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Tlatelolco in der Literatur

Autor:  |  Frühjahr 1998

Als Octavio Paz vom Massaker des 2. Oktober 1968 an friedlich demonstrierenden Studenten auf der Plaza de las Tres Culturas im Stadtteil Tlatelolco erfuhr, legte er sein Amt als mexikanischer Botschafter in Indien nieder. Aus Protest gegen den grausamen Massenmord blieb er bis 1971 im freiwilligen Exil.

Nicht jeder mexikanische Schriftsteller hatte die Bühne für einen so wirkungsvollen Auftritt. Ja, manche erfuhren erst viel später, was überhaupt geschehen war. Angeles Mastretta zum Beispiel, damals knapp 19 Jahre alt, berichtete in einem Interview, daß bis in das 120 Kilometer entfernte Puebla gar keine Nachrichten vom Massaker gelangt seien. Erst Jahre später, als sie 1971 an der UNAM zu studieren begann, habe sie davon gehört.

Wie auch immer, Tlatelolco war zumindest für Mexiko-Stadt, aber auch für die politische Kultur im ganzen Land ein einschneidendes Ereignis. So auch für die Literatur. Auch wenn Tlatelolco kein eigenes Genre hervorgebracht hat wie die Mexikanische Revolution von 1910-17 den Revolutionsroman, so sind die Spuren doch deutlich auszumachen.

Drei Bücher haben in den sechziger Jahren die literarische Landschaft Mexikos verändert: La tumba (1964) und De perfil (1966) von Jose Agustin (geb. 1944) und Gazapo (1965) von Gustavo Sainz (geb. 1940). Mit einem Mal war nicht mehr wichtig, was die mexikanische Literatur bis dahin vor allem thematisch geprägt hatte -die Revolution und ihr Scheiten, erst kurz zuvor von Juan Rulfo in Pedro Paramo (1955) zu einem erzählerischen Schlußpunkt geführt, und die Identitätsfrage, die in Mexiko vor allem als Problem der mestizaje, der Mischung aus europäischer und indianischer Rasse, behandelt wurde.

Bei Agustin und Sainz nichts davon, ihre Bücher stellten das jugendliche urbane Leben in den Mittelpunkt. Literatura Hippie ist ein vielgebrauchtes Schlagwort, das entspricht immer wiederkehrenden Motiven wie Musik, Alkohol und Drogen, Liebe und Sex, Literatur und Schreiben, (Auto-)Fahren. Die Protagonisten sind Schüler und Studenten, zumeist der Mittelschicht, heimliche Hauptfigur im Hintergrund: die Großstadt. Das war neu. (Nebenbei: die erwähnten Bücher sind auch gut geschrieben und von einer Sorgfalt, daß die Lektüre auch heute noch lohnt. Anders als manche derzeitige Jugendliteratur, beispielsweise des Spaniers Ray Loriga, dem an künstlerischer Qualität nicht mehr zu liegen scheint.) Es entsprach einer Tendenz, die in jenen Jahren mehrere Länder auf der Welt erfaßte (nicht alle), die aber in Mexiko eigene Züge annahm. Die literatura de la Onda, wie sie 1971 von Margo Glantz in einer wichtigen Anthologie bezeichnet und definiert wurde, richtete sich mit ihrem lakonischen Realismus in Alltagserleben und Umgangssprache, mit ihrer Sorglosigkeit gegenüber aller Tradition und ihrer schamlosen Offenheit unverblümt gegen das verknöcherte Regime der Staatspartei PRI, gegen Zensur und Repression, aber auch gegen gesellschaftliche Normen der älteren Generationen. Die Onda beschrieb das Hier und Jetzt, protestierte damit dagegen, daß es dieses Hier und Jetzt aus Moralgründen offiziell nicht geben dürfe – und war so die Literatur der unzufriedenen, gärenden Studentenschaft. Ihren protestierenden Impetus haben die Werke der Onda nicht etwa aus einem immanenten revolutionären Anspruch heraus, er ergibt sich lediglich (was aber damals schon viel war) durch eben diesen Nicht-Nationalismus, durch den starken Willen, frei, modern, international zu sein. Die Onda führt auf die Massenproteste von 1968 nicht unmittelbar hin, auch wenn sie aus der Stimmung und Geisteshaltung der Studenten kaum wegzudenken gewesen sein dürfte.

Anders herum hat aber Tlatelolco der Onda einen Schlag versetzt, der sie völlig verändert hat. Der Bruch ist unübersehbar, auch wenn in den Werken von Agustin und Sainz nach 1968 nicht direkt von Tlatelolco die Rede ist. Das Scheitern der Studentenproteste an der staatlichen Brutalität hat der Onda alles Unbekümmerte, Jugendliche genommen.

