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Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnams

Autor:  |  Frühjahr 1998

Botschaft Ernesto Che Guevaras an die tricontinental, im Mai 1967 in Havanna veröffentlicht

Es ist die Stunde der Weißglut und nichts anderes als das Licht soll zu sehen sein.

José Marti

(…) In allen Kontinenten gab es begrenzte Konfrontationen. Auf dem amerikanischen waren es lange Zeit nur Putsche und Versuche von Befreiungskämpfen. Dann gab die kubanische Revolution die Signale, die die Bedeutung dieses Gebietes unterstrichen. Sie zog sich dadurch aber den Haß der Imperialisten zu und mußte ihre Küsten, zuerst in Playa Girón und dann während der Oktoberkrise verteidigen. Dieser letzte Zwischenfall, die Konfrontation der Amerikaner und Sowjetrussen vor Kuba, hätte einen Krieg unermeßlichen Ausmaßes verursachen können.

Aber offensichtlich befindet sich im Augenblick der Schnittpunkt der Widersprüche in den Territorien der indochinesischen Halbinsel und deren Nachbarländern. Laos und Vietnam werden von Bürgerkriegen erschüttert. Sie nehmen einen neuen Charakter an, wenn der nordamerikanische Imperialismus mit seiner gesammelten Macht auftritt und damit das ganze Gebiet zu einem gefahrlichen Zeitzünder wird. In Vietnam hat die Auseinandersetzung einen Grad extremer Zuspitzung erreicht. (…)

Es gibt eine peinliche Realität: Vietnam, jenes Land, das die Erwartungen und Hoffnungen der verlassenen Völker vertritt, ist in tragischer Einsamkeit. Dieses Volk muß die wilden Angriffe der US-Technologie fast ohne eine Möglichkeit der Abwehr im Süden und mit geringen Verteidigungsmöglichkeiten im Norden ertragen, aber immer allein.

Die Solidarität der fortschrittlichen Mächte der Welt mit dem vietnamesischen Volk ähnelt der bitteren Ironie, die der Beifall des Pöbels für die Gladiatoren im römischen Zirkus bedeutete. Es geht nicht darum, den Opfern der Aggression Erfolg zu wünschen, sondern an ihrem Schicksal teilzunehmen, sie bis zum Tode oder bis zum Sieg zu begleiten. Wenn wir die vietnamesische Einsamkeit analysieren, so wirkt dieses Moment der Unlogik innerhalb der Menschheit beängstigend.

Der nordamerikanische Imperialismus ist der Aggression schuldig, seine Verbrechen sind ungeheuer und überziehen die ganze Welt. (…)

Aber schuldig sind auch die, die in der Stunde der Entscheidung zögerten, Vietnam zu einem unverletzlichen Teil des sozialistischen Lagers zu machen. Zwar hätte die Gefahr eines weltweiten Konfliktes bestanden, aber andererseits wäre der Imperialismus zur Entscheidung gezwungen worden. Schuld haben auch die, die einen Krieg der Beschimpfungen und Zänkereien aufrechterhalten, der schon vor langer Zeit von den Vertretern der beiden größten Mächte des sozialistischen Lagers begonnen wurde….

Die Strategie des Imperialismus

Die größte imperialistische Macht fühlt in ihren Eingeweiden die Blutung, die ein armes und zurückgebliebenes Land verursacht. Seine fabelhafte Ökonomie schwankt unter den Anstrengungen des Krieges. Töten hört auf, das bequemste Geschäft der Monopole zu sein. (…)

Und wir, Ausgebeutete der Welt, welches ist die Rolle die auf uns zukommt? Die Völker dreier Kontinente sehen und lernen ihre Lektion in Vietnam. Da die Imperialisten die Menschheit mit der Drohung eines Krieges erpressen, ist die richtige Antwort, den Krieg nicht zu furchten. Die Taktik dieser Völker muß sein, hart und ununterbrochen in jeder Phase der Auseinandersetzung anzugreifen. Aber in den Gebieten, in denen dieser miserable Friede, den wir erleiden, gebrochen worden ist, welche Aufgabe werden wir dort haben? Uns um jeden Preis zu befreien!

