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Wir sind da!

Autor:  |  Frühjahr 1997

Kinder in Lateinamerika setzen sich für ihre Rechte ein

„Se siente! Se siente! Aquí estamos presentes!” Der Ruf der 130 hellen Kinderstimmen schallt durch die Straßen der bolivianischen Großstadt Cochabamba. „Man merkt es! Man merkt es! Wir sind da!”

Man merkt es tatsächlich. Die Kinder sind laut, fröhlich und voller Energie. Und sie fordern ihre Rechte ein: zunächst einmal das Recht, überhaupt angehört zu werden.

Selbst jene, die am Straßenrand versuchen, so zu tun, als ob die zahllosen Transparente, die in allen Farben leuchten, gar nicht vorhanden wären, haben keine Chance, dem Spektakel auszuweichen. Schuhputzjungen knien sich vor sie hin und beginnen, ihre Schuhe zu polieren. Doch schon kommt die Polizei, brüllt, jagt die Jungen fort, schlägt sogar mit dem Knüppel zu. Andere mischen sich ein, ergreifen Partei für die Jungen, fordern die Passanten auf, sich ebenfalls für die Rechte der Jungen einzusetzen. Viele sind irritiert und wirken verunsichert. Und genau das wollen die jungen Menschen erreichen. Bis die Passanten gemerkt haben, daß sie selbst Mitakteure eines versteckten Straßentheaters sind, ist der lärmende Zug längst weitergezogen. Die Schuhputzjungen polieren bereits neue Schuhe und die vermeintlichen Polizisten stürzen schon wieder drohend herbei. Zwei Clowns an der Spitze des Zuges sorgen dafür, daß die übermütige Power, die die Kinder ausstrahlen, nie erlahmt. Sie stürmen mit einer Handvoll Kindern bis zur nächsten Straßenkreuzung vor, tanzen im Kreis, blockieren die Straße und warten, bis der lärmende Rest nachgekommen ist.

„Nino que escuchas: únete a la lucha!” – „Kind, hör zu: schließ dich dem Kampf an!”

Der Kampf, dem sich die Kinder verschrieben haben, ist der um ihre eigenen Rechte. Sie wissen, daß die Kinderrechte, die ihnen die Vereinten Nationen in einer Kinderrechtskonvention zugestanden haben, nicht viel nützen, wenn sie lediglich auf dem Papier stehen. Die Kinder können viel aus ihrem Alltag berichten und erzählen, wie diese Rechte tagtäglich mit Füßen getreten werden. Gerade darum setzen sie sich für die Einhaltung der Kinderrechte ein, in Cochabamba genauso wie in La Paz, in Santa Cruz oder auf dem Land, in den Bergen wie im bolivianischen Tiefland. Überall schließen sich Kinder zusammen und setzen sich aktiv für ihre Rechte ein.

Jetzt sind sie nach Cochabamba gekommen, um ihre Erfahrungen auszutauschen und Pläne für die Zukunft zu schmieden. Denn nach der Demonstration geht es an die Arbeit. Für drei Tage sind die aktiven Kids zwischen acht und 18 Jahren zusammengekommen. Sie wollen ihr Schicksal nicht allein in den Händen der Erwachsenen sehen, sondern es vielmehr in die eigenen Hände nehmen. Auch das Treffen gestalten sie selbst. Der erste Tag ist dem Thema „Sexualität”, der zweite dem Thema „Organisation und Partizipation” gewidmet. Nach einem Plan teilen sich alle in Altersgruppen auf. Die Jüngeren nähern sich der Thematik, indem sie aus Ton modellieren, wie sie sich das Rechtauf ein Dach über dem Kopf vorstellen. Oder sie schneiden Bilder aus Illustrierten aus und setzen Collagen zusammen. Die Älteren diskutieren und entwickeln kurze Sketche und Szenen. Im anschließenden Plenum wird alles vorgestellt und gemeinsam besprochen. Partizipation? Was sich zunächst sehr kompliziert und theoretisch anhört, wird plötzlich ganz einfach und konkret.

„Partizipation”, erklärt ein Mädchen, „bedeutet, an etwas teilzunehmen, was uns ganz persönlich angeht und betrifft.” „Und es heißt auch, die Ideen jedes einzelnen aufzunehmen”, fügt ein Junge hinzu. Die Erfahrung ihres noch kurzen Lebens ist klar: „Es ist besser, sich in Gruppen zu organisieren. Dann ist es einfacher, etwas zu erreichen.” Die Szenen, die die Kinder vorspielen, lassen daran keinen Zweifel aufkommen. Sie setzen sich beim Bürgermeister für sauberes Wasser und eine bessere Krankenversorgung ein. Schuhputzjungen wehren sich gegen Kunden, die sie schlecht behandeln. Betrunkene und schlagende Väter stoßen auf Widerstand.

