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Die Pflichten Lateinamerikas

Autor:  |  Herbst 1997

Jorge Luis Borges behauptete einmal, mit seinem klassischen Humor, einer Mischung aus Klarheit und Paradoxien, daß wir Lateinamerikaner die einzigen wirklichen Europäer wären. Wir, die Europa als eine Einheit ansehen und uns als deren Erben fühlen, während sich in Europa niemand europäisch fühlt, höchstens spanisch oder französisch, schwedisch oder deutsch. Wir könnten noch hinzufugen, daß sich fast niemand spanisch fühlt, sondern katalanisch, baskisch oder gallizisch. Die Serben glauben nicht nur, daß sie einer anderen Rasse angehörten als die Kroaten, sondern sind sogar überzeugt, von einem anderen Planeten zu stammen. In Italien, einem Land, das einst aus zahlreichen Republiken zusammengesetzt wurde, wimmelt es nur so von Dialekten; und Ire zu sein bedeutet, selbstverständlich, kein Engländer zu sein. Unser Amerika hat daran festgehalten, die kastellanische Sprache, die ein Beitrag eines der vielen Bestandteile unserer komplizierten rassischen und kulturellen Mischung war, ohne Dialekte zu gebrauchen, so daß jemand aus Cuernavaca oder Tegucigalpa sich im Cafe mit einem anderen aus Colón, Caracas, Cali oder Valparaiso verständigen könnte und auch nur leichte Probleme hätte sich mit einem Spanier, dessen Defekt ein Mangel an Universalität ist, was die Einstellung betrifft und nicht die Information, zu unterhalten.

Die Wahrheit ist, daß wir Europäer sind, aber zum Glück sind wir auch viel mehr als Europäer. Wenn man die Ordnung betrachtet, die Europa konstruiert und auf diesem Planeten verbreitete, diese Ordnung, die von der nordamerikanischen Gesellschaft noch auf die Spitze getrieben wurde, erscheinen mir all die legendären Tugenden Europas fragwürdig. Aus der europäischen Intelligenz ist der Rationalismus erwachsen, aus der Disziplin der Totalitarismus. Aus dem Patriotismus, vorgestern die römische Vorherrschaft, gestern die Barbarei der Nazis und heute die serbokroatische Barbarei. Aus dem Fleiß, die verschwenderischen Warenlager der Industrie, aus dem Wissen die nuklearen Arsenale. Aus dem Glauben der Prager Fenstersturz, der Dreißigjährige Krieg und die Heilige Inquisition. Aus der Fähigkeit zur Vorsicht, die bedrohliche Ansammlung von Polizeistaaten, manipulativen Korporationen, genetischen Datenbanken, nicht handhabbaren todbringenden Mülls und hilflosen Menschen, die heute die Erde bedrohen.

Was für eine Ungerechtigkeit für die europäischen Künste, die europäische Philosophie, die reiche europäische Phantasie, was für eine Blasphemie gegen den göttlichen Plato, gegen den universalen Leonardo, gegen den harmonischen Paladio, gegen das sublime Genie Mozarts, gegen Kant, gegen Nietzsche, gegen Ludwig von Bayern, zu behaupten, daß die hervorragendste und ruhmreichste kulturelle Tradition der Erde fragwürdig wäre. Was wäre aus dieser Welt geworden, werden sie uns sagen, ohne die griechische Philosophie, ohne das Christentum, ohne den Klang des Minnesangs, ohne die Göttliche Komödie, ohne die Seufzer Romeos, ohne die vorletzte Sonate für Cello und Klavier von Ludwig van Beethoven, ohne den Philosophen in Gedanken von Rembrandt, ohne die Geigen von Brahms, ohne den Kölner Dom, ohne Louis Pasteur, ohne die übermenschlichen Labyrinthe der Musik von James Joyce? Ich habe diese Liste, einiger der unzählbaren Dinge Europas, die wie Borges sagen würde, „meine Brust mit Verehrung erfüllen”, erstellt und es drängt mich festzustellen, daß ich ehrlich glaube, daß die Welt ohne sie ärmer wäre, hoffnungsloser und trauriger. Aber es drängt mich auch, zu erklären, daß diese kulturelle Vortrefflichkeit nicht ausschließlich europäisch ist. Der Eurozentrismus der westlichen Zivilisation, hat dazu geführt, daß wir die Kreationen dieser Region der Welt immer ausschließlich aber nie ausreichend würdigen und uns einer erstaunlichen Knechtschaft unterwerfen. Europa ist groß und schön und talentiert, aber nicht in höherem Maße als der Rest der Welt, und wenn es das scheinbar einmal war, dann nicht aufgrund einer kreativen Hypertrophie Europas, begleitet von einer umfassenden Unfruchtbarkeit der restlichen Welt. Es existieren andere Gründe, die es wert sind, untersucht zu werden, wenn wir wollen, daß diese Welt gerettet wird und mit ihr die exquisiten Rosen aus Kristall, Stein und Musik, die unsere verehrungswürdigen Verwandten in Europa geschaffen haben.

