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Kid Bururú und die Kannibalen

Autor:  |  Sommer 1997

Für Sergio Baroni

Mein vierzigster Geburtstag begann wenige Sekunden nach zwölf mit dem eigentümlichen Klick des Kassettenrecorders. Ganz leise, um die Kinder nicht zu wecken, erklang Strawberry Fields Forever und erfüllte das Zimmer, die Bettlaken und alle Winkel, die man in seinem Innern hat.

  • Das ist das erste von meinen Geschenken – sagte Marcelo.
    Früh am Morgen weckte mich ein anderes bekanntes Geräusch. Marcelo plagte sich mit dem Auto ab und versuchte, es zum Laufen zu bringen. Durch das offene Fenster konnte ich vom Bett aus sehen, wie er sich den makellosen Morgenrock mit dem schmutzigen Motorenöl beschmierte. Über dieses entmutigende Bild legte sich das der Kinder, die in künstlicher und komischer Starrheit in der Tür standen und Las mananitas sangen.
  • Die ganze Kompanie aufgestanden, heute fahren wir mit dem Bus – rief Marcelo, während er wie ein Wirbelwind durch den Flur schoß. Er blieb für einen Augenblick stehen und fragte:
  • Ich nehme die Kinder mit, und was wirst du mit dem freien Tag machen?
    Ich zerbrach mir den Kopf darüber.
  • Einen Kannibalenstamm interviewen, eine Ode komponieren, zum Mars reisen – antwortete ich endlich.
    Marcelo neigte mit ungläubiger Miene den Kopf und sagte:
  • Gut, aber komm nicht zu spät zurück.

Als sie weg waren, warf ich die Kippen, die sich in der Nacht im Aschenbecher angesammelt hatten, in den Müll, machte das Bett und zog mir dann einen Pullover und eine Jeans an, die aussahen, als stammten sie mindestens aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Ich sah auf die Straße hinaus. Ich sah eine matte Sonne und ein paar vorbeiziehende Wolken, die träge und sanft wirkten, und so dachte ich kurz nach und beschloß, eine besondere Fahrt zu machen: von oben nach unten, von der Haltestelle bis zum Endpunkt, die gesamte Route des Neunzehner Busses. All die Jahre als Studentin, die erste Liebe, die Besuche bei Großmutter in der Calle Reina, das Filmarchiv, die Ehe mit Enriquito, die Karriere, die Arbeit im Krankenhaus, mein altes Leben bestand daraus, in den Neunzehner Bus ein- und wieder auszusteigen.

Bis zur ersten Haltestelle war es eine gute Fahrt. Ich hatte sie schon öfter gemacht. Buh, heute begleiteten mich zweiundzwanzig Fältchen um die Augen (deutlicher gesagt Krähenfüße), die ich damals noch nicht hatte. Das Inventar wird durch ein paar Pfunde mehr und einige Karies vervollständigt. Doch was mich beunruhigte, war die Kurzatmigkeit. So war die formale Frage Nummer eins, die ich mir stellte, während ich auf den Bus wartete: Wie sehr verändert man sich im Laufe einiger Jahre? Als der Kater Robin starb, dachte ich, mir wäre genau bewußt, an welchem Tag meine Jugend zu Ende war. Ich machte mir schon Gedanken, wie ich den ersten Tag des Alters rechtzeitig erkennen würde.

Auch der Bus hatte sich verändert. Es war jetzt ein blauer Wagen, frisch lackiert und mit glänzenden Kotflügeln. Er sah robust aus, doch ich gestehe, daß ich die anderen lieber hatte, die alten Kisten, die den Eindruck erweckten, als würden sie jeden Moment auseinanderfallen, mit kaputten Scheiben, Löchern in der Decke, aus deren Innern ein furchteinflößender Lärm drang.

Die alten Neunzehner meiner Jugend hatten etwas Lebendiges. Wenn in der Calle Zapata ihr Vorderteil auftauchte, erschien es mir immer wie das vorsichtige Maul eines vorsintflutlichen Ungetüms. Vielleicht sind sie nun auch auf einer Schädelstätte gelandet, nachdem sie sich so lange durch Havanna geplagt haben.

