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Kirche in Lateinamerika und das Jahr 1968

Autor:  |  Frühjahr 1998

Das Jahrzehnt zwischen der Ankündigung des Vatikanischen Konzils von 1959 und der II. Lateinamerikanischen Bischofskonferenz von Medellin (1968) zählt wohl zu den bewegendsten der lateinamerikanischen Kirchengeschichte. Das Bestreben des Konzils (1962-65) war es – so Papst Paul VI -, die „Kirche des 20. Jahrhunderts besser zu befähigen, das Evangelium der Menschheit des 20. Jahrhunderts zu verkünden”. Und in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes („Über die Kirche in der Welt von heute”) heißt es, Aufgabe des Menschengeschlechts sei es, „eine politische, soziale und wirtschaftliche Ordnung zu schaffen, die immer besser im Dienst des Menschen steht und die dem Einzelnen wie den Gruppen dazu hilft, die ihnen eigene Würde zu behaupten und zu entfalten”. An diesem Konzil, das neue Akzente und Maßstäbe für die Katholische Kirche weltweit setzte, nahmen auch 601 Bischöfe aus Lateinamerika teil, was einem Anteil von immerhin 22,3 % entsprach. Am Ende des Konzils gab es bereits in ganz Lateinamerika Bewegungen, die das Anliegen des Konzils umzusetzen suchten. Die einschneidenden Veränderungen, die das Konzil mit sich brachte, wurden von päpstlichen Enzykliken begleitet. Hierzu zählen die Sendschreiben Mater et Magistra (1961) und Pacem in terris (1993) von Johannes XXIII. Die Abkehr von offenem Antikommunismus, der Aufruf zu Frieden, Abrüstung und Beendigung des Kalten Krieges sowie die Verurteilung von Atomwaffen waren Kernpunkte der päpstlichen Botschaften. Den Problemen speziell der Dritten Welt widmete sich die Enzyklika „Populorum progressio” (1967) von Papst Paul VI., in der die Weltöffentlichkeit eine Zäsur in der Geschichte der Katholischen Kirche sah. Kurz nach dem Erscheinen der Enzyklika schrieb der Kölner Express: „Der Appell Pauls VI. gegen Hunger, Armut und soziale Ungerechtigkeit wird viele Mächtige dieser Welt schockieren: Sein Urteil über die Übel und Ungerechtigkeiten der kapitalistischen Wirtschaftsform ist hart, sein Programm zur Beseitigung dieser ‘zum Himmel schreienden Zustände’ ist revolutionär.” Die Stuttgarter Zeitung nannte die Enzyklika einen „Gipfel päpstlicher Linkspolitik”, und die Frankfurter Rundschau meinte, das Sendschreiben lese sich „stellenweise wie das Kommunistische Manifest von Marx und Engels”.

Weshalb kam es zu derartigen Urteilen? Das päpstliche Schreiben stellte nicht nur fest, daß Eigentum auch dem Gemeinwohl zu dienen habe, sondern daß jeder sogar das Recht habe, in der Welt zu finden, was er für den eigenen Gebrauch benötige, und daß alle Rechte – auch das auf Eigentum – diesem Grundsatz unterzuordnen seien. Der Kapitalismus als Gesellschaftsordnung sei -neben vielen Errungenschaften – Urheber unerhörter Leiden und Ungerechtigkeiten. Für die Völker insbesondere der Dritten Welt war vor allem Abschnitt 31 von eminenter Bedeutung. Der Papst sprach darin den um Freiheit und Menschenwürde ringenden Völkern das Recht zu, „im Falle der eindeutigen und lang dauernden Gewaltherrschaft, die die Grundrechte der Person schwer verletzt und dem Gemeinwohl des Landes gefährlich schadet”, gewaltsame Veränderungen herbeizuführen. Der sozialdemokratische Vorwärts zitierte im Zusammenhang mit der Enzyklika Pater Mario von Galli, der sagte: „Die Kirche hätte die Arbeiterschaft nie verloren, wäre sie ein Jahrhundert früher mit solchen Tönen hervorgetreten. Und die Argumente des Kommunismus gegen die Religion wären nichts als Polemik gewesen.”