Einer der großen Vorzüge des 20. Jahrhunderts ist es, uns beigebracht zu haben, das andere mit Respekt zu betrachten. Nationalistische Barbareien charakterisieren sich immer durch den Stolz heidnischer Götter und die simultane Blindheit für alle fremden Vorzüge. Schließlich erschien immer nur das Eigene oder Ähnliche schön und perfekt. Das ist verwunderlich, da der Mensch, aufgrund seiner Eigenschaften, immer das Externe und Andere zu benötigen schien. Ein Teil der Jahrtausende langen Geschichte Europas muß noch geschrieben werden, und ihn werden keine europäischen Historiker schreiben. Ich wage zu denken, daß in dieser Geschichte Aimé Bonpland bedeutender sein wird als Napoleon Bonaparte und der Baron Alexander von Humboldt wichtiger als Professor Jörg Friedrich Wilhelm Hegel, herausragender Herold der europäischen Hegemonie und Götzendiener des Fortschritts.

Doch mit welchem Recht kann eine einzige kulturelle Tradition, so prächtig und parfümiert sie auch sein mag, den Platz der einzigen Sprache und des einzigen Wegs, auf einem so großen und reichen Planeten einnehmen? Erinnern all diese stillschweigenden oder ausdrücklichen Auferlegungen nicht an den mißbräuchlichen Anspruch der römischen Kirche, die einzige Zuflucht der Seele zu sein, das sichere Schiff außerhalb dessen es keine Rettung gäbe. Dieses tribale Laster alles andere auszuschließen oder geringzuschätzen ist sehr menschlich, jedoch hat es niemand so auf die Spitze getrieben wie Europa. Seinetwegen gab es punische und medische, oktavianische und byzantinische, karolingische und normannische Kriege. Seinetwegen gab es Feldzüge gegen Albigensen und Dolcinisten, wurden die Kinder der Kreuzfahrer zu Waisen und ließen später ihre Kinder als Waisen zurück. Doch ein von Aberglauben halbwegs freier Blick kann den unbesehenen kulturelle Reichtum der Erde bestätigen. Es ist notwendig – in Wahrheit ist es eine Frage von Leben und Tod – daß die unendlichen Traditionen zusammenleben und sich gegenseitig bereichern können, ohne daß die blutrünstigen heidnischen Götzen es schaffen, ihre Ausgrenzungen und Hierarchien durchzusetzen. Dafür ist es unerläßlich, zuzugeben, daß in Dingen der Kunst, des Denkens, der Sensibilität und des Schaffens ohne kommerzielle Interessen, es weder Fortschritt, noch Hierarchien, noch mögliche Vorherrschaften gibt. Das unerschöpfliche Genie Shakespeares übertrifft weder Basho noch Tausend und eine Nacht. Die Hand Dürers ist dieselbe wie die der Höhlenmaler von Altamira. Die Musik der Cunas und das Manatial Wolfgang Amadeus Mozarts sind verwandte Klänge, die sich über die Geheimnisse des menschlichen Lebens erheben und es bereichern.