Die Situation der Welt zeigt eine große Vielfalt der Aufgaben. Sogar die Länder des alten Europa warten noch auf die Aufgabe der Befreiung. (…) In den nächsten Jahren werden dort die Widersprüche einen explosiven Charakter annehmen. Ihre Probleme aber und darum letzten Endes auch deren Lösung sind verschieden von denen unserer abhängigen und ökonomisch zurückgebliebenen Länder. (…)

Amerika bildet mehr oder weniger eine homogene Gesamtheit, und beinahe im gesamten Territorium behaupten die amerikanischen Kapitalisten die absolute Vorherrschaft. (…)

Die Nordamerikaner haben fast den Höhepunkt der politischen und ökonomischen Herrschaft erreicht. Sie können nur noch wenig mehr vorankommen. Jeder Wechsel der Situation könnte sich in einen Rückgang ihrer Vorherrschaft verwandeln. Ihre Politik besteht darin, das Eroberte zu halten. Die Leitlinie reduziert sich im gegenwärtigen Moment darauf, durch den brutalen Gebrauch der Macht Befreiungsbewegungen jeden Typs zu verhindern.

Hinter der Losung „wir werden kein anderes Kuba erlauben” versteckt sich die Möglichkeit der Aggression ohne eigenes Risiko wie gegen Santo Domingo oder das Massaker von Panama. Dahinter steht die klare Warnung, daß die Yankeetruppen bereit sind, in jedem Gebiet, an jedem Ort Amerikas, wo die etablierte Ordnung infrage gestellt wird, wo ihre Interessen gefährdet sind, zu intervenieren. (…)

Die UNO ist von einer Unfähigkeit, die am Rande des Lächerlichen oder Tragischen steht. Die Armeen aller Länder Amerikas stehen bereit zur Intervention, um ihre Völker zu unterjochen. Es hat sich in der Tat die Internationale des Verbrechens und des Verrats gebildet.

Andererseits haben die nationalen Bourgeoisien ihre ganze Widerstandskraft gegen den Imperialismus verloren. Wenn sie überhaupt je eine hatten, bilden sie nur das letzte
Rad am Wagen des Imperialismus. Reformen sind nicht mehr möglich: entweder sozialistische Revolution oder Karikatur einer Revolution.

Asien ist ein Kontinent mit einer Reihe von Besonderheiten. Die Befreiungskämpfe gegen eine Kette von europäischen Kolonialmächten brachten als Resultat die Etablierung mehr oder weniger fortschrittlicher Regierungen. Ihre spätere Entwicklung führte in manchen Fällen zu einer Intensivierung der anfänglichen Ziele der nationalen Befreiung und in anderen Fällen zu einem Rückzug auf proimperialistische Positionen. Vom ökonomischen Standpunkt aus haben die Vereinigten Staaten in Asien wenig zu verlieren und viel zu gewinnen. Die dortigen Veränderungen begünstigen die Vereinigten Staaten. Sie kämpfen um die Ablösung anderer neokolonialer Mächte und um neue ökonomische Einflußsphären zu erobern, manchmal direkt, oder auf dem Umweg über Japan. Aber es existieren spezielle politische Bedingungen, vor allem auf der indochinesischen Halbinsel, die Asiens Eigenheiten fundamentale Bedeutung geben und die eine wichtige Rolle in der globalen Militärstrategie des nordamerikanischen Imperialismus spielen, die einen Zaun um China, von Südkorea über Japan, Taiwan, Südvietnam und Thailand gezogen hat.

Diese Doppelsituation, das heißt einmal ein so wichtiges strategisches Interesse wie der militärische Zaun um die Volksrepublik China, und andererseits das Kapitalinteresse, in diese von ihm noch nicht beherrschten Märkte einzudringen, machten Asien zu einem der explosivsten Orte der gegenwärtigen Welt. Darüber kann auch die scheinbare Stabilität außerhalb des vietnamesischen Bereichs nicht hinwegtäuschen. Der Mittlere Osten, der geographisch zu diesem Kontinent gehört, aber seine eigenen Widersprüche hat, ist in höchster Spannung. Man kann nicht voraussehen, wohin dieser kalte Krieg zwischen Israel, von den Imperialisten unterstützt, und den progressiven Ländern dieser Zone fuhren wird. Der Mittlere Osten ist ein weiterer, die Welt bedrohender Vulkan.