Parallel zu den Vorbereitungen auf das II. Vatikanische Konzil begann der Lateinamerikanische Bischofsrat (CELAM), sich Problemen der gesellschaftlichen Entwicklung zuzuwenden. Die Reformbewegung wurde von Bischöfen wie Manuel Larrain (Präsident aus Chile), Kardinal Raul Suva Enriquez (Erzbischof von Santiago de Chile), Kardinal Juan Landazuri Ricketts (Erzbischof von Lima), Bischof Luis Chavez y Gonzalez (Erzbischof von San Salvador) und später auch von Kardinal Helder Camara (Erzbischof von Recife und Olinda) geleitet. Zugleich gab es bereits innerkirchliche Kräfte, deren Konzepte über die des desarrollismo hinausgingen und die eine „auf die Anerkennung des Menschen durch den Menschen” gegründete Gesellschaft forderten, wie es in einer Studie zum II. Vaticanum heißt, die 1963 von Gustavo Gutiérrez, José Comblin u.a. vorgelegt wurde. Zahlreiche auf gesellschaftliche und innerkirchliche Veränderungen ausgerichtete Bewegungen und Gruppen entstanden in dieser Zeit: Priester für die Dritte Welt in Argentinien (1965), Golconda in Kolumbien (1968), Nationales Büro für Soziale Information – ONIS – in Peru (1968) und andere. Für die Geistlichen in diesen Gruppen stellte sich das Problem der weiteren Evangelisierung Lateinamerikas in Verbindung mit der Unabdingbarkeit einer sozialen und politischen Umgestaltung.

Inspiriert von der Kubanischen Revolution 1959 und in Anlehnung an Abschnitt 31 der Enzyklika Populorum progressio gab es auch Geistliche, die gesellschaftliche Umwälzungen in den Reihen bewaffneter Organisationen herbeizuführen suchten. Zu ihnen gehörten u.a. der kolumbianische Priester Camilo Torres Restrepo, der 1966 in die Guerilla ging und der Arbeiterpriester Juan Carlos Zaffaroni (Uruguay), der sich 1968 den Tupamaros anschloß. Der 1929 als Sohn eines Arztes geborene Torres hatte nach seiner Priesterweihe 1954 im belgischen Louvain studiert, wo er nicht nur mit den aktuellen Gesellschaftstheorien vertraut wurde, sondern auch zahlreiche europäische Länder kennenlernte. Zurückgekehrt nach Kolumbien (1960) geriet Torres als Studentenkaplan, der sich mit streikenden und gemaßregelten Studenten der Nationaluniversität solidarisierte, schnell in die politischen Auseinandersetzungen seines Landes. Dabei gelangte er zu der Auffassung, daß nur mittels einer Machtübernahme durch das geeinte Volk die soziale Situation veränderbar sei. Am 17. März 1965 veröffentlichte Torres seine Plattform einer Bewegung der Volkseinheit, in der es heißt: „Diejenigen, die heute die wirkliche Macht im Lande ausüben, sind ökonomisch eine Minderheit, bestimmen jedoch alle grundlegenden Entscheidungen der nationalen Politik. Diese Minderheit wird niemals Entscheidungen fällen, die ihre eigenen Interessen beeinträchtigen… Diese Umstände machen einen Wandel der politischen Machtstruktur unumgänglich, damit die organisierten Massen die Entscheidungen fällen können.”

Daraufhin wurde Torres aus seinen kirchlichen Ämtern entlassen und legte, nach massivem Druck auf ihn, sein Priesteramt nieder: „In der augenblicklichen Struktur der Kirche wurde es mir unmöglich gemacht, das Priesteramt in seiner äußeren Form weiter auszuüben…. ich glaube, daß meine Pflicht, das Gebot der Nächstenliebe…, mich zu diesem Opfer zwingt.” Sein Aufruf, eine Organisation der Volkseinheit zu schaffen, fand ein breites Echo. Im Juni 1965 verbot der Erzbischof von Bogota jedoch allen Katholiken, den irrigen und schändlichen Lehren Torres’ zu folgen. Torres war in mancher Hinsicht weitblickender als die Mehrzahl linker politischer Führungskräfte, denn er hatte die Unumgänglichkeit der Einheit aller Organisationen des Volkes erkannt, um eine Volksregierung errichten und eine gerechte Gesellschaft aufbauen zu können. Enttäuscht von der mangelnden Unterstützung durch die traditionellen Linkskräfte seines Landes und deren ständigem Kleinkrieg untereinander, sowie getrieben von der Sehnsucht nach schnellen und radikalen Veränderungen der Verhältnisse schloß sich Torres der kolumbianischen Guerilla an, bei der er in seinem ersten Gefecht am 15.02.1966 fiel. Sein Tod löste in Lateinamerika die Bewegung des Camilismo aus.

