tränen
und erinnere dich, du bist
ein Lämmchen im Wolfspelz.

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Violeta Parra (l917-1967)
war Sängerin, Dichterin, Komponistin, Weberin, Bildhauerin. Bekannt geworden ist sie vor allem als die Volkssängerin Chiles, die mit ihren Liedern zahlreiche chilenische Musiker maßgeblich beeinflußt hat. Ein Zeitgenosse sagte über sie: „ Wir sahen sie unter uns und begriffen sie nicht.” Victor Jara nannte V. Parra die „Mutter des Neuen Chilenischen Liedes”.

Nicanor Parra (geb. 1914)
Bruder von Violeta Parra, gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Lyriker Chiles. Mit seiner Antipoesie, stark an Prosa orientierten Gedichten, entwickelte er seit den 50er Jahren eine Gegenposition zu den seines Erachtens elitären Gedichten einflußreicher chilenischer Lyriker (z.B. P. Neruda). Das vorliegende Gedicht schrieb er nach dem Freitod seiner Schwester im Februar 1967.

Übertragung a. d. Span. Gabi Töpferwein


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