Afrika bietet Eigenheiten eines jungfräulichen Gebietes für die neokolonialistische Invasion. (…)

Dennoch läßt die politische und soziale Entwicklung Afrikas eine kontinentale revolutionäre Situation nicht erwarten. Die Befreiungskämpfe gegen die Portugiesen müßten wohl erfolgreich enden, aber Portugal bedeutet nichts in der imperialistischen Namensliste. Die Auseinandersetzungen, die revolutionäre Möglichkeiten enthalten, sind die, die den ganzen imperialistischen Apparat in Schach halten. Dessenungeachtet sollten wir nicht den Kampf um die Befreiung der drei portugiesischen Kolonien und um die Vertiefung ihrer Revolutionen einstellen. Wenn entweder die schwarzen Massen Südafrikas oder Rhodesiens (heute: Simbabwe – die Red.) ihren wirklichen revolutionären Kampf beginnen, oder wenn die verarmten Massen eines Landes sich anschicken, das recht auf ein ehrliches Leben den Händen der regierenden Oligarchien zu entreißen, dann wird in Afrika eine neue Epoche begonnen haben. (…)

In Lateinamerika kämpft man mit der Waffe in der Hand in Guatemala, Kolumbien, Venezuela und Bolivien. Es tauchen schon die ersten Anzeichen des Kampfes in Brasilien auf. Auch andere Zentren des Widerstandes erscheinen kurz und verschwinden schnell wieder. Fast alle Länder des Kontinents sind für einen Kampf reif, der, um siegreich sein zu können, sich nicht mit weniger als der Einsetzung einer Regierung sozialistischen Typs begnügen darf.

In diesem Kontinent wird praktisch nur eine Sprache gesprochen, mit Ausnahme Brasiliens, mit dessen Volk die spanisch sprechenden Völker sich infolge der Ähnlichkeit beider Sprachen verständigen können. Es gibt in diesen Ländern eine so große Identität zwischen den Klassen, daß sie die Solidarität eines ,international-amerikanischen” Typs erreichen, vollkommener als in anderen Kontinenten. Sprache, Sitte, Religion und der gleiche Herr vereinigen sie. Das Ausmaß und die Formen der Ausbeutung sind in ihren Konsequenzen für Ausbeuter und Ausgebeutete in vielen Ländern Amerikas ähnlich. Die Rebellion reift immer schneller heran. (…)

Wir haben seit langer Zeit behauptet, daß der Kampf in Amerika auf Grund ähnlicher Bedingungen in den einzelnen Ländern, wenn es dazu kommt – kontinentale Dimensionen annehmen wird. (…)

Fahnen der Völker

Im Rahmen dieses Kampfes kontinentalen Ausmaßes sind die gegenwärtigen Kämpfe, die in aktiver Form geführt werden, nur Episoden. Die ersten Märtyrer aber sind bereits vorhanden. (…) So werden die Namen des Kommandanten Turcios Lima, des Pfarrers Camilo Tones, der Kommandanten Fabricio Ojeda, Lobaton und Luis de la Puente Uceda herausragende Gestalten in den revolutionären Bewegungen von Guatemala, Kolumbien, Venezuela und Peru sein. Aber die aktive Mobilisierung des Volkes schafft neue Führer: Cesar Montes und Von Sosa erheben die Fahne in Guatemala, Fabio Vasquez und Marulanda tun es in Kolumbien, Douglas Bravo und Americo Martin in Venezuela, im Westen des Landes und in El Bachiller. (…)

Es ist der Weg Vietnams; es ist der Weg, dem Amerika in gleicher Weise folgen muß; die bewaffneten Gruppen müßten sich als lose Koordinationszentren formieren, um die repressive Aufgabe des Yankee-Imperialismus zu erschweren und die eigene Sache zu erleichtern. Amerika ist in der Zeit der jüngsten politischen Befreiungskämpfe der Welt ein vergessener Kontinent gewesen. Es beginnt sich durch die Stimme der Avantgarde seiner Völker, der kubanischen Revolution, mittels der Trikontinentalen Konferenz Gehör zu verschaffen. Es wird eine viel größere Aufgabe zu erfüllen haben: die Schaffung des zweiten oder dritten Vietnam in der Welt.

Man muß endlich berücksichtigen, daß der Imperialismus ein Weltsystem, die letzte Stufe des Kapitalismus, ist. Er muß in einer großen, weltweiten Auseinandersetzung besiegt werden. Das strategische Ziel muß die Zerstörung des Imperialismus sein. Die

Aufgabe, die uns, den Ausgebeuteten und Zurückgebliebenen der Welt, gestellt ist, besteht in der Eliminierung der Ernährungsbasen des Imperialismus. Diese Ernährungsbasen sind unsere unterjochten Völker, aus denen Kapitalien, Rohstoffe, Techniken und billige Arbeitskräfte herausgezogen werden und wohin neue Kapitalien, Instrumente der Beherrschung, Waffen und Güter aller Art exportiert werden. Das alles läßt uns in absolute Abhängigkeit geraten.