Im Februar 1968 fand das erste Lateinamerikanische Treffen „ Camilo Torres ” in Montevideo (Uruguay) statt, auf dem unter dem Motto „Die Pflicht eines jeden Christen ist es, ein Revolutionär zu sein. Die Pflicht eines jeden Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen” diskutiert wurde. In den Positionen und Aktionen der camilistas gab es jedoch elitäre linksradikale Züge. Das Volk wurde als leidende Masse betrachtet, welcher mit allen Mitteln – einschließlich des bewaffneten Kampfes – unverzüglich geholfen werden müsse. So blieb es eine kleine Minderheit, die zu diesem Zeitpunkt den Weg in die Guerilla fand – sie bezahlte es mehrheitlich mit dem Leben. Dennoch blieb der Aufruf von Camilo Torres zur Einheit aller nach Veränderung strebenden Kräfte nicht ungehört. Im Dezember 1968 riefen annähernd 50 Priester der Golconda-Gruppe zur Einheit auf, sowie dazu, „die Errichtung einer Gesellschaftsorganisation sozialistischen Typs zu erreichen, die die Abschaffung aller Formen der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen gestattet, und die eine Antwort auf die historischen Entwicklungstendenzen unserer Zeit sowie auf die Eigenheiten des kolumbianischen Menschen gibt”.

Ende der 60er Jahre erlebte die kontinentale Bewegung Kirche und Gesellschaft in Lateinamerika (ISAL), die 1961 von verschiedenen Vertretern protestantischer Kirchen gegründet wurde, ihren Höhepunkt. Insbesondere in Argentinien, Bolivien und Uruguay entstanden bedeutende ISAL-Zentren. Mit ihrer Zeitschrift Cristianismo y Sociedad leistete ISAL einen wichtigen Beitrag zur Herausbildung und Entwicklung der Theologie der Befreiung. Viele Mitglieder von ISAL kamen schnell in Kontakt mit katholischen Befreiungstheologen, aber zugleich in eine wachsende Isolierung innerhalb der eigenen Kirchen. ISAL hatte jedoch im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) eine feste Rückenstütze. In dieser Atmosphäre der Suche nach theologischer Erneuerung fand die II. Allgemeine Konferenz der Bischöfe Lateinamerikas statt: vom 24. August bis zum 6. September 1968. Papst Paul VI. steckte den Rahmen für die Konferenz ab: er orientierte auf den „Frieden zwischen den sozialen Klassen in Gerechtigkeit und Zusammenarbeit”, er warnte vor der Gefahr des Eindringens einer säkularisierten Philosophie sowie des Marxismus in die Kirche. Konkretisiert wurde das päpstliche Anliegen durch Kardinal Landazuri Rickets: „Wir alle stimmen hinsichtlich der Notwendigkeit tiefgreifender und schneller Umgestaltungen überein. Die Alternative besteht in der Art und Weise, mit der eine derart dringliche Aufgabe verwirklicht werden muß. … ‘Noch’ sind wir in der Lage, den Kontinent zu retten, wenn wir uns an den Rhythmus der… gegenwärtigen Entwicklung anpassen. Es ist ein ‘Noch’, das Sorge bereitet.” Im Abschlußdokument heißt es daher: „Wir stehen an der Schwelle einer neuen historischen Epoche unseres Kontinents, die erfüllt ist vom Streben nach totaler Emanzipation, Befreiung aus aller Knechtschaft, persönlicher Reifung und kollektiver Integration.” Und an anderer Stelle: „Die lateinamerikanische Unterentwicklung ist eine ungerechte Situation… Wenn wir von einer Situation der Ungerechtigkeit sprechen, beziehen wir uns auf jene Realitäten, die eine Zustand der Sünde ausdrücken.” Die bestehenden Verhältnisse wurden als „institutionalisierte Gewalt” gekennzeichnet. Alle Katholiken wurden aufgefordert, „kühn und mutig dem Egoismus und der persönlichen und kollektiven Ungerechtigkeit entgegenzutreten”. An die Herrschenden erging der Hinweis, daß die friedliche Zukunft des Kontinents von ihrer Reaktion auf die Entwicklungen, insbesondere die erforderlichen Reformen, abhängig sei. An die Beherrschten erging der Aufruf, eigene Organisationen zu gründen: „Die Gerechtigkeit und … den Frieden erobert man mittels… Bewußtseinsbildung und Organisierung der Volkssektoren, welche imstande sind,… Einfluß auf die öffentlichen Mächte auszuüben, die ohne die Unterstützung des Volkes in ihren … Projekten vielfach machtlos sind.” Als Alternative zu Kapitalismus und Sozialismus wurde eine „wahrhaft menschliche Ökonomie” vorgeschlagen, in der der Betrieb nicht mit den Kapitalisten, sondern der Gesamtheit seiner Angehörigen zu identifizieren sei.

