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Bitteres Erwachen

Autor:  |  Winter 1995

Zur Nachricht werden sie nur, wenn eines von ihnen ermordet wird. Ansonsten werden sie von den Anderen nicht beachtet. Jeden Tag kümmert man sich weniger um sie und die Institutionen, die ihnen helfen, reichen schon lange nicht mehr aus.

Es gibt zwar Gesetze, um sie zu schützen, aber niemand schert sich darum. Die Straßenkinder haben sich im Laufe der Jahre in die kleinen Opfer des Vergessens verwandelt. Eingezwängt zwischen Drogen und Ablehnung, hat die Gesellschaft kein Mitleid mit mehr ihnen, vielmehr sieht sie in ihnen Vagabunden und Verbrecher.

Ein Leben mit der Droge

Ich fühle mich, als ob man mich in Stücke geteilt hätte. Wenn die Droge in meinem Körper ist, kann ich nicht mehr normal laufen, sehe ich nicht mehr wie sonst. Die Droge erfasst mich und mir scheint, dass mich ein Tier verfolgt und sich auf mich stürzt. Etwas Fremdes drängt mich und trägt mich mit Gewalt an einen anderen Ort, denn ich wache nie auf demselben Fleck auf, wo ich mich zum Schlafen hingelegt habe. Alles schläft mir ein, die Arme, die Beine und der Bauch. Und die Schläge, die ich von den Leuten bekomme, die ich bestehle oder beleidige, tun mir nun nicht mehr weh. Meine Zunge wird dick und ich kann nicht mehr richtig sprechen. Ich weiß, dass ich verrückt werden kann. Viele meiner Freunde, sogar jünger als ich, reden schon mit sich selbst. Wir Straßenkinder, acht, neun, oder zehn Jahre, fühlen, das die Droge hässlich ist, aber wir brauchen sie, den Klebstoff, das Lösungsmittel oder Marihuana. Sie hilft uns, Hunger und Kälte von uns fernzuhalten und nichts auf die Leute zu geben, die auf dem gleichen Gehweg laufen, auf dem wir die Nacht vorher geschlafen haben. Sie hilft uns, das Haus zu vergessen, in dem wir früher gewohnt haben.

Es ist nicht schwierig für uns, das Lösungsmittel zu besorgen, das wir uns dann in die Hosentasche stecken, die Tube Klebstoff, den wir in unsere Handfläche reiben oder auch reines Marihuana. Das Schwierige ist, etwas zu Essen zu bekommen. Die meisten Leute weigern sich, uns zu helfen, wenn wir sie um etwas zu essen bitten. Und wenn man uns mal etwas schenkt, ist es meist schon faulig. Manchmal schreien sie uns auch an, dass wir lieber arbeiten gehen sollen oder sie schlagen uns. Nur MAMITA (eine Frau, in einem der Häuser am PARQUE CONCORDIA) hilft uns. Sie macht ungefähr zwanzig Mahlzeiten; zehn davon verkauft sie und mit den anderen zehn haben wir Glück, denn die gibt sie uns.

Deshalb ziehen wir es vor, Uhren, Brieftaschen oder Ketten zu klauen, um diese dann an die TAPETES (Zwischenhändler) zu verkaufen. Von dem Geld könne wir uns Klebstoff oder Lösungsmittel besorgen, entweder beim CHICLERO in der Zone 18, beim Mann in der Zone 3 oder am TERMINAL (großer Busbahnhof). Das ist nicht so teuer, 5 Quetzales, und hält auch länger an als das Essen, das wir kaufen: für einen Quetzal Tortillas und ein paar Gramm Käse. Die Droge dagegen macht uns satt, und nach 30 oder 40 Minuten Schnüffeln schlafen wir ein. Wenn wir wieder aufwachen, haben wir noch immer genug in der Tasche, um uns erneut zu berauschen und das laute Knurren im Bauch zu vergessen.

Außerdem, für das Essen braucht man mehr Geld und wir können nicht die ganze Zeit klauen – auch wenn es uns die TOPETES befehlen -, denn wenn uns die Polizei schnappt, schießt sie auf uns, weil sie uns noch nicht einsperren kann. In meiner Gruppe in der 18. Straße, wo wir zwischen acht und elf Jahren alt sind, haben wir große Angst vor den Bullen. Wir ziehen es deshalb vor, den Tag mit Schnüffeln und Wassertrinken zu verbringen. Viele von uns sind davon schon krank, haben Fieber und Kopfschmerzen, sind abgemagert und die Haare fallen aus.

Den meisten von uns hat ein Erwachsener gezeigt, wie man schnüffelt, als wir ungefähr sieben Jahre alt waren. Da, wo ich herkomme und wo fast alle leben, die ich kenne, gibt es ein Haufen Leute, die einem die Droge anbieten, ohne zu sagen, warum und wofür man sie nimmt. Andere lernen es von ihren älteren Geschwistern, die bei den MARAS (Jugendbanden) sind. Das erste Mal gefällt es uns, weil man sich echt gut fühlt und mit dem Geschmack auf den Lippen vergisst man alles: dass unsere Mutter eine Prostituierte ist, dass uns unser Stiefvater vergewaltigt hat und uns mit dem Feuerzeug droht, falls wir etwas ausplaudern. Dass unser Vater abgehauen ist, dass er ein Trinker ist oder uns oft geschlagen oder mit Strom gequält hat, um uns für irgendwelche Dummheiten zu bestrafen. Dass er sogar seine glühende Zigarette auf unserer Haut ausgedrückt und uns dann auf die Straße geschmissen hat. Dass uns unsere Eltern ohne Essen in ein Zimmer eingeschlossen gelassen haben… Um all das zu vergessen, nehmen wir Drogen. Um zu vergessen, was sie uns zu Hause angetan haben.