Unser Dasein als Kolonien führte dazu, daß für uns lange Zeit die europäische Kultur die einzige war, die diesen Namen verdiente, die europäischen Künste die einzigen Künste und die Proportionen des Apollo von Olympia und die marmornen Abbilder der Aspasia und der Friné der einzige Kanon der Schönheit. Aber es führte auch dazu, daß die französischen Gärten, die europäische Vegetation, seine Flüsse, Seen und seine besondere Idee von Wäldern, zum höchsten Modell der Natur wurden.

Natürlich haben wir die Sprache geerbt, Sprache ist Tradition, und sicher stimmt das Universum, das auf unseren Lippen blüht, nicht mit dem Universum überein, das unsere Körper umschließt. Deshalb schrieb Miguel Antonio Caro Hirtengedichte wie Vergil, Olmedo lateinische Heldensagen, webte José Maria Eguren in Peru verlainische Triolets, sah Banchs in Argentinien unmögliche Nachtigallen und sogar Rüben Dario, der Befreier, ließ göttliche Gräfinnen durch Wäldchen von Gautier spazieren.

Die Europäer werden nun sagen, daß das unsere Krankheiten seien, daß sie schon lange nicht mehr durch diese parnasischen Masken atmeten und nicht bestrebt den Kult Europas durchzusetzen. Jedoch haben sie ihre mentale Ordnung der Struktur der westlichen Gesellschaft aufgeprägt, und niemand kann übersehen, daß sich der europäische Stolz nicht mehr mit Kanonen und Bomben durchsetzen muß, nachdem er seine Munition schon in den Körpern der Sioux verbraucht, mit seinen Schwertern die Körper der Azteken aufgeschlitzt, die Karibik zum Pulverfaß gemacht und die Araucanos ausgelöscht hat. Die europäische Vorherrschaft wurde mit Blut und Feuer den Nationen eingebrannt, und der Prozeß der Wiedererlangung unseres Bewußtseins ist sehr langsam.

Die illustren Tugenden auf denen die Moderne errichtet wurde, stützen das hegemonische Bauwerk unserer Zivilisation. Sie schwärmen für die Pflichttugenden der Menschheit und haben dazu geführt, daß selbst Nietzsche unserer Spezies versichert: “Du wirst an deinen Tugenden zugrunde gehen.” Wir sind aufgerufen, andere Tugenden zu finden und uns weniger mit ihnen zu brüsten, wenn wir aus dem lärmenden und blendenden Labyrinth der industriellen Gesellschaft herausfinden wollen, in dessen Biegungen ein allmächtiges Monster lauert, mit Hydra-Körper und elektronischem Gehirn, dessen Name uns noch nicht offenbart wurde.

