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Carlos Cerda: Santiago-Berlin, einfach

Autor:  |  Frühjahr 1996

Sterben in Berlin

Santiago – Berlin, einfach ist das dritte Buch des Chilenen Carlos Cerda, das in deutscher Übersetzung erscheint. In der DDR wurden beim Aufbauverlag Berlin und Weimar der Erzählungsband Begegnung mit der Zeit (1976) und der Roman Weihnachtsbrot (1978) veröffentlicht. Cerda, von Haus aus Philosoph und jahrelang Redakteur von “El Siglo”, der Zeitung der Kommunistischen Partei Chiles, hat nach dem Putsch in der DDR im Exil gelebt und an den Sektionen Romanistik der Karl-Marx-Universität Leipzig (zunächst) und der Humboldt-Universität Berlin gearbeitet. 1985 kehrte er in seine Heimat zurück.

Nachdem er in Weihnachtsbrot das Leben der Familie Corvalan (Luis Corvalan war der Generalsekretär der KP Chiles und im September 1973 verhaftet worden) nach dem Putsch erzählt hatte, verarbeitet er in Santiago – Berlin, einfach ganz offensichtlich sehr persönliche Erfahrungen – das Leben von Exil-Chilenen in der DDR. Erzählt wird von Mario, der an der Humboldt-Universität arbeitet und nebenher noch schreibt (sie!), seiner Noch-Ehefrau Lorena und dem Senator, Don Carlos. Der Senator ist der Chef des Parteibüros der chilenischen Kommunisten in der DDR, eine Art Generalsekretär mit umfassender Machtbefugnis, der aber doch von den Behörden des Gastgeberlandes abhängig ist. An ihm führt kein Weg vorbei, egal welche wichtigen Entscheidungen zu treffen sind. Und Entscheidungen sind viele zu treffen. Mario trennt sich von seiner Frau, um mit der Deutschen Eva zusammenzuleben, die zu allem Überfluß auch noch die Tochter des Innenministers ist. Lorenas Eltern, die nichts von der Trennung wissen (sollen), haben sich angekündigt und Lorena braucht ein Visum, um sie in Westberlin abzuholen. Don Carlos ist todkrank und will eigentlich nur noch nach Hause, um dort zu sterben. Aber er ist der Schnittpunkt aller Geraden, die an das Ziel der jeweiligen Wünsche führen. Selbst eine Scheidung scheint nicht ohne ihn zu gehen. Und ein Visum ist ohne seine Fürsprache sowieso nicht drin. Auch wenn er die endgültige Entscheidung natürlich nicht selbst trifft; die bleibt den DDR-deutschen Gastgebern überlassen.

An dieser Stelle wird die Geschichte wirklich interessant. Oder könnte es zumindest sein. Wie ordnen sich die Chilenen in das (oft ziemlich geordnete) Leben in ihrem Gastgeberland ein? Wie werden sie damit fertig, daß ihrer Reiselust plötzlich Grenzen gesetzt sind? Wie verarbeiten chilenische Kommunisten den realen Sozialismus, der mit ihren Idealen wohl nicht allzu viel zu tun hat? Und überhaupt, wie sehen die DDR und ihre Bürgerinnen und Bürger eigentlich aus, wenn man mittendrin ist und doch irgendwie draußen? All diesen Problemen wendet sich Cerda zu, und er behandelt sie auf unerwartete Weise.

Wenn Cerda z.B. DDR-Bürgerinnen beschreibt, gerät ihm das zur Farce, wird einfach nur noch lächerlich. Und dabei ist es egal, um wen es sich handelt – Eva, ihr Vater, Lorenas Kollegin beim Verlag Volk und Welt, die junge Nachbarin des Senators – so richtig gut kommt niemand weg. Die Deutschen sind steif, dreschen kommunistische Phrasen, sind irgendwie lächerlich (Klaus*) oder wenigstens neurotisch (Eva). Wenn er eine Satire auf steife und sich in ihr langweiliges Leben fügende Ostdeutsche schreiben wollte, dann wäre ihm das gründlich mißlungen. Aber das wollte er ohne Zweifel nicht. Das Buch scheint auch keine Abrechnung mit den alten kommunistischen/sozialistischen Idealen zu sein, was die recht undifferenzierte Charakterzeichnung noch erklärlich machen würde. Eher handelt es sich um die Abrechnung mit dem Verrat eben dieser Ideale, der realer Sozialismus heißt. Der Linke Mario hat Probleme damit, daß die ehemaligen Revolutionäre in der DDR ihre alten Vorstellungen offensichtlich ad acta gelegt und sich in einem kleinbürgerlichen und selbstgerechten Mief eingerichtet haben. Und selbst der einst verehrte Senator hat sich dem angepaßt. Aber dabei bleibt Cerda auch schon. Seine seitenlangen Auslassungen, daß es wohl nicht richtig ist, ein Volk einzusperren und dazu auch noch “Ja” zu sagen, wie der Senator (um nur ein Beispiel zu nennen), klingen irgendwie nach guter alter DDR-Literatur -bekenntnishaft und aufklärerisch. Nun ist das alles ja nicht falsch, aber für mich persönlich sind die Zeiten vorbei, wo es ausreicht festzustellen, daß der kritische Autor einer Meinung mit mir ist. Es wäre schon interessant gewesen, wenn Carlos Cerda wenigstens versucht hätte auszuleuchten, warum die Ostdeutschen oder auch der Senator so geworden sind wie er sie schildert. Und was hält/hielt Mario/Cerda in diesem Exil-Land?

Als Fazit bleibt, daß ich zum Thema schon Besseres gelesen haben. Der Roman bleibt schematisch und an der Oberfläche. Cerdas großer Wurf ist dieses Buch zweifellos nicht, auch wenn es mit dem Premio Pegaso ausgezeichnet wurde und Carlos Fuentes es “gelungen wie einer der besten Romane von Graham Greene” nannte. Der hatte wahrscheinlich auch nicht seinen besten Tag, als er das schrieb. Das muß zur Verteidigung Greenes gesagt werden.

Carlos Cerda: Santiago – Berlin, einfach. Luchterhand Literaturverlag 1995

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* Nachgerade köstlich ist z.B. die Szene, in der die Chilenin Lorena den Karl-Marx-Städter (heute: Chemnitzer) Klaus in einer Berliner Nachtbar trifft. Da zückt selbiger Klaus, beeindruckt, der ersten Chilenin seines Lebens leibhaftig gegenüberzustehen, nämlich einen “Block, der aussieht wie ein Scheckheft”, um ihr seinen Solidaritätsbeitrag für Chile zu zeigen. -Ja, genau so waren wir DDRler und -innen: stets unser Solischeckheft (was war das eigentlich?) oder unser Gewerkschaftsmitgliedsbuch mit den Solimarken dabei – man wußte ja nie, welchen der ach so raren, aber solidaritätsmäßig ungemein wichtigen Ausländern man begegnen konnte. In der Nachtbar … Und selbstverständlich hatten wir stets einen Erbauungsspruch aus dem “Handbuch der Parteischule” auf den Lippen; anders vermochten wir -um mal ganz zu ehrlich sein -auch gar nicht zu kommunizieren.

Zum Thema Exilchilenen in der DDR siehe auch: Omar Saavedra Santis, Blonder Tango, Verlag Neues Leben Berlin 1983


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