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Klail City und Umgebung (Literaturauszug)

Autor:  |  Herbst 1995

ist ein Rindvieh von Geburt an. Er ist auch Apotheker, wofür aber der Staat Texas die Verantwortung trägt. Don Orfalindo ist auch ein sentimentaler Typ, und das so sehr, daß er ab und zu auf eine Sauftour gehen muß, die drei oder vier Tage dauert; wie vorauszusehen, hat er anschließend einen Kater von der Größe eines Walfisches. Diese Sauftouren sind selten und kaum besorgniserregend: erst trinkt er allein und dann mit Freunden zusammen, er tanzt in den Finten (solo, ohne Frau), und obendrein fängt er auch noch an, laut zu singen; er singt weder gut noch schlecht, er singt, weil er gern singt. Aber er deklamiert nicht groß rum, noch übt er seine Zunge in Beredsamkeit. »Bin kein Schwuler«, sagt er. »Das Deklamieren überlasse ich denen.«

»Schon gut, Don Orfalindo, ärgern Sie sich nicht«
»Ich ärgere mich nicht, ich ärgere mich nicht. Ich will nur, daß wir uns verstehen, klar?«
»Alles klar, jawohl.« »Wo war ich stehengeblieben?« »Sie? Sie sangen gerade.« »Gut bemerkt… «

Und der Mann singt weiter, das heißt, er singt zu der Musik, die vom Plattenspieler kommt. Und alle wissen: wann immer ein Paso döble kommt, ist er sofort auf den Beinen und legt ein Solo aufs Parkett. Da er niemanden belästigt, lassen ihn die Leute in Ruhe.

»Klar, wir wollen nicht, daß er sich über jemanden ärgert und ihn eines schönen Tages vergiftet.«
»Ach so, ja. Das hatte ich ganz vergessen.«
»Mensch, glaub das nicht… war doch nur ein Scherz…«

Don Orfalindo ist ein Rindvieh im eigentlichen, volkstümlichen Sinne.   Er ist im sprichwörtlichen Sinne ein »Gehörnter«. Also kein Rindvieh im Sinne von unsympathisch oder blöd oder geizig oder ähnliches. Nein. Don Orfalindo ist kein schlechter Kerl. Außerdem sind die Hörner auf seinem Kopf nicht sein eigenes Verschulden oder Hörner sui generis oder was immer. Don Orfalindo war immer Don Orfalindo, und dann kam seine Frau, und die war es, die ihn zum Gehörnten machte: Made in Texas by Texans, wenn auch in diesem Fall by Chicanos.

»Und die Kinder?« »Nein, die Kinder sind von ihm.« »Aber natürlich! Sie haben alle seine Nase … «
»Und seinen Unterkiefer! Es ist fast so, als hätte er sie ausgeschissen … «
»So sehr ähneln sie ihm?« »Wie ein Haufen dem anderen.«
»Aber er ist ein Gehörnter… «
»Und diesen Fleck kriegt er nicht mal mit Benzin weg… «

Don Orfalindo ist also gehörnt, aber nicht gerade vergnügt. Eher könnte man sagen, er hat sich in seine Lage geschickt, und da seine Kinder ihn lieben – was will er mehr?

»Na und? Wie lange reicht die Courage von Dona Jesusita noch?«

»Na, sicher nicht ihr ganzes Leben lang, das schon, aber so lange die Courage reicht, trägt Don Orfalindo den Titel des Gehörnten.«

»Na ja, den trägt er schon fünf oder sechs Jahre. Zwei oder drei mehr oder sogar vier machen da auch nichts mehr aus, sag selbst.«
»Wie friedlich du sein kannst, Echevarria; wo es nicht um deine Frau geht… «

»Nein, nein, das wird noch Jahre dauern. Sieh mal, da tanzt er den Silverio Pérez. Aber wen stört das schon?«

»Es geht nicht darum, daß er stört, aber guck doch mal da: die Kinder beobachten ihn durchs Fenster.«

»Na und? Es sind ja nicht seine. Seine sind schon groß.«

»Sagt, mal, wer ist denn überhaupt der andere Kerl?«

Die Schallplatte war zu Ende, und alles war still, bis jemand einen Country-Song oder etwas in der Art auflegte.

»Noch mal – wer ist denn überhaupt der andere Kerl?«

Stille am Tisch. Don Orfalindo tanzt weiter, während der Neugierige, sich entschuldigend, pinkeln geht.

