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Die Wege des Tanzes

Autor:  |  Sommer 1998

Es gibt verschiedene Formen, zum Tanz zu finden: Da gibt es jene, die eine Vorstellung sahen und sich sagten: „Auch ich möchte tanzen”, andere begleiteten eine Schwester, einen Freund, eine Liebe zu Tanzstunden oder Proben und wurden nach und nach in dieses Medium eingeführt; bei anderen wiederum ist es der Sport, die körperliche Bewegung, die sie zum Tanzen anregt. Es gibt auch Fälle, in denen der Arzt den Eltern rät, die Kinder sollten diese Aktivität aus gesundheitlichen Gründen ausüben. Man könnte noch viele andere Fälle aufzählen, aber die Liste wäre sehr lange, und deshalb werde ich von meiner eigenen Begegnung mit dem Tanz erzählen.

Als schüchterner und introvertierter Heranwachsender hatte ich viele Schwierigkeiten, mich in Worten auszudrücken. Mein Bedürfnis, mich mitzuteilen und von meiner inneren Welt zu erzählen, war jedoch so groß, dass ich in Gesten und in der Bewegung eine großartige Möglichkeit fand, mit anderen einen Dialog aufzubauen. Wie wunderbar ist es, Dinge sagen zu können, ohne zu sprechen, Geschichten – deine Geschichte – durch Bewegung, einen Blick, einen befreienden Ausdruck zu erzählen. Auf diese Weise kam ich zum Tanz, schüchtern und fieberhaft zugleich, wie bei einem Stelldichein mit der ersten Liebe, wenn man zweifelt und Angst hat, nicht akzeptiert zu werden.

QUITO-ECUADOR, Mai 1969: Eine in Berge eingezwängte Stadt, gleich einem Nest in der Gebirgskette der Anden, in 2.800 Metern Höhe. Zu jener Zeit war Quito eine sehr ruhige Stadt mit provinziellem Flair, in der die koloniale Vergangenheit und der Duft nach Eukalyptus allgegenwärtig waren, in der man den Eindruck hatte, die Sonne und den Himmel in die Hände nehmen und mit ihnen über die Wolken spazieren zu können Dies war auch der Kontext, in dem unsere Vorfahren tanzten. Sie tanzten, um mit den tellurischen Kräften, der göttlichen Energie zu kommunizieren, aus Dank und Verehrung für den Sonnengott. Bei diesem männlichen Tanz ist der Tänzer im wahrsten Sinne des Wortes Mittler zwischen Himmel und Erde. Durch Schläge auf den Boden wird der Kontakt zur Mutter Erde hergestellt, und durch den Federschmuck, der wie richtige Antennen auf dem Kopf getragen wird, steht man in Verbindung mit dem Himmel, kosmische Routen öffnend.

Es war in dieser Stadt, in der sich jene Begegnung ereignete, in der ich meine ersten Tanzschritte machte und meine ersten Lehrer kennenlernte. Danach kam die Lehrzeit, dem Anschein nach leicht, aber im Grunde ein Weg, der sich als sehr ernst und schwer herausstellte, und bei dem anfänglich Fortschritt wie Rückschläge eine Konstante darstellten.

Erschöpfung sowie physischer und mentaler Widerstand sind dafür verantwortlich, dass man sich in einem Kampfzustand befindet, bei dem man sein eigener Gegner ist, bei dem das Ziel darin besteht, den Körper zu beherrschen und zu schulen. Schweiß, Schmerzen, Unvorsichtigkeiten, die zu Verletzungen fuhren können. Wie viele Male verspürt man die Versuchung aufzugeben, aber die erreichten Fortschritte und der Wunsch, vor einem Publikum zu tanzen, bewegen einen zum Durchhalten und Weitermachen.

Die darauffolgende Phase: Sich zum ersten Mal einem Publikum stellen, eine echte Herausforderung und gleichzeitig die unendliche Freude, seine Bestimmung erreicht zu haben, das zu zeigen, was man denkt, fühlt, was man äußerlich und innerlich ist. Als eine Sprache voller Emotionen, bei der Geist und Materie miteinander verschmelzen, erhebt der Tanz den Menschen und gestattet ihm, sich durch seine Empfindsamkeit und seine wahre Natur mitzuteilen. Man kann sagen, dass der Tanz als umfassender künstlerischer Zweig, bei dem Körper und Seele sich überwinden, ihre Perfektion suchen, eine der vorzüglichsten Disziplinen im Leben ist, durch die sich ein Mensch verwandeln und zu seinem wahren Ausmaß finden kann.

Weitere bedeutende Stationen sind die Reisen: Für verschiedenes Publikum zu tanzen, andere Völker, Kulturen und Traditionen kennenzulernen, sich eine Begriff davon zu machen, ein Bürger der Erde zu sein und sich frei zu fühlen. Kunst kennt keine Grenzen, Rassen oder Nationalitäten. Im Gegenteil, sie ist das beste Mittel zur Verständigung und zum Austausch zwischen den Völkern.

Eine radikale Etappe durchleben einige Tänzer, wenn sie irgendwann das Verlangen verspüren, eigene Werke zu schaffen, sich in ihrer eigenen Sprache auszudrücken und zur Choreographie wechseln. Glücklicherweise gibt es diejenigen, die am Ende ihrer Karriere (oder bereits vorher) unterrichten möchten, anderen ihre Kenntnisse vermitteln und auf diese Weise die Lehre des Tanzes erhalten.

Andere geben das Tanzen einfach auf und gehen endgültig zu einer anderen Tätigkeit über. Die traurigsten Fälle sind die aus physischen oder psychischen Gründen abgebrochenen Laufbahnen. Es gibt eine Menge zerbrechlicher Personen, die den Schwierigkeiten dieses Berufes nicht gewachsen sind.

Meine Erfahrungen sagen mir, dass jeder Mensch, ohne notwendigerweise ein Tänzer zu sein, sein Leben tanzen muss, was Bewegung, Verwandlung und das Bewusstsein darüber beinhaltet, dass die Dinge vergänglich sind.

Übersetzung aus dem Spanischen: Anja Jaramillo

* M. Murriagui ist Direktor des Balletts „Germán Silva” in Paris


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