Ich setzte mich in der letzten Reihe ans Fenster auf der rechten Seite. Ich war kurz unschlüssig, doch dann entschied ich mich für die rechte Seite. Man wird bald sehen warum. Das erste, was nach der Haltestelle die Aufmerksamkeit auf sich zieht, sind die Sportstadt und der Brunnen Fuente Luminosa. Sie lagen zur Linken, und so mußte ich den Hals ein wenig recken, um die Jungs in ihren Shorts und blauen Trainingsanzügen sehen zu können, die über die Bahn liefen, und weiter hinten das Pärchen, das verliebt an „Paulinas Bidet” saß. Ich erinnere mich gar nicht mehr, wer wohl Paulina gewesen sein mag, doch ich stelle mir vor, daß sie einen Hintern hatte, der es rechtfertigte, dem Brunnen diesen Spitznamen zu geben. Es war etwa elf Uhr morgens und ich mußte den Wunsch unterdrücken, mir eine Zigarette anzuzünden, der mich bei der ersten Welle von Erinnerungen erfaßte. Vielleicht lag es an der Ruhe und der Frische der Luft, daß ich mich an die Morgenstunden erinnerte, in denen ich mich mit tonnenweise Kaffee, Zigaretten und Butterbroten auf meine Prüfungen vorbereitete. Ich notierte mir im Geiste, daß mein Intellekt nach einer durchgemachten Nacht nicht richtig funktionierte. Noch ein schlechtes Zeichen, sagte ich mir.

Die Fahrgäste auf diesem ersten Streckenabschnitt sind für gewöhnlich sehr ruhig. Ich betrachtete ihre Gesichter und spielte Rätselraten: Sportler, Kranke, die von einer Konsultation in der Chirurgischen Klinik zurückkommen, alte Mütterchen auf ihrem routinemäßigen Gang zum Friedhof. Ob er nun voll ist oder leer, der Neunzehner Bus fährt still vor sich hin, bis er auf den Zoo stößt. Der Park liegt zum Glück zu meiner Rechten, und ich konnte ihn trotz des Zaunes und der dichten Vegetation nach Lust und Laune betrachten. Natürlich kann man den Löwenkäfig von der Straße aus nicht sehen, doch wenn ich Glück habe, kann ich aus dem Verkehrslärm vielleicht ein Brüllen heraushören. Hab dich nicht so, kleiner Löwe, schließlich ist heute mein Geburtstag. Der Bus wurde langsamer und kam schließlich an der Haltestelle des Parks zum Stehen. Erst da konnte ich das unverwechselbar muntere, gefährliche Brüllen hören. Ich ließ mich von ihm ein wenig erschrecken, wie in jener Nacht der Initiation, als ich mit Pavel schlief und die Löwen uns vor Sonnenaufgang weckten.

Ab dort füllte sich der Neunzehner mit Kindern und auch mit der Jugend, die auf dem Weg zur Universität war. Eine Gruppe von fünf oder sechs bemerkte meine ausgeblichene Jeans und lachte verstohlen. In diesem Alter sind die vierzig noch so weit weg! Sie haben wohl über den Aufzug gesprochen, den ich zur Flucht aus dem Altersheim ausgesucht hatte.

Die Strecke bis Nuevo Vedado verging wie im Flug, doch sie war auch erfrischend, die Avenida Sechsundzwanzig zog sich in ihrer ganzen Breite und mit ihren Achterbahnkurven dahin. Einer der Jungen schaltete ein tragbares Radio ein: eine Trompete erklang (oder vielleicht war es auch ein Saxophon), dann die langgezogenen Ohs, bis schließlich Bennys Stimme einsetzt und sagt: Leben, wenn du nur (Pause) das Glück erleben könntest. Fragt er das mich? Dieses kleine Herz ist wohl noch immer imstande, heftig zu klopfen. Ich höre es, spüre, daß es mir die Brust zerreißen wird, ich schlucke sechsmal hintereinander, um mich nicht zum Gespött der Leute zu machen. Zum Glück, zum Glück.