Der Wunsch zu vergessen ist so groß, dass viele nicht einmal wissen, wann sie geboren sind oder wie alt sie sind, wo sie gewohnt haben oder was ihre Eltern gemacht haben. Seit wir sechs oder sieben Jahre alt sind, sind wir nun auf der Straße. Wir schlafen unter herumliegenden Brettern am TERMINAL, zusammen mit den Ratten, die uns beißen, weil wir uns dahin legen, wo sie ihre Nester haben. Oder wir bitten in einem Restaurant um einen Pappkarton, in dem man schlafen kann. Wir flüchten immer vor den Polizisten, die uns mit ihren schwarzen Knüppeln, die sie immer bei sich tragen, schlagen, ohne dass wir irgendetwas gemacht haben. Und wir verstecken uns vor den Leuten, die uns mit Wasser übergießen, wenn wir zu nah an ihren Geschäften schlafen oder uns mit Benzin überkippen, um uns dann anzuzünden.

Wir leben auf der Straße und werden dort krank. Einige von meinen Freunden sind auch schon am Schnüffeln gestorben: man hat Schüttelfrost, hohes Fieber und Ohrenschmerzen. Und wenn wir ins Hospital gehen, um uns behandeln zu lassen – weil wir von der Droge wegwollen – werden wir schlecht behandelt oder gar nicht. Ich glaube, das kommt daher, dass wir so schmutzig aussehen und nach Lösungsmittel stinken oder vielleicht, weil wir nicht mit einem Erwachsenen kommen.

Aber was sollen wir machen, wenn man uns nicht einmal Essen gibt und noch weniger Schuhe oder Kleidungsstücke. Manchmal, wenn wir im Rausch sind, tragen wir die Klamotten bis zu zwanzig Tagen, ohne sie zu wechseln. Wir vergessen, uns zu waschen und die Läuse und Flöhe bringen uns zur Verzweiflung. Die einzigen Klamotten, die wir besitzen, kaufen wir in den Altkleiderläden von dem Geld, das wir für geklaute Sachen bekommen. Obwohl, manchmal bekommen wir auch Wäsche in der CASA ALLIANZA oder CASA DEL TIO JUAN.

Wir haben gehört, dass die Leute sagen, dass das eine Räuberhöhle ist. Aber dort nimmt man uns wenigsten auf, wenn wir es satt haben, auf der Straße zu sein. Die Erzieher schicken uns waschen und die Wäsche wechseln. Wir wissen, dass man uns dort zu essen gibt und eine Matratze zum Schlafen, wenn wir ein bisschen dafür arbeiten.

Wenn wir wollen, hauen wir einfach wieder ab, ohne Danke zu sagen. Denn manchmal haben wir wieder Lust auf diesen besonderen Geschmack auf den Lippen. Wir nehmen mit, was man uns schenkt. Und auf das müssen wir aufpassen. Denn auch wenn wir uns gegenseitig verteidigen gegen die anderen Kinder vom PARQUE CONCORDIA, vom TERMINAL oder vom PARQUE COLON, gibt es immer jemanden, der uns die Sachen klaut. Manchmal müssen wir das Geld und die Sachen, die wir bekommen haben, in der Kanalisation verstecken, denn auch die Großen überfallen uns. Und gefährlich ist es auch, wenn wir unsere Sachen wiederhaben wollen, dann beißen uns die Ratten und die sind manchmal schon fast so groß wie eine Katze.

Die Erzieher sagen, dass wir Kinder mit der Mentalität eines Erwachsenen wären. Aber ich habe gemerkt, dass das nicht stimmt; ich bin jetzt schon einen Monat hier in der CASA ALIANZA und fühle mich gar nicht gut. Der Doktor sagt, dass ich schon bestimmte Reflexe verloren habe. Ich habe Schwierigkeiten zu atmen und vergesse immer alles. Meine Freunde haben die gleichen Probleme. Einige haben Anämie, Infektionen und Bauchschmerzen.

Die Droge macht uns so. Wenn der Rausch vorbei ist, dann merke ich deutlich, dass ich ein Straßenkind bin, und egal ob ich Pedro, Juan oder Luis heiße, ich habe keinen Ort, wo ich hingehen kann, mein Bauch ist leer und wieder bekomme ich das Zittern, mir ist kalt und ich habe Fieber. Und ich muss wieder zur Droge greifen, um all das zu vergessen.

Übersetzung Alexander Maas/Daniela Trujillo

Der Artikel ist entnommen der guatemaltekischen Tageszeitung SIGLO VEINTIUNO


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