Nun ist es selbstverständlich, daß Jugendliteratur auch von selbst mit ihren Autoren reift, daß der (im positiven Sinne) rücksichtslose, sich nicht um Traditionen kümmernde Ton nach und nach begleitet und abgelöst wird von Fragen nach der Interpretation, nach dem Woher und Wohin, von Zweifeln und Distanz. Wahrscheinlich wäre die Onda auch ohne Tlatelolco „erwachsen” geworden. Dazu kam es aber nicht. In José Agustins 1969 erschienenen Buch Abolición de la propriedad betritt zu Beginn eine junge Frau, Norma, ein menschenleeres Zimmer. Es ist dunkel, es gibt ein Tonbandgerät und Bildschirme. Als sie das Tonband in Gang setzt, hört sie sich selbst sprechen. Der erste Satz ist fast ein Programm: „…ahorita tengo la impresion de que esto ya habia sucedido antes.” Dazu sieht sie sich selbst auf den Bildschirmen, in einem aufgezeichneten, früheren Gespräch. Sie befindet sich in einem Spiegelkabinett ihrer Erinnerung und wird mit dem konfrontiert, was war. Dieses Erinnerte wird nach und nach zur Haupthandlung.

Auch in einer anderen Erzählung macht Agustin klar, daß nichts mehr ist wie früher: Cual es la Onda? (1968) ist eine blanke Parodie, und zwar auf die Texte der Onda selbst. Der Mythos von einer Jugend, die sich aus herrschenden Zwängen befreit hat, ist nur noch ein belächeltes Zitat.

Im Vordergrund stehen statt dessen Reflexionen über die Sprache, über Textsorten und sogar Notation – scheinbar belanglose Dinge im Angesicht der erst wenige Wochen zurückliegenden blutigen Tragödie. Aber es ging Agustin, Sainz und den anderen nicht um eine Abkehr von den brennenden Themen, sondern darum, über deren Vermittlung nachzudenken. In jedem Falle, und das unterscheidet die Onda-Texte von 1969 bereits glasklar von denen von 1966, ging es um Vergangenes, über das nun zu sprechen war. Der große Aufbruch war gescheitert, die Unbekümmertheit dahin. Jetzt galt es, sich in der Katastrophe zurechtzufinden, sie zu verstehen, sich selbst zu verstehen.

Bei den Dichtem José Emilio Pacheco und Rosario Castellanos, anders als bei den Autoren der Onda, ist von den Ereignissen von Tlatelolco direkt die Rede.

Die Tlatelolco-Gedichte von Pacheco (geb. 1939) finden sich in dem vielbeachteten Gedichtband No me preguntes como pasa el tiempo (1969). Im ersten der betreffenden Gedichte, Lectura de los „Cantares Mexicanos”: manuscrito de Tlatelolco, datiert mit „octubre 1968″, setzt Pacheco die Ereignisse in Beziehung zu einem alten aztekischen Text, der in Tlatelolco geschrieben wurde. Geschickt verknüpft er aktuelles Geschehen und alte Verszeilen, er arbeitet mit altem Duktus und Wortwiederholungen und erzeugt so den Eindruck, als stehe das Massaker in der Tradition aztekischer Chronistenerfahrung:

Cuando todos se hubieron reunido,
los hombres en armas de guerra
fueron a cerrar las salidas,
las entradas, los pasos.
Sus perros van por delante,
los van precediendo.

Entonces se oyó el estruendo,
entonces se alzaron los gritos.
Muchos maridos buscaban a sus mujeres.
Unos llevaban en brazos a sus hijos pequenos.
Con perfidia fueron muertos,
sin saberlos murieron.

Y el olor de la sangre mojaba el aire.
Y el olor de la sangre manchaba el aire.

(…)

Esto es lo que ha hecho el Dador de la Vida
alli en Tlatelolco. [1]

Darauf folgen noch drei Gedichte mit dem Titel 1968, die das Ereignis in der Aktualität belassen. Als Beispiel das erste, in dem der radikale Bruch thematisiert wird, den Tlatelolco für Pachecos Selbstverständnis bedeutete:

1968 (I)

Un mundo se deshace
nace un mundo
las tinieblas nos cercan
pero la luz llamea
todo se quiebra y hunde
y todo brilla como er a lo que fue
como esta siendo
ya todo se perdio
todo se gana
no hay esperanza
hay vida y
todo es nuestro [2]

Rosario Castellanos (geb. 1925) schrieb ihr Gedicht Memorial de Tlatelolco für das dokumentarische Buch La noche de Tlatelolco (1971) von Elena Poniatowska. Es steht damit nicht für sich, sondern im Kontext von Augenzeugenberichten, Zeitungsnotizen und Demonstrationslosungen. Dieser Kontext verleiht dem Gedicht einen besonderen, zweckgebundenen, politisch engagierten Zug. Rosario Castellanos meistert dennoch den Spagat zwischen kollektiver (si la [sangre] llamo mia traiciono a todos [3]) und individueller Erfahrung (es mi memoria [4]), sie bleibt nicht beim verletzten Wir stehen, sondern stellt ihm das sich seines Selbst bewußte Ich an die Seite. Nicht in den körperlichen Überresten des Massakers, nicht in den Archiven finden sich Ausgangspunkte für Neues. Stattdessen: Recuerdo, recordamos/ hasta que lajusticia se siente entre nosotros. [5]