Danach folgt der Bus der Calle Zapata, am Friedhof entlang. Ich schaue hinein und sehe mich auf der Beerdigung meiner Großmutter oder an den Nachmittagen, da ich mit Pavel auf den schattigen Bänken lernte. Hinz und Kunz und dergleichen, ich lese hastig die Grabinschriften und merke fast nicht, daß ich meine Gewohnheit von vor so vielen Jahren wiederhole.

In der Nähe der Ecke 23. und 12. Straße steigen die Mütterchen aus und eine Menge unterschiedlichster Passagiere steigt zu. Es ist fast Mittag und sie gehören zu denen, die zum Mittagessen nach Hause hetzen und innerhalb von zwei Minuten wieder zur Arbeit zurückkehren. Es beginnt ein anderes Gemurmel, und es schwillt an, während der Bus durch den Vedado fährt. Dieses Viertel habe ich immer am meisten gemocht, vor allem sonntags, wenn es eine andere Färbung annahm als während der restlichen Woche. Bevor der Neunzehner den Vedado verläßt, kommt er an den Krankenhäusern vorbei. Allmählich wurde es im Bus immer heißer und voller. Die Fahrt war langsam keine Spazierfahrt mehr. Ich bemerkte eine Veränderung in den Gesichtern der Leute. Sie waren in sich versunken oder voller Sorgen, die ich teilweise erahnen konnte, sie ließen ein bestimmtes inneres Fieber erkennen, das ich vergessen hatte. Wie ist es möglich, daß man all das vergißt, was man lernt, wenn man noch jung ist? Eingesperrt im Labor, Zuhause. In welcher Schublade habe ich bloß die Empfindsamkeit verkramt? Ich verurteile mich im Geiste zu soundso vielen Hieben, weil ich die Erinnerung daran nicht bewahrt habe, wie ich einmal dort zerknittert und mit drei Päckchen in jeder Hand versuchte, zur hinteren Tür zu gelangen, und Angst hatte, zu spät ins Krankenhaus zu kommen.

Ganz unerwartet stiegen an der Haltestelle G y Boyeros zwei Bekannte ein. Ich hatte sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen, doch sie waren immer noch die alten: Victor und Enriquito. Ich faßte einen raschen Entschluß und versteckte mich hinter der verspiegelten Sonnenbrille. Ich wollte um nichts in der Welt, daß sie mich entdeckten. Victor kannte ich gut, denn wir waren von klein auf Nachbarn. Ich werfe ihm nur eine Sache vor; als wir im zweiten Studienjahr waren, zog Victor mit einer Schere los, um den Pimpfen auf der Rampa die Haare zu schneiden. Ich brauche der Geschichte nichts weiter hinzufügen. Victor selbst erzählte, wie er einem kleinen Kerl den Arm umdrehte, während er ihn kahl schor. „Er wollte mich einfach nicht machen lassen,” erklärte er immer. Das war der erste und letzte Streit, den wir hatten. Danach brach er das Studium ab und zog woanders hin. Jetzt muß ich mich an all das erinnern, wie ich ihn mit seiner langen blonden Mähne sehe, die leicht im Wind weht. Enriquito kenne ich besser. Wir waren sieben Jahre verheiratet. Er war sehr elegant gekleidet, mit Schlips und Kragen, obwohl es 12 Uhr mittags war und die Sonne die Pflastersteine zum Platzen brachte. Genie und Figur. Enriquito ist das, was man einen Mordstypen nennt. Er hatte schon immer diesen Ringerkörper, vom Gesicht braucht man gar nicht erst zu reden. Seine Stimme erhob sich über den Lärm, der gerade im Bus herrschte. Ich liebte Enriquito sehr, doch es war eine von Anfang bis Ende glücklose Ehe. Ich wußte von seinen Seitensprüngen und ließ sie ihm durchgehen. Es war die einzige Art, auf die er Vertrauen gewinnen konnte, so zu tun, als betrüge er mich mit zwanzig auf einmal. Wirklich lästig war, daß diese Mädchen manchmal behaupteten, Enriquito wäre ein großes Kind. Aus irgendeinem Grund, den ich nicht kenne, konnte es nicht gut gehen. Fast nie. Seine Aggressivität, das nutzlose Abklappern der Ärzte, seine enttäuschenden Abenteuer. Ich litt sehr, und ich fühlte mich unglücklich. Trotzdem war etwas anderes der Auslöser. Als man mich auswählte, zwei Jahre in Tansania zu arbeiten, zeigte Enriquito auf der Straße das Gesicht des verständnisvollen und modernen Don Juan und Zuhause ein anderes: „Ich will dich nicht gehen lassen, ich habe hier das Sagen, ich bin der Mann.” Als ich von der Reise zurückkam, hatte Enriquito die notwendigen Schritte für die Scheidung schon erledigt. Trotz allem weinten wir beide viel.

