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Pedro Páramo (Literaturauszug)

Autor:  |  Herbst 1995

“Wie sagten Sie, daß das Dorf da unten heißt?”

“Comala.”

“Sind Sie sicher, daß das schon Comala ist?” “Ganz sicher.”

“Aber weshalb sieht es so trübselig aus?” “Herr, die Zeiten sind schlecht.”

Ich versuchte in das, was ich da vor mir sah, die Erinnerungen meiner Mutter hineinzusehen, ihr Heimweh, ihr halb unterdrücktes Seufzen. Sie sehnte sich ja immer nach Comala, nach der Heimkehr. Aber sie ist nie wieder hierher zurückgekommen, jetzt bin ich da an ihrer Statt. Ich bringe die Augen mit, die das hier betrachtet haben, sie hat mir ihre Augen zum Sehen mitgegeben. ‘Wenn man über den Paß Los Colimotes hinweg ist, liegt eine wunderschöne Ebene vor einem, ganz grün, und auch etwas gelb vom reifen Mais. Von dieser Stelle aus sieht man Comala, wie es weiß auf der Erde liegt und sie nachts mit seinem Schimmer erhellt.’ Ihre Stimme war geheimnisvoll und fast erloschen, als spräche sie mit sich selbst. Meine Mutter. “Was wollen Sie in Comala, wenn ich fragen darf?”

“Ich will meinen Vater besuchen”, antwortete ich. “Aha”, sagte er. Dann waren wir wieder still. In den Ohren den stolpernden Trab der Esel, die Augen schwer von Müdigkeit, wanderten wir in der brütenden Augusthitze bergab.

“Das wird aber einen Empfang geben”, hörte ich wieder die Stimme des Mannes, der neben mir ging. “Der wird sich freuen, daß er endlich mal wieder jemanden sieht, nach all den vielen Jahren, in denen niemand mehr gekommen ist.”

Dann fügte er hinzu: “Wer Sie auch sein mögen, er wird sich schon mit Ihnen freuen.”

Im grellen Glanz der Sonne glich die Ebene einem durchsichtigen See. Sie war in Dunstschwaden aufgelöst, durch die hindurch ein grauer Horizont schimmerte. In einiger Entfernung sah man die Linien einer Bergkette und hinter den Bergen die weite Ferne. “Und wie sieht Ihr Vater aus, wenn man fragen darf?” “Ich kenne ihn nicht”, sagte ich. “Ich weiß nur, daß er Pedro Páramo heißt.”

“Aha, soso.”

“Ja, so heißt er, hat man mir gesagt.” Und wieder hörte ich das “Aha”. Ich hatte ihn in Los Encuentros getroffen, an einer Stelle, wo mehrere Wege sich kreuzen. Ich stand dort und wartete, und schließlich kam dieser Eseltreiber. “Wohin gehen Sie?” fragte ich. “Ich gehe da hinunter.”

“Kennen Sie einen Ort, der Comala heißt?” “Ebendahin gehe ich ja.”

Ich folgte ihm und versuchte ihn einzuholen, bis er wohl merkte, daß ich ihm folgte, und seinen eiligen Schritt verlangsamte. Dann gingen wir so dicht nebeneinander, daß unsere Schultern sich fast berührten. “Ich bin auch ein Sohn von Pedro Páramo”, sagte er. Ein Schwärm Raben flog quer über den leeren Himmel, man hörte ihr Kra-Kra.

Wir waren über die Hügel hinweg, und nun ging es immer weiter abwärts. Den heißen Wind hatten wir oben gelassen, und jetzt sanken wir tief ein in die Hitze, eine Hitze, in der es keinen Wind mehr gab. Es war, als ob alle Dinge auf etwas warteten.

“Es ist heiß hier”, sagte ich.

“Ja, und dabei ist das noch gar nichts. Warten Sie nur ab! Sie werden was erleben, wenn wir erst in Comala sind. Da ist es wie auf glühenden Kohlen, wie im Höllenschlund. Wenn ich Ihnen sage, daß die Leute dort, wenn sie sterben, aus der Hölle wieder zurückkommen, um sich eine Decke zu holen!” “Kennen Sie Pedro Päramo?” fragte ich. Ich faßte mir Mut, ihn das zu fragen, weil ich in seinen Augen ein wenig Zutrauen zu mir sah. “Wer ist er?” fragte ich wieder.

“Gift und Galle”, antwortete er.

Und er schlug mit der Strohpeitsche auf die Esel ein, ganz unnötigerweise, denn die Tiere, in Gang geraten, da es abwärts ging, waren uns ein gutes Stück voraus. Durch die Tasche meines Hemdes hindurch fühlte ich das Bild meiner Mutter warm auf meinem Herzen, als schwitze auch sie. Es war ein altes Bild von ihr, am Rand schon ganz eingerissen. Aber es war das einzige, das ich je von ihr gesehen habe. Ich fand es einmal im Küchenschrank in einer Tonschüssel mit Krautern: Melissenblättern, getrockneten Rosen, Rautenzweigen. Ich behielt es. Es war das einzige. Meine Mutter haßte es, sich photographieren zu lassen. Sie sagte immer: “Bilder sind Zauberkram.” Und so schien es auch. Denn ihres war voll von kleinen Löchern wie von einer Nadel, und da, wo ihr Herz sein mußte, da war ein ganz großes Loch, durch das man den Finger stecken konnte.

Es ist dasselbe Bild, das ich hier bei mir trage, ich hatte gedacht, es könnte mir vielleicht bei meinem Vater nützlich sein, mir dazu verhelfen, daß er mich als seinen Sohn anerkenne.

“Sehen Sie mal”, sagte der Eseltreiber und blieb stehen.

“Sehen Sie diese Anhöhe, die so aussieht wie eine Schweinsblase? Gleich dahinter ist das Gut Medialuna. Jetzt drehen Sie sich mal um! Sehen Sie den Kamm von dem Hügel da? Sehen Sie sich ihn gut an! Und jetzt drehen Sie sich mal nach dieser Richtung! Können Sie diesen anderen Kamm sehen, den man schon fast nicht mehr erkennen kann, so weit ist er weg?

Schön, da haben Sie die Medialuna von einem Ende bis zum ändern. Mit einem Wort: alles Land, das Sie von hier aus sehen. Und dieses ganze große Stück Erde gehört ihm. Jawohl, wir sind zwar die Söhne von Pedro Päramo, aber unsere Mütter haben uns elend genug auf einer dreckigen Matte in die Welt befördert. Und das Komischste an der Sache ist, daß er uns selbst aus der Taufe gehoben hat. Bei Ihnen ist es wohl auch so gewesen, was?”

“Ich kann mich nicht erinnern.” “Hol ihn der Teufel!” “Was sagen Sie?” “Daß wir schon gleich da sind.” “Ja, ich seh es schon. Aber was ist denn das?” “Ein Wegläufer, Herr. So heißen diese Vögel hier.”

“Nein, ich meine, was denn mit diesem Dorf hier los ist. Es sieht so einsam aus, wie ein verlassenes Dorf, so, als ob dort niemand mehr wohnte.” Das sieht nicht nur so aus, das ist so. Hier wohnt niemand.”

“Und Pedro Páramo?” “Pedro Páramo ist seit vielen Jahren tot.”

Auszug aus: Juan Rulfo:
Pedro Páramo.
Berlin, Verlag Volk und Welt
1983,
Mit freundlicher Genehmigung
des Carl Hauser Verlages
München, Wien


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