»Nanu, Echevarria, warum hast du’s ihm nicht verraten?«

»Laß den Mist, Leal … Was soll ich ihm denn sagen: etwa: der andere Kerl ist Alfonso Zamora, der Spieler, der auch mit deiner Frau schläft, du Idiot… ?«

»Na, das würde ihn von der Neugier heilen.«

Don Orfalindo wurde müde und ging an die Theke, wo er noch ein Bier bestellte. Er trinkt immer aus der Flasche; nach jedem Zug drückt er den Daumen auf die Flaschenöffnung, so bleibt die Kohlensäure im Bier, sagt er.

Die am Tisch sitzen – unter ihnen Esteban Echevarria und Cipriano Leal – grüßen ihn freundschaftlich und aufrichtig, brave Männer, die sie sind. Der, der eben pinkeln war, muß gleich zurückkommen, und hoffentlich belästigt er sie nicht weiter mit seiner Fragerei, denn so was führt am Ende oft zu Mißverständnissen. Ein Gehörnter sein ist am Anfang hart und schmerzlich; später gewöhnt man sich daran (wie an alles), und es kräht kein Hahn mehr danach. (Dies zeigt auch der Fall von Don Orfalindo. Viele wissen schon
gar nicht mehr, warum er sich betrinkt und sich so albern aufführt.) Aber mit Hörnern herumzuspazieren und es nicht wissen, das ist etwas anderes. (Dies zeigt das Beispiel des Vielfragers; der ahnt nicht, was los ist.)

»Don Manuel wird sicher bald dasein, nicht?«
»Ja, er kommt immer pünktlich. Du, Rafa, mach den Kaffee warm… Don Manuel wird sicher bald dasein.«
»Ja, Don Matías.«

Don Orfalindo trennt sich von der Theke, um pinkeln zu gehen. Und wie es so geht, stößt er mit dem Neugierigen zusammen, der gerade zurückkommt; der lächelt und geht an den Tisch, wo Echevarría, Leal, Don Matías Uribe, Lucas Barrón, Chorreao (der Kneipenbesitzer) und andere gesetzte Señores sitzen.

Eine Zeitlang spricht niemand, bis dann Don Manuel Guzmän, der Polizist des Chicano-Viertels, reinkommt.
»Junge, stell doch die Musik leiser, die Nachbarn beschweren sich über den Lärm.«
»Ja, Don Manuel«

Don Orfalindo Buitureyra kommt zurück und erspäht Don Manuel.

»Sie entschuldigen, Don Manuel, ich bin beim Trinken.« »Soll ich Sie nach Hause bringen, Don Orfalindo?« »Jetzt noch nicht, danke. Ich fange ja erst an.«

»Ist gut; freut mich, Sie zu sehen.«

»Ebenfalls, Don Manuel, ebenfalls. Sie entschuldigen … «

»Bitte, bitte.«

Don Orfalindo tanzt nicht, solange Don Manuel in der Kneipe ist, sondern kehrt zu seinem Bier zurück.

Nachdem Don Manuel seinen Kaffee in kleinen Schlucken getrunken hat, bemerkt er: »Ich bin an der Ecke, wenn ihr nach Hause wollt, ihr wißt schon.«

Don Manuel Guzmän verläßt die Kneipe, und Don Orfalindo Buitureyra beginnt einen Tango zu tanzen (mit Anstand), und wenn er die Augen schließt, glaubt er sicherlich mit jenem Mädchen zu tanzen, das vor vielen Jahren mit einem Chirurgen aus Agualeguas im Staat Nuevo Leon verheiratet war. Der Chirurg starb infolge eines Rezeptes, das Don Orfalindo angefertigt hatte, als er noch neu war in dem Apothekengeschäft, das er von seinem Schwager, dem alten Marco Antonio Sendejo, geerbt hatte. Und da die Welt und das Leben weitergehen, hat Don Orfalindo die junge Witwe aus den Augen verloren.

Der Tango geht weiter, und Don Orfalindo lächelt mit fest geschlossenen Augen vor sich hin. Er lächelt so, daß man fast sagen könnte, er sieht glücklich aus.

Franco Lázaro Gómez,
(1923-1949)
Carrusel

aus: Rolando Hinojosa: Klail City und Umgebung.
Verlag Volk und Welt, Berlin 1980,
aus dem Spanischen von Yolanda Julia Broyles, Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Volk und Welt


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