Der Bus hielt lautstark vor der Schule für Veterinärmedizin und zwei junge Mädels mit einem Pudel stiegen ein. Enriquito ging als erster zum Angriff über. Schnell streckte er seine Athletenbrust vor und nahm den Pudel auf den Arm. Es wirkte wie eine unschuldige Galanterie. Victor, der ein Stückchen weiter hinten im Gang stand, arbeitete sich mit den Ellenbogen vor, bis er eine bessere Position erreichte. Sie hatten sich beide kaum verändert. Sie verband eine dieser Freundschaften, die auf gegenseitigem Argwohn beruhen. Victor empfand Enriquito gegenüber den recht gewöhnlichen Neid auf diejenigen, in denen man seine eigenen Schwächen wiedererkennt, die aber glücklicher durchs Leben steuern. Enriquito wiederum, mit seinem Titel, seiner Spezialisierung und seinem guten Gehalt, verspürte eine häßliche Mißgunst gegen Victors eheliches Glück.

Auf der Höhe der Straßen Reina und Lealtad stieg ein Mann zu. Ein extrem dürrer Schwarzer mit unkontrollierten, abgehackten Bewegungen. Er trug ein sauberes und abgenutztes weißes Baumwollhemd; das Hinterteil seiner Schlauchhose bestand aus einem Flickenteppich; die Schuhe hatten das schlimmste Schicksal erlitten und waren zerschlissen und staubig. Unter dem Arm trug er eine dieser geheimnisvollen Papiertüten, von denen man nie weiß, was drin ist, und eine Handvoll vergilbter Zeitungen. Immer wenn ich einen Schwarzen mit so grauem Haar sehe, gebe ich ihm mindesten zweihundert Jahre. Doch das Bemerkenswerteste an ihm war das Gesicht. Es war hager, die Lippen waren eingefallen, die Augen blutunterlaufen, die Nase brutal plattgedrückt und der Mund sah aus wie eine offene Wunde. Ich werde nie diesen ausschweifenden Mund vergessen, der das Auffälligste im Gesicht des Schwarzen war, weil er ständig zuckte oder aufging. Wenn er dies tat, gab er das nackte und trostlose Zahnfleisch frei. Das Einsteigen des Negers war ein Ereignis, wenn ich in diesem Moment auch nicht genau sagen konnte, welcher Art. Als erstes erklang die Stimme des Fahrers. Er schien mit niemand im besonderen zu sprechen. Aber er meinte den Schwarzen:

  • Boxer sind ein Pack von Schweinehunden.

Der Schwarze reagierte augenblicklich. Wie von einem Bogen geschossen, sprang er auf:

  • Genauso ist es. – kreischte er schrill, und seine Stimme überschlug sich.

Es gab ein allgemeines Gelächter, das mich überraschte. Ich lächelte auch. Ich dachte, ich wäre Zeuge eines schon tausendmal wiederholten Scherzes. Ich konnte noch nicht ahnen, was später kommen würde.

Ein anderer Mann mischte sich ein:

  • Kid Gavilan hat dich ausgeknockt.

Der Schwarze bewegte die Arme in einem spastischen Anfall, und aus seinem Mund drang eine Art Gekreische:

  • Das ist nicht wahr.

Plötzlich erkannte ich Victors Stimme:

  • Erzähl keine Märchen. Kid Gavilan hätte dich fast um die Ecke gebracht, – und er stieß ein fieses Lachen aus, das besonders an die Mädels mit dem Pudel gerichtet war.

Der Schwarze schien kurz davor loszuheulen.

  • Das ist gelogen! Ich habe Kid Gavilän ausgeknockt.