Die reale Freiheit der Völker ist also der grundlegende Faktor dieses strategischen Zieles, eine Freiheit, die in den meisten Fällen erst der bewaffnete Kampf bringen wird. Dieser Kampf wird in Amerika fast unabwendbar die Eigenschaft haben, sich in eine sozialistische Revolution zu verwandeln. (…)

Es ist vollkommen richtig, jedes unnütze Opfer zu vermeiden. Deswegen ist es so wichtig, sich über die tatsächlichen Möglichkeiten des abhängigen Amerika, sich in friedlicher Form zu befreien, klarzuwerden, für uns ist die Lösung dieser Frage klar: Es mag sein, daß der jetzige Moment der richtige ist, um den Kampf zu beginnen – oder auch nicht. Wir dürfen uns aber weder der Illusion hingeben, die Freiheit ohne Kampf erreichen zu können, noch haben wir ein Recht darauf. (…)

Der Haß als Faktor des Kampfes

(…) Fassen wir unsere Siegeshoffhungen folgendermaßen zusammen: Vernichtung des Imperialismus durch die Eliminierung seiner mächtigsten Basis, die imperialistische Herrschaft der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die stufenweise Befreiung der Völker, eines nach dem anderen oder gruppenweise, muß als taktische Aufgabe angesehen werden, dadurch wird der Feind zu einem komplizierten Kampf außerhalb seines Terrains gezwungen, und seine Ernährungsbasen, die abhängigen Territorien werden liquidiert. Das bedeutet einen langen Krieg, und wir wiederholen es noch einmal: einen grausamen Krieg. (…) Wir können den ruf der Stunde nicht überhören. Das lehrt uns Vietnam mit seiner permanenten Lektion des Kampfes und des Todes, an deren Ende der Sieg steht. (…)

Und dies alles hat wieder Rückwirkungen in den Vereinigten Staaten selbst, indem es die Folge des Imperialismus erst in vollem Umfang sichtbar macht: den Klassenkampf sogar innerhalb des eigenen Territoriums.

Zwei, drei, viele Vietnams

Wie glänzend und nah wäre die Zukunft, wen zwei, drei, viele Vietnams auf der Oberfläche des Erdballs entstünden, mit ihrer Todesrate und ihren ungeheuren Tragödien, mit ihren alltäglichen Heldentaten, mit ihren wiederholten Schlägen gegen den Imperialismus, mit dem Zwang für diesen, seine Kräfte unter dem heftigen Ansturm des zunehmenden Hasses der Völker der Welt zu zersplittern.

Und wenn wir fähig wären, uns zu vereinen, um unsere Schläge fester und gezielter durchführen zu können, wie groß wäre dann die Zukunft und wie nah. Wenn wir auf einem winzigen Punkt der Weltkarte die Aufgabe erfüllen, die wir vertreten, und wenn wir das wenige, was wir opfern können, unser Leben und unser Leiden, für den Kampf hingeben, an einem beliebigen Ort, schon von uns besetzt und mit unserem Blut getränkt, und wenn wir an einem dieser Tage unseren letzten Atemzug tun, so sind wir uns der Tragweite unseres Tuns bewußt und halten uns für nichts anderes als für Menschen in der großen Armee des Proletariats; aber wir sind stolz darauf, von der kubanischen Revolution und von ihren höchsten Chef die große Lehre gelernt zu haben, die aus seiner Haltung zu diesem Erdteil resultiert: Was bedeuten die Gefahren oder Opfer eines Mannes oder eines Volkes, wenn das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel steht.

Unsere ganze Aktion ist eine Kampfansage an den Imperialismus und ein Ruf nach der Einheit der Völker gegen den großen Feind des Menschengeschlechts: die Vereinigten Staaten von Nordamerika. An welchem Ort uns der Tod auch überraschen mag, er sei willkommen, wenn unser Kriegsruf nur aufgenommen wird und eine andere Hand nach unseren Waffen greift und andere Menschen bereit sind, die Totenlieder mit Maschinengewehrsalven und neuen Kriegsund Siegesrufen anzustimmen.


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