Jedes Kind kann seine eigene, ganz besondere Geschichte erzählen. Zum Beispiel Noemi Medrand Chura. Sie ist 10 Jahre alt. In ihrem Stadtteil war ein kleiner Platz mit alten, verrosteten Spielgeräten. Mit anderen Kindern ist sie zum Bürgermeister gezogen und hat auf den Mißstand hingewiesen. Kurze Zeit später wurde ein neuer Park angelegt. Die Szenen, die vorgeführt werden, sind nicht frei erfunden. Sie spiegeln vielmehr die Erfahrungen der Kinder wider.

Auch Richard Zenteno Gutirrez, der Eismacher, hat mit seinen 15 Jahren bereits eine Menge Erfahrungen gesammelt. Er kommt aus Santa Cruz. Die Kindergruppe, in der er mitmacht, hat sich nach der traditionellen andinen Gemeinschaftsarbeit „Minkas” benannt. Ziel der zwanzig Kinder und Jugendlichen der Gruppe ist es, sich um andere Kinder zu kümmern, die kein Zuhause haben. Im Augenblick betreuen sie etwa 25 Kinder. Einige, die von Zuhause fortgelaufen sind, versuchen sie zu überreden, zurückzukehren. „Das ist eine ganz schwierige Überzeugungsarbeit”, gibt Richard zu. Die Gruppe versucht auch, mit den Eltern Kontakt aufzunehmen und ihnen ins Gewissen zu reden, ihre Kinder besser zu behandeln. Zwei Mädchen der Gruppe betreuen Kleinkinder von Eltern, die tagsüber arbeiten müssen.

Es ist seine Freizeit, die Richard für dieses Engagement opfert. Nach der 7. Klasse mußte er nämlich die Schule verlassen. Jetzt arbeitet er in einer Eisdiele. Um sechs Uhr in der Frühe beginnt er, die Eiscreme anzurühren. Bis zehn Uhr ist er damit fertig. Nachmittags und abends arbeitet er nochmals von 16 bis 22 Uhr. Die Zeit dazwischen nutzt er, um sich in der Gruppe zu engagieren. Von seinem Verdienst bezahlt er das Schulmaterial für seine drei jüngeren Geschwister. Was er übrigbehält, steckt er in die Arbeit der Minka-Gruppe. Die ist ganz wichtig für ihn. Ein Erlebnis wird er nie vergessen. Zu seinem 15. Geburtstag, der für Jungen in Bolivien eine ganz besondere Bedeutung hat, weil er die Schwelle zum Leben als Jugendlicher darstellt, haben alle Geld zusammengetan und ihm ein T-Shirt davon gekauft. Stolz trägt er es auf dem Treffen der Kinder. Natürlich hat er noch Wünsche. Sein größter: „Alle Kinder in meinem Stadtteil Guaracachi sollen Kleider und Schuhe haben.”

Gonzalo Corbova Guzman ist ein Jahr älter. Seine Haare sind kurz geschoren, weil er wenige Tage zuvor in eine Polizeirazzia geraten ist. Nicht nur aus hygienischen Gründen mußte Gonzalos schwarze Mähne fallen. Die Polizei macht Straßenkindern gerne deutlich, wer das Sagen hat und schreckt auch vor exemplarischen Demütigungen nicht zurück. Vor allem bei Jugendlichen wie Gonzalo nicht. Sein Gesicht wird von Narben durchzogen, bleibende Erinnerungen an seine zahlreichen Messerstechereien. Mit ein paar Kumpels hat er einen Unterschlupf in der Nähe des San-Antonio-Parkes in Cochabamba. Er schnüffelt
Klebstoff und trinkt Chicha, wenn er Geld hat. „Wenn ich betrunken bin, arbeite ich alleine, sonst zusammen mit meinen Kumpels.” Arbeiten, das bedeutet für ihn, kleine Diebstähle machen. Von seinen Einsätzen muß er seine Mutter und noch zwei kleine Schwestern unterstützen. Er vermutet, daß seine Mutter von dem, was er verdient, auch seinem Vater gelegentlich etwas abgibt, der sich nach La Paz abgesetzt hat. Auch Gonzalo hat einen Wunsch: er möchte, daß keine Kinder auf der Straße leben müssen.

Ähnliche Erfahrungen hat Blair Jimenez aus Santa Cruz gemacht. Er ist 18 Jahre alt und heute Vorstandsmitglied des Verbandes der arbeitenden Kinder Boliviens. Auch er war ein Straßenjunge, ist ständig von Zuhause abgehauen und von Stadt zu Stadt gezogen. Schon als kleiner Junge mußte er arbeiten. Zum Beispiel hat er Peperonis gemahlen und scharfe Soßen daraus hergestellt. Bereits mit zehn Jahren wurde er in den Marktvorstand gewählt. Er wurde sogar Fahnenträger des Marktverbandes. Doch dann zog seine Familie nach Santa Cruz. Kurz darauf verließ seine Vater die Familie. Blair mußte jetzt als Lastenträger arbeiten und die Markstände aufbauen.