Zu den Kernfragen in Medellin zählte die Re-Evangelisierung der lateinamerikanischen Völker sowie die enge Verbindung zwischen Kirche und Volk, insbesondere mit den Armen. Die in den 60er Jahren entstandenen Kirchlichen Basisgemeinden (CEB) wurden anerkannt und ihr weiterer Ausbau gefordert. Ebenso wurde die Teilnahme von Katholiken an neu entstandenen sozialen und politischen Bewegungen anerkannt, bis hin zur Übernahme der Leitung derartiger Gruppen. Geistliche jedoch sollten sich des Engagements in weltlichen Angelegenheiten enthalten. Um diese neue Linie gab es auf der Konferenz in Medellin heftige Auseinandersetzungen. Angesichts der Entwicklungen im eigenen Land kam insbesondere aus Kolumbien starker Widerstand; die Geistlichen aus diesem Lande befürchteten eine Ausbreitung linker Priesterbewegungen, wie sie sich nach dem Tod von Camilo Torres abzeichnete.

Die Dokumente von Medellin tragen den unterschiedlichen Meinungen und Richtungen Rechnung. Sie sprachen von unterschiedlichen Formen gesellschaftlicher Veränderungen und räumten ein, daß es in kontinentalem Rahmen Pluralismus in den pastoralen Konzeptionen geben müsse. In engem Zusammenhang mit der Entwicklung sozialer und politischer Basisbewegungen wurde nach der Konferenz an der theologischen Begründung der Linie von Medellin gearbeitet. Hierzu wurde auf kontinentaler Ebene Austausch und Verständigung gesucht. Die zahlreichen Stellungnahmen und Erklärungen unterschiedlichster Kräfte waren ein Ausdruck der Suche lateinamerikanischer Christen nach einer gesellschaftlichen Alternative sowie theoretischen Orientierung. Nicht nur auf institutioneller Ebene sondern vor allem in den Köpfen von Laien, Priestern und Bischöfen vollzogen sich Veränderungen tiefgreifender Art. Eine neue theologische Strömung tauchte auf und erlangte schnell größeren Einfluß: die Theologie der Befreiung. Nach Medellin wurde die Befreiungstheologie als eine neue Art, Theologie zu betreiben, systematisch entwickelt. Gustavo Gutierrez, der 1971 der neuen Richtung den Namen gab, meinte: „Theologie als kritische Reflexion auf die historische Praxis ist … eine Theologie der befreienden Veränderung von Geschichte und Menschheit und deshalb auch der Umgestaltung jenes Teils der Menschheit, der sich offen zu Christus bekennt.” Die Tragweite der Auseinandersetzungen innerhalb der katholischen Kirche Lateinamerikas an der Wende zu den 70er Jahren machte insbesondere ein Dokument deutlich: die Erklärung der peruanischen Bischöfe für die Internationale Bischofssynode in Rom 1971. Erstmals trat eine nationale Bischofskonferenz in ihrer Gesamtheit für eine „sozialistische Gesellschaft mit einem humanistischen und christlichen Inhalt” ein.

Beflügelt von den Erfolgen der demokratischen Regierung von Salvador Allende in Chile 1970-73 begannen Christen, sich immer stärker auf den Sozialismus zu orientieren. Im April 1972 kam es zur Gründung der kontinentalen Bewegung Christen für den Sozialismus in Santiago de Chile. Im Schlußdokument der Gründungsveranstaltung wird auf die Schaffung eines „strategischen Bündnisses von revolutionären Christen und Marxisten im Befreiungskampf des Kontinents” orientiert. Die über 430 Teilnehmer/innen aus 26 lateinamerikanischen Ländern bekannten sich zu einer sozialistischen Gesellschaft. Dennoch blieb das Eintreten für den Sozialismus auf kontinentaler Ebene eher eine Ausnahme. In der überwiegenden Mehrheit vollzogen Christen, die für gesellschaftliche Veränderungen eintraten, diesen Schritt nicht mit. Die Radikalisierung von Teilen des Klerus beschleunigte zugleich den Bruch mit reform- orientierten Kräften inner- und außerhalb der Kirchen. Im April 1973 sprach die chilenische Bischofskonferenz ein offizielles Verbot aus, an der Bewegung Christen für den Sozialismus teilzunehmen. Dennoch konnte sich diese Bewegung auf internationaler Ebene festigen.

