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1968 – Lateinamerikanische Chronik

Autor:  |  Frühjahr 1998

März/April, Kuba

Die Regierung ergreift eine Reihe von Maßnahmen zur Beseitigung der Reste des privaten Sektors in der Wirtschaft und ordnet eine völlige Vergesellschaftung der privaten Kleinbetriebe des Handwerks, des Handels und des Dienstleistungssektors an. Die Nationalisierung von mehr als 55. 000 Kleinbetrieben erfolgt im ganzen Land innerhalb weniger Wochen.

21. Juli, Bolivien

Innenminister Antonio Arguedas flieht nach Chile, wo er eine befristete Aufenthaltsgenehmigung erhält. Arguedas erklärt, er sei Marxist und Freund der kubanischen Revolution und habe seinerzeit eine Kopie des Tagebuchs von Ernesto Che Guevara, der 1967 in Bolivien als Guerillaführer gefallen war, Fidel Castro zugeleitet. Beim Bekanntwerden der Nachricht kommt es zu schweren Unruhen in La Paz. Am gleichen Tag wird der bisherige Polizeichef Oberst Juan Perez Tapia zum neuen Innenminister ernannt, um die wachsende Opposition gegen die Regierung zu unterdrücken.

Ende August, Guatemala

Der USA-Botschafter wird von Guerilleros erschossen. Die Regierung verhängt daraufhin erneut den Belagerungszustand.

26. August – 6. September, Lateinamerikanische Bischofskonferenz

In Medellin (Kolumbien) findet die 2. Allgemeine Konferenz des Lateinamerikanischen Bischofsrats statt, die die Haltung der Katholischen Kirche zu den aktuellen Problemen Lateinamerikas neu definiert. Die Mehrheit der Bischöfe entscheidet sich für Reformen, um künftigen Revolutionen und dem bewaffneten Widerstand (violencia) den Boden zu entziehen. Als Prototyp werden die Reformen der chilenischen Christdemokraten angesehen. Das Dokument wendet sich gegen den äußeren und „inneren” Kolonialismus, gegen die soziale Ungerechtigkeit, gegen die Privilegien der Reichen, plädiert für größeres Mitspracherecht der Arbeiter in den Betrieben, für gerechtere Verteilung der Einkommen, gegen tyrannische Diktaturen, Bestechlichkeit, Trägheit, Gleichgültigkeit, Hunger, Unwissenheit und die hohe Kindersterblichkeit. Die Katholische Kirche versucht dadurch, ihre Positionen in Lateinamerika zu stärken und eine Alternative gegenüber der revolutionären Bewegung zu schaffen.

18. – 21. September, Mexiko

Bei Straßenkämpfen in Mexiko-Stadt sind nach unvollständigen Meldungen etwa 30 Tote zu beklagen. Zum weiteren Verlauf der Ereignisse siehe den Artikel von Dirk Pesara in dieser Nummer.

3. Oktober, Peru

Präsident Beluande Terry wird durch einen Militärputsch gestürzt. Ein Revolutionsrat ernennt General Juan Velasco Alvarado zum neuen Präsidenten. Die weiteren Details sind in dem Artikel von Alfonso Jaramillo dieser Ausgabe nachzulesen.

11./12. Oktober, Panama

Präsident Arias wird durch meuternde Offiziere der Nationalgarde gestürzt und flieht mit einigen Ministern in die Panamakanalzone. Die Putschisten nehmen zahlreiche Verhaftungen vor und besetzen alle wichtigen strategischen Punkte, Regierungsgebäude und den Rundfunksender. Die USA brechen zunächst die diplomatischen Beziehungen zu Panama ab, um nach außen hin zu dokumentieren, daß sie mit dem Umsturz nichts zu tun haben. Oberstleutnant Omar Torrijos, einer der Führer der Rebellion, gibt der Bildung einer Militärjunta unter der Leitung der Obersten Bolivar Urrutia und Jose Maria Pinilla bekannt.

13./14. Dezember, Brasilien

Costa e Silva verübt de facto einen Staatsstreich, in dem er in der Nacht zum 14.12. das Parlament „beurlaubt”, die verfassungsmäßigen Rechte des Kongresses außer Kraft setzt und ankündigt, fortan auf dem Verordnungswege regieren zu wollen. Gleichzeitig mit der Verkündung des „Notstandes” kommt es in allen Teilen des Landes zu zahlreichen Verhaftungen. Die Armee wird in Alarmbereitschaft versetzt und besetzt strategisch wichtige Punkte in den großen Städten. Entsprechend den „Sondervollmachten” kann der Präsident die politischen Rechte aller oppositionellen Politiker für zehn Jahre außer Kraft setzen, gewählten Abgeordneten des Kongresses und der Bundesstaatsparlamente das Mandat entziehen und in die Angelegenheiten der Bundesstaaten intervenieren.


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