Aber die Situation zu Hause war für ihn so bedrückend, daß er immer wieder ausriß. Um zu überleben half er auf den Märkten. Da kannte er sich aus. Zum Beispiel arbeitete er bei einem Kartoffelverkäufer in Boyibe. Ein frei laufendes Schwein machte ihm besonders zu schaffen. Ständig fiel es über die Kartoffeln her. Er konnte es gar nicht so oft fortjagen, wie es wieder ankam. Schließlich war er so wütend, daß er mit einem Stein nach ihm warf. Unglücklicherweise traf er genau den Kopf. Das Schwein fiel um und er mußte schnell wieder Reißaus nehmen, um der Wut des Besitzers zu entkommen. Blairs Wanderschaft ging weiter.

Schließlich stieß er auf die Gruppe „Sapukai -Schrei der Hoffnung”. Blairs Hoffnungen erfüllten sich tatsächlich. Er durfte an der Berufsausbildung des Projektes teilnehmen und Malen, Zeichnen und Drucken lernen. Heute ist er selbst Ausbilder. Seine Schüler sind so erfolgreich, daß sie in einem Malwettbewerb gewonnen haben, berichtet er stolz. Sein Wunsch ist, daß es seine Schüler durch das Malen schaffen, sich selbst zu helfen und ihr Leben in den Griff zu bekommen. Kinder sollen nicht in die Notlage von Ausreißern gebracht werden. Und Waisenkindern muß geholfen werden. Viele von ihnen haben nicht einmal Ausweispapiere, berichtet er. Was für die meisten selbstverständlich ist, wird für die Waisen oft zu einem großen Problem. „Da muß sich was ändern”, sagt Blair. „Dafür will ich mich einsetzen.”

Während die Kinder und Jugendlichen ihre Lebenserfahrungen aufarbeiten, haben sich die Erzieherinnen und Erzieher aus den verschiedenen Projekten ebenfalls zusammengetan, um darüber zu sprechen, wie ihre zukünftige Rolle aussehen kann. Die neue Selbständigkeit und das Selbstbewußtsein der Kinder haben ihre traditionelle Rolle nämlich gründlich in Frage gestellt. Während die Kinder alleine tagen, fragen sich die Erzieher: „Worin liegt jetzt eigentlich noch unsere Aufgabe?” Sie sollten facilitadores sein, Ermöglicher der Selbstorganisation der Kinder, sagen die einen. Oder doch eher acompanantes, geben andere zu bedenken. Begleiter, die eine enge persönliche Beziehung zu den Kindern herstellen. Vielleicht auch beides, je nach Alter der Kinder. „Auf jeden Fall müssen wir den Kindern nicht immer erzählen, was sie zu tun oder zu lassen haben”, stellt ein Lehrer selbstkritisch fest. „Das wissen sie schon alleine. Wir müssen vor allem unsere eigene Rolle erkennen.”
Die eigene Rolle neu zu bestimmen, war die Aufgabe einer Kampagne in Lateinamerika zur Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, die die Kinderhilfsorganisation terre des hommes angeregt und tatkräftig unterstützt hat. Dabei ging es darum, „den Kindern eine Stimme zu geben”, die jungen Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Sie sollten ihre Erfahrungen austauschen und voneinander lernen können, sich selber als aktive Kinder verstehen. Das Schlagwort lautete protagonismo infantil, Selbstbestimmung der Kinder.

Kinder haben eigene Ausdrucks- und Handlungsmöglichkeiten, sich für ihre Rechte einzusetzen. Der bereits begonnene Organisierungsprozeß unter den Kindern sollte gestärkt werden. Vier thematisch ausgerichtete überregionale Treffen und vier regionale Treffen und eine zweimonatige Vorbereitungszeit zum Training für die Jugendlichen, die das nationale Abschlußtreffen in Cochabamba leiteten, haben den Willen zur Selbstorganisation vorangetrieben. Ähnliche Ergebnisse zeigte die von terre des hommes geförderte Kampagne in sechs anderen Ländern Lateinamerikas.

Das neue Selbstbewußtsein der Kinder und Jugendlichen und ihr Wille, sich zusammenzuschließen, um sich für ihre Rechte einzusetzen, ist während des Treffens in Cochabamba überall zu spüren: beim Umgang miteinander, beim Arbeiten, Essen, Spielen und Diskutieren. Wer Probleme mit dem Reden am Mikrophon hat, wird von den anderen nicht ausgelacht, sondern erhält mutmachende Unterstützung. Die Freude und Begeisterung, die die Kinder ausstrahlen, kann anderen Lust und Mut machen, sich ebenfalls für sich und die eigenen Rechte einzusetzen. Ein Stück Hoffnung wächst. Man kann es spüren.


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