Victor beharrte:

  • Trag nicht so dick auf, Kid Bururu. Die Toten reden nicht.

Der Schwarze, den Victor Kid Bururu genannt hatte, machte eine drohende Gebärde, und die Heiterkeit im Bus nahm zu. Ich schaute mich verwundert um: Würde da niemand Einhalt gebieten?

Wir überquerten die Calle Galiano und das Gerangel war groß. Mittlerweile hatten der Schweiß und die Heiterkeit die Gesichter der erschöpften und unruhigen Fahrgäste entstellt, die im Neunzehner fuhren. Vom Gehweg aus rief jemand einen Gruß, der Pudel fing überrascht an zu bellen, in der Ferne war eine Sirene zu hören. Für einen Moment herrschte ein großer Lärm und gleichzeitig auch Ruhe. Kid Bururü gelang es, sich auf den Platz über dem Hinterrad zu setzen. Er hatte den Kopf zwischen die Knie gesteckt und sah ganz so aus wie ein Boxer, der in seiner Ecke auf die Glocke wartet.

Da hörte ich Enriquitos Stimme, die sagte:

  • Kid Gavilan hat dir die Frau ausgespannt.

Kid Bururu war wie vom Blitz getroffen.

Er verließ seinen Platz und versuchte, sich durch den Gang nach vorn zu arbeiten. Die Fahrgäste sahen gar nicht mehr so belustigt aus. Das ganze ging allmählich zu weit. Es gab ein mißfälliges Gemurmel. Doch jetzt konnte niemand mehr Enriquito aufhalten, der von seinem Sitz aus seinen Singsang herunterleierte: „Kid Gavilän hat dir die Frau ausgespannt.” Und dann verpaßte er ihm den letzten Schlag:

  • Kid Bururü, du bist kein Mann.

Der Schwarze stürzte auf Enriquito los und führte eine linke Gerade gegen seinen Unterkiefer, die ins Leere ging. Die Mädchen mit dem kleinen Pudel stießen ein paar kokette Schreie aus. Victor griff ein, und nach diesem versuchten Kampf zerrten sie Kid Bururü an der Haltestelle Parque del la Fraternidad aus dem Bus. Dort blieb er, fuchtelte mit einer seiner bemitleidenswerten Fäuste herum, während er die andere zur Verteidigung auf Hüfthöhe hielt. Eine Stellung, die ihn an seine alten Erfolge im Ring erinnern mußte.

Ich schloß die Augen, weil ich glaubte, ohnmächtig zu werden. Ich warf mir meine Untätigkeit und mein Schweigen vor. Und hier stellte ich mir noch eine formelle Frage: Ist es nicht vielleicht unvermeidlich, daß uns die Zeit am Ende doch kleinkriegt? Ich hob den Blick, Victor und Enriquito stiegen schon aus dem Bus, zusammen mit den Mädels und dem Pudel. Sie lachten noch immer.

Der Neunzehner bog auf die Avenida del Puerto ein und leerte sich langsam. Als ich es am wenigsten erwartete, spürte ich den Geruch von Öl und verfaultem Holz, und ich hörte das Klatschen des Meeres, das gegen die Mauer des Malecon schlug. Die Bucht lag zu meiner Rechten, und deshalb hatte ich diesen Platz vorgezogen. Ich lernte Marcelo in Casablanca kennen und wir fuhren auch mit einem Neunzehner Bus. Doch nicht einmal diese Erinnerung, die beste auf der ganzen Liste, konnte das Bild von Kid Bururu vertreiben.

An diesem Nachmittag gab es bei mir zu Hause ein Fest. Die Gäste waren Marcelo und die Kinder. Nach dem Festschmaus und der Cremetorte fragte Marcelo:

  • Und, hast du heute endlich die Kannibalen gefunden?

Ich kratzte mich an der Nase, um Zeit zu gewinnen, und sagte:

  • Ja. Zumindest zwei. Ich bin auch weit gereist, weiter als bis zum Mars. Und ich habe eine Ode an Kid Bururü komponiert.
  • An wen?
  • An Kid Bururü. Du mußt mit dem Bus fahren, wenn du ihn kennenlernen willst.

Übers. Aus dem Spanischen: Marcel Vejmelka


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