Hat Rilke nicht gesagt, daß das Schöne nichts anderes ist, als jene Form des Schrecklichen, die wir noch ertragen können? Aber schauen wir uns Mexiko Stadt an, Vorzimmer der unendlichen Stadt, die sich selbst kaum mehr sehen kann. Medellin, belagert von der Gewalt der Ausgestoßenen und nachts von den Schüssen die von Hügel zu Hügel hallen. Caracas, für die Autos geschaffen, Rio, wo im Schutz der Schatten die Kinderjäger ausziehen. So sehen wir überall Arbeitslosigkeit, Armut, Gewalt und Schutzlosigkeit und fühlen daß das Erbe der Zivilisation nicht großzügig mit den Völkern dieser Seite der Welt war. Mit den Reichtümern Amerikas wurde die Hegemonie Europas gefestigt und die Maschinen und Laboratorien zum Funktionieren gebracht. Dank dieser Reichtümer siegte im Westen die Vernunft. Aber all die Tugenden Europas kamen ihrer freundlichen Maske entledigt zu uns. Die katholische Religion, Herz des doppelgesichtigen europäischen Humanismus, zerstörte die einheimischen Götter, entzog unserer grandiosen Natur den Schutz der amerikanischen Mythen und hat vergebens versucht, die Weiten und Abgründe der Illusion einer Gewalt mit menschlichem Antlitz zu unterwerfen. Die Sprache, die erst der Modernismus amerikanisch gemacht hat, hat uns jahrhundertelang über der Realität treiben lassen, ohne in ihr Wurzeln schlagen zu können. Selbst die Künste und Philosophien Europas wurden uns nicht als hohe Beispiele des menschlichen Geistes vorgeführt, sonder als einzige Flußbetten der Kultur. Europa war unser Lehrmeister und unser Führer, aber gleichzeitig auch unser Richter und unser Gewissen. Man mußte in Europa ausstellen, in Europa triumphieren, in Europa berühmt sein, die Gefälligkeit seiner Weisen verdienen, den Nobelpreis gewinnen. Man mußte die Universelle Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte annehmen, die Gewaltenteilung einsetzen, das allgemeine Wahlrecht einführen, europäisch denken, europäisch fühlen, nichts erfinden. Aber hinter der Heiligen Barbara verbarg sich weiterhin die stolze Changó. Trotz der protzigen Normativität, die dazu führte, daß unsere Regierungen die Kunst des Regierens mit dem sinnlosen Hohn des Diktierens von Dekreten verwechseln, ergriffen die Völker den vernünftigen Weg des Pragmatismus. Im Angesicht der unendlichen Schnecke der Bürokratie machten selbst die Funktionäre karnevalesque Schwindel. Aufgrund der Einführung von Modellen, die uns für immer den Stempel des Minderwertigen, Trivialen und Barbarischen aufdrückten, ist es nicht verwunderlich, daß unsere Völker mit Geringschätzung und Unehrerbietigkeit reagierten. Wieso soll ich eine Ordnung verehren, die mich verneint und mir den letzten Platz in der menschlichen Hierarchie zuweist? Wieso soll ich eine Kultur verehren, Künste die mir als Besitz höherer Wesen angeboten werden und durch die man mir das Recht zu urteilen, ja selbst zu fühlen abspricht? „Behandle sie wie Menschen und sie werden Menschen sein”, sagte Goethe.

Ich glaube die Stunde ist gekommen, da wir Lateinamerikaner von unserer Welt Besitz ergreifen sollten. Kennen wir die Namen der Bäume, die uns auf diesem mysteriösen Abenteuer begleiten? Es reicht nicht, glaube ich, sie vor den Plünderungen durch die unersättlichen Industrie zu schützen, es ist notwendig, sie zu kennen und zu lieben. Kennen wir die erstaunliche Vielfalt der Kreaturen, die wie wir, Kinder des Territoriums sind? Sind nicht sinsontes und Gürteltiere, Kröten und Schmetterlinge unsere Verantwortung? Wir wissen schon, daß der Mensch nicht alles zerstören kann, ohne sich selbst zu zerstören. Man muß aber auch wissen, daß der Mensch sich nicht retten kann, ohne alles zu retten. Vielleicht wäre es unsere Aufgabe, die Erklärung der Menschenrechte in eine universelle Erklärung der Rechte der Welt umzuwandeln, da wir Menschen nur eine kleine und gefährliche Fraktion dieser Welt sind.

Wir stehen, wie alle Völker der Gegenwart und Vergangenheit, im Zentrum der Welt, müssen aber erst das Bewußtsein dafür erlangen. Und ich glaube, daß es auch nötig sein wird, Institutionen zu schaffen, die uns ähnlich sind. Vergessen wir die gescheiterte Struktur der nutzlosen Staaten, die alles fordern und nichts geben, die die Herzen, die sich ihnen verschreiben, korrumpieren, die mit Dekreten und Statistiken regieren und nichts fühlen angesichts der Unterwerfung, der Schutzlosigkeit und der Agonie von Millionen von menschlichen Wesen. Im Angesicht der Gefahr des Totalitarismus, sagte Borges, hat vielleicht sogar unser armer Individualismus noch eine Rolle zu spielen. Vereinen sich hier nicht alle Traditionen und alle Rassen, laufen ihn unseren Venen nicht alle Träume und Sehnsüchte der Erde zusammen? Niemand verstand es wie Borges, den Reichtum dieser Grenzsituation zwischen der kulturellen Tradition des Okzidents, die uns natürlich zusteht, der Tradition des gesamten Planeten und den Geheimnissen unseres amerikanischen Daseins, aufzuzeigen. Er verstand auszudrücken, daß der Tod eines Väterchens aus Buenos Aires dem Tod Cäsars gleichkommt. Er verstand uns zu sagen, in Anlehnung an Evaristo Carriego, daß unsere Welt genauso viel wert ist, wie jede andere, historische oder fiktive.