Die beiden wichtigsten Prosatexte, die sich mit Tlatelolco beschäftigen, stammen von Octavio Paz und Fernando del Paso. Paz fügte 1970 seinem großen, 1950 erschienenen Essay El laberinto de la soledad ein Kapitel hinzu: Postdata. Darin deutet er Tlatelolco als Element der „Andersheit” (otredad), die die mexikanische Identität bestimme und bereits in der aztekischen Kultur ihre Wurzeln habe: Lo que ocurrió el 2 de octubre de 1968 fue, simultaneamente, la negación de aquello que hemos querido ser desde la Revolución y la afirmación de aquello que somos desde la Conquista y aun antes. [6] Das Massaker gleiche einem rituellen Opfer – und die Tatsache, daß die mexikanische Regierung sich für diese „Lösung” entschieden habe, sei darauf zurückzuführen, daß sie nach wie vor den alten Mechanismen verhaftet sei.

Fernando del Paso begann unter dem unmittelbaren Eindruck des 2. Oktober die Arbeit an seinem monumentalen Palinuro de Mexico, das 1977 erschien – ein Werk, das die Studentenunruhen „komödiantisch” (Karl Holz) darstellt. Anhand von Zitaten und Anspielungen stellt er die Proteste in weitreichende, universelle Zusammenhänge und durchsetzt die Handlung noch dazu mit Unscharfen, wenn es um die Trennung von Traum und Wirklichkeit geht. – Eine herausfordernde, neue Art, Geschichte zu erzählen. Ein jüngst auf Deutsch erschienenes Buch von Paco Ignacio Taibo II, mit dem diese kurze Reihe von Autoren zu Ende gehen soll, ist sicherlich leichter zugänglich als der Palinuro: Fantasmas nuestros de cada dia (1991) und Heroes convocados (1994), übersetzt in einem Band: 1968/Gerufene Helden (Hamburg / Berlin 1997).

Taibo II schrieb mit 1968 eine Geschichtserzählung, eine Chronik der betreffenden Monate, durch die man wichtige Einblicke vor allem in den Hergang der Studentenproteste erhält, die Tlatelolco vorangingen. Das jugendliche, entschlossene Engagement, das aus seinen Erinnerungen spricht, relativiert die Eindrücke, die zum Beispiel die Gedichte von Pacheco und Castellanos hinterlassen, und runden das Bild ab. Der zweite Teil, Gerufene Helden, behandelt die Zeit nach der Zerschlagung der Studentenbewegung – in der „wir, Tausende von Mexikanern, als menschliche Wesen geboren wurden”. Es geht um die Frustration, um Strohhalme, an die man sich klammern kann, Putschgerüchte, die beunruhigen, um fesselnde Krankenhausbetten. Und so endet das Buch:

„Was wirst du jetzt tun?” fragte Liliana…
„Ich weiß es nicht.”
„Wirst du irgendwohin gehen?”
„Ja, nach Casablanca.”
(…)
„Weshalb? Warum nach Casablanca?”
„Um eines Tages zurückzukehren”, antwortest du.

Übers. a.d. Span.: Anja Jaramillo

————————————-
[1] Als sich alle versammelt hatten
die Männer in Kriegswaffen
gingen sie, die Ausgänge zu schließen,
die Eingänge, die Durchgänge.
Ihre Hunde gehen vorneweg,
sie lassen sie vorausgehen.

Dann vernahm man ein Donnern,
dann erhob sich Geschrei.
Viele Männer suchten ihre Frauen.
Einige trugen ihre kleinen
Kinder auf Armen.
Mit Niedertracht wurden sie gemeuchelt,
ohne sie zu kennen starben sie.

Und der Geruch von Blut tränkte die Luft.
Und der Geruch von Blut befleckte die Luft.

Das ist, was der Geber des Lebens getan hat,
dort in Tlatelolco.

[2] Eine Welt geht zugrunde
geboren wird eine Welt
die Finsternis schließt uns ein
aber das Licht lodert alles zerbricht und geht unter
und alles leuchtet wie es war, was es war wie es ist
schon ist alles verloren alles gewonnen
es gibt keine Hoffnung es gibt Leben und alles ist unser

[3] wenn ich es (das Blut) das meine nenne, verrate ich alle

[4] es ist meine Erinnerung

[5] Ich erinnere mich, wir erinnern uns / bis sich die Gerechtigkeit zwischen uns setzt

[6] Was am 2. Oktober 1968 geschah, war gleichzeitig die Verneinung dessen, was wir seit der Revolution sein wollten, und die Bestätigung dessen, was wir seit der Conquista sind und sogar schon vorher waren.


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