Mit der Machtergreifung rechtsautoritärer Militärregimes in einigen Ländern Lateinamerikas Anfang der 70er Jahre veränderten sich Bedingungen und Aufgaben der neuen kirchlichen Strömungen und Bewegungen radikal. An erste Stelle rückte nun der Kampf gegen Repression und beschleunigte Verarmung breiter Schichten des Volkes. Als neue Ziele stellten sich die Wiedererringung demokratischer Verhältnisse und die Einhaltung von Menschenrechten. Folglich veränderten sich auch die politischen Relationen innerhalb der lateinamerikanischen Kirche. In den Auseinandersetzungen der 70er Jahre ging es nicht nur um die Umsetzung der Beschlüsse von Medellin unter neuen Bedingungen, sondern es änderte sich die gesamte theologische Situation. Hatte das II. Vatikanische Konzil zur Öffnung zur Welt beigetragen und damit zahlreichen neuartigen Bewegungen den Weg zu offener Aktivität geebnet, so führten die Konsequenzen dieser Entwicklung dazu, daß der Vatikan zunehmend vor den Folgen einer Politisierung und Ideologisierung der Theologie warnte. Der Lateinamerikanische Bischofsrat CELAM beschloß bereits im November 1972 die Schließung dreier Pastoralinstitute, um neue mit anderem Personal zu errichten. Reform- orientierte Bischöfe wurden weitgehend aus den Leitungsgremien des CELAM gedrängt. Die Befreiungstheologie geriet zunehmend unter Beschüß.

Die innerkirchlichen Entwicklungen der 60er Jahre haben trotz manchen Rückschlages für bestimmte Strömungen und/oder einzelne Theologen und Priester eine Tragweite bis in die Gegenwart erlangt. Kirchliche Basisgemeinden und die Theologie der Befreiung sind, neben vielen anderen Anregungen, aus dem heutigen Bild der lateinamerikanischen Kirche nicht mehr wegzudenken. Ebenso haben die Errungenschaften der 60er Jahre die Grundlagen dafür gelegt, daß kirchliche Kräfte in den Zeiten des Kampfes um Demokratie teilweise zum einzigen Zufluchtsort und Kritiker autoritärer Regimes wurden, und daß sie in den 80er Jahren die Rolle des Vermittlers spielen konnten. In den bewegten 60er Jahren öffnete sich die lateinamerikanische Kirche – entsprechend den Vorgaben des II. Vatikanischen Konzils – der Welt, und dies ermöglichte ihr eine bis heute breit anerkannte Existenz.

Quellen:

Begegnung. Zeitschrift für Katholiken in Kirche und Gesellschaft, Berlin 27(1987)
CELAM: La Iglesia en la actual transformacion de America Latina a la luz del Concilio. Segunda Conferencia General del Episcopado Latinoame-ricano, Bogota 1968, Bd. 1: 269 S., Bd. 2.

Dessau, Adalbert: Geistige Prozesse in der katholischen Kirche. In: Politisch-ideologische Strömungen in Lateinamerika. Historische Traditionen und aktuelle Bedeutung, Berlin 1987, S.523-566

Gutierrez, Gustavo: Theologie der Befreiung, München/ Mainz 1973

Maldonado, Oscar (Ed.): Camilo Torres. Cristianismo y Revolucion, Mexico 1970

Primer encuentro latinoamericano de cristianos por el socialismo. Documento. In: Mensaje, Santiago de Chile 1972, Nr. 209

Signos de Liberacion. Testimonios de la Iglesia en America Latina 1969-1973, Lima 1973.

Signos de Renovacion. Testimonios de la Iglesia en America Latina 1964-1968, Lima 1969

Vaticanum Secundum, Band IV/ I: Die vierte Konzilsperiode. Dokumente, Leipzig 1968.


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