In jeder Ecke Guayaquils oder Valencias, Santiagos oder Managuas, an jedem Ufer des Paraná oder des Orinoco, in jeder Straße von Matanzas oder Lima in jeder Hazienda von Magdalena oder des Chacos, in jeder Hütte in Veracruz in jedem Keller in Buenos Aires befindet sich das Aleph, das Universum. Und durch ihn haben das Geheimnis einer fröhlichen Demut kennengelernt, die Sicherheit, daß jeder, der weiß was er hat und was er unvermeidbar verlieren wird nicht auf die Imposition zurückgreifen muß. Die einzige Größe, die uns möglich ist, ist uns mit der Sache der Welt zu vereinen, fern von jedem armseligen Lokalstolz, und uns nicht in den Paradigmen irgendeiner Vorherrschaft zu erheben. Weder der Reichtum, noch das Wissen oder die Macht und auch nicht die Tradition dürfen dazu dienen, andere auszuschließen oder zum Schweigen zu bringen. Es ist unsere heilige Pflicht, nicht nur die heute so sehr bedrohte Zukunft, sondern all das was schon definitiv erschien, die Vergangenheit, die Toten und die Mythen zu retten. Selbst der kleinsten Weisheit der immer zum Schweigen gebrachten und ausgeschlossenen Völker muß gelauscht werden, als wäre sie die Stimme der Götter. Es genügt, die Lebensnischen der heutigen eingeborenen Völker Lateinamerikas, magisch eins mit der Natur und mit dem Wald und den Steinen befreundet, anzuschauen und mit den formidablen und schrecklichen Bienenstöcke, die unser Stolz errichtet hat, zu vergleichen, um zu verstehen, daß es eine verdrängte Weisheit gibt, einen Schlüssel um die Zukunft zu erfinden. All das wurde nur ignoriert, weil es die Sanftmütigen entdeckt hatten, sie, die weder von Habsucht noch vom Willen zur Dominanz gelenkt wurden, sondern von Herzlichkeit, Respekt, Verehrung. Jene Tugenden, die wie eine bestimmte Person unserer Literatur „nicht auf eine triumphale Art Recht haben wollen”. Es sind, ich wiederhole, Weisheiten der Sanftmütigen, aber trotz der nuklearen Arsenale, der Umweltverschmutzung, der Armeen der Technologie, der Meere von Plastik, trotz der unendlichen Macht, die wie eine stinkende Wolke am Himmel der Zivilisation hängt, hat sich jener Mensch oder Gott, der sagte, daß die Sanftmütigen die Erde erben würden, vielleicht doch nicht ganz geirrt.

Heute ist es eine zwingende Notwendigkeit, das Bewußtsein (wieder-)zuerlangen, daß die Erde größer und reicher ist als uns das uniformierte Gefolge des Kapitals glauben machen möchte. Wiederhergestellt zu ihren wirklichen Proportionen, würde uns die europäische Kultur die Stimmen der anderen Kulturen hören lassen, die Musiken, die sich weigern sich durchzusetzen oder sich mittels elektronischer Verstärker Gehör zu verschaffen, die plastischen Künste, die sich nicht gezwungen sehen, die immer zweifelhaftere Auslese der europäischen und nordamerikanischen Galerien zu durchlaufen, die Literatur die sich nicht mit Hilfe der Werbung und des großen Marktes den Weg bahnen will, die Beispiele des Zusammenlebens zwischen unterschiedlichen Rassen und Traditionen, das Studium der unzählbaren Sprachen und Dialekte der Nationen, Dörfer und Stämme die sich nicht als übergeordnete Sprachen durchsetzten wollen, die Pluralität der Religionen, die Fülle der Mythologien und die fortbestehenden Legenden. Wir müssen unsere Anstrengungen verdoppeln, um nicht in die Gewohnheit der westlichen Tradition zurückzufallen. Eines Tages werden wir uns von dieser intoleranten Welt der Eroberer und Missionare, die Besitzer der Wahrheit sind, weil sie Besitzer des Schwertes sind, und die ihre, zweifelsohne bewundernswerten Erfindungen, als einzige Form des Wahren, Guten und Schönen errichten, verabschiedet haben.

Wir können Europa und seine Erfindungen kritisieren weil wir Europäer sind, aber vor allem weil uns das Schicksal wichtig ist. Auch wir tragen das Erbe tribalen Hasses in uns, aber hier gibt es eine derartige Vielfalt von Rassen und Völkern, von Religionen und Aberglauben, hier ist die Vermischung so groß, in der sich nach fünf Jahrhunderten unser Blut aufgelöst hat, daß dieser Haß kaum weiterleben kann. Wir dürfen nur nicht trunken werden von Stolz und Feindschaft und den anderen verneinen. Die lokalen Kulturen sind eine Verteidigung gegen die ungeschickte Uniformität des Planeten. Auch hier agiert der Dämon des Nationalismus, aber die Verwandtschaft der Traditionen und der Schatz der gemeinsamen Sprache können uns wohl als Gegengift dienen. Die Wahrheit ist, daß wir zwar auf diese kritische und nostalgische Art Europäer sind, aber auch den wachsenden Klang der kontinentalen Brüderlichkeit fühlen, welcher kaum eingeschränkt wird, durch den Formalismus der Regierungen und den Eifer der Armeen, die mit Recht fürchten, daß die Herzlichkeit zwischen den Nationen sie zu dekorativen und unnützen Körperschaften degradieren wird. Der Haß hat immer noch Zufluchtsorte. Aber es ist unsere Pflicht, der Fülle der reichen und mächtigen planetarischen Tradition das hinzuzufügen, was wir besitzen, aber immer noch nicht kennen oder aufgrund des hegemonialen europäischen Denkens noch nicht zu schätzen wußten. Das aktive Europa hat sich nach allen Seiten ausgedehnt, aber wir vermuten, daß es nicht viel sehen konnte, da es exquisite Kunstwerke zu Barren einschmolz oder heilige Gräber plünderte, um seine Museen zu dekorieren, oder Tempel zerstörte, um von ihren göttlichen Reliquien Besitz zu ergreifen, oder steinerne Bäume voller Inschriften und alter Weisheiten, entwurzelte, um sie ins Zentrum von seelenlosen Plätzen zu bringen und damit die Träume und Traditionen, die keine zufälligen Formen menschlicher Erfindung, sondern unerläßliche Geheimnisse des menschlichen Überlebens sind, zum Schweigen brachte. Es ist immer noch wichtig, aufzuzählen was dieser Welt alles genommen wurde, was zum Schweigen gebracht wurde durch, gierige Plünderungen. Die Völker, die sich bis zu ihrem Tod verteidigten, haben einen Schrei hinterlassen, der in den Kehlen der Lebenden wartet. Im Angesicht der tödlichen Wolke, die sich über der Erde ausbreitet, gefüllt mit Wissen, Macht, Technologie, Produkten, Werbung, Spektakeln, die den Menschen unbeweglich machen, unvorstellbaren atomaren Arsenalen, im Angesicht dieser protzigen und bewundernswerten Macht, die das geheiligte verneint und die Natur ausplündert und alles schändet, bleibt uns nur die Macht des Widerstandes, die letzte Zuflucht der Hoffnung: die Macht des Göttlichen, das in der Form von Träumen und Legenden, von Freundschaft und Liebe, von Kunst und Erinnerung, von Perplexität und Dankbarkeit und in den Herzen der menschlichen Wesen überdauert. Diese Macht taucht in keiner Statistik auf und scheint deshalb nicht zu existieren und zählt für die Mächte des Chaos nicht. Aber sie konstruierte die Nationen, erfand die Sprachen und verstand es, das einzig Würde was unsere Lippen und Hände hervorbringen, den respektvollen Gesang von Dankbarkeit und Hoffnung, zu erhöhen, (stark gekürzt)

Übersetzung a. d. Span.: Daniela Vogl *


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